12.10.1992

„Die rasten einfach aus“

An deutschen Schulen explodiert die Gewalt. Aggressive Kinder bedrohen Klassenkameraden mit dem Tod, sie prügeln, rauben, erpressen. Schwere Verletzungen sind an der Tagesordnung. Lehrer und Polizei stehen der Brutalität von bisher nie erlebtem Ausmaß hilflos gegenüber. Experten suchen die Schuld bei den Eltern.
Toni, 6, kommt nicht in die Klasse, er tritt auf. Zuerst schmeißt der schmächtige Steppke in einer Frankfurter Grundschule seinen Ranzen in den Raum, dann stürmt er mit lautem Gepolter hinterher, greift die Schulmappe, nimmt sie zwischen die Beine und "reitet" auf ihr zu seinem Platz.
Dann geht es erst richtig los. Der Schulanfänger rennt während des Unterrichts herum, schreit dazwischen, tritt, boxt und piesackt die Mitschüler.
Jeder Versuch der Lehrerin, den Jungen in den Unterricht einzubeziehen, scheitert. Toni kann sich, selbst wenn er es versucht, nicht konzentrieren.
Nach einem Gespräch mit dem Jungen glaubte die Klassenlehrerin endlich, einen Grund für Tonis aggressive Unruhe gefunden zu haben. Wenn seine Eltern, die sehr früh aufstehen müßten, schon schlafen gegangen seien, berichtete ihr der Knirps, sehe er oft noch bis spät in die Nacht Horrorfilme, in denen "nur getötet wird". Danach könne er kaum einschlafen und habe Alpträume.
Die Mama, gestand der Schüler, lege ihm deshalb zur Beruhigung schon immer ein Messer unter das Bett: "Aber das hilft nichts."
Die Mutter des Problemschülers, in die Schule zitiert, sah trotz solcher Gutenachtgeschichten keinen Grund zur Sorge: Ihr Sohn, meinte sie, habe eben eine lebhafte Phantasie.
Die Phantasie solcher Kinder sorgt mittlerweile für Aufregung unter Eltern und Lehrern. Psychologen wie Kriminalisten versuchen zu ergründen, was in den Köpfen der Pennäler vorgeht, deren ganzer Ehrgeiz in der Schule sich auf ein Thema konzentriert: Randale.
Schon Abc-Schützen benehmen sich wie die Vandalen, Sextaner bedrohen ihre Klassenkameraden, immer mehr Schüler bewaffnen sich. Da wird gewürgt, stranguliert und erpreßt, da hantieren Heranwachsende mit Messern, Wurfsternen und Reizgas-Pistolen.
In Frankfurt nahmen zwei acht Jahre alte Jungen in einer Schulpause ein Springseil, schlangen es einem Sechsjährigen, der friedlich auf einer Bank saß, um den Hals und zogen zu. Die Jungen ließen von dem Erstkläßler auch dann noch nicht ab, als der blau anlief.
Ein anderer Schulanfänger befreite seinen Klassenkameraden schließlich. Sie hätten, begründeten die Achtjährigen ihren Anschlag, "einfach nur so" mal sehen wollen, wie es ist, wenn man einem den Hals zudrückt.
Die Gewalt richtet sich auch gegen Pädagogen. Als sich nach einem Schulsportfest in München ein Lehrer in eine Schlägerei einmischte, um einen 14 Jahre alten Schüler vor weiteren Mißhandlungen zu retten, wurde er selbst zum Opfer: Die Schläger warfen ihn zu Boden, traktierten ihn mit Stiefeln. Der Mann erlitt einen Leberriß, sein Gesicht wurde durch die Tritte entstellt.
Im westfälischen Münster ging ein 15 Jahre alter Realschüler auf Klassenkameraden mit einer Reizgassprühdose los und drückte ab, weil er glaubte, die anderen hätten ihn gehänselt. Elf Kinder mußten in ärztliche Behandlung.
