23.11.1992

Aids-Viren auf Rezept

In Deutschland ist, wie in Frankreich, jeder zweite Bluter durch Medikamente mit dem Aids-Virus infiziert worden. Auch hier hätte die Katastrophe vermieden werden können. Warum gilt in Deutschland nur als tragischer Unfall, was in Frankreich Justiz, Politik, Sozialistische Partei und die Pariser Forscher-Elite in eine Krise stürzt?
Laurent Gaudin war elf Jahre alt, als er starb. Und ganz Frankreich sah zu. Die Videokamera seines Vaters hatte seinen langsamen Aids-Tod dokumentiert: wie er abmagerte; wie Flecken sein Gesicht entstellten; wie die Lebensfreude aus seiner Stimme wich. Jetzt kämpft sein Bruder Stephane, 15, mit der Seuche.
Als das französische Fernsehen zur besten Sendezeit die Chronik von Laurents angekündigtem Tod ausstrahlte, war das Urteil im Pariser Bluter-Prozeß noch nicht gesprochen. Doch längst stand für alle Zuschauer fest: Laurents Tod war ein Verbrechen, ebenso wie die Infektion von rund 1500 anderen Blutern mit tödlichen Aids-Viren. Schuldig waren karrieresüchtige Ärzte und verantwortungslose Politiker.
Seit anderthalb Jahren beherrscht der Bluter-Skandal die französischen Schlagzeilen. Für 90 Prozent der Franzosen ist "l''affaire du sang contamine", die Blut-Affäre, Politthema Nummer 1.
Drei Urteile wurden im vergangenen Monat gefällt: vier Jahre Gefängnis und 150 000 Mark Geldstrafe für Michel Garretta, 48, ehemals Leiter des staatlichen Pariser Transfusionszentrums (CNTS), vier Jahre für seinen Forschungsleiter Jean-Pierre Allain, 43, und eine Bewährungsstrafe für den früheren Chef der staatlichen Gesundheitsbehörde Jacques Roux, 69. Ihr Delikt: "Weitergabe verdorbener Ware" und "Unterlassene Hilfeleistung". Die Politiker verschanzten sich unterdessen hinter der bizarren Formel: "Verantwortlich, aber nicht schuldig."
Doch so einfach war der Skandal nicht bewältigt. Empört über das milde Urteil, protestierten die Pariser vor dem Gerichtsgebäude gegen die Kumpanei von Justiz und Politik. Jetzt soll, erstmals in der Geschichte der Fünften Republik, die "Haute Cour de Justice", ein Sondertribunal für die Amtsvergehen _(* Am 19. Juni. ) von Politikern, über die Schuld der Minister befinden. Der Sog des Skandals hat die politische Elite Frankreichs erfaßt.
In Deutschland teilen mindestens ebenso viele Bluter, wahrscheinlich noch mehr, das Schicksal des elfjährigen Laurent. Wie er leiden sie an einem erblichen Mangel an bestimmten Bluteiweißen, der dazu führt, daß ihr Blut nicht gerinnt. Wie er bekamen sie Injektionen mit Aids-verseuchten Gerinnungsfaktoren. Wie er werden sie an der Aids-Krankheit dahinsiechen - soweit sie überhaupt noch leben.
Doch sie sterben allein. Ihr Tod gilt als ein Unfall, ein tragischer zwar, aber eben ein Unfall. Schuld hätten in Deutschland nicht Ärzte und nicht Politiker, so versichern die Verantwortlichen, schuld habe hier ein Virus.
In Deutschland wie in Frankreich gab es rund drei Jahre lang Aids auf Rezept. In beiden Ländern siegte das Virus im Wettlauf gegen die Bürokratie. Hier wie dort ging es um Blut, viel Geld und viele Menschenleben.
Aber warum war in Deutschland nur ein Unfall, was in Frankreich ein Verbrechen war? Warum wurde die Tragödie dort zum Skandal, während sie in Deutschland als Randthema im Aids-Debakel abgehandelt wird?
