19.07.1993

Radrennen

HELD IM FADENKREUZ

Der Mythos Tour de France bröckelt. In dem modernen Wirtschaftsunternehmen, das in drei Wochen 40 Millionen Mark Umsatz macht, werden keine neuen Legenden mehr produziert. Die Spitzenprofis, allen voran der Spanier Miguel Indurain, beherrschen das einstige Abenteuer wie menschgewordene Maschinen.

Die Wolken sind zum Greifen nah, der Wind kommt immer von vorn, und selbst im Juli bleibt die Temperatur hier oben nahe am Nullpunkt. Frischer Schnee liegt auf dem Denkmal von Henri Desgrange, das auf dem Galibier errichtet wurde. Er erfand die Tour de France als "grausame Prüfung für Körper und Geist".

Als erster hat sich Tony Rominger auf 2645 Höhenmeter hochgequält. Er wird diese Bergetappe wenig später gewinnen, am nächsten Tag auch die sogenannte Königsetappe, die stets über das "Dach der Tour" führt, in diesem Jahr über den Col de la Bonnette, den höchsten Paß Europas.

Der Spanier Miguel Indurain klebt am Hinterrad des Schweizers, heute so wie morgen. Über drei, vier Etappen müsse er "Indurain in den roten Bereich treiben", hatte Romingers Leibarzt seinem Schützling eingeschärft. Dann sei auch der große Favorit zu schlagen.

Zufrieden beobachtet der Generaldirektor der Tour de France aus seiner feuerroten Limousine die "Schlacht in den Alpen" (L'Equipe). Wankt der Superstar, dann hat der Ruf vom härtesten Radrennen der Welt weiter Bestand, an dem jeder große Rennfahrer eines Tages scheitert. "Die Tour", sagt Jean-Marie Leblanc, "ist stärker als ihre Helden."

Pathos ist Pflicht bei der Tour de France. Kein anderes Sportereignis lebt von seiner Aura aus Leiden und Legenden wie die dreiwöchige Hatz über Frankreichs Straßen: einsamer Kampf harter Männer gegen Schneestürme, wunde Hintern, bleierne Beine und gegen Sturzwunden, in denen Schweiß und Straßendreck brennen. Le Tour - unberechenbar wie das Wetter im Himalaja, unheimlich wie die Suche nach Atlantis, unbarmherzig wie eine Expedition zum Pol.

Doch in Wirklichkeit hat sich die Rundfahrt längst des Mystischen beraubt. Weil kein Berg mehr zu hoch ist, jede Schraube am Rennrad analysiert, jede Schweißperle von einer Kamera eingefangen wird, ist die Grauzone zwischen Phantasie und Realität verschwunden, in der einst die Legenden wucherten: Rätsel und Geheimnisse sind abgeschafft, Sensationen verkümmern zu beliebigen Sekunden des Alltags.

Früher hätten die Reporter Bruno Cenghialta Kränze gewunden, der nach einem Sturz 100 Meter vor dem Etappenziel sein demoliertes Rad schulterte, loslief und es wütend über die weiße Linie schleuderte. Heute sind solche Szenen ein paar TV-Minuten später wieder vergessen. Die moderne Tour ist rational, durchsichtig und garantiert mythenfrei.

Aus den Helden, einst Übermenschen mit unerklärlichen Kräften, sind gläserne Athleten geworden, ausgeforscht bis in ihren Stoffwechsel (siehe Grafik) und auf scheinbar grenzenlose Belastbarkeit programmiert.

Bei der Königsetappe stürmten gleich sieben Fahrer der Bergankunft entgegen, ehe Indurain und Rominger 500 Meter vor dem Ziel ihren Spurt anzogen. Und dann plauderten sie ganz entspannt in den Fernsehstudios, als hätte es diese steile Rampe mit ihren 31 Spitzkehren, die die Namen der alten Tour-Helden tragen, gar nicht gegeben. Wehmütig erinnern sich dann nicht nur die Nostalgiker, daß früher selbst Mutige ihre Anmeldung zurückzogen, wenn sie erfuhren, daß der Galibier auf der Route lag.

