23.11.1992

TheaterWäsche von der Leine

Unter dem Slogan „Kultur gegen Gewalt“ gastiert das mazedonische Roma-Ensemble „Pralipe“, das jetzt in Mülheim lebt, erstmals in den Ost-Ländern der Republik.
Neben dem Pech an sich, Ossi zu sein, haben die Deutschen im Osten neuerdings noch das Pech, als besonders ausländerfeindlich zu gelten. Man muß sich schämen, Nachsitzen tut not, Gesinnungsexerzitien für Gleichgesinnte sind vielerorts im Angebot - doch es ist da auch ein Wanderspektakel unterwegs, das nicht an Zerknirschungsbereitschaft appelliert, sondern an Neugierde, Schaufreude, Lust.
Ein leuchtend roter Feuerlöscher prangt in ostdeutschen Städten auf Plakaten mit dem Slogan "Kultur gegen Gewalt", und darunter lockt der Spruch, der bekanntlich dazu rät, die Wäsche von der Leine zu nehmen: "Die Zigeuner sind wieder da!"
So wirbt das Theater "Pralipe", das einzige europäische Roma-Theater, das aus dem jugoslawischen Mazedonien stammt und nun sein Quartier an der Ruhr hat, für seine erste Tournee durch die neuen Bundesländer. Wer guten Willens ist, auch in Frankfurt an der Oder oder Hoyerswerda, soll - zum Einheitspreis von acht Mark - erleben können, was das angeblich diebische Gesindel an Stolz, Artistik und künstlerischem Temperament zu bieten hat.
Finanziert wird die Tournee des Roma-Ensembles, die Mitte November in Chemnitz begann und Ende Dezember in Rostock endet, vom Land Nordrhein-Westfalen, gespielt wird GarcIa Lorcas Leidenschaftstragödie "Bluthochzeit".
"Pralipe" ist keine Folklore-Truppe. Im Repertoire sind zur Zeit, neben GarcIa Lorca, Shakespeares "Othello" sowie, zu einem Abend gerafft, "Sieben gegen Theben" von Aischylos und "Antigone" von Sophokles. Die "Bluthochzeit" ist die Erfolgsnummer; offenbar schafft sie es am wirksamsten, ein Publikum, dem die herbe Melodik der Romanes-Sprache fremd bleibt, in Bann zu ziehen - durch ihre Bildkraft, ihre Musikalität, durch den Rhythmus ihrer balladenhaften Erzählweise. Das Einfache ist das Spektakuläre.
Es gibt keine Roma-Tradition, auf die sich dieses Theater berufen könnte. Es ist einzigartig, weil es nur durch unentwegte Selbsterfindung und Selbstbehauptung fortexistiert. Daß es einen verschütteten Stolz der Roma auf ihre Kultur gebe, der nur erweckt werden müsse, damit ihre Kunst aufblühe, behauptet der umtriebige Enthusiast, dessen Werk dieses Theater ist. Er heißt Rahim Burhan, er ist ein bärenhafter Mittvierziger, der verschmitzt hinter dem dichten Gestrüpp seines Bartes hervorschaut, dabei eine umarmende Wärme ausstrahlt, und er verfolgt seit über 20 Jahren unbeirrbar seinen großen Traum vom Roma-Theater.
Burhan ist in jener verslumten Vorstadt des mazedonischen Skopje aufgewachsen, wo annähernd 40 000 Roma leben, die meisten Moslems, und er hat dort früh angefangen, Mitschüler oder Freunde durch missionarischen Kunsteifer zu Verbündeten zu machen.
Was sich so bildete, war ein bei allem Ehrgeiz eher amateurhafter, studententheaterhafter Trupp, doch Burhans erste große Produktion, eine Roma-Mythenphantasie, geriet auffällig genug, daß sie zu zwei ausländischen Theaterfestivals eingeladen wurden. Der lokale Roma-Kulturverein "Pralipe" ("Bruderschaft"), sonst für Folklorepflege zuständig, unterstützte die junge Schar, die deshalb noch heute so heißt, und Burhan arbeitete hartnäckig an der Professionalisierung der Seinen.
