09.11.1992

WaffenFlott aufgerüstet

Kaufrausch der Militärs in Asien: Den Nahen Osten haben sie im Geldausgeben bereits übertroffen.
Es war wie einst im Kalten Krieg: Der Norden Koreas stand unversöhnlich gegen den Süden.
In Peking verlangte der Botschafter Pjöngjangs, der Süden solle das Großmanöver "Team Spirit" absagen, bei dem seit 1976 alljährlich das Zusammenwirken südkoreanischer und amerikanischer Truppen erprobt wird. Andernfalls, so der Diplomat vorige Woche, würden die Gespräche zwischen den beiden Regierungen und damit die Chancen auf eine Wiedervereinigung der geteilten Halbinsel blockiert.
Seoul wiederum, das den Norden verdächtigt, Atombomben zu entwickeln, antwortete mit einem Ultimatum: Falls Pjöngjang bis zum 21. Dezember nicht Bereitschaft zeige, seine Atomanlagen für internationale Kontrolle freizugeben, werde das Manöver wie geplant stattfinden.
Die Kraftmeierei erhellte schlaglichtartig, wie leicht der Annäherungsprozeß zwischen den verfeindeten Bruderstaaten und damit auch die Stabilität der gesamten Region zu erschüttern ist. Irritiert sind vor allem die westlich orientierten Nachbarstaaten der beiden Koreas, welche auf die fortdauernde Präsenz von US-Truppen in Fernost bauen.
Allerdings gibt es auch andere Stimmen. So meinte Taiwans Außenminister Fredrick Tschien, die USA müßten weder in Südkorea noch sonstwo Truppen stationieren. Klüger sei es, alle befreundeten Länder im Fernen Osten so reichlich mit Waffen zu versorgen, daß sie von Amerika nicht mehr verteidigt werden müßten.
Noch lange vor seiner Wahlniederlage hatte US-Präsident George Bush versprochen, den Inselstaat mit 150 Jagdmaschinen vom Typ F-16 zu beliefern - nicht so sehr aus strategischem Interesse, sondern um im amerikanischen Wahlkampf seinen Einsatz für die Arbeitsplätze beim F-16-Hersteller General Dynamics zu beweisen.
Taiwan, zu dem Washington keine diplomatischen Beziehungen unterhält, besitzt damit eines der ausgefeiltesten Verteidigungssysteme der Welt. Seine Luftwaffe kann so mit dem großmächtigen Nachbarn China mithalten, der selber aufrüstet wie nie zuvor.
Aus Rußland beziehen Pekings Strategen 60 Suchoi-Maschinen vom Typ SU-27, technisch vom Feinsten. Überdies hat sich China darangemacht, seine Kriegsmarine "zu einer schlagkräftigen Hochseeflotte" auszubauen, wie Shigeru Hatakeyama vom japanischen Verteidigungsministerium warnt. Chinesische Militärs interessierten sich sogar für einen 67 500 Tonnen großen Flugzeugträger aus der Ukraine, schreckten dann aber vor dem Preis - Hunderte von Millionen Dollar - zurück.
Die forcierte Aufrüstung des roten Riesen sorgt im asiatischen Raum für Unruhe. "Da ist es nur selbstverständlich, daß andere sich unsicher fühlen", sagt in Tokio der Militärhistoriker Shigeo Kato.
Nicht nur Chinas direkte Nachbarn, alle Staaten in Südostasien und Fernost haben, wie das Tokioter Wirtschaftsblatt Nihon Keizai Shimbun anmerkt, den bevölkerungsreichsten Kontinent "in einen gigantischen Waffenbasar verwandelt". Dabei wurde der Nahe Osten als bisher größter Absatzmarkt für Schießzeug aller Art überrundet; mehr als ein Drittel der Weltwaffenexporte geht in die wirtschaftlich erstarkte Region.
Der Zusammenbruch des Sowjetreichs gab dem Geschäft mit dem Kriegsgerät zusätzlichen Schub. Südkorea, das in den USA 120 Jäger F-16 bestellt hat, wähnt in Rußland eine zusätzliche Waffenquelle: Seouls Militärs planen, sich MiG-29-Kampfflugzeuge zuzulegen.
Auch unter Wasser wird flott aufgerüstet. Frankreich wird Pakistan mit U-Booten bedienen. Südkorea verläßt sich auf deutsche U-Boote, Taiwan dagegen auf die Mitbewerber aus den Niederlanden. Indonesien findet an der Erbmasse der Ex-DDR Gefallen und schloß mit Bonn einen Vertrag über die Lieferung von 39 Minensuch- und Schnellbooten ab.
Kein Waffenexportland kommt zu kurz. Die Philippinen orderten in Israel den Kfir-Jagdbomber und in der Tschechoslowakei L-29-Trainingsflugzeuge. Bei dem Kaufrausch will auch das reiche Sultanat Brunei nicht abseits stehen: British Aerospace soll Hawk-Flugzeuge liefern.
Auch Frankreich hofft, in Ostasien einen neuen Markt zu finden. Taiwans Militär möchte 60 Mirage 2000 (Kosten: 2,6 Milliarden Dollar) auf die Insel holen. Um die Entscheidung zu erleichtern, lockt Paris mit 20 Prozent Preisnachlaß.
Nach China und Südkorea ist Taiwan der größte Aufrüster Ostasiens. Sein Verteidigungsbudget stieg in diesem Jahr um 3,4 Prozent auf 10,77 Milliarden Dollar, das sind mehr als ein Viertel _(* Bei General Dynamics in Fort Worth ) _((US-Staat Texas). ) des gesamten Staatshaushalts und gut fünf Prozent des Bruttosozialprodukts. Vor allem die Luftwaffe soll aufgepäppelt werden. Nicht die Importmaschinen, sondern 250 in Taiwan entwickelte und produzierte Tsching-Kuo-IDF-Jagdbomber sollen künftig das Rückgrat der Luftverteidigung bilden.
Daneben muß die Kriegsmarine nicht verkümmern: "Kwang Hua" heißt das ehrgeizige Rüstungsprojekt der Admirale; es umfaßt den Bau von 14 Lenkwaffen-Fregatten. Für die erste Phase von acht Schiffen bestellt Taipeh die Schiffsrümpfe bei Werften in den USA und bewehrt sie mit selbst entwickelten Raketen. Die restlichen Fregatten sollen in Frankreich gebaut werden, die Waffensysteme allerdings wieder aus Taiwan stammen.
Doch die Gefahren wachsen mit der Ausdehnung der militärischen Apparate. "Die Modernisierung der Waffenarsenale", heißt es in einer internen Studie des japanischen Verteidigungsministeriums, "könnte eine tiefgreifende Veränderung des militärischen Gleichgewichts in der ganzen Region bewirken."
Nur die Philippinen sind wohl zu arm dran, um im kostspieligen Rüstungswettlauf mithalten zu können. Deshalb wartete das Außenministerium in Manila mit einem originellen Vorschlag auf.
Der richtete sich an den kleinen chinesischen Tiger: Da das befreundete Taiwan seine Luftwaffe komplett erneuere, könne es doch die alten F-4-Phantoms und F-104-Starfighter Manila schenken oder zumindest "besagte Artikel zu einem Freundschaftspreis verkaufen".
[Grafiktext]
_230_ Rüstungsgeschäfte mit den Ländern Süd- und Ostasiens
[GrafiktextEnde]
* Bei General Dynamics in Fort Worth (US-Staat Texas).

DER SPIEGEL 46/1992
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