Je weniger neue Legenden, desto eifriger muß die Vergangenheit bemüht werden. Zum Berater hat sich Tour-Chef Leblanc den cholerischen Bretonen Bernard Hinault, 38, genommen, der fünfmal gewann und als "letzter Charismatiker" (La Liberation) gilt. Nationalheld Raymond Poulidor, 57, fährt im Troß mit und analysiert die Etappen fürs Radio, der zweimalige Sieger Bernard Thevenet, 44, kommentiert im Fernsehen.

Selbst Rudi Altig, 56, mit acht Etappensiegen einer der erfolgreichsten deutschen Tour-Teilnehmer, muß jedes Jahr aufs neue die alten Geschichten erzählen: wie der fünfmalige Sieger Eddy Merckx, 48, genannt "Der Kannibale", seine Gegner fraß, weil er keinem den Sieg gönnte; wie der magenkranke Jacques Anquetil seinen Rivalen Poulidor eine Etappe lang angrinste, um ihn zu verunsichern und an der Flucht zu hindern; wie der Holländer Fedor den Hertog den erschöpften Dietrich Thurau, der absteigen wollte, so lange beschimpfte, bis der Frankfurter auf dem Gipfel angelangt war.

Doch die Heroen von einst und ihre Anekdoten wirken wie jene Bäuerin, die, mit Erntestrauß am Straßenrand vor goldenem Kornfeld plaziert, auch in diesem Jahr wieder ein obligatorisches Motiv für die Kameras ist. Sie alle sollen den unauflöslichen Widerspruch des Profisports kaschieren: Wo es um Millionen geht, ist kein Platz mehr für Risiken, Späße und Sperenzchen, aus denen später vielleicht einmal Legenden werden.

Der Mythos Tour geht an seiner eigenen Größe zugrunde. Der Ruf von gnadenloser Härte hat aus dem Abenteuer eines Haufens Verwegener ein Wirtschaftsunternehmen mit 40 Millionen Mark Umsatz im Jahr wachsen lassen. Hier, beim wichtigsten Rennen der Saison, ermitteln die Profis ihren Marktwert; kein Giro d'Italia, keine Weltmeisterschaft reichen an Prestige und die 3,3 Millionen Mark Preisgeld der Frankreich-Rundfahrt heran. "Wer die Tour nicht gewonnen hat, ist kein Champion", weiß Weltmeister Gianni Bugno, der einmal als Dritter, einmal als Zweiter, aber nie als Sieger auf die Champs-Elysees einbog.

Doch die Aussicht, allein mit dem Tour-Sieg zum Millionär zu werden, hat den Typus eines hochspezialisierten Rennfahrers geformt, unter dem das einstige Drama Tour nun leidet. Profis, die sich nicht um alte Werte wie Mut und Schneid scheren, sondern nur ein Geschäft betreiben, bei dem sich Risiken nicht lohnen, machen keinen Tritt umsonst. "Ich fahre fürs Geld", sagt Rominger, 32. Aus Spaß würde er sich nicht aufs Rad setzen.

Prototyp der neuen Athletengeneration ist Miguel Indurain, 29: "Ich denke nur an die Tour." Der radelnde Rechner aus dem spanischen Navarra läßt Körper und Psyche von Spezialisten auf die Erfordernisse der drei Wochen in Frankreich optimal einstellen. Die Kilometer wie ein menschgewordenes Motorrad abspulend, gewann er schon in den letzten beiden Jahren. Siegten früher auch schon mal Verrückte wie die Belgier, die Bier mit Zuckerstückchen tranken, um über die Berge zu kommen, hat Indurain endgültig die Ära des Ungewissen beendet, aus der einst die Spannung erwuchs.

Die systematische Planung der Tour, die Rominger oder das amerikanische Motorola-Team bereits kopieren, hat die Macher aufgeschreckt. Denn mit seinen Triumphen aus dem Laptop bewies Indurain, daß das Heldenepos kalkulierbar ist. So wurde der Superstar der Tour zu ihrem größten Feind.