Auf den ersten Blick weist die Chronik des Versagens in beiden Ländern bemerkenswerte Ähnlichkeiten auf: *___In Deutschland wurde, wie in Frankreich, etwa jeder ____zweite Bluter durch verseuchte Gerinnungsfaktoren mit ____Aids infiziert. *___In beiden Ländern verschliefen die Behörden die ____entscheidenden Jahre 1983 und 1984, in denen sich der ____größte Teil der Bluter infizierte. *___Deutsche wie französische Bluter erhielten zu einem ____großen Teil amerikanische Blutplasmapräparate. Daran ____änderte sich nichts, als 1983 die extrem hohe ____Verseuchung des US-Bluts immer offensichtlicher wurde.
Auch die beiden entscheidenden Maßnahmen, die Einführung des Aids-Tests bei Blutspendern und die Sterilisierung ("Inaktivierung") der Gerinnungsfaktoren, wurden in Deutschland nicht soviel früher ergriffen, wie das Bundesgesundheitsamt (BGA) glauben machen will: *___Dem damaligen französischen Ministerpräsidenten Laurent ____Fabius wird jetzt vorgeworfen, daß er erst seit dem 1. ____August 1985 die Durchführung der Aids-Tests vorschrieb, ____mehr als drei Monate nachdem die US-Firma Abott die ____Zulassung für einen Test beantragt hatte. *___Das Berliner BGA forderte den Test zwar schon im ____Dezember 1984, gewährte der Industrie jedoch eine ____großzügige Umstellungsfrist bis zum 1. Oktober 1985.
Ebenso verzögerte sich auch die Einführung inaktivierter Präparate. Viel zu lange, bis in den Herbst 1985, verkaufte das CNTS seine alten Lagerbestände aus unsterilisierten Blutplasmaprodukten, auch nachdem bekannt war, daß nahezu 100 Prozent dieser Konserven Aids-Viren enthielten.
Das deutsche BGA wiederum hat eine Inaktivierung dieser Präparate bis heute nicht verbindlich vorgeschrieben. Zwar waren nach einer Vereinbarung aller industrieller Plasmaanbieter nach dem 1. Januar 1985 fast nur noch inaktivierte Präparate auf dem deutschen Markt. Doch es gab Ausnahmen: Das Deutsche Rote Kreuz im niedersächsischen Springe etwa stellte noch bis März 1987 nicht-inaktivierte Präparate her.
Auch die unverbrauchten Lagerbestände in den Krankenhäusern wurden nie zurückgerufen. Bis weit in das Jahr 1986 verwendeten viele Krankenhäuser ungetestete Produkte.
Dennoch verbergen sich hinter all diesen Gemeinsamkeiten zwei sehr verschiedene Geschichten: In Frankreich überraschte das Virus ein staatliches Transfusionswesen, technisch überholt, von Bankrottangst geplagt und durch Konkurrenz unter den Blutspendezentren blockiert.
In Deutschland dagegen traf es auf eine einträchtig verwobene Allianz aus Industrie, Ärzten und Bluter-Organisationen. Beide Systeme jedoch verhielten sich, als hätten sie vorrangig eine Aufgabe - das Aids-Virus unter Blutern zu verbreiten.
Im Jahre 1977, so ließ sich später anhand von Blutproben rekonstruieren, fand das Aids-Virus _(* Oben: mit Leibwächter; links: bei der ) _(Prozeßeröffnung im Juli dieses Jahres; ) _(Plakatinschriften: "Fabius schuldig", ) _("Wut = Aktion". ) den Weg in amerikanische Blutbanken und breitete sich dort zunächst unerkannt aus.
Es hätte dafür kaum einen tückischeren Zeitpunkt wählen können. Denn gerade hatte technischer Fortschritt das Leben der Bluter revolutioniert und unter ihnen einen unerschütterlichen Glauben an die Medizin entstehen lassen. Die Klinik war ihre zweite Familie geworden. Ihren Überlebensinstinkt hatten sie an ihren Arzt delegiert.
