23.08.1993

DIE BANK GEWINNT IMMER

Die Kreditinstitute bemühen sich um das Geld ihrer Kunden - aber oft nur zum eigenen Vorteil. Viele Empfehlungen mehren nicht das Vermögen des Anlegers, sondern den Gewinn der Bank. Mit einer Vielzahl von Provisionen, Gebühren und Spesen wird der Sparer ausgenommen. Bisweilen ist er am Ende ärmer als zuvor.
Kein Geld ist vorteilhafter angewandt als das, um welches wir uns haben prellen lassen: denn wir haben dafür unmittelbar Klugheit eingehandelt.
Kurz bevor er in Rente ging, vertraute Hans Günter Pawlak aus Bad Soden seine Ersparnisse der Frankfurter Volksbank an. Das war ein Fehler.
Der Vermögensberater der Volksbank stellte sich als Kapazität vor. Wenn er Pawlaks Geld nur um jährlich zehn Prozent vermehre, tönte er, "dann handelt es sich um eine schlechte Vermögensverwaltung".
Zwei Jahre später machte der Rentner Kassensturz. Insgesamt 138 229 Mark, darunter Geld aus zwei abgelaufenen Lebensversicherungen, hatte er der Bank gegeben - übrigblieben ihm gut 48 000 Mark.
Die Bank stellte ihm auch noch 4735 Mark Überziehungszinsen in Rechnung. Ihr Vermögensverwalter hatte ohne Wissen des Kunden Aktien und Optionsscheine auf Kredit gekauft. Die Frankfurter Volksbank lehnt jede Verantwortung ab; der Kunde, so die Begründung, habe eben Pech gehabt. Einen Prozeß kann sich der Rentner nicht leisten: Wenn er verliert, warnte seine Anwältin, müsse er mit Kosten von rund 25 000 Mark rechnen.
Es gibt viele Sparer in Deutschland, die Pech gehabt haben: Ihre Ersparnisse fielen ehrgeizigen Provisionsjägern oder verantwortungslosen Zockern in die Hände, angesehene Kreditinstitute haben ihr Vermögen nicht gemehrt, sondern gemindert - oder gar verspielt.
Der Anlageberater der Sparkasse Wiesloch überzeugte rund 100 Kunden, ihre Postanleihen, Bundesschatzbriefe und andere solide Wertpapiere zu verkaufen und dafür japanische Optionsscheine zu erwerben. Von den Ersparnissen der Kunden ist nun mehr als die Hälfte weg.
Die BHF-Bank schob Kunden australische Schrott-Anleihen ins Depot, ein 20jähriger Anlageberater der Commerzbank Pforzheim verspekulierte einige hunderttausend Mark eines Kunden mit dubiosen kanadischen Aktien, die Commerzbank Mannheim verpulverte Geld von Anlegern mit australischen und türkischen Papieren. Rechtsanwalt Volker Gallandi aus Gorxheimertal bei Schwetzingen weiß aus Berichten seiner Mandanten, "wie skrupellos mit dem Geld nichtsahnender Anleger umgegangen wird".
Daß ganze Vermögen vernichtet werden, ist zwar die Ausnahme. Daß aber Kundengelder miserabel verwaltet, daß Sparer schlecht beraten und Anleger schlicht geprellt werden - das ist in deutschen Kreditinstituten durchaus die Regel.
Meist werden die Kunden so elegant ausgenommen, daß sie es selbst gar nicht merken. Wer überblickt schon die Vielzahl von Provisionen, Gebühren und Spesen, die bei jeder Kontobewegung fällig werden? Und wer weiß schon, wann eine vom Kundenberater empfohlene Transaktion sinnvoll ist und wann nicht?
Die meisten Deutschen, auch versierte Geschäftsleute, verstehen von Geldanlage so wenig wie der Unternehmensberater Erhard Braun aus dem hessischen Rodgau. Der faßt seine Erkenntnisse, die er inzwischen gewonnen hat, in einem Satz zusammen: "Die Dummheit der Verbraucher wird von den Banken bewußt als Geschäftsgrundlage eingesetzt."
Seit Jahren verdienen die Banken blendend. Das vergangene Jahr brachte neue Rekordgewinne: Weil, unter anderem, die Banken die Differenz zwischen Kreditzinsen und Sparzinsen ein wenig vergrößert haben, stiegen die Zinsüberschüsse um zehn Prozent auf über 100 Milliarden Mark, wie die Bundesbank vergangene Woche meldete.