Dennoch blieb das Ensemble auch im Völkerwirrwarr Skopjes eine Exotentruppe, die nie von ihrer Kunst satt werden konnte, und ohne Basis für kontinuierliche Arbeit. Gewinne aus einer Schuhmacherwerkstatt und einem Frisiersalon halfen, den Betrieb aufrechtzuhalten; Haupt-Auftrittsort blieb ein Saal im "Haus der Jugend", der auch türkischen und albanischen Volkstanzgruppen diente; unregelmäßige Subventionen gab es vielleicht nur, weil Burhans Schar bei Auslandsgastspielen gefeiert wurde. Ein Teil ihrer Kunst war nackte Überlebenskunst.
Daß aber nun, da im zerfallenen, grausig zerrissenen Jugoslawien an kein Überleben mehr zu denken wäre, diese Schar im Ruhrgebiet Unterschlupf gefunden hat, ist Roberto Ciullis Tat.
Ciulli, der Italiener, der in Mülheim seit gut einem Jahrzehnt ein unkonventionelles städtisches Theater ohne Stadttheater-Ballast betreibt, war schon immer besonders neugierig auf multikulturelle Wirkungsmöglichkeiten der Bühne. 1986 und 1987 war die "Pralipe"-Truppe in Mülheim zu Gast, und Ende 1990 kam sie für ein Vierteljahr wieder, um eine neue Produktion zu erarbeiten und zu präsentieren, die dann auf Tournee zurück nach Jugoslawien ging. Das war GarcIa Lorcas "Bluthochzeit".
Daß es zu Hause aber keine Zukunft mehr gäbe, war wohl abzusehen, und Ciulli erkämpfte seinen Freunden eine Bleibe in Nordrhein-Westfalen: Seit September 1991 ist Burhans Ensemble dem Theater an der Ruhr angegliedert und bekommt vom Land einen Jahreszuschuß von 400 000 Mark - das Existenzminimum für einen Künstler-Clan, der mit Kind und Kegel etwa 35 Personen umfaßt. Etwa das Doppelte spielen sie durch Tourneen ein.
Natürlich ist die Förderung dieses Ensembles auch eine Paradoxie in einem Land, das zur selben Zeit Millionen aufwendet, um für ein paar hundert heimkehrwillige Roma in Skopje Häuser zu bauen, und natürlich machen auch die "Pralipe"-Leute ihre Erfahrung mit den Widersprüchen der Ausländerpolitik: Zwei inzwischen volljährig gewordene Kinder aus der Gruppe sollen nach Mazedonien zurückgeschickt werden.
Rahim Burhan, ein ausschweifend gebildeter Autodidakt, der ein halbes Dutzend Sprachen spricht, aber nicht Deutsch, ist ein Schwärmer, kein Streiter in ausländerpolitischen Grundsatzdebatten. Er krault seinen Bart, wenn er sich nach der Vorstellung dem Gespräch mit dem Publikum stellt, und bekennt, daß ihn die Tournee durch die neuen Bundesländer einfach als schöne Chance freut, für Kraft, Eigenart, Selbstbewußtsein der Zigeunerkultur zu werben. Seine Ästhetik, die nach Feierlichkeit, Strenge, archaischer Großartigkeit strebt, hat vielerlei Ursprünge; er selber verweist gern auf das indische Kathakali-Theater - in Indien liegt schließlich die Ur-Heimat der Zigeuner, und wenigstens einmal möchte er mit seinem Ensemble dorthin heimkehren.
Sein Theater ist nicht literarisch. Es wirkt durch Bildhaftigkeit, expressive Körpersprache und Melodramatik. Doch auf seiner Ost-Tournee fand es einmal sogar, was es sonst oft entbehren muß: sprachkundiges Publikum. In Leipzig hatte die städtische Ausländerbeauftragte ein Grüppchen mazedonischer Roma aus einem Asyl ins Theater mitgebracht.

DER SPIEGEL 48/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Theater:
Wäsche von der Leine

  • LKW außer Kontrolle: Rettung in letzter Sekunde
  • Showeinlage auf Premierenfeiern: Wenn Aquaman den Haka tanzt
  • Videoanalyse: Was das Votum für May bedeutet
  • Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung