28.06.1993

SEDDen Buckel runter

Mit Liebesgaben aus westdeutschen Paketen verschönten die SED-Oberen ihr Wohlleben in Wandlitz.
Wenn der oberste DDR-Bürger Erich Honecker in der Küche seines Hauses Nummer 11 in Wandlitz den Morgenkaffee schlürfte, stammte der meist aus dem Westen - und war oftmals geklaut, aus einem Päckchen von drüben.
Auch die Rasiercreme des Genossen Willi Stoph und die Zigaretten von Günter Mittag stammten häufig aus Hehlerware: Jahrelang räuberte eine Spezialeinheit des sozialistischen Deutschlands Zehntausende von Paketen aus der Bundesrepublik, die eigentlich für die armen Verwandten im Osten bestimmt waren.
Offiziell galt der staatliche Massendiebstahl als legal. Denn nach DDR-Gesetzen durfte der Zoll Geschenke aus dem Westen beschlagnahmen, wenn er "grobe Verstöße" ausmachte. Doch jetzt aufgefundene Dokumente des Ministeriums für Staatssicherheit belegen, daß die Stasi Liebesgaben aus dem Westen systematisch filzte, um die Versorgung der SED-Bonzen mit kapitalistischen Produkten sicherzustellen - eine geniale Methode, um kostbare Devisen zu sparen.
An denen hatte es den Obersozialisten schon gemangelt, als Walter Ulbricht Ende der fünfziger Jahre den geschlossenen Umzug des Politbüros, der obersten Führungselite der Partei, in das Bonzenghetto beim zwölf Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Dorf Wandlitz anordnete. Auslöser des Beschlusses: der Schock des Ungarn-Aufstands von 1956. Seither sorgten sich die Spitzenkader um ihre Sicherheit.
Die Bonner vermuteten damals noch einen anderen Grund für die Flucht der Politbürokraten hinter Ghettomauern. Ost-Berliner Bürger, so ein Bulletin der Bundesregierung im Juli 1960, hätten allzu ungeniert "profane Blicke in das Prominentenviertel von Niederschönhausen" geworfen, wo die SED-Regenten bis dahin residierten.
90 000 Pakete aus der Bundesrepublik verschwanden bis Anfang der siebziger Jahre jährlich. Auf Reklamationen und Beschwerden antworteten die DDR-Behörden meist gar nicht oder mit der stereotypen Floskel: nichts bekannt.
Die Raubzüge wurden offenbar auf höchste Order vorläufig eingestellt, als sich im Vorfeld des Grundlagenvertrages das deutsch-deutsche Klima entspannte. Die Stasi wies das "Amt für Zoll und Kontrolle des Warenverkehrs" (AZKW) in Berlin an, die milden Gaben erst einmal ungefilzt an die eigentlichen Empfänger aus dem Volk weiterzugeben.
Die Anweisung kam die Devisenverwalter der DDR teuer: Weil die Anlieferungen von Kaffee oder Kosmetika ausblieben, mußten sie damals 100 000 bis 150 000 Westmark für die Wandlitzer aus der Staatskasse zuschießen.
Der "zu versorgende Personenkreis", hielt ein MfS-Offizier schriftlich fest, wünsche, daß solche Waren wie "aus dem AZKW-Lager . . . weiterhin angeboten werden".
In der Promi-Siedlung Wandlitz wohnten bis zum Zusammenbruch der DDR im Herbst ''89 fast alle Politbüromitglieder nebst Familien, insgesamt rund 230 Personen. Deren Alimentierung mit Fernsehern, Computern, französischem Parfum und anderen im Osten kaum erschwinglichen Westgütern kostete allein 1989 über 7,5 Millionen Mark, die von der Abteilung "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) des Devisenbeschaffers und Stasi-Obristen Alexander Schalck-Golodkowski, beschafft werden mußten.
Formal unterstand die Siedlung in Wandlitz dem Büroleiter des Politbüros; _(* Oben: Die Normpakete wurden von der ) _(Frankfurter Firma "Ost-West" zu ) _(Festpreisen gepackt und verschickt; ) _(unten: 1977, zu Mielkes 70. Geburtstag ) _(in Wandlitz; 3. v. r. Erich Honecker. ) für die Sicherheit der Bewohner wie für die "optimale und niveauvolle Versorgung" der Großkopferten jedoch waren die Spezialisten der MfS-Hauptabteilung "PS" (Personenschutz) zuständig. Sie hatten ihre Doppelaufgabe - laut Anweisung des Wandlitz-Bewohners und MfS-Chefs Erich Mielke - mit "hoher Einsatzbereitschaft, revolutionärer Wachsamkeit und tschekistischer Meisterschaft zu realisieren".
Für die Versorgung von Wandlitz stellte die Stasi 650 Mann ab. Sie mußten für die Politbüromitglieder und ihre Angehörigen *___"hochwertige Nahrungs- und Genußmittel sowie ____industrielle Konsumgüter mit hohen ____Gebrauchseigenschaften zur Befriedigung der ____individuellen Bedürfnisse" heranschaffen und *___"alle an sie herangetragenen Wünsche und Forderungen ____unverbindlich und ohne Bemerkungen entgegennehmen".
Ein junger Stasi-Hauptmann drückte bei seiner Vernehmung nach der Wende salopper aus, was die Herren und ihre Clans erwarteten: "Wir mußten denen die Wünsche von den Augen ablesen."