Ein Bluter, der Anfang der achtziger Jahre älter als 30 war, hatte seine Kindheit in gepolsterten Zimmern verbracht. Ängstliche Eltern hatten jede seiner Bewegungen überwacht, jede noch so winzige Wunde konnte den Tod bedeuten. Oft zerstörten innere Blutungen seine Gelenke.
Der Fortschritt der Medizin hatte den Blutern ein normales Leben eröffnet. 1965 war es erstmals gelungen, aus gefrorenem Plasma Gerinnungsfaktoren zu isolieren. In den siebziger Jahren kamen dann Konzentrate der Faktoren VIII und IX auf den Markt, jene Bluteiweiße, die den Blutern von Geburt an fehlen. Seither können sich Bluter ihre Spritzen selber setzen und damit auch den gefürchteten Gelenkblutungen vorbeugen.
In Frankreich hatte sich diese medizinische Revolution in einem System vollzogen, das die Franzosen damals stolz als das "beste und sicherste der Welt" bezeichneten. Der Staat sollte sicherstellen, daß niemand am Geschäft mit dem Blut verdiente. Als Garantie für die Qualität des Blutes galt, daß alle Blutspenden im eigenen Land gezapft wurden, und auch das nie gegen Bezahlung.
Hinter der Fassade der Gemeinnützigkeit freilich war das französische Transfusionswesen längst morsch. Die unabhängigen Zentren in Bordeaux, Lille, Lyon, Montpellier, Nancy und Straßburg bekämpften die übermächtige Pariser Zentrale, infolge finanzieller Schwierigkeiten hatte Frankreich den technischen Anschluß verloren.
Lange hatten die Franzosen verschlafen, daß Blut längst zum industriellen Rohstoff geworden war. Daß Michel Garretta, seit 1984 Chef des CNTS, versuchte, den technischen Rückstand aufzuholen, verschärfte die Situation nur. Getrieben vom Ehrgeiz, die Pariser Blutplasma-Verarbeitung unabhängig vom Ausland zu machen, weigerte er sich standhaft, durch Erhitzung inaktivierte und damit weitgehend Aids-sichere Faktor-VIII-Präparate zu importieren. Unfähig, den steigenden Bedarf an Blutplasma zu decken, war er dennoch zum Import immer größerer Mengen unbehandelter Produkte gezwungen.
Die Bundesrepublik hingegen hatte sich schon in den siebziger Jahren zum Paradies für Pharmafirmen wie Behring, Immuno und die Bayer-Tochter Cutter entwickelt - dank Hans Egli, Chef des weltweit größten Bluter-Zentrums in Bonn.
Egli versprach seinen Patienten wahre Wunder: Sie sollten Skifahren, Fußballspielen und Drachenfliegen können. Nur noch viermal jährlich brauchten sie zur Kontrolle in die Klinik. Einzige Voraussetzung: Dreimal wöchentlich mußten sie ihr Blut eigenhändig mit einer Spritze Faktor-VIII-Konzentrat andicken.
Kein Wunder, daß die Pharmaindustrie von Eglis Behandlungskonzept begeistert war: Hatte er doch den jährlichen Verbrauch eines einzigen Bluters bald auf 300 000 Mark, in einzelnen Fällen sogar bis auf mehrere Millionen Mark gesteigert. Ende der siebziger Jahre orderte allein das Bonner Zentrum viermal soviel Faktor-VIII-Präparate wie alle französischen Zentren zusammen.
Das für diese Mengen erforderliche Plasma war auf der Welt nur in einem Land zu bekommen: in der Aids-Hochburg USA, wo kommerzielle Firmen das Blut von bis zu 20 000 Spendern, meist aus den Elendsvierteln der Metropolen, miteinander verrührten und daraus die begehrten Medikamente gewannen. 90 Prozent der Gerinnungsfaktoren auf dem deutschen Markt stammten aus Amerika.
