28.09.1992

Viele Pforten für das Virus

Ein schmatzender Zungenschlag sorgte bei einer Aids-Studientagung letztes Jahr auf Sardinien für heiße Debatten. Vor laufenden Kameras und zum Entsetzen einiger seiner Kollegen küßte der italienische Aids-Forscher Fernando Aiuti eine blasse HIV-infizierte Frau.
Ob Aiutis Aktion, gedacht als Protest gegen die schwelende Seuchenhysterie, Sinn macht, muß bezweifelt werden. US-Zahnexperten konnten im Speichel von Aids-Kranken virusbefallene Zellen nachweisen. "Küsse einer bestimmten intensiven Art", warnt der Entdecker des Aids-Erregers, Luc Montagnier, "können riskant sein."
Seitdem bekannt ist, daß Aids auch bei der lesbischen Liebe oder durch Muttermilch übertragen werden kann, warnen viele Forscher wieder verstärkt vor einer Verharmlosung der Seuche. Im März berichtete das britische Fachblatt Lancet über eine blutige Schlägerei, wobei sich einer der Kämpfer an den Wunden seines Kontrahenten infizierte.
Derzeit läuft eine Reihe von Studien, um die Aids-Ansteckungsgefahr bei unterschiedlichen Sexualpraktiken auszuloten. Fest steht, daß die todbringenden Retroviren in fast allen Körpersäften enthalten sind: im Blut, im Ejakulat, in der Vaginalflüssigkeit und in geringsten Spuren auch in Speichel und Tränen.
Die größte Gefahrenquelle ist unstrittig der ungeschützte Analverkehr, egal, ob er von schwulen oder heterosexuellen Paaren ausgeübt wird. Am Darmausgang winden sich unzählige kleine Blutgefäße, die leicht aufplatzen können. Für den Erreger eröffnet sich dann eine direkte Eingangspforte ins Körperinnere.
Auf direkten Blutkontakt scheint das kugelförmige Virus allerdings nicht angewiesen zu sein. Hautrisse und Mikroläsionen fördern zwar das Risiko einer Übertragung. Mittlerweile gibt es jedoch Hinweise, daß der Erreger auch durch völlig intakte Schleimhäute einbricht.
Als etwas weniger bedrohlich stufen die Mediziner den vaginalen Beischlaf ein. Noch geringer ist die Infektionsgefahr bei Fellatio (Mund-Penis-Kontakt) und beim Cunnilingus (Mund-Scheiden-Kontakt). Der aktive Partner ist dabei jeweils stärker gefährdet: Samen- und Scheidenflüssigkeit enthalten mehr HIV-Viren als der Speichel.
In exakte Zahlen läßt sich die Übertragungsgefahr nur schwer fassen. Viele Personen haben sich nachweislich bereits nach einem einzigen Beischlaf angesteckt. Der Freund des Aids-kranken Filmstars Rock Hudson blieb dagegen auch nach etwa 100 Liebesnächten mit dem infizierten Schauspieler gesund.
Gründe für diese Unterschiede finden die Forscher mühsam heraus. Als sicher gilt, daß die Aids-Viren, je nach Infektionsstadium des Patienten, unterschiedlich hoch im Blut konzentriert sind. Besonders stark befallen sind die Aids-Patienten am Anfang und dann wieder im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung, wenn sie Kaposiflecken ausbilden. Ihr Durchseuchungsgrad steigt gegenüber symptomlos Infizierten "um den Faktor 100 bis 1000" (so die Mediziner-Zeitung Ärztliche Praxis).
Doch es gibt auch geschlechtsspezifische Unterschiede, die bislang nicht erklärbar sind. Infizierte Männer ohne ausgebildete Aids-Symptome übertragen die Seuche im Durchschnitt bei jedem zehnten Beischlaf, HIV-infizierte Frauen nur bei jedem hundertsten Intimkontakt.
Das geringere Ansteckungspotential der Frau kann sich jedoch deutlich erhöhen, wenn der Sex während der Menstruation ausgeübt wird. Befindet sich die Frau darüber hinaus in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium, klettert die Infektionsgefahr für den Mann auf 57 Prozent: Jeder zweite Koitus wird dann zur todbringenden Vereinigung.
Besonders vorsichtig müssen Frauen ab 45 Jahren sein. Mit zunehmendem Alter dünnt die Genitalschleimhaut aus. Auch bei jungen Mädchen wird zu erhöhter Vorsicht geraten, vor allem, wenn die Defloration "traumatisierend und blutig verläuft" (so das Fachblatt Aids-Forschung). Eine Studie in Holland ergab: Von fünf weiblichen Teenagern, die von HIV-positiven Männern entjungfert wurden, infizierten sich zwei.
Einzig der Luftweg scheint dem Virus versperrt. Bluter, Fixer und die Babys Aids-infizierter Mütter gehören zu den Hochrisikogruppen. Die Ansteckung der Kleinkinder findet meist nicht im Uterus, sondern erst während der Niederkunft im Geburtskanal statt.
Rätselhaft ist bislang, wie ein Zahnarzt aus Florida fünf seiner Patienten mit Aids ansteckte. Trotz zweijähriger Ermittlungen der US-Seuchenbehörde konnte der Übertragungsweg nicht aufgedeckt werden. Bei allen Zahnoperationen hatte der kranke Dentist Mundschutz und Gummihandschuhe getragen. Seine Instrumente waren fachgerecht desinfiziert, Hautabschürfungen während der Behandlung hatte er sich nicht zugezogen.

DER SPIEGEL 40/1992
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