21.09.1992

„Das sitzt ganz tief“

Die Knäste sind verrottet, der Apparat ist von alten SED-Getreuen und Kommißköpfen durchsetzt - der Aufbau eines humanen Strafvollzugs in Ostdeutschland fällt den Justizplanern schwer. Hauptproblem sind die Bewacher: Experten halten es für eine „Generationenaufgabe“, sie „ideologisch umzutopfen“.
Burghart Jäckel, 47, Justizbeamter aus Bielefeld, leitet einen Knast, der im deutschen Osten immer besonders schief angesehen wurde. Nun soll daraus eines der ansehnlichsten Gefängnisse werden: Jäckel, der seit dem vergangenen Frühjahr Anstaltsleiter in Bautzen ist, hat große Pläne mit dem alten Gemäuer.
Vorn über dem Hauptportal des berüchtigten Zuchthauses, zu DDR-Zeiten wegen der gelben Klinkerfassaden "gelbes Elend" genannt, ist wieder das alte sächsische Landeswappen zu erkennen - Jäckel hat es mit dem Hochdruckstrahler reinigen lassen.
Im Feuerlöschteich gegenüber will er ein Feuchtbiotop anlegen. Und entlang der Gefängnismauer sollen Krüppelkiefern und Rosen gepflanzt sowie Bänke aufgestellt werden. Vor dem Eingang in das verrufenste Gefängnis der einstigen DDR, wo noch im Herbst 1989 rund 2000 teils politische Gefangene saßen, wünscht sich der Westler "ein Gelände, wo man ein bißchen lustwandeln kann".
Auch hinter der Knastmauer breiten sich die Koniferenanpflanzungen auf dem kahlen Gefängnisgelände aus. In die schmutzigen Fassaden der vergitterten Zellenhäuser hat der Hochdruckreiniger ein paar sauber leuchtende Inseln geputzt: Jäckel möchte, daß auch im Knastinneren "was Ästhetisches entsteht".
Nur in den Zellen sind noch kaum Spuren von seinem Verschönerungseifer erkennbar. Mancherorts bröckelt der Putz, es riecht nach Fäkalien - und die Gefangenen beklagen strenge Auflagen, die Erinnerungen an Vorwendezeiten wecken.
Da dürfen Bilder von barbusigen Frauen plötzlich nur in wenigen Exemplaren und an eigens dafür vorgesehene Pinnwände geheftet werden. Die Anzahl der erlaubten Topfblumen wurde drastisch eingeschränkt, der Besitz von Fernsehgeräten praktisch ganz untersagt.
Die Anordnungen hat Anstaltsleiter Jäckel nicht nur wegen der Sicherheit getroffen. Der Westler will, wie er einer Regionalzeitung anvertraute, Bautzen "nicht zum Hotelvollzug verkommen lassen".
Die Gefahr besteht wohl kaum. Ob in Bautzen oder anderswo - die Justizbehörden in den neuen Bundesländern stehen vor ungewöhnlichen Problemen, bevor die Gefängnisse den Erfordernissen des (west-)deutschen Strafvollzugsgesetzes angepaßt werden können. "Das Behandlungsziel Resozialisierung", sagt der sächsische Justizminister Steffen Heitmann (CDU), "können wir hier noch nicht erreichen."
Zwar sind die furchterregenden Zwinger längst abgerissen, in denen früher auf Menschen abgerichtete Kampfhunde rund um die Gefängnisgebäude patrouillierten. Mancherorts entstehen schon Joggingbahnen auf der Trasse der alten Hundelaufanlage.
Auch müssen die Gefangenen nicht mehr, wie einst in Erich Honeckers Großkombinat Knast, unter gesundheitsschädlichen Bedingungen gleichsam als Zwangsarbeiter für die Kommandowirtschaft schuften. Statt dessen drehen nun jedoch viele Knackis Däumchen in der Zelle: keine Arbeit, keine Beschäftigung.
Sogar von den unsinnigen Erziehungsritualen, mit denen die Häftlinge früher drangsaliert und schikaniert wurden, ist, offizell jedenfalls, keine Rede mehr. Im Strafgefangenenlager Schwarze Pumpe bei Cottbus, wo Wachleute noch im Frühjahr 1990 beim abendlichen Ordnungsappell den Gefangenen die richtige Anordnung von Zahnbürste, Rasierpinsel und Seifenschachtel nach einem speziellen Punktsystem zensierten, herrscht nun sympathisches Durcheinander in den Spinden.
Im Frauengefängnis Hoheneck bei Chemnitz hängen Kochrezepte und Reiseberichte in den Schaukästen aus, in denen einst die "negative Strafgefangene des Monats" angeprangert wurde. Und just an der Stelle, wo Knastbesuchern früher strenge Belehrungen erteilt wurden ("Fordern Sie Ihre Angehörigen zu Disziplin und Ordnung auf!"), steht im Warteraum heute ein Cola-Automat.
Doch so wie in den Betrieben und Behörden der ehemaligen DDR erst nach und nach die scheußlichen Hinterlassenschaften des alten Regimes sichtbar wurden, so machen auch die Justizbeamten der neuen Bundesländer in den vergitterten Hinterzimmern der Ostprovinzen noch immer böse Entdeckungen.
Da sitzen, selbst im zweiten Jahr nach der Wiedervereinigung, Häftlinge im Knast, bei deren Verurteilung inzwischen längst obsolet gewordene DDR-Delikte wie "asoziales Verhalten" und sogar "Republikflucht" eine Rolle gespielt haben.
Die Gefängnisse, die häufig noch aus dem vorigen Jahrhundert stammen, sind so verrottet, daß, etwa in Cottbus, einzelne Gebäudeteile vom Einsturz bedroht sind. Häufig fehlen Notrufknöpfe in den Zellen, vielerorts können die Brandschutzauflagen wegen baulicher Mängel kaum eingehalten werden.
Die Außenmauern sind porös und, wer hätte das gedacht, nach westlichen Maßstäben durchweg etwa zwei Meter zu niedrig. Die Gitterstäbe sind so brüchig, daß sie nach Berichten von Vollzugsexperten binnen 15 Minuten mit einem gewöhnlichen Frühstücksmesser zersägt werden können. "Zum Ausbrechen", witzeln brandenburgische Justizbeamte, "brauchen die Häftlinge bei uns nur ihre Zahnbürste."
Mehr als 100 Millionen Mark will allein die sächsische Landesregierung bis zum nächsten Jahr in Schließanlagen und Warnsysteme, Torwachen und Besucherschleusen investieren. Brandenburg läßt derzeit für rund 9 Millionen Mark Türen und Gitterstäbe in den elf Gefängnissen des Landes ersetzen.
Nachgerade dutzendweise waren in den letzten Monaten Insassen aus ostdeutschen Haftanstalten entflohen. Mal seilten sie sich, so im August in Leipzig, mit zusammengeknoteten Bettlaken ab, mal wuchteten sie mit Hilfe von gewöhnlichem Anstaltsmobiliar morsche Gitterstäbe aus der Verankerung.
Den Ausbruchsrekord in diesem Sommer hielt das sächsische Jugendgefängnis Wriezen: Von 36 Inhaftierten machten sich dort binnen weniger Wochen 17 Gefangene auf die Socken. Der Knast wurde mittlerweile geschlossen, wegen Fluchtgefahr.
An Bewachern ist in den Ostländern kein Mangel: Auf einen Gefangenen kommen derzeit rechnerisch ein bis zwei Bedienstete - in Westdeutschland ist das Verhältnis drei zu eins. Die Wachleute, früher allesamt linientreue SED-Mitläufer, tun sich jedoch mit den neuen Anforderungen schwer: Sozialarbeiter gab es so gut wie gar nicht, Psychologen sind häufig vorbelastet - Knastexperten halten es für "eine Generationenaufgabe", das Ostpersonal "ideologisch umzutopfen".