Die Provisionsgewinne nahmen sogar um mehr als 14 Prozent zu. Die prächtige Lage der Geldbranche inmitten einer Rezession ist nicht verwunderlich: Ob einer eine Hypothek aufnimmt oder ob er seine Ersparnisse anlegen will - überall, kritisierte die Wirtschaftswoche, werde "der Kunde als Melkkuh angesehen".
Vorsätzlich dienen die Banken den Sparern Geldanlagen an, die schlecht für die Kundschaft, aber gut für das Institut sind. Barsch versuchen sie Sparer abzuwimmeln, die mit eigenen Vorschlägen kommen. Eine Kundin, die für 60 000 Mark Staatsanleihen mit einer Laufzeit von acht bis zehn Jahren haben wollte, beschied die Dresdner Bank Hannover mit dem Satz: "Haben wir nicht."
Gar nicht zufrieden war die Paffrather Raiffeisenbank in Bergisch Gladbach, als ein Kleinsparer 25 000 Mark von seinem Sparbuch mit miserabler Verzinsung abhob, um sich festverzinsliche Wertpapiere mit einer Rendite von über 8,5 Prozent zu kaufen. Da fand die Bank einen Dreh, ein paar Mark zusätzlich herauszuschinden.
Der Kunde wollte Kommunalobligationen der Frankfurter Hypothekenbank, Reihe 505. Diese Papiere brachten nur einen Zins von 6,25 Prozent, waren _(* Vor der Frankfurter Volksbank. ) aber unter dem Nominalkurs zu haben. Die Paffrather Raiffeisenbank verkaufte die Obligation, die im September 1994 zum Kurs von 100 Mark eingelöst wird, für 94,30 Mark.
Tatsächlich aber wurde das Papier am Kauftag, dem 9. Dezember 1991, zu einem Kurs von 93 gehandelt. Statt die üblichen Gebühren von 0,575 Prozent zu berechnen, nahm die Bank einen um 1,3 Prozentpunkte höheren Kurs - das brachte ihr einen kleinen Zusatzprofit von 206,62 Mark.
Auf die Beschwerde ihres Kunden reagierte die Bank unwirsch: "Den Vorwurf der ungerechtfertigten Bereicherung müssen wir mit aller Entschiedenheit zurückweisen, ja sogar als absurd bezeichnen." Schließlich habe die Bank die Papiere von ihrer Zentrale, der Westdeutschen Genossenschafts-Zentralbank, zum Kurs von 94,3 bezogen. So einfach ist es für deutsche Kreditinstitute, ihre Kunden ein wenig auszuplündern. Die Bundesbürger haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel gespart, Hunderttausende haben stattliche Vermögen geerbt.
Auf den Konten und in den Depots liegt eine Menge Geld. Über 3,6 Billionen Mark, das entspricht dem Wert von zwölf Millionen Eigentumswohnungen zu 300 000 Mark, haben die Deutschen mehr oder minder gut angelegt in Anleihen und Aktien, Pfandbriefen und Investmentfonds, auf Sparbüchern und Festgeldkonten. Da fällt für die Verwalter dieser Gelder einiges ab.
500 Milliarden Mark haben die Deutschen allein auf Sparbüchern mit einer durchschnittlichen Verzinsung von 2,8 Prozent. Zu diesen mickrigen Zinsen sind keineswegs nur Notgroschen angelegt, wie die Sparkassen gern behaupten; auf Sparbüchern liegen auch sechsstellige Beträge, und für diese gibt es sogar Zinsen von 4 Prozent und manchmal auch etwas mehr.
Die Klientel der begüterten Sparbuchbesitzer wird sorgfältig gepflegt. Wohlhabende Witwen erhalten alljährlich einen Glückwunsch zum Geburtstag; bei gediegener Vermögenslage kommt der Sparkassenleiter persönlich mit einem Blumenstrauß oder einer Flasche Sekt vorbei. Gerührt über solche Aufmerksamkeiten, wagen die älteren Damen erst gar nicht, ihren netten Sparkassenchef mit Fragen über eine bessere Geldanlage zu belästigen. Und kein Kreditinstitut denkt daran, solchen Kunden eine ordentliche Vermögensverwaltung anzubieten.
In Anzeigen preisen die Geldhäuser vollmundig ihre Kompetenz. Da stellt, scheinbar ganz uneigennützig, die Deutsche Bank "unser Wissen und unsere Erfahrung in den Dienst Ihres Vermögens", die Hamburgische Landesbank verspricht den Anlegern "manch wertvollen Tip", die Commerzbank kumpelt sich an als "Die Bank an Ihrer Seite".
Die Realität sieht etwas anders aus. Kreativ haben die Banken und Sparkassen immer neue Möglichkeiten gefunden, wie sie ihre Kunden ausnehmen. Bei den Verbraucherorganisationen mehren sich die Klagen geprellter Anleger. Rainer Metz, bei der Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen zuständig für Finanzdienstleistungen: "Die Beschwerden über den Bereich Kapitalanlagen haben stark zugenommen."
Anlageberater nennen sich jene vermeintlichen Fachleute in den Bankhäusern, die dem Kunden bei der Vermögensvermehrung helfen wollen. Es sind keine Berater, sondern Verkäufer. Sie bieten fast immer nur die Produkte an, die ihr Institut - vom Sparkassenbrief bis zum Immobilienfonds - entwickelt hat. "Eine Beratung findet nicht statt", weiß Peter Staab, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
Immer hat der Anlageberater das zu verkaufen, was in erster Linie der Bank nutzt. Das ist selten lukrativ für die Kundschaft. Nur seinen Freunden gibt ein Commerzbank-Berater einen guten Tip: "Jeden Monat ein paar hundert Mark in Bundeswertpapieren anlegen und bei der Bundesschuldenverwaltung deponieren", rät er, "es gibt nichts Besseres." Seinen Kunden darf er aber so etwas nicht empfehlen: "Dann könnte ich mir bald einen anderen Job suchen."
Bundesschatzbriefe oder Finanzierungsschätze des Bundes werden von den Kreditinstituten grundsätzlich nicht angedient. Daran verdienen sie wenig. Und schon gar nicht empfehlen sie, diese Papiere kostenlos bei der Bundesschuldenverwaltung aufbewahren zu lassen - schließlich bringen auch die Depotgebühren Geld ein.
Lieber schwindeln die Banken die Kunden an. Bundesschatzbriefe, die ab 100 Mark verkauft werden, so heißt es etwa, gebe es erst ab 5000 oder 10 000 Mark; oder die Bundesschuldenverwaltung führe kostenlose Depots nicht mehr. Mit solchen Erzählungen wurden vor allem Ostdeutsche zu einem Sparbuch gedrängt.
Statt ihrer Kundschaft die Staatspapiere mit guten Zinsen anzubieten, raten die Kreditinstitute zu ihren Modellen, die sie für regelmäßige Sparer entwickelt haben. Die werden eindringlich empfohlen, weil sie den Instituten am meisten einbringen.
Schlecht für Anleger sind grundsätzlich alle Eigenprodukte der Banken, vom "Hypo-Sparplan mit Doppelbonus" der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank bis zum "Vorsorgeplan" der BfG.
Im vergangenen Jahr hat die Stiftung Warentest 150 Sparpläne von Banken und Sparkassen untersucht. Im Vergleich mit Bundeswertpapieren schnitten sie alle, so die Tester, "ausgesprochen schlecht" ab.
Bei mehr als der Hälfte der untersuchten Kreditinstitute erfuhr die Stiftung Warentest erst durch "hartnäckiges Nachfragen" die Rendite. Die war manchmal geschönt: 8,29 Prozent versprach beispielsweise die Raiffeisenbank Dresden - tatsächlich brachte ihr Papier nur 6,82 Prozent.
Die breite Masse der Anleger weiß allenfalls, daß es etwas Besseres gibt als ein Sparbuch mit 2,8 Prozent Zinsen. Mit solchen Kunden hat ein Anlageberater leichtes Spiel.
Wie hemmungslos Unerfahrenheit ausgenutzt wird, demonstrierte beispielhaft die Stadt-Sparkasse Solingen.
Dort erschien im November 1991 ein Hamburger Angestellter. Seine betagte Mutter, Kundin der Sparkasse, hatte ihm vorab 65 000 Mark geschenkt. Der Erbe wollte das Geld kurzfristig anlegen; ausdrücklich wies er darauf hin, daß er den Betrag im Sommer 1992 für einen Hauskauf brauche.
