23.08.1993

KaffeeViel Pflege

Kaffee wird teurer. Auch deutsche Händler begrüßen die Preisanhebung der Erzeugerländer.
Schwungvoll surrt der Gabelstapler um die Ecke und verschwindet in dem Labyrinth aus Sisal und Jute. 200 000 Säcke, meterhoch und in endlosen Reihen geschichtet, lagern in der Halle am Hamburger Hafen. Hier und da sind die rauhen Verpackungen aufgerissen, kleine erbsfarbene Böhnchen rieseln heraus.
Geröstet, gemahlen und zu schwarzem Sud aufgegossen, entfaltet der Rohstoff den Geschmack, den die Deutschen so lieben. Nicht zu kräftig, nicht zu säuerlich darf die herbe Brühe sein. "Die Deutschen", sagt Lutz Achilles, Chef der Kaffee-Lagerei N.H.L. Hinsch & Cons., "mögen ihren Kaffee mild."
Damit das Käffchen am Morgen auch weiterhin so gut schmeckt, müssen die Deutschen in Zukunft wohl mehr dafür zahlen. Nur dann können die Kaffee-Länder weiterhin gute Qualität liefern. Rund eine Mark pro Pfund wird der Bohnenaufguß teurer, schätzt der Deutsche Kaffee-Verband. Die wichtigsten Erzeugerländer Lateinamerikas und Afrikas haben sich am vergangenen Dienstag in der ugandischen Hauptstadt Kampala zu einem Kartell zusammengeschlossen.
Vom 1. Oktober an wollen sie, die rund 80 Prozent des weltweit verbrauchten Rohkaffees liefern, bis zu einem Fünftel ihrer Ware zurückhalten. "Faire und rentable Kaffeepreise", so die Kampala-Resolution, sind das Ziel der künstlichen Verknappung.
Etwa 75 Millionen Sack Rohkaffee werden jedes Jahr gehandelt. Wenn das Preiskartell funktioniert, müssen die Verbraucher den Erzeugern viele Millionen Mark mehr zahlen.
Das Erstaunliche dabei: Die deutschen Händler scheinen recht beglückt darüber zu sein.
"Die Erzeugung muß sich lohnen", sagt der Sprecher der Hamburger Neumann Kaffee-Gruppe. Sein Unternehmen habe sich sogar stark für höhere Preise eingesetzt.
Die Neumann-Gruppe ist der größte Kaffeehändler der Welt. Die Zentrale in Hamburg und die rund um den Erdball verteilten 21 Dependancen handeln mit rund 10 Millionen Sack Rohkaffee pro Jahr.
Die Bohnenkönige zahlen den Aufpreis gern. Sie befürchten nämlich, daß die seit gut drei Jahren sensationell niedrigen Kaffeepreise den Markt auf Dauer kaputtmachen.
Bis 1989 sicherte das Kaffeeabkommen zwischen Erzeuger- und Verbraucherländern einen Mindestpreis für Rohkaffee von zuletzt 120 US-Cent pro englisches Pfund (454 Gramm). Das Kartell zerbrach, die Preise rutschten weg. Nicht einmal 60 Cent kostete das Pfund Rohkaffee im vergangenen April.
Um ihre ohnehin mageren Erlöse zu halten, produzierten die Pflanzer in Kolumbien, Uganda und Costa Rica, was ihre Bäume und Sträucher hergaben. Die Pflanzen mit den roten Kirschen brauchen viel Pflege, um zu gedeihen, die Ernte ist mühsam. Vielfach reichen die Einnahmen jedoch nicht einmal mehr, um die Existenz zu sichern. Die Bauern geben ihre Farmen auf, viele versuchen ihr Glück mit dem Anbau von Coca.
Maschinen können die harte Handarbeit nicht ersetzen, schon gar nicht in den schwer zu bewirtschaftenden Hochlandlagen, wo der beste Kaffee gedeiht. Der Preisverfall gefährdet somit langfristig den Nachschub hochwertiger Kaffeesorten. Das bei den deutschen so beliebte Verwöhnaroma würde womöglich unerschwinglich.
"Bei den Produzenten geht es im Moment ums Überleben", sagt Michael Glöge vom Kölner Verein TransFair. Der von gemeinnützigen Institutionen getragene Verein vergibt sein Label nur an bestimmte Kaffeefirmen. Die müssen ausgesuchten Erzeugern, die sich in der Regel zu privaten Genossenschaften zusammengeschlossen haben, etwa das Doppelte des bisherigen Weltmarktpreises zahlen. Von dem zusätzlichen Geld werden dann strukturfördernde Projekte vor Ort finanziert.
Rund 15 deutsche Kaffeefirmen, darunter die Hamburger Union Rösterei und der Kaffeekönig Darboven, machen mit. Handelsriesen wie Tengelmann, Rewe oder Edeka haben die um rund eine Mark teureren TransFair-Kaffees in ihren Regalen. Ein Marktanteil von etwa einem Prozent, so Glöge, dürfte am Ende des Jahres erreicht sein. Die am neuen Abkommen beteiligten Kaffeeländer peilen einen Einkaufspreis von rund 100 Cent pro Pfund Rohkaffee an. Damit zahlen die Händler den Erzeugern immer noch weniger als die 126 Cent, die TransFair für angemessen erachtet.
Immerhin bekommen die Kaffeebauern in Übersee dann pro Pfund Rohkaffee fast soviel wie der deutsche Finanzminister. Gut ein Fünftel jeder getrunkenen Tasse fließen via Kaffeesteuer in seine Kasse, fast zwei Milliarden Mark allein im vergangenen Jahr. Y