Westdeutsche Justizbeamte, die, auf einen Karrieresprung hoffend, in den Osten überwechselten, erfüllen aber auch nicht immer die Erwartungen: Der Abteilungsleiter Strafvollzug im sächsischen Justizministerium, Rudolf Schmuck, 60, betont, auch diese Bewerber "muß man sich sehr genau ansehen".
Mancher Beamtentransfer erwies sich denn auch vor allem für die beteiligte Westbehörde als Gewinn. Den ehemaligen Essener Gefängnisleiter Walter Eickmeier, 57, etwa, der jetzt als vergleichsweise hochdotierter Strafvollzugschef im Schweriner Justizministerium sitzt, verbuchen Ministerialbeamte in Nordrhein-Westfalen keineswegs als Verlust.
Eickmeier hatte vor acht Jahren bundesweit Empörung ausgelöst, weil er eine Gefangene splitternackt von einem männlichen Rollkommando fesseln und in diesem Zustand 200 Kilometer weit in eine andere Anstalt transportieren ließ. Damit war seine Karriere im Westen beendet, doch entlassen wurde der Beamte auf Lebenszeit nicht.
Als sich der Knastleiter vergangenes Jahr nach Mecklenburg-Vorpommern abmeldete, registrierten Düsseldorfer Ministeriale erleichtert, nun sei eine drückende "Altlast entsorgt" worden.
Doch in Schwerin löste Eickmeier nur eine andere Westaltlast ab: den einstigen Gefängnischef im niedersächsischen Celle, Paul Kühling, 63, der dort 1978 in eine von Verfassungsschützern fingierte Gefangenenbefreiung ("Celler Loch") verstrickt war. Kühling blieb ein halbes Jahr in Mecklenburg-Vorpommern, versuchte noch, zum Ministerialdirigenten befördert zu werden, und verabschiedete sich dann in den Vorruhestand.
Daß ausgerechnet solche Betonköpfe bevorzugt im Osten Beschäftigung finden, halten Kritiker für problematisch. Denn die schwierige Aufgabe, auf den Fundamenten der militärisch geprägten DDR-Knaststruktur einen rechtsstaatlichen Strafvollzug aufzubauen, müsse "vor allem mit Sensibilität" gelöst werden, meint der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer, 48.
In der ehemaligen DDR wurden die Gefangenen als "Feinde unserer Ordnung" (Honeckers Generalstaatsanwalt Josef Streit) geschmäht, denen mit äußerster Strenge zu begegnen sei. So galten die Knastbediensteten, nur folgerichtig, als Teil der "bewaffneten Organe": Vom einfachen Wachsoldaten bis zum Gefängnischef, der zumeist im Rang eines Oberstleutnants stand - jeder Knast war eine kleine Militärdiktatur.
Die dunkelblauen Uniformen von damals tragen viele Vollzugsbedienstete heute noch, freilich ohne die Sterne auf den Schulterstücken. Auch die alten Überwachungsapparate hatten in einigen Gefängnissen die Wende offenbar unbeschadet überlebt.
So ordnete, gleichsam über Nacht, der damalige Schweriner Justizminister Ulrich Born (CDU) voriges Jahr an, das Gefängnis Neubrandenburg zu schließen. Bei einem Besuch in der modernsten Vollzugsanstalt des Landes war er auf geheimnisvolle Büroräume, durchgeschnittene Kabelstrippen und verschwundene Schlüssel aufmerksam geworden - ganz offensichtlich hatten einige Bedienstete, die wegen Stasi-Tätigkeit entlassen werden sollten, noch kurz vor ihrem Rausschmiß Geheimdienst gespielt.
Im sächsischen Torgau schalteten Dresdner Ministerialbeamte im Frühjahr vorigen Jahres eine intakte Abhöranlage aus - bis zu diesem Zeitpunkt waren in der Anstalt noch sämtliche Telefongespräche der Gefangenen belauscht und aufgezeichnet worden.
Und bis heute können weder in Dresden noch in Potsdam die Beamten der zuständigen Justizministerien präzise sagen, wie viele Stasi-Mitarbeiter noch in ihren Gefängnissen Wache schieben - bislang hat in diesen Ländern allenfalls ein Drittel der Knastbediensteten den Spitzel-Check bei der Berliner Stasi-Akten-Behörde passiert. "Acht bis zehn Prozent", schätzt der sächsische Strafvollzugschef Schmuck, würden wohl noch herausfallen.
Doch selbst wenn die einstigen Handlanger schon herausgefiltert wären, blieben die Machtstrukturen in den Ostgefängnissen nach Meinung des brandenburgischen Schmuck-Kollegen Christian Dertinger, 58, vorerst undurchsichtig: "Es gibt bestimmt noch Verbindungen", ahnt der Abteilungsleiter Strafvollzug im Potsdamer Justizministerium, "die wir nicht erkennen können."
In Cottbus etwa kann Anstaltsleiter Manfred Hoffs, 50, unter seinen rund 170 Untergebenen, die alle bereits zu DDR-Zeiten dort arbeiteten, Personal umschichten, wie er will - "ob das was ändert, weiß ich nicht", sagt der Westimport: "Ich kenne die Leute doch noch zu wenig."
Kommunikationsprobleme innerhalb der Gefängnishierarchien bereiten auch dem sächsischen Justizminister Sorgen. "Der Mittelbereich wirkt ein Stück blockierend", beobachtet er. Was beispielsweise an Eingaben und Informationen "von ganz unten nach ganz oben" gehen solle, komme dort nicht immer an.
Gefängnischef Hoffs hat sich vorgenommen, "bloß nicht in der Vergangenheit zu kramen". Für viele Häftlinge jedoch, ob in Cottbus, Chemnitz oder in der Schwarzen Pumpe, scheint die Vergangenheit noch allgegenwärtig.
Oftmals geht es, ganz wie früher, nur um Kleinigkeiten. Da fühlen sich Gefangene von Wachleuten schikaniert, etwa wenn jemand ihnen, wie in der Schwarzen Pumpe geschehen, "versehentlich" ohne Vorwarnung den Strom abschaltet, das Duschwasser plötzlich eiskalt wird oder die Wäschekammer immer gerade dann schließen muß, wenn die Häftlinge Zeit hätten, neue Kleidung einzutauschen.
Allein in Chemnitz, wo die Gefangenen in einem ehemaligen Stasi-Knast noch hinter Glasbausteinen sitzen, ereigneten sich in den vergangenen Wochen drei Selbstmordvorfälle. Ein Häftling erhängte sich, er wurde tot in der Zelle gefunden. Ein zweiter hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten, konnte jedoch gerettet werden. Der dritte wollte sich Ende August mit Tabletten das Leben nehmen.
Der Mann war verzweifelt, weil Lockerungen des Vollzugs, die er beantragt hatte, von der Anstaltsleitung abgelehnt worden waren. Wegen der Suizidgefahr bekam er dann die ganze Härte des Hauses zu spüren: Rund 15 Stunden lang wurde der Häftling mit Händen und Füßen ans Bett gefesselt, die Pein endete erst, als ein entsetzter Gefängnispfarrer in die Zelle kam.
Wegen des Vorfalls verlangte der sächsische Landtagsabgeordnete Martin Böttger vom Bündnis 90 Anfang des Monats die Entlassung des - westdeutschen - Anstaltsleiters in Chemnitz. Böttger: "Was da passiert ist, läuft für mich unter Folter."
Aus Chemnitz gebe es ständig Beschwerden, berichtet Böttger, der für seine Fraktion den Bereich Strafvollzug bearbeitet. So werde beispielsweise häufiger über "versehentlich" verschwundene oder vertauschte Briefe geklagt. Dergleichen monieren auch die Knackis in der Schwarzen Pumpe: Dort werde, obgleich rechtswidrig, häufig immer noch die Anwaltspost der Häftlinge mitgelesen - auch "aus Versehen", wie der Pumpe-Anstaltsleiter Wilfried Stehr, 43, behauptet.
Stehr, der einer der wenigen Ostler unter den Knastleitern der neuen Bundesländer ist, hat seine alte blaue Uniformkluft längst gegen einen smarten Nadelstreifen eingetauscht. Auch seine Mitarbeiter verabschiedeten sich von der militärischen Rangordnung: Wer Oberleutnant war, der wurde nach der Wende umgehend zum Inspektor erklärt, und die gefürchteten Erzieher von ehemals nennen sich in der Schwarzen Pumpe jetzt "sozialtechnische Assistenten".
Hingegen müssen die Gefangenen wie eh und je in abgetragenen Uniformen der früheren Nationalen Volksarmee herumlaufen - "wie die Anstaltskleidung aussehen soll, steht nicht im Gesetz", sagt Stehr.
Mit Sitzstreiks versuchten die Pumpe-Knackis immer mal wieder, auf Mißstände aufmerksam zu machen. Da ging es um Wucherpreise im Knastkiosk, wo beispielsweise ein Becher Sahne fünf Mark kostete, und um die schlechte medizinische Versorgung - Mängel, die mittlerweile behoben wurden.
Doch ohne solche Protestaktionen bewege sich gar nichts, berichten Gefangene in der Schwarzen Pumpe: "Hier ist doch die Wende vor der Tür stehengeblieben."
Für den Pumpe-Häftling Michael Klammer, 35, gilt das im Wortsinne. Der Mann sitzt seit Ende 1987 im Gefängnis, die ostdeutsche Revolution ist an ihm vorbeigegangen. Auch an seinem Urteil: Das lautet noch immer auf "schwere Körperverletzung", "schwere Erpressung" - und auf versuchte "Republikflucht".
Sieben Jahre und vier Monate soll Klammer, der wegen einer Geldstreitigkeit einen Kumpel krankenhausreif geschlagen hatte, insgesamt absitzen. Der Tatbestand Republikflucht macht nach seinen Worten ein Jahr und neun Monate von der Gesamtstrafe aus - der Mann könnte längst frei sein, wenn das Delikt, das es gar nicht mehr gibt, aus seinem Urteil gestrichen wäre.
Doch Klammer wurde offensichtlich bei den Urteilsüberprüfungen des vergangenen Jahres übersehen - und er ist, wie es scheint, nicht der einzige.
Monatelang hatten einige Dutzend - vornehmlich pensionierte - westdeutsche Richter und Staatsanwälte die Ostgefängnisse bereist. Nach einem "Gesetz zum teilweisen Straferlaß", noch von der DDR-Volkskammer im Herbst 1990 verabschiedet, sollten mit ihrer Hilfe unverhältnismäßig hohe Gefängnisstrafen aufgespürt und reduziert werden.
Die Westjuristen sahen die Urteile jedoch zumeist nur auf Antrag der Häftlinge durch, und über einen Straferlaß entscheiden durften sie nicht: "Der Ausschuß war nur für Empfehlungen da", berichtet der pensionierte Schleswiger Oberstaatsanwalt Karl-Otto Ovens, der die Untersuchungskommission in Mecklenburg-Vorpommern leitete.
Einigermaßen vollständig sind lediglich die Jugendstrafen überprüft worden, weil besonders eklatante Unterschiede zur westdeutschen Rechtsprechung aufgefallen waren. In vielen anderen Fällen jedoch scheint Richter Zufall das Urteil gefällt zu haben.
Dank mehrerer Amnestien und Strafreduzierungen wurden selbst Lebenslängliche entlassen, die wegen Mordes verurteilt waren. Hingegen haben andere Häftlinge noch Teilstrafen wegen längst abgeschaffter DDR-Delikte wie "asoziales Verhalten" und "Diebstahl sozialistischen Eigentums" abzusitzen.