Statt dem Kunden, wie es sich gehört hätte, eine Festgeldanlage zu damals mindestens sieben Prozent Zinsen zu empfehlen, schwatzte ihm die Anlageberaterin Papiere auf, an denen nur die Sparkasse ordentlich verdiente.
Am besten sei es, das Geld in einen Investmentfonds zu stecken, riet die Dame. Sie wußte auch gleich den richtigen, einen mit "hohen Erträgen": den Renditdeka der Sparkassenorganisation. Was die Anlageberaterin verschwieg: Investmentfonds lohnen sich nur für langjährige Sparer, weil die Institute erst einmal Gebühren ("Ausgabepreise") von zumeist drei bis fünf Prozent der Anlagesumme kassieren.
So erwarb der nichtsahnende Kunde Renditdeka-Anteile für 64 252 Mark und verkaufte sie, wie geplant, im Juni vergangenen Jahres. An den Papieren verdiente die Sparkasse einen Ausgabe-Aufschlag von 1927 Mark; der Anleger kam auf einen Gewinn von 1326 Mark. Das entspricht einer Verzinsung von etwa 3,5 Prozent.
Kein schlechtes Geschäft für die Stadt-Sparkasse. Nur der Kunde wurde mal eben um über 1000 Mark gebracht - soviel mehr hätte Festgeld in sieben Monaten abgeworfen.
"Standardkunden" heißen bei den Sparkassen jene Anleger, die im Gegensatz zu den "Privatkunden" schnell abgefertigt werden. Die Commerzbank unterscheidet intern zwischen "Privatkunden" und "Individualkunden"; erst ein gutes sechsstelliges Vermögen macht einen Privatmann zum Individualkunden. Ein Anlageberater der deutschen Großbanken hat sich, so die hausinternen Vorgaben, im Schnitt um 500 bis 600 Standardkunden oder um 100 bis 120 vermögende Anleger zu kümmern.
Höchst zuwider ist den Kundenbetreuern der Tarifangestellte, der sich für sein Weihnachtsgeld ein paar Aktien kaufen will. Solche Kunden gilt es abzuwimmeln; deshalb hat die Dresdner Bank im vergangenen Jahr die Mindestprovision für Aktienkäufe auf 50 Mark angehoben. Wer für weniger als 5000 Mark Aktien oder Anleihen kaufen will, muß die Strafgebühr zahlen - Kleinanleger sollen gefälligst ein Investmentzertifikat der Dresdner kaufen.
Mit ihrer Gebührenpolitik spielte die Dresdner Bank den Vorreiter für die Branche. Zehn Monate später verdoppelte die Deutsche Bank ihre bisherige Mindestgebühr, andere Kreditinstitute hoben ihre Sätze ebenfalls drastisch an.
Die Kundschaft soll das nehmen, was die Bank für richtig hält. In der zentralen Anlageberatung denkt sich die Bank Finanzprodukte aus, die Werbeabteilung setzt die Offerten in bunte Verkaufsprospekte mit eingängigen Berechnungsmodellen um.
Neben ihren hauseigenen Sparplänen empfehlen die Geldhäuser vor allem Investmentfonds. Die machen, anders als eine ordentliche Anlageberatung, keine Arbeit und werfen für die Institute die besten Gewinne ab. Empfohlen werden natürlich immer die Fonds, die vom eigenen Institut aufgelegt worden sind. Die Bank verdient an dem Ausgabeaufschlag von drei bis fünf Prozent. Sie erhält zudem Provisionen, wenn ihre Fondsmanager Wertpapiere an- und verkaufen. Und der Kunde muß für die Aufbewahrung Gebühren zahlen.
Ein Investmentfonds ist selten eine erstklassige Anlage. Bei nahezu allen Fonds, die Aktien erwerben, sind die hochbezahlten Manager nicht durch besonderes Geschick aufgefallen. Die sogenannten Rentenfonds, die in festverzinsliche Wertpapiere investieren, bringen es nur in wenigen Ausnahmefällen auf überdurchschnittliche Erträge.