Nun muß der Mythos künstlich wiederbelebt werden. Weil Indurain, wenn überhaupt, nur am Berg zu besiegen ist, haben Leblanc und sein Stab fünf extreme Etappen in Alpen und Pyrenäen eingebaut. 46 Pässe über tausend Meter stellten sie ihm in den Weg, so als wollten die Mythenmacher der Tour um jeden Preis noch einmal den archaischen Kampf aufflackern lassen, der das Rennen berühmt machte.

Ausgelaugt vom Tourmalet, schrie der Franzose Gustave Lapine den Veranstaltern bei der Premiere 1910 zu: "Ihr Mörder! Ihr verfluchten Mörder!" Am Mont Ventoux fiel der Engländer Tom Simpson, mit Amphetaminen vollgepumpt, 1967 tot vom Rad. 1987 mußte der spätere Sieger, der Ire Stephen Roche, mit der Sauerstoffmaske zurück ins Leben geholt werden.

Die kahlen Hänge vor Augen, die Attacken der Konkurrenz im Nacken - die konzertierte Aktion des Grauens sollte Indurain schon in den Alpen zermürben. Doch der taktierte geschickt: "Ich verteidige mich nur noch. Dieser Kurs ist gegen mich konzipiert." Der für das Management tätige Hinault sprach verächtlich von einer "Ferienfahrt", jetzt hoffen alle, daß eine Indurain-Niederlage in den Pyrenäen den Ruf der Tortour de France rettet. L'Equipe, das Tour-Organ, druckte bereits die Karikatur dazu: Indurain mit Fadenkreuz auf dem Trikot.

Claudio Chiappucci, 30, wartet seit drei Jahren auf den Showdown am Steilhang. Er fuhr seit 1990 einmal als Dritter und zweimal als Zweiter über die Ziellinie in Paris. Die Gipfel erklomm der Klettermax meist als Erster, im Zeitfahren verlor der Italiener mit den kurzen Beinen dagegen regelmäßig die Tour.

In diesem Jahr hat sich Chiappucci einen roten Teufel mit Bratspieß auf den Helm gemalt und grübelt nicht lange: "Was anderes als Angriff habe ich nicht gelernt." Der "Diablo" versteht sich nicht als Manager im Sattel, sondern schlicht als Held. Diese Rolle ist seit dem Rückzug des Amerikaners Greg LeMond verwaist, der 1989 und 1990 nach einem Jagdunfall mit 30 Schrotkugeln im Körper, zwei davon in unmittelbarer Nähe des Herzbeutels, die Tour gewann.

Chiappucci ("Ich habe Schneid") gehört zu den letzten Wilden im Peloton. Er schafft zwar keinen neuen Mythos, sorgt aber zumindest für spannendes Reality-TV. Anders als Indurain, der bei elf Prozent Steigung mit unbewegter Miene auf dem Rad sitzt, macht der zähe Kleine das Leiden sichtbar: Keiner fletscht die Zähne, keiner schwitzt, ächzt, hechelt dramatischer als er.

Wenn Claudio kämpft wie vergangenen Donnerstag am 2802 Meter hohen Col de la Bonnette, leben die Heldentaten von früher auf. Er würde den Reifen mit den Zähnen von der Felge reißen wie Kurt Stöpel, als seinen klammen Fingern die Kraft fehlte. Er würde heulen wie Otto Weckerling, der nach einem Platten eine Viertelstunde auf den Materialwagen wartete. Er würde sein Rad wie Eugene Christophe 14 Kilometer durch den Schnee schleppen und die gebrochene Vorderradgabel eigenhändig in einer Dorfschmiede flicken.

Betrachtet Indurain das Gelbe Trikot des Spitzenreiters emotionslos als ein Hemd, "das ich nur einmal, beim Finale in Paris, wirklich tragen will", glaubt Chiappucci noch an die Magie des gelben Leibchens: "Wer es einmal getragen hat, der ist zum Mann geworden."

Auf diesen Initiationsritus muß der Italiener wohl verzichten. Am Galibier hatte er fast neun Minuten Rückstand auf Indurain. Als Dritter im Ziel der Königsetappe ahnte er: "Vielleicht bin ich zur falschen Zeit geboren." Y

[Grafiktext]

_161_ Merkmale eines Fahrradprofis

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DER SPIEGEL 29/1993
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