Im Frauengefängnis Hoheneck soll beispielsweise Ilona Holzapfel, 34, noch bis 1994 inhaftiert bleiben. Vom Jugendamt hat sie bereits einen Bescheid bekommen, daß ihr bis dahin das Sorgerecht für ihre Tochter Annika, 4, abgesprochen werde. Doch für ein Gnadengesuch, im Juli vergangenen Jahres gestellt, hat Mutter Holzapfel nicht mal eine Eingangsbestätigung erhalten. So bleibt es wohl bei ihrem ursprünglichen Urteil: acht Jahre Haft wegen des Diebstahls von 1600 Mark.
Die DDR-Richter hatten, schon bei geringfügigen Delikten, viel häufiger und viel härtere Freiheitsstrafen verhängt als ihre westdeutschen Kollegen. Nach einer internen Untersuchung mußten jährlich etwa 24 000 Ostbewohner, beinahe jeder 3. Straffällige, in den Knast. Hingegen wird vor westdeutschen Gerichten nur jeder 18. Straftäter mit Freiheitsentzug belegt.
So waren die 36 ostdeutschen Gefängnisse mit Platz für 30 000 Häftlinge zu DDR-Zeiten ständig überbelegt, nicht nur mit politischen Gefangenen. Erst langsam füllen sich jetzt die zwischenzeitlich gähnend leeren Haftanstalten.
Der aufgeblasene Personalapparat, der an den Gefängnissen hing, blieb jedoch weitgehend erhalten. Er bereitet den ostdeutschen Justizplanern bei dem mühsamen Aufbau eines humanen Strafvollzugs jetzt die meisten Sorgen. "Wir wollen denen ja nicht einfach was anderes aufpfropfen", sagt der sächsische Strafvollzugschef Schmuck. Das würde auch nicht viel fruchten: Das Problem steckt in den Köpfen.
Nach dem Wortlaut des Strafvollzugsgesetzes soll der Freiheitsentzug die Gefangenen befähigen, "künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen". Doch in der ostdeutschen Knastrealität müssen erst mal die Wachleute fähig werden, selbstverantwortlich mit den Gefangenen umzugehen.
Jahrzehntelang daran gewöhnt, blindlings die Weisungen von oben zu befolgen, sind viele Ostbedienstete jetzt zwar eilfertig bemüht, es auch den neuen Herren recht zu machen. Sie haben jedoch nie gelernt, eigenständig Entscheidungen zu treffen. So schlägt allenthalben "die typische DDR-Mentalität" durch, hat Gefangenenpfarrer Dieter Schütt, 53, aus Cottbus beobachtet: Das Knastpersonal fühle sich "nur beim Verbieten kompetent".
Die Probleme bei der Umstellung seien "nicht so schnell wegzubekommen", meint der Brandenburger Dertinger: "Das sitzt ganz tief." Kürzer befristete Hospitationen in westdeutschen Anstalten, hat der Strafvollzugschef herausgefunden, seien auch wenig förderlich - dort fühlten sich die Wachleute nur in ihrer Unzufriedenheit bestätigt und seien hernach noch weniger bereit, umzudenken.
Während die meisten Landesministerien ihre Knastmitarbeiter Gesetze bimsen lassen und, so etwa in Thüringen, eine Flut von Verordnungen erzeugen, hat der Sachse Schmuck einen unkonventionellen Weg eingeschlagen. Auf der landeseigenen Justizvollzugsschule in Chemnitz etwa läßt der Transaktionsanalytiker Siegfried Bayer, 50, die Knastbediensteten im Auftrag des Ministeriums Bilder malen und über Psychoprobleme plaudern. "Einbleuen könnte ich denen doch viel", meint Bayer, "aber davon lernen die doch nicht, anders zu denken."
Daß seine "Lockerungsübungen" bei den Ostbediensteten schnelle Wirkung zeitigen werden, wagt der Schulleiter kaum zu hoffen: "Ein Kind", sagt er vorsichtig, "braucht 18 Jahre, bis es erwachsen ist."

DER SPIEGEL 39/1992
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