Wenn ein Kreditinstitut einen Rentenfonds empfiehlt, dann grenzt dies an vorsätzliche Vermögensschädigung. Jeder Kunde, der festverzinsliche Wertpapiere kauft - ob Bundesanleihen oder Kommunalobligationen, Schatzanweisungen oder Pfandbriefe -, stellt sich in der Regel besser als beim Erwerb von Anteilen eines Rentenfonds.
Die Banken wissen dies - und drehen weiterhin der Kundschaft Rentenfonds an. Aus gutem Grund. An solchen Fonds verdienen die Banken prächtig. Zudem eignen die sich hervorragend für Manipulationen, wie die Dresdner Bank demonstrierte.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion besaß die Dresdner Bank sowjetische Anleihen, deren Wert drastisch gefallen war. Denn es ist höchst zweifelhaft, ob die Nachfolgestaaten der UdSSR Zins und Tilgung aufbringen können. So schoben die Dresdner-Bank-Manager einen Teil ihrer Sowjet-Anleihen in einen ihrer Fonds.
Eleganter lassen sich heikle Papiere nicht abstoßen: Die Bank war ein Problem los, und die Anteilseigner des Fonds merken nicht, daß ihnen die Papiere aufgedrückt wurden. "Spekulative Beimischung" heißt das bei den Banken, wenn sie Wertpapiere, die ihnen zu heiß sind, in einen ihrer Fonds werfen.
Die meisten Käufer von Investmentfonds glauben den Beteuerungen ihrer Bank, diese Geldanlage sei ebenso einträglich wie sicher; schließlich investierten die erfahrenen Fonds-Manager in viele unterschiedliche Wertpapiere, und so würde durch eine breite Streuung das Risiko stark vermindert. Tatsächlich hat mancher Fonds das Vermögen der Anleger in einem Jahr glatt halbiert. "Standardisiertes Geschäft" heißt die Methode, die Milliardenbeträge zahlloser Kleinsparer in Anlagen zu bündeln, die den Banken ein Maximum an Profit bei einem Minimum an Aufwand versprechen. Das sind dann die hauseigenen Investmentfonds oder die eigens konzipierten Sparpläne mit regelmäßigen monatlichen Einzahlungen.
Betuchte Privatkunden werden auf eine geschicktere Art ausgenommen. In Großbanken kümmert sich um Multimillionäre der Direktor persönlich, um Anleger mit einem etwas weniger prallen Vermögen ein Berater aus der gehobenen Tarifgruppe VII. Der bespricht mit dem Kunden bei einer Tasse Kaffee die Schwerpunkte der Vermögensverwaltung.
0,3 bis 0,5 Prozent des Depotwerts berechnen die Institute für ihre Bemühungen, das Geld der Kundschaft zu mehren, zuzüglich zu Provisionen, Spesen und Gebühren für An- und Verkauf von Wertpapieren.
5000 Mark jährlich schien dem Hamburger Versicherungskaufmann Balthasar Hennings ein fairer Preis für eine professionelle Verwaltung seines Vermögens, weil "ich selbst von Geldanlage nichts verstehe". 1990 hatte er sich mit 58 Jahren zur Ruhe gesetzt, die Firma verkauft und bei der Deutschen Bank ein Depot mit 1,25 Millionen Mark eröffnet. "Bei dem Vermögensverwalter", erinnert er sich, "habe ich den teuersten Kaffee meines Lebens getrunken."
In zwei Jahren haben die Anlageprofis, denen Hennings freie Hand ließ, das Kapital des Versicherungsmaklers um 261 000 Mark vermindert und neben den Verwaltungsgebühren 24 700 Mark an Provisionen verdient. "Eine Bank", merkte Hennings, "verdient immer Geld, ob sie gut oder schlecht arbeitet."
Sicher sind manche Kunden selbst daran schuld, wenn ihr Geld verspekuliert wird. Das sind die raffgierigen Anleger, die jährlich einen mindestens zwölfprozentigen Zuwachs ihres Depots verlangen. Das sind Leute, die alle zwei Tage ihren Anlageberater mit Anrufen nerven, was er denn vom Siemens-Optionsschein und dem Dollar-Kurs halte, die wissen wollen, ob sie jetzt in spanische Staatsanleihen oder japanische Aktien investieren sollen.
Andererseits raten die Banken ihrer vermögenden Kundschaft zu Risikopapieren: Aktien würden langfristig die besten Renditen abwerfen. Das hat die Deutsche Bank an drei Modellen vorgerechnet.
