09.08.1993

DenkmalschutzSchwarze Flaggen

Kulturkampf auf Helgoland: Die Inselbewohner wollen sich und ihre Quartiere nicht unter den besonderen Schutz des Landes stellen.
Der Stein des Anstoßes ragt bis zu 62 Meter steil aus der Nordsee. Den einen gilt das rote Sandsteinmassiv, genannt Helgoland, als Inbegriff reiner Erholung, mit sauberster, weitgehend pollenfreier Luft.
Andere sehen in dem monumentalen Brocken nur einen "kolossalen, steinernen Würfel, notdürftig mit Erde bedeckt", wie der Dramatiker Friedrich Hebbel vor 140 Jahren schrieb.
Hohn und Spott müssen sich Eiland und Einheimische bis in die Neuzeit gefallen lassen. Vor allem die geradezu spartanische Bebauung mit der Optik des sozialen Wohnungsbaus gibt immer wieder Anlaß zu Häme. Urlauberschnack: "Was ist der Unterschied zwischen einem Einzelzimmer auf Helgoland und einer Einzelzelle? - Die Gefängniszelle ist höher und verfügt über ein eigenes WC."
Nun droht neuer Streit das Klima zwischen Hallunnern, wie sich die Helgoländer nach friesischer Sprache nennen, und Festlandsbewohnern schwer zu belasten. Beamtete Denkmalpfleger aus der entlegenen Landeshauptstadt Kiel wollen den Insulanern ihre Freizügigkeit beschneiden und Teile der Insel unter Denkmalschutz stellen - gegen den Widerstand der trutzigen Friesen, die sich weder beim Bauen noch beim Renovieren dreinreden lassen mögen.
Insgesamt 47 Einrichtungen und Gebäudeblöcke, rund zehn Prozent der Inselbebauung, sollen künftig besonderen Schutz genießen, zahllose weitere Bauten als einfache Baudenkmale möglichst unbeschadet konserviert werden.
Eine Zielplanung des Landesamtes für Denkmalpflege weist vor allem die farbigen Hummerbuden der Fischer am Binnenhafen, rund 120 inseltypische Reihenhäuser in bester Lage, aber auch das Rathaus sowie das baufällige Kurhaus und Kurhotel als "Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung" aus.
"Wo bleibt die Demokratie?" empört sich der Vorsitzende des Helgoländer Fremdenverkehrsvereins, Horst Weddig: "Kein Haus sollte ohne Absprache mit den Besitzern in den Katalog aufgenommen werden, doch es passiert das Gegenteil - peng, peng." Aus Protest setzten Hausbesitzer und Pensionswirte sogar wieder, wie zu Zeiten des Freibeuters Claus Störtebeker, schwarze Flaggen auf der Insel.
Dabei kommt der Kieler Überfall auf den Fusel-Felsen in der Nordsee, der wegen seiner Zollfreiheit etwa für Schnaps und Zigaretten jährlich allein von gut 720 000 Tagesbesuchern angelaufen wird, keineswegs überraschend. Seit fünf Jahren schon mühen sich die Denkmalpfleger, das mancherorts hinfällige und vielfach ungewöhnliche Stadtbild besonders zu schützen.
Nach den Zerstörungen des Krieges und der Sprengung der Insel durch britische Militärs 1947 fanden sich zurückgekehrte Bewohner, Stadtplaner und Architekten in einer Aufbau-Gesellschaft zusammen. Anfang der fünfziger Jahre beschlossen sie einen eigenwilligen Wiederaufbau.
Dichtgeduckt entstanden entlang enger Gassen kleine, vielfarbige Wohnhäuser. Dieses "Architekturensemble", lobt der oberste Denkmalschützer des Landes, Johannes Habich, sei "in Deutschland ohne Beispiel".
Die skandinavisch geprägte Siedlung, nach den damals gültigen Maßstäben des sozialen Wohnungsbaus errichtet, ist in speziellen Farbtönen gehalten. Der Hamburger Maler und Zeichner Johannes Ufer, kurzzeitig Schüler von Käthe Kollwitz und Max Liebermann, entwarf eigens einen "Generalfarbplan" mit 14 kombinierbaren Farben, vorzugsweise Gelb-, Rot-, Blau- und Grüntöne. Helgoland wurde so zum "einzigen Beispiel" des deutschen Wiederaufbaus, stellte der Fachautor Ulrich Höhns fest, "für die eine von einem Künstler ausgearbeitete Farbsatzung verbindlich vorgeschrieben" gewesen sei.
Viele dieser Eigenheiten haben sich längst verflüchtigt. Fassaden wurden von den Hausbesitzern eigenhändig ausgebessert oder, mal mit Eternit, mal mit Plasteverschalungen, notdürftig verkleidet. Typische Fenster und Türen mußten vermeintlich schniekeren Modellen, Marke Friesenbarock, weichen. Häuser wurden durch Flachdachanbauten oder Dachgauben "verunstaltet", klagen die Denkmalschützer.
Die Helgoländer aber wollen den Schutz auf wenige Objekte beschränkt wissen, etwa auf Rathaus, Leuchtturm, Hummerbuden oder die Gedenkstätte für Hoffmann von Fallersleben, der auf der Insel 1841 den Text des späteren Deutschlandliedes entwarf.
Alles weitere gilt den Hallunnern als suspekt. "Überzogener Denkmalschutz" ist das nach Ansicht von Bürgermeister Franz-Josef Baumann, 52, der "eine positive Entwicklung Helgolands über Jahrzehnte hinaus" behindert sieht. Gemeint ist vor allem die "dringend notwendige Modernisierung" (Baumann) der Privatquartiere, Pensionen und kleinen Hotels, die Helgoland den Touristenboom erhalten soll.
Die Pläne machten "die gesamte Vermietung abhängig von Entscheidungen des Denkmalschutzes", kritisiert Hotelier Detlef Rickmers.
Die sind nicht nur den Einheimischen schwer zu vermitteln. Denn, so Rickmers, ob inseltypisch oder nicht: "Friesentüren und Butzenscheiben, das ist doch das, was die Gäste suchen." Y