Seit Mitte 1983 wurden die Aids-Warnungen immer dringlicher. Maßnahmen aber, die Hunderten von Blutern das Leben hätten retten können, ergriffen die Behörden weder in Deutschland noch in Frankreich: *___Wie wirksam ein Stopp der US-Importe gewesen wäre, ____zeigt das Beispiel Belgien, das sich ausschließlich mit ____einheimischem Plasma versorgte. Dort ist heute nur ____jeder 20. Bluter Aids-infiziert. *___Durch das in der Industrie übliche "Poolen" des ____Bluteiweißes reichte ein Aids-infizierter Spender, um ____das Plasma von bis zu 20 000 anderen Spendern zu ____verseuchen. Eine Verkleinerung der Pools hätte das ____Risiko deutlich verringert. *___Lange ehe ein Aids-Test entwickelt war, wäre es mit ____Hilfe des sogenannten Hepatitis-Core-Tests möglich ____gewesen, rund 80 Prozent der Aids-infizierten Spender ____vom Blutspenden auszuschließen. *___Die für Bluter und Arzt bequeme Hochdosierung von ____Gerinnungsfaktoren hätte angesichts der Gefahr bei ____vielen Patienten aufgegeben werden müssen. Statt dessen ____explodierte gerade in den entscheidenden Jahren der ____Verbrauch (und damit das Risiko für jeden Empfänger).
Erst im Jahr 1985, drei Jahre nachdem der erste Bluter an Aids gestorben war, reagierten die Behörden. In Frankreich liefen dabei alle Fäden in den Händen eines Mannes zusammen.
Mit seinem wuchernden Schnauzbart wirkt Michel Garretta wie ein Südfranzose. Seiner Ausbildung nach ist er Mitglied jener kleinen Pariser Elite, die in Frankreich den Ton angibt.
14 Jahre lang hatte er sich auf der Karriereleiter emporgearbeitet, gefördert und aufgebaut von seinem Vorgänger Jean-Pierre Soulier, dann war er schließlich Chef des CNTS. Garrettas Draufgängertum und sein Abenteurersinn wurden von den Wissenschaftlern an dem Pariser Institut mit Mißtrauen betrachtet, sein Unternehmergeist jedoch ließ viele hoffen, daß er das veraltete Transfusionszentrum in eine effiziente Blutfabrik verwandeln würde.
Garretta war Chef eines Unternehmens mit Monopolstellung auf dem französischen Markt, und er wußte diese Stellung skrupellos zu verteidigen. Die Protokolle des CNTS unter seiner Leitung gleichen einem Lehrbuch über den gnadenlosen Einsatz von Geld, Macht und Prestige.
Bis zum Frühjahr 1985 ließen es sein Ehrgeiz und sein Stolz nicht zu, einzugestehen, daß die neuen Produktionsanlagen des CNTS unbrauchbar waren: Bei ihrem Bau hatte niemand an eine Inaktivierung der Präparate gedacht. Schließlich aber half alles Leugnen nicht mehr. Am 29. Mai 1985 rief Garretta seine leitenden Ärzte zusammen. Er eröffnete die Sitzung mit einer niederschmetternden Bilanz: "Alle unsere Produkte sind verseucht."
Fünf Ärzte hörten diese Erklärung, und doch protestierte keiner von ihnen gegen Garrettas Schlußfolgerung: "Es handelt sich dabei um ein dreifaches Problem: ein juristisches, ein moralisches und ein finanzielles." Am beunruhigendsten empfand er das letzte - einen Verlust von sieben Millionen Francs im Monat für den Fall, daß alle verseuchten Konserven vernichtet würden.