Die Erfüllung der Wünsche besorgte eine "staatliche Handelsorganisation" namens Letex. Deren Direktor fungierte gleichzeitig als Leiter der Stasi-Unterabteilung "Betreuung und Versorgung".
Letex organisierte über zwei KoKogesteuerte Firmen ("Delta" und "Asimex") westliche Produkte, die im Supermarkt von Wandlitz weit unter Preis verkauft wurden. So importierte Asimex etwa Räucheraal für 40 Westmark das Kilo, im Ghetto wurde er für 15 Mark Ost angeboten - für die Differenz kam KoKo auf.
Ein Farbfernseher, der im westdeutschen Großhandel für 1500 DM eingekauft wurde, kostete die Wandlitzer 1700 Ostmark. DDR-Bürger mußten für ein Farbgerät aus DDR-Produktion 6500 Mark Landeswährung berappen, wenn überhaupt welche im Angebot waren - sechsmal soviel, wie ein Facharbeiter verdiente.
In einem kurz vor der Wiedervereinigung angefertigten internen Untersuchungsbericht der DDR-Kriminalpolizei schätzten die Autoren, daß die Bewohner von Wandlitz seit 1984 "finanzielle Vorteile von mehr als 100 Millionen Mark" errafft hätten; die Summe, heißt es in dem Bericht lapidar, sei "gleichzusetzen mit finanziellen Einbußen des Staatshaushaltes".
Wenn Honecker und seine Kamarilla Sonderwünsche hatten, die besonders schnell, manchmal innerhalb von Stunden, erfüllt werden mußten, bekam der Letex-Apparat Flügel. Vier Kuriere rasten dann, vorbei an langwierigen Grenzkontrollen, nach West-Berlin. Chefin des Eildienstes: Sigrid Schalck-Golodkowski, Frau des KoKo-Bosses und wie ihr Mann Oberst beim MfS.
Das Westgeld für die Extra-Touren spendierte Schalck-Stellvertreter Manfred Seidel aus seiner Handkasse, nach seinen Angaben monatliche "Einzelbeträge zwischen 30 000 und 50 000 DM". Viel gefragt hat Seidel nicht: "Ich handelte auf Weisung und hätte sofort meine Stellung verloren, falls ich mich geweigert hätte."
Auch sonst ließen die Bonzen von Wandlitz es sich und den Ihren wohlergehen. Jeder Ghetto-Bewohner und seine Angehörigen durften kostenlos tanken - ein Sohn des Politbüro-Mitgliedes Werner Krolikowski schätzte bei seiner Vernehmung, er habe innerhalb eines Jahrzehnts "rund 20 000 Mark Benzinkosten gespart".
Dieser "parasitäre Lebensstil" erweckte selbst bei den Stasi-Getreuen "erheblichen Anstoß", wie einer von ihnen nach der Auflösung des Ghettos Ende 1989 bekannte.
Sie hätten eine "tiefe Kluft" zwischen sich und denen da oben gefühlt, "aus diesem Grund auch existierte eine relativ hohe Fluktuation bei den dortigen Kräften" - obgleich für MfSler "ein Arbeitsplatzwechsel beziehungsweise eine Beendigung des Dienstverhältnisses besonders schwierig" gewesen sei.
Vor allem die höheren Chargen waren in der Regel in Wandlitz unabkömmlich, schon weil sie zuviel wußten. "Wir kamen nicht nur nicht weg", so ein Ex-Offizier, "wir waren den Launen und Marotten dieser Herren, Damen und Kinder sogar in hohem Maße ausgesetzt."
So ließ Ministerpräsident Willi Stoph in seinem Garten Stasi-Mitarbeiter an ihren freien Tagen arbeiten. Im Mai 1989, an einem Sonntag, verlangte er binnen kurzer Zeit die Installierung eines durchsichtigen Daches über dem Swimming-pool in einer seiner Datschen. Den Einwand des Stasi-Obersten Gerd Schmidt, 52, "wir müssen erst prüfen", konterte Stoph: "Sie können mir den Buckel runterrutschen, ich kann Sie nicht gebrauchen."
"Mit Stoph", erinnert sich Schmidt, "hatten wir die meisten Probleme. Ein früherer Rittergutsbesitzer wäre mit seinen Landarbeitern nicht so umgesprungen wie er mit uns."
Als Erich Honecker zur Unzeit nach Erdbeeren verlangte und keine aufzutreiben waren, bekam der amtierende Letex-Chef Hauptmann Andreas Hildebrandt, 37, den geballten Unmut des SED-Generalsekretärs ab: Honecker ließ Hildebrandts Beförderung zum Major ein halbes Jahr aussetzen.
Der Hauptmann war wohl Schlimmeres gewohnt. Als der Ex-Stasi-Mann vorletzte Woche vor dem Bonner Schalck-Ausschuß aussagte, spielte er den Vorfall herunter: "Ach, das war doch nur eine Episode."
Wie es um das sozialistische Ethos der SED-Führer und ihrer Bagage bestellt war, darüber hatten ihre Beschützer vom MfS offenbar keine Illusionen.
Als der SPD-Abgeordnete Axel Wernitz im Schalck-Ausschuß den Oberst Schmidt fragte, ob je ein Wandlitz-Bewohner "auf Privilegien verzichtet" habe, ließ Schmidt die Frage erst einmal auf sich wirken.
"Ich", antwortete er schließlich, "war zehn Jahre dort. Davon ist mir nichts bekannt."
* Oben: Die Normpakete wurden von der Frankfurter Firma "Ost-West" zu Festpreisen gepackt und verschickt; unten: 1977, zu Mielkes 70. Geburtstag in Wandlitz; 3. v. r. Erich Honecker.

DER SPIEGEL 26/1993
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