16.08.1993

Nostalgie

Rollende Zeitmaschine

Frohe Kunde für Snobs und Eisenbahn-Freaks: Historische Züge wie der Orient-Express nehmen ihren Dienst wieder auf.

Der Perron des Düsseldorfer Hauptbahnhofs war mit blauem Teppichboden ausgelegt, und die Blaskapelle intonierte, dem trüben Wetter trotzend, "Wochenend und Sonnenschein". Verblüffte Pendler, auf dem Heimweg nach Kettwig oder Mönchengladbach, bestaunten eine altmodisch kostümierte Champagner-Gesellschaft, die an Gleis 20 in anglophiler Maskerade auf eine rollende Zeitmaschine wartete.

Nonchalant nippten blaßgeschminkte Ladies in Zwanziger-Jahre-Tüll und knöchelhohen Stiefeletten an ihren Kelchen. Souverän ignorierten geckenhafte Pfeifenschmaucher mit karierten Mützen, Knickerbockern und cremefarbenen Capes die Lichtgewitter der Kameras und die fröstelnden Schaulustigen in den bunten Kaufhaus-Anoraks.

Dann kam der Zug. Auf seinen nachtblauen Waggons prangte, oberhalb der Kurbelfenster, in erhabenen Messinglettern der Name "Venice-Simplon-Orient-Express". Livrierte Lakaien halfen beim Verstauen von Louis-Vuitton-Koffern und geleiteten die Passagiere in ihre Abteile, deren Mahagoni-Täfelung und Art-Deco-Intarsien mit fünf feuerhemmenden Schellackschichten versiegelt worden waren.

Um 17.52 Uhr gewann dieses Wunder langsame Fahrt und entschwand gen Zürich, St. Anton, Simplon-Tunnel und Venedig. Und während ein Pianist im Barwagen unaufdringlich Evergreens tupfte, rüsteten die Ehrengäste für das Festdiner (die Bestecke wurden nach 90 Jahre alten Entwürfen gefertigt) auf Abendgarderobe um.

"An Bord können Sie nie zu elegant gekleidet sein", hatte es geheißen, "bitte tragen Sie keine Jeans." Denn der 1883 erstmals zwischen Paris und Konstantinopel eingesetzte Orient-Express ist ein Synonym für nobles Reisen.

Derzeit verkehrt er zwar nur als Venice-Simplon-Orient-Express (VSOE) zwischen London und Venedig; der Düsseldorfer Zubringer wird in der Schweiz an den aus Westen kommenden Schwesterzug gekoppelt. Immerhin haben nun auch deutsche Snobs, seit der Premiere am 6. Mai, direkten Anschluß an die Welt der Nostalgie-Züge.

Es ist, aus touristischer Sicht, die Aktivierung eines exklusiven Marktsegments: Bald schon werden weitere historische Züge und Strecken wiederbelebt.

In Singapur startet am 19. September mit ähnlichem Brimborium vom Bahnhof Keppel Road der "Eastern & Oriental Express". Fahrzeit bis Bangkok: 41 Stunden. Distanz: 1943 Kilometer. Preis für eine Präsidentensuite (ohne Flug): 4710 Mark. Der gewöhnliche Fernzug kostet erster Klasse, für Thais, Malaien und Globetrotter, 160 Mark, Kakerlaken inbegriffen.

Am 25. Mai 1982 fuhr der erste Zug des amerikanischen VSOE-Besitzers James Sherwood bis Venedig (SPIEGEL 22/1982). Inzwischen verkauft seine Gesellschaft jährlich mehr als 50 000 Billetts, darunter Karten für den im Edwardianischen Stil hergerichteten "Royal Scotsman", der schottische Herrensitze und Whiskybrennereien ansteuert.

Unter ähnlich zugkräftigem Label läßt auch das Schweizer Reisebüro Mittelthurgau die 15 Waggons seines "Nostalgie Orient Express" auf alt trimmen. Das kleinere Gegenstück des VSOE soll noch in diesem Herbst zwischen Moskau und Ulan Bator pendeln.

Zahlreiche deutsche Veranstalter haben Klassiker wie den mexikanischen Luxuszug "Chihuahua al PacIfico" (Fahrzeit: 15 Stunden), den südafrikanischen Kolonialzug "Blue Train" oder dessen indisches Pendant "Palace on Wheels" im Angebot.

Die Salon- und Speisewagen des "Viceroy Special" (Baujahr 1928) kurven 800 Kilometer durch die Bergwelt Sri Lankas, als wäre der Bürgerkrieg kein Thema. Der häufig überfüllte "Twilight Express", ausgestattet mit lila Polstern, gilt als japanische Antwort auf den Orient-Express und verbindet Sapporo mit Osaka. Und die Chinesen wollen den Privatzug Mao Tse-tungs zu Fahrten auf der Strecke Schanghai-Xinjiang reaktivieren.

Sogar die finanzschwache Deutsche Bundesbahn ließ sich zu Investitionen auf dem Luxussektor beflügeln: Angeregt vom "Al Andalus Expreso", der in Sevilla, Cordoba, Granada und Malaga hält, bestellte sie beim spanischen Unternehmen Patentes Talgo SA vier Zuggarnituren für zusammen 104 Millionen Mark. Die ersten Talgo-Hotelcoupes werden Ende Mai 1994 Hamburg und Wien verbinden.

Mit der Anziehungskraft klangvoller oder schillernder Namen macht die Deutsche Reichsbahn bereits seit 1991 gute Erfahrungen. Im ehemaligen "Honecker-Zug" der DDR-Nomenklatura fuhren vergangenes Jahr 2600 Touristen und Heimatvertriebene nach Königsberg.

Wer sich in russischen Breitspurwagen bis St. Petersburg durchschlägt, kann dort den frisch aufgemöbelten "Kalinka-Express" Richtung Moskau besteigen. Die früher als "Bonzenzug" geschmähte Bahn wurde für die Devisen-Kundschaft mit Videosystemen, Sauna und rollender Diskothek ausgerüstet, bietet aber nach Recherchen von Touristik Aktuell auf den Toiletten nur "Jugendherbergsstandard".

Eine historische Preziose auf Rädern ist allerdings unwiederbringlich verloren und auch mit kundiger Hilfe nicht mehr zu erneuern: der legendäre Waggon 2419 des alten Orient-Express.

In einem seiner Abteile wurde 1918 in Compiegne das Ende des Ersten Weltkriegs besiegelt, Staatssekretär Matthias Erzberger mußte die Kapitulationsurkunde unterfertigen. Als Denkmal stand der Wagen daraufhin in Invalides bei Paris; 1940 zwang Hitler die Franzosen im selben Waggon 2419 zur Kapitulation.

Fünf Jahre später zeichnete sich das Ende des Tausendjährigen Reiches ab, und eine SS-Einheit zerstörte den Wagen - sie wollte eine schmachvolle dritte Verwendung verhindern. Y


DER SPIEGEL 33/1993
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