21.06.1993

„Alarm, jetzt kommen die Russen“

Eine blutige Spur zieht sich von Moskau nach Berlin: Die Russen-Mafia greift wie ein Krake nach Westeuropa. Hunderte von organisierten Banden operieren mit einer Brutalität ohne Beispiel. Es geht um Milliardengeschäfte im Handel mit Rauschgift, Waffen, Autos, bei Geldwäsche und Schutzgelderpressung.
Der Kaufmann Michael Miosga aus Berlin galt in Schieberkreisen als kleiner Krauter. Nur einmal hatte er die Chance, ein großes Rad zu drehen. Er griff beherzt in die Speichen - und kam unter die Räder.
Am 23. Juni letzten Jahres wurde seine blutverschmierte Leiche an der Bundesautobahn bei Heidenau in der Nordheide gefunden. Neben ihm und dem Fünf-Liter-Mercedes-Coupe seine 20jährige Freundin Anja Krause - mit einem Loch im Kopf.
Der Doppelmord von Heidenau ist bis heute ungeklärt. Nur soviel ist klar: Kaufmann Miosga hatte ein riskantes Millionen-Monopoly gespielt und verloren. Ihm war nicht klar gewesen: Der Einsatz war sein eigenes Leben.
Miosga hatte seinen Deal wirklich fein ausgetüftelt. Er kaufte im Juni 1990 auf Rechnung eines ostdeutschen Unternehmens rund 400 neue russische Lada-Limousinen für drei Millionen Mark und lieferte sie an die Firma Uralmasch in Jekaterinburg (früher Swerdlowsk) im Ural. Uralmasch zahlte dafür 7,8 Millionen Rubel. Das waren nach dem damals gültigen Umrechnungskurs 36,4 Millionen DDR-Mark.
Wenige Tage später, als die Währungsunion aus der ostdeutschen Alu-Mark harte West-Mark zauberte, standen 18,2 Millionen auf dem Konto der Lada-Verkäufer. Die restlichen 15 Millionen aus dem Reibach verschwanden.
Daß Miosga dann plötzlich im Geld schwamm, ist für die Kripo noch kein Beweis für sein falsches Spiel. Aber wohl für die anderen Monopoly-Mitwirkenden. Sie befanden ihn für schuldig und vollzogen auch gleich das Urteil. Kripo-Chef Herbert Wittneben aus Buchholz glaubt die Handschrift der Mörder zu kennen: "Das war die russische Mafia."
Es war dieselbe Handschrift wie die der Mörder von Jurij Bulgakow, genannt "Tolstjak" (der Dicke), und Ruslan Beretschetow, die mit zertrümmerten Schädeln, durchstochenen Lungen und durchgeschnittenen Hälsen im Töpchiner _(* Ermordete Michael Miosga, Anja Krause, ) _(Jurij Bulgakow, Ruslan Beretschetow. ) Obersee bei Berlin gefunden wurden. Und wie die der Killer, die in wenigen Monaten rings um Berlin ein halbes Dutzend junge Russen bestialisch ermordeten.
Sie schießen, hauen, stechen schneller und rabiater als bodenständige Rechtsbrecher, sie schneiden Opfer in Stücke oder binden sie an Autostoßstangen und schleifen sie zu Tode. Eine 18jährige wurde erstochen und anschließend ein paarmal mit dem Auto überrollt. In Berlin-Wilmersdorf trat an einem Sommerabend ein junger Russe mit einer Pistole auf die Terrasse des Restaurants "da Gianni" und schoß drei Landsleute zusammen.
Witalij Kurus, russischer Militärstaatsanwalt im brandenburgischen Wünsdorf, hat eine dumpfe Ahnung, was da auf Deutschland zurollt: "Bald könnt ihr wirklich sagen: Alarm, jetzt kommen die Russen."
Bisher war alles nur eine Art Vorgeplänkel. Das Drama beginnt, wenn in den westlichen Republiken des zerborstenen Sowjetimperiums die letzten Ausreisebeschränkungen fallen. Dann, sagt Jan Swierczynski, Chef des Dezernats für Bandenbekämpfung in Warschau, "steigt man in Rußland ins Auto und ist ganz schnell in Deutschland".
Beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden wird eine vertrauliche Studie über die Bedrohung aus dem Osten unter Verschluß gehalten, deren einzelne Exemplare numeriert und handschriftlich markiert sind. In absehbarer Zeit, so heißt es in dem 90 Seiten starken Dossier "Osteuropäische organisierte Kriminalität - russische Straftätergruppen", werde man mit einem Strom von Kriminellen aus dem Osten rechnen müssen. Und: "Aufgrund der Brutalität und Gewaltbereitschaft dieser Täter muß die deutsche Polizei mit erheblichen Problemen rechnen."
Dann drohen auch Westeuropa russische Verhältnisse im kriminellen Alltagsleben. Und die sind so: Allein auf dem Gebiet der Russischen Föderation operieren zur Zeit rund 3000 Banden, ein Drittel davon mit Auslandsbeziehungen. Sie machten 1991 einen Umsatz von 140 Milliarden Rubel - nicht mitgerechnet die Umsätze Zehntausender freischaffender Taschendiebe, Kleinganoven oder betrügerischer Hütchenspieler.
Die explosionsartige Ausbreitung der Verbrechersyndikate führt zu "Vorgängen wie im Chicago der zwanziger Jahre", sagt Sergej Donzow, Inspekteur der Moskau-Polizei. Mit noch mehr Leichen allerdings. Letztes Jahr wurden in Moskau 38 Feuergefechte zwischen rivalisierenden Banden gezählt.
Donzow sähe es gern, wenn das organisierte Verbrechen wenigstens besser organisiert wäre. "Mit etwas mehr Ordnung in Mafia-Kreisen", meint er, werde es nicht mehr zu so blutigen Unregelmäßigkeiten kommen wie Anfang April, als ein Scharfschütze bei den Olympia-Hallen die zwei ranghöchsten Paten von Moskau, Walerij Dlugatsch (genannt "Globus") und Anatolij Semjonow (genannt "Rambo"), niederstreckte.
Nicht ausgeschlossen, daß tatsächlich ein Tschetschene der Mörder war, wie die Polizei annimmt. Tschetschenen stehen für gut die Hälfte aller Moskauer Morde. Doch es kann genausogut ein Killer vom Ex-KGB gewesen sein. Die staatlichen Sicherheitsorgane neigen noch immer der Auffassung zu, in schwierigen Beweislagen sei kurzer Prozeß das Beste.
Durchaus denkbar aber auch, daß hier ein Geheimdienstmann im Auftrag der Mafia zugeschlagen hat. Staatliche Exekutive und Mafia fließen in Boris Jelzins Rußland vielfach zu einem vollkommen undurchschaubaren trüben Biotop zusammen. "Man kann den Eindruck gewinnen", klagte die Jelzin-kritische Prawda über den Zustand von Polizei und Gerichten, "daß dort . . . kein einziger ehrlicher Mitarbeiter übriggeblieben ist."
Vor russischen Gerichten laufen derzeit Ermittlungen gegen rund 30 000 Polizisten, Soldaten und Verwaltungsbeamte, die der Korruption verdächtigt werden. Im Vergleich mit einem solchen Sumpf wirkt Italien beinahe wie ein Hort von Askese und Moral.
Verquickungen von Staatsapparat und Mafia gab es auch früher. Nur zog die verluderte Moral der Amts- und Würdenträger keine öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die KP-Apparatschiks stahlen im industriellen Ausmaß, ohne irgendwas zu riskieren. Entlegene Gaue des Sowjetreiches waren noch in den siebziger Jahren hierarchisch streng nach Mafia-Muster organisiert.
Parteichef Gejdar Alijew etwa herrschte über Aserbaidschan wie John Gotti oder Paul Castellano über die Unterwelt von New York. Ihm tributpflichtig waren die Fachschaftsbosse der Baumwoll-Mafia, der Obst-und-Gemüse-Mafia, der Öl-Mafia und der Kaviar-Mafia.
Rechtsstaatlichkeit hat sich auch in Jelzins Rußland vorerst nur schwach entwickelt. Die amtierende Regierung ist aus einem Verbrecherregime hervorgegangen, das nach Gutdünken viele Millionen Menschen in Vernichtungslagern umbringen ließ und - ohne jemandem Rechenschaft darüber zu schulden - über Krieg und Frieden, Leben und Tod, Freiheit und Sklaverei entscheiden konnte. Nun soll plötzlich Recht statt Macht das Glück des einzelnen bestimmen.