Der Gesichtsverlust schließlich, den es gekostet hätte, seine verseuchten Konserven im Transfusionszentrum in Lille sterilisieren zu lassen, schien Garretta offenbar so groß, daß er diese Möglichkeit überhaupt nicht in Betracht zog. Statt dessen beruhigten sich die Herren, jetzt sei es Aufgabe des Ministers, "uns gegebenenfalls die Verteilung der Produkte zu verbieten".
Vom Ministerium aber kam keine Anweisung. Einen Monat später noch galt für Garretta wie selbstverständlich: "Die Verteilung der nicht erhitzten Produkte bleibt das normale Vorgehen, soweit sie noch auf Lager sind." Die Folge war, das hatten die Bürokraten des Todes im CNTS längst errechnet, "vermutlich die Infektion von 30 Blutern pro Monat".
So akribisch hat in Deutschland niemand über die tödlichen Folgen der Bluter-Therapie Buch geführt. Und niemand hat hier, soweit bekannt, vorsätzlich Patienten infiziert.
Doch auch in Deutschland haben Gewinnstreben der Industrie, Machtkämpfe der Ärzte und die Trägheit der Gesundheitsbehörden Hunderte von Blutern das Leben gekostet. Für eine große Koalition aus Industrie, Ärzten und Bluter-Organisationen ging es vor allem darum, die Hochdosierung der Medikamente und den Import aus den USA zu garantieren - die beiden Hauptursachen für die hohe Infektionsrate unter deutschen Blutern.
Gefahr herunterspielen und behördliche Maßnahmen verzögern - so lautete ihre Strategie. Schon seit 1981 hatte die Firma Behring ein pasteurisiertes und damit virussicheres Präparat auf dem Markt. Doch das Verfahren war teuer. Um Lizenzkosten zu sparen, zog es die Konkurrenz vor, eigene Verfahren zu entwickeln. Und obwohl alle einschlägigen Firmen bereits fieberhaft an Verfahren zur Hitze-Inaktivierung arbeiteten, erklärten sie die Infektionsgefahr durch ihre unbehandelten Produkte weiter als "verschwindend gering".
In vertraulichen Szenarios sahen die Fachleute beim Marktführer, der amerikanischen Bayer-Tochter Cutter, schon im August 1983 weltweit eine "gigantische Epidemie" unter Blutern und ihren Angehörigen voraus. Gegenüber dem BGA dagegen versuchten Vertreter der Pharmaindustrie und deutsche Medizinprofessoren noch im November desselben Jahres, die Seuche als rein amerikanisches Phänomen herunterzuspielen.
1985 war es dann endlich soweit. Fast alle Präparate waren nun inaktiviert. Den Herstellern blieb ein späterer Prozeß erspart, nicht aber den Blutern ihr Tod. Denn die Katastrophe war passiert. Das Sterben begann - und das Schweigen.
Die Pharmakonzerne hatten aus dem Contergan-Fall der sechziger Jahre gelernt. Damals hatte sie die Geburt von 4000 mißgebildeten Kindern rund 300 Millionen Mark Schadenersatz gekostet. Diesmal schürten sie rechtzeitig Angst unter den Opfern: Kaum ein Aids-infizierter Bluter könne einen jahrelangen Prozeß überstehen, am Ende würde er schlicht totprozessiert. Eine Schuld sei einer einzelnen Firma ohnehin kaum nachzuweisen, denn fast jeder Bluter habe Medikamente verschiedener Firmen bekommen. Zudem werde ein Prozeß die Bluter an die Öffentlichkeit zerren, und dort stünden sie neben Schwulen und Fixern.
Die Einschüchterung wirkte: Die Opfer ließen sich mit Schweigegeldern von durchschnittlich 60 000 Mark abspeisen und mußten dafür unterschreiben, daß sie auf alle weiteren Ansprüche verzichten.