In einer Essener Hauptschule erpreßten zwei Pennäler, 14 und 15 Jahre alt, ihre Schulkameraden. Wer sein Taschengeld nicht abgab, wurde zusammengeschlagen (siehe Seite 52).
Neid macht wütend. Die Kluft zwischen Arm und Reich, die im neuen Deutschland tiefer geworden ist, führt zu Spannungen auf dem Schulhof. Schüler aus sozial schwachen Familien rächen sich an schicken Bürgerkindern mit Diebstahl, Raub und Erpressung.
In Westdeutschland nehmen Kinder den Altersgenossen, die sich Edelklamotten der Marken "Chevignon" oder "Converse" leisten können, unter Gewaltandrohungen die Kleider ab - bis hin zu den Markenturnschuhen.
An ostdeutschen Schulen wird vor allem um Bargeld, Zigaretten und Alkohol geprügelt. "Wer irgend etwas nicht bekommt", sagt Schulleiter Klaus Frydrychowski von der 13. Real- und Hauptschule Neubrandenburg, "schlägt dem anderen zumindest ein Auge blau."
In Pistolenmündungen blickten Montag letzter Woche zwei Schülerinnen, 11 und 12, die sich am Milchautomaten der Nikolaschule in Passau zum Frühstück getroffen hatten. Die Waffenbesitzer, zwei Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren, nahmen ihnen die Barschaft - 3,50 Mark - ab und liefen davon.
Konfliktstoff vor allem in Großstädten birgt auch die hohe Zahl ausländischer Schüler: In Frankfurt gibt es Hauptschulen, in denen nur noch 15 Prozent Deutsche unterrichtet werden.
Mal gehen Ausländer geschlossen auf deutsche Schüler los, reagieren ihre Wut und ihren Frust als ewige Außenseiter ab. Mal gebärden sich deutsche Schüler wie Skins vor Asylbewerberheimen.
In Neunkirchen im Siegerland schlugen zwei Schüler, beide 15, einen gleichaltrigen türkischen Jungen mit Lederarmbändern, die aufgesetzte Metallnoppen hatten. Das Opfer hatte eine leere Chips-Tüte in einen Papierkorb geworfen, der, so die beiden Schläger, "nur für Deutsche" da sei.
In Leipzig wurde eine Schülerin, 11, von Gleichaltrigen zusammengeschlagen. Zur Begründung erklärten die Täter, das Mädchen sehe aus "wie eine Türkin".
In vielen Schulen Mecklenburg-Vorpommerns, berichtet Schulrat Dieter Albrecht aus Bad Doberan, sei es inzwischen unmöglich geworden, im Unterricht über Ausländerhaß zu reden. Den Lehrern werde einfach das Wort abgeschnitten: "Was soll das, die Türken klatschen wir doch auf."
Prügeleien auf dem Schulhof gab es schon immer. Doch nie zuvor haben Kinder so erbarmungslos um sich geschlagen. In manchen Schulen registriert die Polizei sogar kriminelle Banden von Gewalttätern.
"Es wird anders zugeschlagen als früher", hat Willi Pietsch vom Stuttgarter Polizeidezernat für jugendspezifische Gewaltkriminalität beobachtet. Noch vor zehn Jahren, glaubt der Beamte, hätten Jugendliche von einem Unterlegenen abgelassen, der aus der Nase geblutet oder eindeutige "Ergebenheitszeichen" gegeben habe. Pietsch: "Heute ist das der Startschuß, seinen Gegner fertigzumachen, ihn ,einzustiefeln', wie die Jugendlichen das nennen."
Die Gewalttätigkeiten unter Schülern aller Schulformen hätten nicht nur zugenommen, es sei auch von "einer anderen Qualität der Tätlichkeiten" zu sprechen, heißt es in einer Untersuchung des Staatlichen Schulamts der Stadt Frankfurt. Die Behörde hatte die 158 Schulen der Stadt aufgefordert, über Fälle von Gewalt zu berichten.