DER SPIEGEL 34/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 34/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kaffee:
Viel Pflege

Video 02:07

Oktoberfest in Zahlen Die Mutter aller Extreme

  • Video "Nach Unfall: Demolierte Zugspitzbahn-Gondel geborgen" Video 01:58
    Nach Unfall: Demolierte Zugspitzbahn-Gondel geborgen
  • Video "Amateurvideo aus Kanada: Tornado verwüstet Ottawa" Video 00:41
    Amateurvideo aus Kanada: Tornado verwüstet Ottawa
  • Video "Plastik im Meer: Schiff soll Müll in Treibstoff verwandeln" Video 01:27
    Plastik im Meer: Schiff soll Müll in Treibstoff verwandeln
  • Video "Ungewöhnliches Rennen: Wer gewinnt?" Video 00:59
    Ungewöhnliches Rennen: Wer gewinnt?
  • Video "Britischer Alpenüberquerer: Wie Hannibal, nur auf einem Hüpfball" Video 01:10
    Britischer Alpenüberquerer: Wie Hannibal, nur auf einem Hüpfball
  • Video "Ultimate Fighter McGregor feiert Comeback: Bin im Kriegszustand" Video 02:52
    Ultimate Fighter McGregor feiert Comeback: "Bin im Kriegszustand"
  • Video "Moorbrand in Meppen: Landkreis Emsland ruft Katastrophenfall aus" Video 00:00
    Moorbrand in Meppen: Landkreis Emsland ruft Katastrophenfall aus
  • Video "Über 300 Meter lang: Riesiges Spinnennetz an griechischer Küste" Video 00:35
    Über 300 Meter lang: Riesiges Spinnennetz an griechischer Küste
  • Video "Mordfall Peggy: Verdächtiger gesteht Transport der Leiche" Video 01:15
    Mordfall Peggy: Verdächtiger gesteht Transport der Leiche
  • Video "Vor laufender Kamera: Riesiger Gletscher-Abbruch in Grönland" Video 01:46
    Vor laufender Kamera: Riesiger Gletscher-Abbruch in Grönland
  • Video "Amateurvideo: Missglückte Bergungsaktion mit Bagger" Video 00:45
    Amateurvideo: Missglückte Bergungsaktion mit Bagger
  • Video "Staatschef am Drücker: Scharfschütze Putin" Video 00:49
    Staatschef am Drücker: Scharfschütze Putin
  • Video "Zahlen zum Kontrolltag: So gefährlich ist das Handy am Steuer" Video 01:47
    Zahlen zum Kontrolltag: So gefährlich ist das Handy am Steuer
  • Video "Merkels Tonprobleme bei Gipfel-PK: Was ist denn technisch hier los?" Video 01:57
    Merkels Tonprobleme bei Gipfel-PK: "Was ist denn technisch hier los?"
  • Video "Skurriler Unfall: Haus blockiert Highway" Video 00:34
    Skurriler Unfall: Haus blockiert Highway
  • Video "Oktoberfest in Zahlen: Die Mutter aller Extreme" Video 02:07
    Oktoberfest in Zahlen: Die Mutter aller Extreme