Im nachkommunistischen Rußland gilt noch immer: Macht ist Geld. Auch die Macht, mit Mord und Prügel die Botmäßigkeit von Mitbürgern zu erzwingen, wie es die Reketiry tun.
Die Reketiry (aus dem englischen "racketeering" = organisiertes Gangstertum) haben Schutzgelderpressung zum mutmaßlich umsatzstärksten Gewerbe der Nation entwickelt. Wer nicht zahlt, riskiert eingeschlagene Fensterscheiben, abgeschnittene Ohren, Behandlung mit heißem Bügeleisen, gegebenenfalls auch den Tod.
Die großen "Bruderschaften" (Bratstwa), die die Macht über das Gewerbe ausüben, haben bis zu 2000 Mitglieder. Oben steht der Pate, häufig ein emeritierter Partei-Würdenträger mit guten Beziehungen zur Regierung. Er präsidiert einem ZK aus vier bis sechs Sekretären, die gemeinsam eine Art Mafia-Sowjet aus zwei Dutzend Unterführern befehligen.
Die Bruderschaften haben praktisch die ganze Geschäftswelt in Business-Katastern erfaßt. Dazu gehören die millionenschweren "Narkobisnesmeni" (Drogenhändler) ebenso wie die Bettler vor der McDonald''s-Filiale am Moskauer Puschkin-Platz.
Das Management ist in jeder Hinsicht Avantgarde. "Früher hatten die Verbrecher alle die gleichen Merkmale: kleiner Wortschatz, Lagergehabe, finnisches Messer im Stiefel", sagt Innenminister Wiktor Jerin. "Heute sind sie fit in Fremdsprachen, Datenverarbeitung und Wirtschaftswissenschaften."
Vom Feinsten sind auch die Männer fürs Grobe: Ex-Speznaz-Soldaten mit Afghanistan-Erfahrung und Spitzensportler aus den sowjetischen Medaillenfabriken, für deren Muskeln es anderweitig keine Verwendung mehr gibt.
Zur Beschleunigung von schleppenden geschäftlichen Transaktionen kann man bei der Mafia auch Vollzugshelfer anmieten. Um Schulden einzutreiben etwa, wenn der Rechtsweg "in einem Grab aus Papier" zu enden droht, wie die Geschäftsleute sagen. Für einen Grünen (100-Dollar-Note) hilft die Karate-Mafia mit der Handkante nach.
Schuldner, die umgekehrt ihre Gläubiger und damit ihre Verpflichtungen loswerden wollen, können sich auch einen tschetschenischen Berufskiller mieten. Die Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant notierte 1991 für Auftragsmorde Preise zwischen 2000 und 6000 Rubel - je nach Schwierigkeitsgrad. Das waren nach dem damaligen Wechselkurs - nominell - 65 bis 200 Mark. So billig wie bei Tschetschenen kann man sonst nur in der Dritten Welt Mörder dingen.
Die Tschetschenen sind im Killer-Business marktbeherrschend. In Meyers Lexikon figurieren sie als emsiges, kleines Bergvolk im Nordkaukasus, das vorwiegend von Feinwollschafen und Seidenraupen lebt. Heute sind die in den Großstädten zugewanderten Tschetschenen die Prätorianer der russischen Mafia. Wo in der Unterwelt gebombt oder geschossen wird, sind diese Vertreter der Blutrache fast immer zugegen.
Es gibt aber auch für die Westeuropäer immer mehr gute Gründe, sich vor der Russen-Mafia zu fürchten: In den mittelasiatischen Turkrepubliken reift ein von den Bruderschaften beherrschter Konzern heran, der über kurz oder lang den Weltmarkt für Rauschmittel durcheinanderwirbeln dürfte.
Wenn die Schätzungen stimmen, dann ist Kasachstan schon jetzt mit Abstand der größte Haschisch-Produzent der Welt. Volker Brandt, Rauschgiftexperte beim Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA), hat dort auf einer Inspektionsreise Cannabis-Felder von über 4500 Quadratkilometern Ausdehnung gemessen. Ein Shit-Acker, 30 Kilometer breit und 150 Kilometer lang, das ist einzigartig auf der Welt.
