12.10.1992

HandballRechts überholt

Wir-Gefühl und Vereinspathos genügen nicht mehr: Die Ära des Provinzklubs VfL Gummersbach geht zu Ende.
Erhard Wunderlich erinnert sich noch genau. Vor dem Europapokalspiel gegen Dukla Prag kauerten die Gummersbacher Spieler ängstlich in der Kabine, sie fürchteten den übermächtigen Gegner. Doch unmittelbar vor dem Gang aufs Spielfeld besann sich das Team auf seine Stärken - Kampfgeist und Kameradschaft. Plötzlich, so Wunderlich, "hat jeder jeden angebrüllt. Und dann haben wir die Prager mit Schaum vorm Maul weggeputzt".
Nostalgisch verklärte Heldengeschichten haben Konjunktur beim VfL Gummersbach. Je tiefer der einstige Musterbetrieb des deutschen Handballs fällt, desto inbrünstiger wird derer gedacht, die einer Kleinstadt im Oberbergischen zu Weltruhm verhalfen: Der zwölfmalige Deutsche Meister schwebt in akuter Abstiegsgefahr. Düster ahnt Hans-Günther ("Hansi") Schmidt, der die Legende vor 25 Jahren mitschuf, daß "der VfL diese Saison nicht überlebt".
Gummersbach sei in die "beängstigende Lage" geraten, so Ex-Nationalspieler Wunderlich, weil der Klub im Vergleich zur Konkurrenz "nur noch Hausmannskost" biete: Es fehlen Stars und Talente, das Management, in seinen Strukturen so angejahrt wie die Erfolge, ist nicht mehr wettbewerbsfähig.
Beim VfL wurde die Zeitenwende des Handballsports verschlafen. Geführt von Managern, denen Handball weniger Passion als vielmehr Unterhaltungsgeschäft bedeutet, schafften Provinzvereine aus Lemgo, Fredenbeck und Leutershausen den Sprung vom Feierabendverein zur Firma. Seitdem, sagt Heinz Jacobsen, Manager des THW Kiel, "ist die Ära Gummersbach vorbei".
Der Etat der Kieler schnellte in zwölf Jahren von 400 000 Mark auf 2,5 Millionen Mark, die 18 Bundesliga-Klubs setzen in dieser Saison die Rekordsumme von 30 Millionen Mark um, GmbH-Ableger sorgen für effektive Vermarktung. Dagegen stagniert das Budget des VfL bei 1,7 Millionen Mark.
Während andernorts die Hallen häufig ausverkauft sind, bleiben die Ränge in Gummersbach leer - die Fans sind von der mäßigen Spielkultur enttäuscht. Zudem muß der Verein auf die gewohnten Einnahmen aus dem Europapokal verzichten. "Die Konkurrenz", weiß der ehemalige Gummersbacher Nationaltorwart Andreas Thiel, "hat den VfL rechts überholt."
Allein Abteilungsleiter Ulrich Strombach mag in "das Krisengerede" nicht einstimmen. Stur wie Kanzler Kohl ignoriert der Rechtsanwalt die Alarmsignale und will zudem, klagt Hansi Schmidt, "den Murks noch schönreden". Mit geübtem Pathos zählt Strombach alte Erfolge auf und möchte mit der Erkenntnis zitiert werden, der Klub sei "eine harmonische Gemeinschaft".
Als erleichterten verblichene Meriten den Abstiegskampf, bemühen die Gummersbacher die Vergangenheit, als den Europapokalspielen des Star-Ensembles 14 000 Zuschauer in der ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle beiwohnten und das Fernsehen live übertrug.
Der VfL bildete den Prototyp des deutschen Vereins: Mit Wertarbeit und Wir-Gefühl stemmten sich die unbeugsamen Helden aus dem 50 000-Seelen-Städtchen Jahr für Jahr gegen die gesamte Bundesliga und obendrein gegen eine Übermacht gedrillter Staatssportler aus Moskau, Minsk oder Prag. Derart stabil kompensierte der Klub, der acht europäische Titel feierte, den Unfall des Torjägers Joachim Deckarm 1979 oder den Wechsel Wunderlichs 1983 zum FC Barcelona.
Doch das auf Ehre und Familiensinn ruhende Konzept griff nur, solange der weißhaarige Büromöbelhändler Eugen Haas wie eine Löwenmutter die Truppe zusammenhielt. Der Obmann war für Torwart Thiel "mein Ersatz-Opa", nahm neuen Spielern den Gang zum Einwohnermeldeamt ab und lauschte liebeskranken Athleten. Streitereien beendete Haas mit dem Aufruf, daß "nun alle wieder am weiß-blauen Strick ziehen". Meistens, wundert sich Thiel noch heute, "hat''s funktioniert".
Doch Vereinsmeiers Herrlichkeit wurde von der Entwicklung überrollt. Während in Gummersbach "Grabenkämpfe und Intrigenspiele" ("Sportinformationsdienst") um die Nachfolge des schwerkranken Haas tobten, prosperierte die ehedem kreuzbrave Bundesliga zur umkämpften Wachstumsbranche, in der beinahe Verhältnisse wie im italienischen Fußball herrschen.
Mit hochdotierten Importspielern aus dem Ostblock, Skandinavien oder der ehemaligen DDR gilt die Bundesliga als "beste Liga der Welt" (THW-Manager Jacobsen). Jahresgagen bis zu 200 000 Mark sind längst üblich.
Nicht so in Gummersbach, wo Ausländer kaum gefragt und die Bezüge der Handballer eingefroren sind. Weil _(* Erhard Wunderlich und Heiner Brand ) _(nach dem Finalsieg über ZSKA Moskau in ) _(der Dortmunder Westfalenhalle. ) Klubchef Strombach die andernorts üblichen Prämienregelungen ablehnt ("Die wird es hier nicht geben"), blutet der VfL aus. 1991 ließ er Trainer Heiner Brand und Thiel ziehen, vor dieser Saison verabschiedeten sich zwei Abwehrspezialisten, 1993 will Klaus-Dieter Petersen, letzter deutscher Nationalspieler des VfL, gehen.
Beim Anwerben neuer Kräfte fehlt indessen simpelstes Know-how. Als Vizepräsident Albrecht Lenz im Mai mit Spielern anderer Klubs "mal über die Vorzüge des VfL plaudern" wollte, erfuhr der Branchenneuling, daß Wechselgespräche gemeinhin ein halbes Jahr früher geführt werden. Nicht mal für junge Talente reicht die Anziehungskraft des VfL noch. "Heute", berichtet Thiel, "zählen Geld oder Job."
Da hat der VfL ebenfalls wenig zu bieten. Den Nachwuchs zieht es nach Magdeburg oder Großwallstadt, wo Jugendliche gezielt gefördert werden. Hameln ködert Spieler mit einem Job beim Beamtenheimstättenwerk, dem Klubsponsor. Mäzene wie Ulrich Backeshoff (Milbertshofen) oder Bodo Ströhmann (Wallau) halten mit Barem gegen. Rechtsreferendar Thiel entschied sich für Bayer Dormagen, weil "ein Großunternehmen in Zeiten der Juristenschwemme beruhigt".
Bei der Krisenbewältigung setzt Strombach auf Altbewährtes. Dem Trainer Hrvoje Horvat wurde Klaus Brand als Aufpasser zur Seite gestellt - der Teammanager, der den VfL einst als Spieler zum Ruhm führte, ist das letzte Relikt aus der guten alten Zeit.
* Erhard Wunderlich und Heiner Brand nach dem Finalsieg über ZSKA Moskau in der Dortmunder Westfalenhalle.

DER SPIEGEL 42/1992
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