30.11.1992

„Nichts mehr zu reden“

Die maskierten Männer ließen ihren Opfern keine Chance. Sie stürmten kurz nach Mitternacht in das China-Restaurant "Jin-Shan" in Berlin-Neukölln, rannten zum Tisch am Ende des Raumes, wo sieben späte Gäste gerade aufbrechen wollten, und zückten mit dem Schlachtruf "Faschisten" Messer und Baseball-Schläger. Von mehreren Messerstichen in den Rücken tödlich getroffen, fiel Gerhard Kaindl, 47, vornüber, neben ihm sank Thorsten Thaler, 28, schwerverletzt zu Boden.
Noch in derselben Nacht Anfang April übernahm der Staatsschutz der Berliner Polizei die Ermittlungen. Denn zu den überfallenen Zechern gehörten bekannte Berliner Rechtsextremisten, der ermordete Elektroingenieur Kaindl war Landesschriftführer der rechtsextremen "Deutschen Liga für Volk und Heimat". Die Maskierten, vermutlich linksextreme Türken, sind seit der Tat spurlos verschwunden.
Der Mord an Kaindl ist spektakulärstes Beispiel einer wachsenden Zahl von Übergriffen auf führende Figuren der rechtsextremistischen Szene. Unter den nach Verfassungsschutz-Schätzungen rund 4500 gewaltbereiten Linksextremen, im Neonazi-Jargon _(* Im November 1991 in Halle nach einer ) _(Schlägerei mit Linken. ) "Kameraden von der anderen Feldpostnummer" genannt, wächst offenbar die Neigung, die Verfolgung der "Faschos" selbst in die Hand zu nehmen.
Innerhalb eines Jahres, heißt es anklagend in Flugblättern der Neonazis, habe es "mehr als dreißig gewaltsame Angriffe auf volkstreue Deutsche jeglichen Alters gegeben". Darunter war der Überfall auf eine Skinhead-Fete in Troisdorf, bei der, so ein lapidarer Hinweis im linken Berliner Szeneblatt Interim, "ein Fascho mit Schädelbruch liegengeblieben sein soll".
Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat in diesem Jahr bis Mitte November schon 202 politisch motivierte Angriffe Linker gegen Rechte und 67 Attacken von rechten auf linke Extremisten gezählt. Doch die Zahlen seien mit Vorsicht zu verwenden, sagt Hessens Verfassungsschutz-Chef Heinz Fromm: Schließlich würden die Rechten im Verborgenen bleiben, während es bei den Linken "eine gewisse Bekennerkultur" gebe.
Wie in München. Dort entschärften Spezialisten der Polizei Ende Juni Sprengsätze, die vor den Büros des Neonazis Ewald Althans, 26, und des rechtsextremen Verlegers (Münchner Anzeiger) Alfred Detscher, 71, deponiert waren. "Revolutionäre Zellen" bekannten sich zu den fehlgeschlagenen Bombenanschlägen: "Jetzt reicht''s mit dem braunen Dreck!"
Im Oktober schossen Unbekannte mit einer Präzisionsschleuder auf Thorsten de Vries, 31, den Chef des neonazistischen "Deutschen Kameradschaftsbundes", verfehlten ihn aber knapp. In Köln paßten Anfang November Maskenmänner den Stadtrat der "Deutschen Liga" Manfred Rouhs, 27, vor seiner Haustür ab und schlugen mit Knüppeln auf ihn ein. Der Herausgeber der neurechten Postille Europa vorn erlitt eine Platzwunde und Prellungen, "von einem politischen Bezug ist auszugehen", meldete die Polizei.
Am vergangenen Donnerstag stürmten etwa zehn Vermummte die Fraktionsräume der "Deutschen Liga" in Köln. Sie fesselten und schlugen einen Mitarbeiter, verwüsteten das Büro und verschwanden.
Solche Anschläge gehören für viele Linksextreme, die dem Staat Untätigkeit gegenüber der Bedrohung von rechts vorwerfen, längst zum Komment. Zwar betont Wolfgang Pfaff, Chef des Brandenburger Verfassungsschutzes, das "zentrale Problem der Sicherheitsbehörden" seien rechtsextremistische Anschläge, Aktionen von Autonomen seien fast immer Reaktion auf Gewalt von rechts.
Doch nach den Morden von Mölln und dem Tod von Hausbesetzer Silvio Meier in Berlin, der von rechten Hooligans erstochen wurde, befürchten viele Staatsschützer eine weitere Drehung der "Gewaltspirale". Besonders unter jungen Türken ist die Stimmung gefährlich aufgeheizt, viele wollen sich bewaffnen.
Die Militarisierung vieler Linksextremer in Berlin ist erklärtermaßen hoch. In der Berliner Zeitung gaben sogenannte Antifas wenige Tage nach Kaindls Tod im April zu Protokoll, mit Menschen, die "als Führungskraft für die ganze Hetze" verantwortlich seien, gebe es "nichts mehr zu reden".
Konsequenz: "Wenn solche Leute umkommen, haben sie sich das selbst zuzuschreiben."
* Im November 1991 in Halle nach einer Schlägerei mit Linken.

DER SPIEGEL 49/1992
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