Daraufhin meldeten Lehrer 130 Vorkommnisse, die, so der Bericht, "über das normale Maß kindlicher Auseinandersetzungen" hinausgehen. Erschreckend sei die "zunehmende Brutalität, die keine Hemmschwellen mehr kennt und zu teilweise schweren körperlichen und seelischen Verletzungen führt".
In anderen Großstädten geht es nicht friedlicher zu. "Aggressives Verhalten, seelische Deformation und vermindertes moralisches Urteilsvermögen", kritisiert der Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Albin Dannhäuser, seien in den Schulen kaum mehr beherrschbar.
Ähnlich das Ergebnis einer Umfrage unter Hamburger Schulen, die letzte Woche veröffentlicht wurde: Jede zweite meldete, daß Gewalttaten einzelner in den letzten drei Jahren zugenommen haben. 56 Prozent der Schulen berichteten der vorgesetzten Behörde von Nötigung, Erpressung und Körperverletzung, von der gewaltsamen Entwendung von Wertsachen und von sexueller Bedrohung, begangen durch Schüler.
Bei den Delikten macht Pädagogen vor allem die Kaltblütigkeit zu schaffen, mit der manche Youngster zu Werke gehen. In einer Frankfurter Grundschule knallte beispielsweise ein sieben Jahre altes Mädchen eine Gleichaltrige so lange gegen die Wand, bis das Kind ohnmächtig zusammenbrach.
Die Folgen solcher Exzesse hinterlassen bei den Opfern oft lebenslange Spuren. An der Schule des mecklenburgischen Ostseebades Rerik wurde einem Schüler bei einer Prügelei das halbe Ohr abgerissen; in Saarbrücken hielten Hauptschüler einen Kameraden fest und verbrannten ihm eine Hand.
Das ganze Ausmaß der Gewaltexplosion an den Schulen ist lange verborgen geblieben, weil Schulbehörden und Lehrer aus Angst, ihre Hilflosigkeit gegenüber den Kleinen zugeben zu müssen, gemauert haben. "Die Oberen", klagt der inzwischen pensionierte Münchner Schuldirektor Michael Lösch, 62, "sind wie die drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen."
Vor allem nichts sagen. Schuldirektoren und Lehrer fürchten allzuoft, Berichte über Gewalt an ihren Anstalten könnten deren Ruf ruinieren. "Ein bißchen gefiltert", sagt der Hamburger Schulpsychologe Michael Grüner, werde beim Thema Gewalt überall.
Offenkundig ist die böse Stimmung in den Klassenzimmern erst geworden, seit die Gutwilligen unter den Schülern ganz offen zur Gegenwehr greifen.
Die Gewalt unter den Jüngsten setzt einen "elenden Kreislauf", so der Stuttgarter Polizist Pietsch, auch bei denen in Gang, die nicht zu den aggressiven Kindern gehören. Reizgas, Schreckschußwaffen und Schlagketten gehören für viele, vor allem für die Jungen, längst ebenso zum Alltag wie das Trainieren irgendeiner Kampfsportart.
Als die Schülervertretung der Frankfurter Ziehen-Schule in einem anonymen Fragebogen wissen wollte, wer Waffen besitze, gaben 38 Prozent der Gymnasiasten zu, bewaffnet zu sein.
"Beunruhigende Indikatoren der Eskalation" fand Harry Dettenborn, Professor am Institut für Pädagogische Psychologie der Ost-Berliner Humboldt-Universität, bei einer Befragung von 2553 Schülerinnen und Schülern in Ost- und West-Berlin. Rund 40 Prozent der Mädchen und Jungen, die angaben, schon einmal Opfer von Aggressionen gewesen zu sein, und die fürchteten, die Feindseligkeiten könnten zunehmen, rüsteten auf. 17 Prozent der Gewaltopfer räumten ein, jetzt auch selbst häufiger Gewalt gegen andere auszuüben.
Manchmal sind es Mißverständnisse oder auch Langeweile, die blindwütiges Umsichschlagen auslösen. "Die rasten einfach aus", hat der Frankfurter Religionslehrer Stephan Steier beobachtet, "und die Aggression ist auf keinerlei erkennbare Ursachen zurückzuführen."
Die scheinbar grundlose Wut sitzt tief - beunruhigend tief. Es sei, berichten Lehrer an Frankfurter Schulen, in vielen Fällen "außerordentlich schwer oder sogar unmöglich", Schülern das Unrecht brutalen Tuns einsichtig zu machen.
Vielen Kindern, ergänzen Pädagogen der Leinebergschule im niedersächsischen Göttingen, scheine das "Hineinfühlen in andere Menschen zu fehlen". Eine wachsende Zahl unter den Grundschülern habe eine "stark geprägte Ich-Orientierung" und sei durch Gespräche nicht mehr zu erreichen.
Für bestimmte Jugendliche, so der Pädagoge Gernot Jochheim auf einer Dienstbesprechung in der Berliner Schulbehörde, sei es eben besser, "negative Erlebnisse zu haben als gar keine". Sie habe oft den Eindruck, bestätigt Monika Högner, Lehrerin an einer Gesamtschule in Kiel, viele allein gelassene Kinder seien "gefühlsmäßig schon so abgestumpft", daß sie sich "beweisen wollen, ich fühle noch was".
Verantwortlich für die Not des Nachwuchses machen Pädagogen und Psychologen vor allem die desolate Situation vieler Elternhäuser.
Massenarbeitslosigkeit in den ostdeutschen Ländern wirkt zerstörerisch auf die Familien. Väter und Mütter, die selbst den Boden unter den Füßen verlieren, weil sie keine Aufgabe und kein Geld mehr haben, können sich nur noch unzulänglich um ihre Kinder kümmern.
Doch der Wohlstand im Westen produziert nicht minder verwahrloste Kinder. "Es kommt vor, daß Eltern ihr Kind krank in die Schule schicken, nur damit es versorgt ist", berichtet Wolfgang Reichherzer, Leiter einer Stuttgarter Hauptschule. Reichherzer: "Wir haben heute wesentlich mehr allein gelassene Kinder."
Über zwei Millionen Kinder leben in der Bundesrepublik mit nur einem Elternteil, meist der Mutter. In Großstädten wie Hamburg hat schon jedes zweite Kind geschiedene oder getrennt lebende Eltern. "Die Gewalt, die denen angetan wird, wenn Vater und Mutter auseinandergehen", sagt der Hamburger Gesamtschullehrer Gerd Augustin, "tragen die natürlich in die Schule."
Montags seien viele Schüler besonders aggressiv und selbstzerstörerisch, hat Dieter Merten, Leiter einer Gesamtschule in Hamburg-Wilhelmsburg, beobachtet, die "haben am Wochenende das Familienelend geballt miterlebt".
"In den letzten zwei Jahren", so Waltraud Loch, die an einer Hauptschule im Kieler Stadtteil Gaarden als Beratungslehrerin für schwierige Kinder arbeitet, "hat mich am meisten belastet, daß schwierige Schüler in der Familie überhaupt nur Negativ-Vorbilder finden."
Da ist der 13 Jahre alte Junge, der erzählt, er könne abends oft nicht einschlafen, weil der Lebensgefährte der Mutter Pornovideos zu laut abspiele. Wenn der Stiefvater auch noch betrunken sei, schlage er die Mutter. "Ich wünsche mir", so der Junge, "er wäre tot."
Da ist die 16jährige, die während des Unterrichts in einer Frankfurter Gesamtschule den Kopf nicht von den Armen auf dem Tisch nehmen will. Nach der Stunde erzählt sie verschämt, sie habe bis morgens um fünf am Bett bei der Mutter gesessen, die vom angetrunkenen Vater zusammengeschlagen worden sei.
Und da ist die 14 Jahre alte Schülerin, deren Mutter von der Pädagogin Waltraud Loch in die Schule gebeten wurde, weil das Kind über Selbstmord gesprochen hatte. Sie möge ihre Tochter sowieso nicht, verkündete die Mutter ungerührt im Beisein des Mädchens, "ich wäre froh, wenn ich sie nicht hätte".
Kein Wunder, daß viele Kinder, wie Waltraud Loch beobachtet hat, "im Leben keinen Sinn mehr sehen" und jedes Selbstwertgefühl verloren haben. Die erleben dann, so der Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle im Berliner Bezirk Tempelhof, Rolf Hensel, "ein Stück Zufriedenheit" und ein "verrücktes Quentchen Stolz", wenn sie wenigstens "jemandem eins in die Schnauze" gehauen haben.
Aber auch Kinder aus vermeintlich intakten Familien sind manches Mal nur arme Würstchen, die statt emotionaler nur materielle Zuwendung erfahren. "Orientierungswaisen" nennen Sozialwissenschaftler Heranwachsende, die zu Hause keine Werte vermittelt bekommen, auch weil ihre Eltern antiautoritäre Erziehung mit Nichterziehung verwechseln.
Als der Frankfurter Religionslehrer Steier mit Gymnasiasten einer elften Klasse über Ideale reden wollte, guckten ihn die Schüler "nur ganz groß an" - unter Idealen konnten sie sich nichts vorstellen.
Bei der Vermittlung von Werten habe, so Steier, deshalb längst das Fernsehen die verwaiste Stelle der Familie eingenommen - eine Scheinwelt, die vor allem die Botschaft transportiere, "haste was, biste was", und die, so der Hamburger Medienforscher Hans-Dieter Kübler, suggeriere, "wer etwas erreichen will, muß schon mal zulangen, darf nicht zimperlich sein".
Bis zu 70 Mordszenen bieten die TV-Sender täglich - vor 15 Jahren brauchte das Fernsehen für 80 Tote immerhin noch eine Woche. Im Abendprogramm flimmert "die größte Ballung körperlicher Gewalt", so ein Experte vom Bundesjugendministerium, ausgerechnet zwischen 18 und 20 Uhr über die Bildschirme, wenn die meisten Kinder vor dem Fernseher sitzen.
Aber selbst noch eine Stunde vor Mitternacht, wenn auch jugendgefährdende Horrorfilme ins Puschenkino Einzug halten, schaut nach einer Studie des Utrechter Professors Jo Groebel immer noch bis zu eine halbe Million Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren zu.
Daß diese Dauerberieselung mit Gewalt-, Action- und Horrorszenarios auf viele Kinder und Jugendliche nicht ohne Wirkung bleibt, darüber sind sich Medienforscher seit langem einig. In den Schulhöfen spielen die Schüler morgens die Schießereien nach, die sie abends gesehen haben - ausgerüstet mit fast originalgetreuen Spielzeugwaffen, die trotz aller Warnungen in immer größeren Massen produziert werden.
In vielen Filmen und keineswegs nur in Horrorvideos, kritisiert der Münchner Pädagogikprofessor Helmut Zöpfl, werde ein Menschenbild vermittelt, "in dem sich der Hinterhältige, der Gewalttätige durchsetzt". Gefährlich vor allem für Heranwachsende, denen auch zu Hause das Faustrecht als gängige Umgangsform vorgeführt wird.
Bei Auseinandersetzungen unter den Schülern sei der "Einfluß bestimmter Sportarten, die in brutalen Videofilmen gezeigt werden", etwa Karate, Taekwondo und Kick-Boxen, unübersehbar, warnte ein Frankfurter Grundschulleiter in einem Brief an das Schulamt. Viele Schüler, weiß Beratungslehrerin Loch, sehen sich Horrorfilme zusammen mit Freunden als Mutprobe an, je blutiger, desto besser.
Wer Angst zeige oder gar die Brutalo-Szenen nicht aushalte, werde als "Memme" verlacht. Waltraud Loch: "Da harren natürlich alle aus." Mit Drogen versuchen einige Schüler, die Wirkung der blutrünstigen Streifen noch zu steigern.
In Jugendgruppen gebe es zudem einen "enormen Imagegewinn", wenn sich einer auch noch selbst als Räuber und Schläger produziere, sagt Lothar Herrmann von der Frankfurter Kripo.
Diese Fehlentwicklung, fürchten Pädagogen, sei nur noch schwer zu korrigieren. Bei vielen Kindern, glaubt Werner Rothenberger vom Frankfurter Schulamt, habe schon "eine Verrückung in der Wahrnehmung" stattgefunden, die sie als positiv bewerten lasse, "was Abscheu erzeugen müßte".
Wie sehr eine solche Entwicklung außer Kontrolle geraten kann, zeigt das Beispiel USA: Probleme an den dortigen Schulen lassen die Vorkommnisse in Essen, Frankfurt oder Münster wie Lausbubenstreiche erscheinen. Anders als in der Bundesrepublik, wo es meist einzelne sind, die andere verbal und tätlich angreifen, versetzen in amerikanischen Schulen ganze Pennäler-Banden Lehrer und Mitschüler in Panik.
Viele Schulen sind mittlerweile Treffpunkt krimineller Jungdealer. Jeder fünfte US-Schüler, so das Center for Disease Control in Atlanta, bringt eine Waffe mit zum Unterricht. Drei Millionen Verbrechen in oder nahe Schulen pro Jahr registrierte der National Crime Survey - 16 000 pro Schultag.
Schulen in den Großstädten haben inzwischen für die Suche nach Waffen Metalldetektoren installiert. Auch die Schließfächer der Kinder werden regelmäßig inspiziert. In besonders gefährdeten Schulen patrouillieren zudem bewaffnete Sicherheitskräfte durch Korridore und Cafeterias.
In manchen Großstadtschulen kommen bis zu einem Drittel der angemeldeten Schüler gar nicht erst zum Unterricht, weil sie Angst vor Überfällen haben. Wer sich traut, ist von seinen Eltern oft mit einer kugelsicheren Weste ausgestattet worden.
In der New Yorker Thomas Jefferson High School, von deren Schülern 50 in den vergangenen fünf Jahren getötet wurden, gibt es seit einiger Zeit einen "Trauerraum", in dem die Pennäler Gewalt mit Hilfe von Therapeuten verarbeiten sollen.
Über Brutalität und Vandalismus klagen auch viele Lehranstalten in Großbritannien. Britische Lehrer, hat die Health and Safety Commission festgestellt, werden dreimal so häufig während der Arbeit physisch attackiert wie Angestellte jedes anderen Berufszweiges. Aggression und Zerstörungswut beschädigen selbst das Ansehen so ehrwürdiger Einrichtungen wie der Highbury Grove School im Norden Londons, zu deren Schulleitern Ex-Erziehungsstaatssekretär Sir Rhodes Boyson zählt.
Wie in Großbritannien und den USA kommen auch in Frankreich aggressive Kinder vor allem aus den tristen Armenghettos, meist Betonsiedlungen am Rande der Städte, wo es viel Frust und wenig Hoffnung gibt. Mindestens 80 Schulen werden vom französischen Innenministerium als besonders problematisch eingestuft. "Die Zunahme von Verbrechen", sagt Anne-Marie Cottenceau, Lehrerin am Gymnasium Jean-Zay in Aulnaysous-Bois unweit von Paris, "zwingt uns, die Rolle von Sozialhelfern und Eltern zu übernehmen."
Doch deutsche Lehrer sind mit dieser Aufgabe häufig überfordert. Die Pädagogen sehen sich selbst unter Leistungsdruck, der wenig Zeit für angemessenen Umgang mit bösen Buben läßt.
Was soll ein Lehrer ins Klassenbuch eintragen, der statt über die Kontinentaldrift über Alkoholismus im Elternhaus geredet hat? Wie soll er das vorgeschriebene Pensum schaffen, wenn statt über den Dreißigjährigen Krieg über eine Klassenkeilerei debattiert wird?
Vielen Psychologen gelten die meisten Schulen eher als eine Quelle des Frustes denn als ein Ort, wo Schüler das Selbstwertgefühl vermittelt bekommen, das ihnen zu Hause vorenthalten wird.
Die Schule selber, behauptet der Essener Erziehungswissenschaftler Wolfgang Hinte, löse häufig jene Aggressionen aus, die von Lehrern und Bildungspolitikern am lautesten beklagt würden. Ursache von Schülerwut sei nicht zuletzt das Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer auf der Dominanz von Erwachsenen aufgebauten Institution.
Zu den "gewalterzeugenden Faktoren" zählt Hinte das Festhalten an überholten Erziehungsprinzipien, etwa Leistungsdruck durch "fragwürdige Zensurenskalen", Zeitdruck, Sanktionen wie Strafarbeiten, Nachsitzen, Eintragungen ins Klassenbuch.
Die Paukermethoden von gestern werden den Problemschülern von heute nicht mehr gerecht. Pädagogische Konzepte aus einer Zeit, als Kinder wohlbehütet, nach sozialen Schichten sortiert, in eine geordnete Zukunft strebten, richten nach Ansicht vieler Pädagogen unter den gestreßten Kids nur Schaden an.
Die strengen Regeln von gestern, fordert beispielsweise Hinte, bedürften dringend einer Korrektur, wie sie in nichtstaatlichen Schulen schon mit Erfolg versucht worden sei. "Wer Kinder zu erzieherischen Zwecken in 45-Minuten-Rhythmen preßt und sie in kognitive, affektive und motorische Lernbereiche zerlegt", kritisiert der Professor, "darf sich nicht wundern, wenn diese Kinder das Klassenzimmer zerlegen."
Vor allem die riesigen Schulzentren lösen bei Heranwachsenden oft Aggressionen und Verlassenheitsgefühle aus. "Jeder Wartesaal auf dem Bahnhof ist ansehnlicher, als es die Räumlichkeiten in der Schule sind", kritisiert die Kieler Gesamtschullehrerin Högner.
Seit Jahren sind viele Schulen nicht renoviert worden, weil kein Geld da ist. Auch Reformen scheitern an Geldmangel. Ungehört bleiben die Hilferufe von Direktoren, ihre Einrichtung in eine Ganztagsschule umzuwandeln, um die vielen Problemkinder nicht nach der Schule sich selbst überlassen zu müssen. Chancenlos ist die Forderung, kleinere Klassen einzurichten und für schwierige Schüler Heil- und Sozialpädagogen einzustellen. "Wir fühlen uns oft total im Stich gelassen", klagte eine Grundschullehrerin im Oktober 1991 auf einem Symposium des niedersächsischen Kultusministeriums in Hannover.
So macht die Schule viele Kinder aus Problemfamilien nur noch aggressiver - oder verzweifelter.
Eine Befragung von rund 5000 Heranwachsenden durch die Kinderklinik Wuppertal ergab, daß mehr als 70 Prozent der Schüler unter Kopf- und Bauchschmerzen leiden, weil sie zu Hause Ärger haben und in der Schule nicht klarkommen. Eine wachsende Zahl von Kindern wird mit Medikamenten ruhiggestellt.
In ihrer Not richten viele Schüler die Aggressionen gegen sich selbst. 60 Pennäler pro Schultag versuchen, sich das Leben zu nehmen. Jedem zehnten davon gelingt es.
Schule müsse wieder zum wesentlichen Bestandteil des sozialen Umfeldes werden und nicht eine Anstalt zur Auslese und Chancenverteilung, für Wettbewerb und Unsolidarität, fordert der Heidelberger Kriminologe Thomas Feltes in einer Expertise für die Gewaltkommission der Bundesregierung.
Leicht gesagt. Die pädagogischen Konzepte, Frieden an den Schulen zu schaffen, sind bislang recht schlicht.
So ließen Lehrer an Schulen in Hamburg und Kiel Sandsäcke aufhängen und Matratzen hinstellen - Notbehelf für ausrastende Schüler.

DER SPIEGEL 42/1992
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