Selbst eine Serie neuer Infektionen zwischen November 1989 und Dezember 1990 bereitete dem Schweigen nur kurz ein Ende. Zehn Menschen hatten sich mit einem Faktor-IX-Präparat (PPSB) der Firma Biotest infiziert. Bei Nachforschungen erwies sich, daß das Blut von sechs Spendern in dem verwendeten Pool Aids-infiziert gewesen war. Das von Biotest favorisierte Kaltsterilisationsverfahren erwies sich bei der Überprüfung am Paul-Ehrlich-Institut und am Robert-Koch-Institut als unzuverlässig (SPIEGEL 50/1991).
Warum war das dem Bundesgesundheitsamt nicht schon 1987 aufgefallen, als es die Wirksamkeit der Inaktivierungsverfahren überprüft hatte?
Damals war das Amt zu dem Ergebnis gekommen, es bestünden "unterschiedliche Auffassungen", zu Maßnahmen bestehe kein Anlaß. Dabei hatte es an Hinweisen nicht gefehlt. So wies die Geschäftsleitung der österreichischen Firma Immuno das Bundesgesundheitsministerium schon 1987 darauf hin, daß der lässige Umgang des BGA mit dem Risiko der PPSB-Präparate "in den Fachkreisen ungläubiges Kopfschütteln auslöst".
Warum ist bis heute die Inaktivierung von Blutplasmaprodukten nicht vorgeschrieben? Warum durfte das Deutsche Rote Kreuz in Hagen seine Gerinnungsfaktoren noch bis 1986 mit einem höchst zweifelhaften Verfahren - mittels Trockenerhitzung - inaktivieren, das Rote Kreuz in Niedersachsen sogar bis März 1987 ganz unbehandelte Präparate verkaufen?
Zu einem deutschen Bluter-Prozeß wird es trotz dieser Fragen nicht kommen. Zwar haben der SPD-Abgeordnete Horst Schmidbauer und der Berliner Pharmakritiker Ulrich Moebius jetzt Anzeige gegen die Verantwortlichen im Bundesgesundheitsministerium erstattet. Doch es ist zweifelhaft, ob dabei mehr herauskommen wird als bei den Ermittlungen gegen den früheren Präsidenten des Bundesgesundheitsamts Karl Überla, die 1990 eingestellt wurden. _(* Oben: am CNTS in Paris; unten: am ) _(Pasteur-Institut in Paris. )
Auch in Frankreich schien es lange, als sollte es Ministerien und Bluter-Zentren gelingen, den Tod aller infizierten Bluter auszusitzen. Erst 1988 erstatteten die ersten Opfer Anzeige, doch die Ermittler schienen wenig geneigt, den Ärger der Pariser Ärzteschaft auf sich zu ziehen. Dann war es eine Journalistin, die die Verbrechen von Michel Garretta öffentlich machte. Anne-Marie Casteret hatte schon im Juni 1985 gewarnt, daß "jede Woche 100 bis 200 Menschen eine Infektion mit dem Virus riskieren". Jetzt klagte sie an.
Der Hauptdarsteller des französischen Bluter-Dramas jedoch, Garretta, hatte auch für diesen Fall vorgesorgt: 1989, als die Ermittlungen gegen ihn bereits liefen, hatte er sich von Staatspräsident Mitterrand mit der Nadel der Ehrenlegion ehren lassen. Anschließend ließ er sich den Abschied vom Amt mit 900 000 Mark entgelten, sechsmal soviel, wie er später für sein Verbrechen Strafe zahlen mußte.
Sämtliche Anwaltskosten und womöglich auf ihn zukommende Regreßansprüche, das hatte der Institutschef bei seinem Abschied weitsichtig vereinbart, übernimmt der Staat, sein ehemaliger Arbeitgeber.
* Am 19. Juni. * Oben: mit Leibwächter; links: bei der Prozeßeröffnung im Juli dieses Jahres; Plakatinschriften: "Fabius schuldig", "Wut = Aktion". * Oben: am CNTS in Paris; unten: am Pasteur-Institut in Paris.

DER SPIEGEL 48/1992
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