Auch die afghanische Produktion fließt jetzt fast ganz über GUS-Territorium gen Westen. Die neuen Nachschubwege durch Rußland, Polen, Skandinavien und durchs Baltikum werden längst nicht so gründlich kontrolliert wie die alten Routen über den Nahen Osten, den Balkan und die Mittelmeerländer. Am leichtesten haben es die Besatzungen der Militärmaschinen, die die Westgruppe der russischen Truppen versorgen. Sie werden überhaupt nicht überwacht.
Shit vom Hindukusch ist konkurrenzlos billig. Unter dem Protektorat afghanischer Mudschahidin-Kommandanten tauschen Tadschiken sechs Sack Mehl für ein Kilo Opium aus Afghanistan.
Wenn der Aufwärtstrend weitergeht, sagt Walerij Serebrjakow, Referent für Organisierte Kriminalität im Moskauer Innenministerium, "dann erreicht unsere vaterländische Rauschgift-Mafia in allernächster Zeit das Niveau eines internationalen Kartells."
Das gilt nicht nur für klassische Drogen. Viele der Labors, die früher Anabolika für die Lauf- und Sprungmaschinen der sowjetischen Sportindustrie herstellten, produzieren heute synthetische Drogen. Aus denselben trüben Küchen kommt auch die "polnische Suppe", ein Tee aus Mohnstroh, versetzt mit Essigsäure und anderen Chemikalien, der schneller durchschlägt als alles, was man bisher kannte.
Die Mafia hat Eisen in tausend Feuern. Die Taxi-Mafia sorgt dafür, daß Devisen-Ausländer nur mit (von der Mafia) lizenzierten Taxis fahren. Die Bahn-Mafia kauft Tickets für komplette Eisenbahnzüge und verkauft sie zum zehnfachen Preis. Die Kaliningrader Mafia kontrolliert den Schmuggel von Bernstein, die Kiewer Asyl-Mafia den Menschenhandel mit Asylanten aus Südostasien, die Mädchen-Mafia den Export von "Tänzerinnen" nach Wien, Budapest und Istanbul. Der Dieb, der Anfang Juni auf dem Flughafen Scheremetjewo Familienschmuck von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger klaute, war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Mitglied der Flughafen-Mafia.
Die Russen-Mafia agiert in allen Preislagen. Präsent ist sie auch da, wo "nicht mal ein anständiger Schwarzmarktwert drin ist", sagt Jürgen Albrecht, Abteilungsleiter im brandenburgischen Landeskriminalamt (LKA) in Potsdam. Der Handel mit strahlendem Material zum Beispiel gilt beim LKA Brandenburg als Reservat von Hochstaplern und "Luftwichsern" (Kripo-Jargon). Californium aus Prag, radioaktiver Abfall aus dem Baltikum - alles "Schwachsinn, für den es keine Abnehmer gibt", sagt Albrecht. Und: "Wenn sie das Zeug nicht loswerden, schmeißen sie es auf die Müllkippe."
Die Kuriere wissen meist gar nicht, daß sie mit ihrem Leben spielen. In der Ukraine wurden geklaute radioaktive Substanzen aus ihren Bleibehältern genommen und ohne Schutz über die Grenze gebracht. Weil die Schmuggler drüben in Polen keine neuen Behälter bekommen konnten, füllten sie den Stoff in Marmeladengläser.
Die russische Justiz ist ähnlich paralysiert wie die Polizei. Viele Delikte müßten erst mal mit Strafe bedroht sein, damit sie strafrechtlich verfolgt werden können. Die ganzseitige Eloge, die ein Mafia-Boß in der Zeitung Kuranty auf das organisierte Verbrechen ausbrachte, hätte in einem westlichen Blatt nicht folgenlos erscheinen können.
In dem Artikel wird ausführlich geschildert, wie fröhlich und sorgenfrei die Mafiosi leben. Die Mafia, so schreibt der Autor, sei die einzige Macht, die in Rußland wirklich funktioniere. Der Staat disqualifiziere sich schon durch die Hungerlöhne, die er seinen Repräsentanten zahle. Umgerechnet 130 US-Dollar im Monat für den Staatspräsidenten, das sei doch einfach lächerlich. Die Mafia zahle anständige Löhne für anständige Arbeit.
Deshalb sind auch 1992, wie Innenminister Wiktor Jerin mitteilte, 13 000 Polizisten "zum Feind übergelaufen", also von der Polizei zur Mafia. Jerin wäre schon froh, wenn er wenigstens Waffengleichheit herstellen könnte. Er hat versprochen, mehr Geld in die technische Ausrüstung der Polizei zu stecken, 19 000 neue Fahnder einzustellen, schnelle Eingreiftruppen zu bilden. Aber solange ein Mafioso zehnmal soviel verdient wie ein Polizist, ist der Personalnotstand nicht zu überwinden.
Demokratie hat in Rußland wenig Chancen, solange die Mafia nicht erheblich eingedämmt ist. Der ganze Markt, so schrieb der Strafrechtsexperte Anatolij Wolobujew in der Nesawissimaja gaseta, sei "praktisch durch das organisierte Verbrechertum monopolisiert". Die Mafia, sagt der Moskauer Polizeifachmann Alexander Gurow, "zerfrißt den Staat wie Rost".
Nun greift der Rost mit Macht auf die Peripherie über. Weil die heimischen Reviere nicht so fette Beute bieten, orientiert die Russen-Mafia sich nach Westeuropa, sucht einen Standort vor allem im östlichen Teil des wiedervereinigten Deutschland. Historisch ist das vergleichbar mit der Situation in den zwanziger Jahren, als die italienische Cosa Nostra während der Prohibition zum großen Sprung nach New York ansetzte.
Russenleichen in Wien, Budapest, München und London - einige ohne Kopf, Arme und Beine. Die Spuren führen immer zur Russen-Mafia. Diesseits der Oder-Neiße-Grenze operieren rund 300 organisierte Banden aus den einstigen Sowjetrepubliken. Sie übertreffen an Vitalität und Brutalität alles, was die Europäer bislang von zugereisten Banditen gewöhnt waren. Die organisierten Gangs aus dem ehemaligen Sowjetblock, so sagte Ende Mai ein hoher Beamter von Scotland Yard dem Londoner Independent, seien eine größere Bedrohung für Großbritannien als italienische Mafia, chinesische Triaden und kolumbianische Kartelle zusammengenommen.
Hauptoperationsbasis ist zur Zeit noch Berlin. Ballungsräume mit hoher Bevölkerungsdichte und guten Verkehrsverbindungen sind Humus für das organisierte Verbrechen. Noch wichtiger: In der deutschen Hauptstadt - "Spree-Chicago", wie Walther Rathenau sie nannte - leben mehr reiche Emigranten aus Rußland als irgendwo sonst in Europa. Ihr Wohlstand wirkt auf die Mafia wie eine flackernde Kerze im Stall auf Schmeißfliegen. Deutlich überrepräsentiert sind in dieser Zielgruppe Rußlanddeutsche und vor allem russische Juden, die unbefristetes Arbeits- und Aufenthaltsrecht in Deutschland genießen.
Die meisten kamen schon in den siebziger Jahren nach Berlin. Sie hatten auf Druck der Westmächte aus der Sowjetunion ausreisen dürfen, sich aber nicht wie angegeben alle in Israel, sondern auch in der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten niedergelassen.
Die Behörden merkten bald, daß die Sowjets auf diesem Weg auch Kriminelle in den Westen los wurden. Doch wegen des besonderen Verhältnisses der Deutschen zu Israel und den Juden blieb dieser Aspekt bei der Behandlung der Gäste aus dem Osten unberücksichtigt. Bei der Vergabe von Spielhallen-Lizenzen wurden vor allem Rußland-Emigranten bedacht.
Russische Kleininvestoren haben an der Spree ganze Marktsegmente besetzt. Die Import/ Export-Geschäfte an der Kantstraße, die nahezu das gleiche Sortiment haben, sind fast alle in russischer Hand. Außerdem Hunderte von Restaurants, Diskotheken, Reisebüros und - noch wichtiger - das Gros der Daddelautomaten in der Stadt. Spielhallen haben eine Schlüsselfunktion in der Kriminellenszene: Sie eignen sich ganz hervorragend zum Geldwaschen.
Russische Unternehmer in Berlin zahlen nach Betriebsgröße zwischen 1000 und 20 000 Mark Schutzgeld im Monat. Nur die Asylbewerber und reisenden Schieber, die auf den Flohmärkten nachgemachte Ikonen und geklaute Autoradios verscherbeln, kommen auch mit zwei, drei Blauen davon.
"Vielen sitzt die blanke Angst im Nacken", so Michael Wegner, Präsident der Hotel- und Gaststätteninnung. Man kann das gut verstehen. "Daß sie dir die Ladeneinrichtung kaputthauen, damit kannst du leben", sagt ein Geschäftsmann aus Belorußland, der am Bahnhof Zoo Hongkong-Ramsch verkauft. "Aber wenn sie dir sagen, daß sie deiner Mutter in Minsk die Ohren abschneiden, dann wirst du weich."
Im Zweifelsfall gilt für die Betroffenen, was die Berliner "Boizy" (Frontkämpfer) einer Schutzgeldbande einem störrischen Spielhallenbesitzer in Berlin-Wilmersdorf aufs Schaufenster sprühten: "Schisn tebje dajotsja tolko odin ras." Deutsch: Du wirst nur einmal geboren.
Die Kriminalpolizei rennt gegen eine Wand. "Es ist unmöglich", sagt BKA-Chef Hans-Ludwig Zachert, "verdeckte Ermittler in diese Gruppen einzuschleusen."
Auch in Berlin kommt es selten oder nie vor, daß Opfer die Polizei rufen. "Die Inanspruchnahme der Hilfe deutscher Behörden", so der BKA-Bericht, "bedeutet einen Ehrverlust, der für Russen unerträglich zu sein scheint."
Die meisten müssen nicht nur die Geldeintreiber fürchten, sondern auch die Fahnder, die ihnen unangenehme Fragen zur Vermögensbildung stellen könnten. Denn von den ganz reichen Russen haben viele ihr Vermögen mit Transferrubel gemacht. Nach der Wiedervereinigung wurden mit Hilfe von umdeklarierten Rechnungen gigantische Rubelsummen zu dem von der Bundesregierung garantierten Vorzugskurs von 2,34 Mark für einen Rubel gegen D-Mark eingetauscht. Der deutsche Fiskus erlitt durch diese Transaktionen über 20 Milliarden Mark Verlust.
Hartmut Koschny, Vizechef der Abteilung Organisierte Kriminalität bei der Berliner Polizei, weiß noch einen weiteren wichtigen Grund: "Wir haben ein unheimliches Problem, Vertrauen bei den Leuten zu wecken." Die meisten hätten ein gestörtes Verhältnis zur Polizei, weil sie glaubten, "daß die deutsche Polizei von der Mafia bezahlt wird und mit ihr zusammenarbeitet".
Der Instinkt ist so trügerisch nicht. Kriminaloberrat Koschny ist "im Besitz von Informationen, daß die Russen nicht selten schaffen, was äußerst unmöglich scheint: deutsche Amtsträger und Zollbeamte zu bestechen".
Die Justiz hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Oberstaatsanwältin Monika Diederichs, damals beim Berliner "Balalaika-Dezernat", wunderte sich: "Es gehen bei der Justiz manchmal Erkenntnisse raus, wo man sich fragt: Wie kann das eigentlich sein?"
Starke Brückenköpfe hat die Rußland-Mafia auch in den ostdeutschen Kasernen der Rußland-Truppen. Soldaten liefern falsche Papiere, Kalaschnikows und sogar Flugabwehrraketen in den Untergrund. Sie kassieren auch weiterhin kräftig beim Finanzamt ab, obwohl der Trick inzwischen ziemlich abgedroschen ist. Allein dem Freistaat Sachsen entgingen im ersten Quartal 1991 an Mehrwertsteuer 18 Millionen Mark, die sächsische Finanzämter gegen Vorlage von fiktiven Bezugsbescheinigungen der Streitkräfte zurückerstattet hatten.
Wie eng russische Dienststellen und Mafiosi miteinander versippt sind, zeigt der Fall Danilo aus Dresden.
Mitte Dezember 1991: Oberstleutnant Iwan Danilo, Chef der Handelsabteilung 100 der in Dresden stationierten Einheiten, wird wegen des Vorwurfs verhaftet, mit fingierten Ausfuhrbescheinigungen dreieinhalb Millionen Mark erschwindelt zu haben. Danilo packt im Verhör auch über Waffenschiebereien aus.
15. Januar 1992: Drei hohe GUS-Offiziere zertrümmern Danilos Wohnungseinrichtung und drohen, seine Frau und seinen Sohn zu töten, für den Fall, daß er reden sollte.
17. Januar: Anna Danilo wird auf der Stauffenbergstraße in Dresden in Begleitung von Zollfahndern und Staatsanwalt von Soldaten fotografiert. Als sie in ein Justizgebäude flüchtet, stoppen am Eingang zwei mit Zivilisten besetzte russische Jeeps. Sie übernachtet daraufhin mit ihrem Sohn in einer Polizeiwache.
18. Januar: Morgens um fünf zerschlagen vermummte Gestalten, die in einem Lada vorgefahren sind, den Audi eines der Zollfahnder, der die Danilos geschützt hatte. Nachmittags werden die Beamten der Zollfahndung in ein vom Bundesgrenzschutz bewachtes Hotel umquartiert, nachdem sie bemerkt haben, daß Russen ihre Dienststelle observieren.
Anna Danilo und ihr Sohn werden von einem Polizeikonvoi nach Westdeutschland gebracht. Staatsanwalt Peter Jessen, der im Fall Danilo ermittelt, entgeht auf dem Dresdner Hauptbahnhof dem Versuch von 14 Russen, ihn zu kidnappen, durch eilige Flucht in die Wache der Bahnhofspolizei.
19. Januar: Das Hotel der Zollfahnder wird von russischen Soldaten belagert.
21. Januar: Danilo wird mit einem Hubschrauber ins Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart-Stammheim gebracht.
24. Januar: Matwej Burlakow, Oberkommandierender der GUS-Truppen in Deutschland, erklärt Berichte über russische Pressionsversuche für "falsche Mutmaßungen und üble Erfindungen".
Aber Burlakow mag ja auch nicht daran glauben, daß zwielichtige Großlieferanten und Schieber in Uniform die Westgruppe der Rußland-Truppe im industriellen Umfang beschupsen. So viel Arglosigkeit macht auch ihn verdächtig. Ein Offizier aus dem Hauptquartier in Wünstorf südlich von Berlin: "Entweder er kann es nicht besser, oder er weiß es nicht besser, oder er ist bestochen."
Die Vorgesetzten in Moskau halten offenbar auch letzteres für denkbar. In einem Bericht des Verteidigungsministeriums über Unregelmäßigkeiten bei der Truppe ist auch von "Mißbräuchen durch den Oberkommandierenden der Westgruppe, Burlakow", die Rede.
Schwer vorstellbar, daß ausgerechnet General Burlakow aus seinem Standortvorteil keinen Nutzen ziehen soll. Seine Untergebenen verschieben, zum großen Teil in enger Zusammenarbeit mit der Mafia, Sprit, Schrott, Waffen, Zigaretten und Propuske (Ausweispapiere). Selbst für den russischen Vizepräsidenten und Fliegergeneral Alexander Ruzkoi ist die Westgruppe der Armee schlicht eine "Kloake".
Gebrauchtwagen aus Deutschland sind für Rußlands Soldaten eine gute Kapitalanlage. Auch deshalb sind ständig lange Autokarawanen von Berlin aus ostwärts unterwegs. Das Durchschleusen mit Hilfe von gefälschten Zulassungen und Kfz-Briefen ist logistisch kein Problem. Die deutschen Zöllner an der deutsch-polnischen Grenze sind durch den Massenverkehr überfordert. Und polnische wie russische Zöllner drücken beide Augen zu, wenn das Schmiergeld stimmt.
Gefahr droht den Schmugglern eher von der Konkurrenz. An Polens Ostgrenzen haben Mafia-Gangs, wie Bundesgrenzschutz-Direktor Bernd Kahnert weiß, ganze Landstriche unter ihre Kontrolle gebracht. Russische, zum geringeren Teil auch polnische Erpresserbanden lassen Autos nur gegen Entrichtung von Schutzgebühren durch.
Selten, daß mal eine Bande hochgeht wie Anfang April die Gruppe von Highway-Briganten, die im September vorigen Jahres 30 Kilometer hinter der polnischen Grenze bei einem Überfall 7 hochkarätige Mercedes-Limousinen, 107 japanische Computer und 2000 Paar Jeans erbeutet hatten.
Reisende berichteten, die Banden hätten zum Teil Computerausdrucke mit Abfahrtterminen, Kfz-Kennzeichen und Fahrgestellnummern der überführten Wagen bei sich. Das läßt darauf schließen, daß die Gangster guten Kontakt zu den Dienststellen der russischen Truppen halten, die die Konvois zusammenstellen.
Im Geschäft mit gestohlenen Prestige-Automobilen haben die Russen die zuvor marktbeherrschenden Polen weitgehend verdrängt. Geklaute Bonzenschlitten aus dem Westen werden in Moskau und St. Petersburg ganz offen angeboten, ohne daß die Polizei einschreitet - sogar in einer Abteilung des Moskauer Lenin-Museums am Pawelezker-Bahnhof (SPIEGEL 17/1993).
Wenn es eilt, geht es auch ganz ohne Papier. Kurz vor Silvester durchbrach auf der Stadtbrücke in Frankfurt an der Oder der 50. Autoschmuggler die Grenzsperre. "Wir wollten ihm eigentlich einen Blumenstrauß überreichen", frotzelt Dienststellenleiter Klaus Müller. "Aber diese Leute haben ja immer wenig Zeit." Seitdem der Bundesgrenzschutz dort Dienst schiebt, hatten bis Ende März 155 Autoknacker die 431 Kilometer lange Grenze zu Polen mit Vollgas durchbrochen.
Trotz ihrer Brutalität zogen die russischen Schutzgeldgangs in Deutschland bislang nur wenig Schlagzeilen auf sich. Das lag daran, daß ihre Opfer meist Staatsangehörige ehemaliger Sowjetrepubliken waren.
Doch das wird nicht so bleiben. Die Mafia-Kriminalität hat enorme Zuwachsraten. Und wenn sich die Strukturen erst verfestigt haben, fürchtet Jürgen Albrecht vom Landeskriminalamt Brandenburg, dann "dürfte es mit der Schonung der Deutschen ein jähes Ende haben".
Für diesen Zeitpunkt will Bonn vorbauen. Kanzleramtsstaatsminister Bernd Schmidbauer wird mit der Jelzin-Regierung einen Kooperationsvertrag zur gemeinsamen Bekämpfung der Russen-Mafia unterzeichnen, die sich (so Schmidbauer) "erkennbar krakenhaft nach Westeuropa ausdehnt".
Die höchste Alarmstufe ist erreicht, wenn der europäischen Russen-Mafia der Brückenschlag zu ihrem amerikanischen Pendant gelingt. In den Metropolen an der US-Ostküste haben die Russen-Paten die Konkurrenz von der Cosa Nostra vielfach schon aus dem Markt gedrängt. Ihre kriminelle Begabung ist bei großen Coups zu spüren, die von Umfang und Zuschnitt die Möglichkeiten der in Europa operierenden Russen-Mafia übersteigen.
US-Mafia-Experte James Rosenthal befürchtet nun die Vereinigung der europäischen und amerikanischen Filialen zu einer weltweiten Mafia-Bruderschaft. Rosenthals finstere Vision: "Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Russen-Mob das größte Verbrechersyndikat der Welt ist."
"Wer nicht zahlt, riskiert abgeschnittene Ohren, auch den Tod"
Sie übertreffen alles an Brutalität, was Europäer von Banditen kennen
"Der Russenmob wird das größte Verbrechersyndikat der Welt"
* Ermordete Michael Miosga, Anja Krause, Jurij Bulgakow, Ruslan Beretschetow.

DER SPIEGEL 25/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Alarm, jetzt kommen die Russen“

Video 01:22

Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit "In der Hölle gibt es viel Platz"

  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Video "Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks" Video 04:52
    Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Aufregung im Netz: Mysteriöser Lichtstreifen über Los Angeles" Video 00:51
    Aufregung im Netz: "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles
  • Video "Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto" Video 00:59
    Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad" Video 01:30
    Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad
  • Video "Naturschauspiel: Der letzte Supermond des Jahres" Video 00:45
    Naturschauspiel: Der letzte Supermond des Jahres
  • Video "Virales Video: 45 Klapperschlangen unter dem Haus" Video 01:06
    Virales Video: 45 Klapperschlangen unter dem Haus
  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf" Video 02:17
    Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf
  • Video "Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf" Video 01:58
    Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg
  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"