DER SPIEGEL 32/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 32/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Denkmalschutz:
Schwarze Flaggen

Video 00:26

Südafrika Überraschungsgäste am Pool

  • Video "Unkluge Aktion: Tourist provoziert Strauß" Video 00:39
    Unkluge Aktion: Tourist provoziert Strauß
  • Video "Auszug aus Telefonmitschnitt: Omarosas Schweigegeld-Vorwurf gegen Trump" Video 01:30
    Auszug aus Telefonmitschnitt: Omarosas Schweigegeld-Vorwurf gegen Trump
  • Video "Monsunkatastrophe in Indien: Premier Modi besucht Krisengebiet" Video 01:08
    Monsunkatastrophe in Indien: Premier Modi besucht Krisengebiet
  • Video "Marcelos Tricktreffer: Hinterm Tor, Innenpfosten und rein" Video 00:29
    Marcelos Tricktreffer: Hinterm Tor, Innenpfosten und rein
  • Video "Lkw-Fahrer überlebt Katastrophe von Genua: Ich war unter der Brücke." Video 01:14
    Lkw-Fahrer überlebt Katastrophe von Genua: "Ich war unter der Brücke."
  • Video "Nach Katastrophe in Genua: Ortstermin an der Rader Hochbrücke" Video 02:31
    Nach Katastrophe in Genua: Ortstermin an der Rader Hochbrücke
  • Video "Video veröffentlicht: Tödlicher Feuertornado in Kalifornien" Video 01:06
    Video veröffentlicht: Tödlicher "Feuertornado" in Kalifornien
  • Video "Unglaublicher Leichtsinn: Tourist macht Selfie mit Braunbären" Video 01:30
    Unglaublicher Leichtsinn: Tourist macht Selfie mit Braunbären
  • Video "Amerikanisch-türkisches Verhältnis: Diesen Konflikt werden Trump und Erdogan nicht alleine lösen können" Video 00:00
    Amerikanisch-türkisches Verhältnis: "Diesen Konflikt werden Trump und Erdogan nicht alleine lösen können"
  • Video "Ekstase in Bukarest: Last-Minute-Tor bringt Steaua weiter" Video 01:41
    Ekstase in Bukarest: Last-Minute-Tor bringt Steaua weiter
  • Video "Beinahe-Katastrophe: Auto kreuzt Flugzeug auf Startbahn" Video 00:34
    Beinahe-Katastrophe: Auto kreuzt Flugzeug auf Startbahn
  • Video "Heck von US-Kriegsschiff gefunden: Wir haben 71 verlorene Seelen entdeckt" Video 02:01
    Heck von US-Kriegsschiff gefunden: "Wir haben 71 verlorene Seelen entdeckt"
  • Video "Einmaliges Naturspektakel: Rund 200 Seeadler treffen sich zum Fressen im Peenetal" Video 01:22
    Einmaliges Naturspektakel: Rund 200 Seeadler treffen sich zum Fressen im Peenetal
  • Video "Nach Brückeneinsturz: Notstand für Genua ausgerufen" Video 01:00
    Nach Brückeneinsturz: Notstand für Genua ausgerufen
  • Video "Südafrika: Überraschungsgäste am Pool" Video 00:26
    Südafrika: Überraschungsgäste am Pool