Sie nahm die Jahre 1955, 1982 und 1988 als Einstiegsjahre in den deutschen Aktienmarkt und wies nach, daß Anleger mit deutschen Aktien eine jährliche Durchschnittsrendite von 13,5 Prozent erzielt hätten. Kein Wunder: In den ausgewählten Jahren war der Aktienindex jeweils auf einem Tiefpunkt.
Zu einem ganz anderen Ergebnis kam die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank in ihrem Langzeitvergleich. In den 25 Jahren von 1967 bis 1992 warfen demnach festverzinsliche Papiere erheblich mehr ab als Aktien.
Daß die Vermögensverwalter Aktien empfehlen, hat womöglich einen ganz trivialen Grund: An Aktien verdient die Bank wesentlich mehr.
Für den Kauf von festverzinslichen Wertpapieren berechnen die Kreditinstitute zumeist 0,5 Prozent Provision des Anschaffungspreises; eine Neu-Emission ist sogar kostenlos. Kauf wie Verkauf von Aktien aber bringen ein Prozent Provision und obendrauf noch ein paar Mark "Spesen".
Vor allem aber: Wer Rentenpapiere in seinem Depot hat, schichtet nicht um. Einen Pfandbrief der Münchener Hypothekenbank gegen einen der Frankfurter Hypo umzutauschen ist genauso unsinnig, wie eine Anleihe der Post zu verkaufen und dafür eine Anleihe des Landes Hessen zu erwerben.
Bei Aktien ist das anders. Da müssen Anleger immer darauf achten, Papiere mit fallenden Kursen rechtzeitig abzustoßen und andere mit besseren Chancen zu kaufen. Das Umschichten eines Depots bringt der Bank richtig Geld.
Ein Anlageberater verdient sich seine Leistungsprämien wie auch seine Beförderung mit dem Umsatz, den er macht. Umsatz hängt nicht nur von der Höhe, sondern auch von der "Umschlagshäufigkeit" der verwalteten Depots ab: Je öfter Aktien oder Optionsscheine abgestoßen und dafür andere Papiere gekauft werden, desto höher ist der Umsatz, den die Bank mit ihrem Kunden macht, und desto höher sind auch die Provisionseinnahmen.
Zuweilen verfolgen die ständigen An- und Verkäufe von Wertpapieren nur ein Ziel: Provisionen zu schinden. So hat die Frankfurter Volksbank in dem Depot ihres Kunden Hans Günter Pawlak 16mal die gleichen Papiere umgeschlagen - 8mal PWA-Optionsscheine gekauft und 8mal PWA-Optionsscheine verkauft, alles innerhalb eines Jahres. Den Anlagebetrag von 90 185 Mark für diese Optionsscheine hat die Bank durch ständige Käufe und Verkäufe zu einem Umsatz von 653 336 Mark hochgetrieben.
Wie sich auch aus kleinen Depots hohe Umsätze herausholen lassen, bewies ein Anlageberater der BfG-Niederlassung Düsseldorf. Der Mann brachte es fertig, mit 9100 Mark einer Kundin so heftig zu spekulieren, daß er damit in 14 Monaten einen Umsatz von 9,3 Millionen Mark schaffte und seiner Bank Provisionen von 110 042 Mark bescherte - für den Düsseldorfer Rechtsanwalt Klaus Dittke "ein unglaublicher Vorgang" (siehe Kasten Seite 96).
Der Münchner Wirtschaftsanwalt Michael-Christian Rössner hat einige Regeln aufgestellt, mit denen sich Anleger schon im Vorfeld davor schützen können, von ebenso dilettantischen wie karrieresüchtigen Beratern abgezockt zu werden.
"Nicht allein verhandeln", empfiehlt der Spezialist für Kapitalanlage- und Konkursrecht wohlhabenden Sparern: "Lassen Sie sich bei Anlageentscheidungen durch einen kompetenten, wirtschaftlich nicht beteiligten Vertrauten unterstützen." Entscheidungen sollten nie unter Zeitdruck getroffen werden, auch wenn der Berater drängt - "wirklich einmalige Gelegenheiten", weiß Rössner, "werden selten weitergereicht".
Der Anleger muß sich darüber klar sein, daß bei der sogenannten Beratung ein "Vertriebsinteresse der Bank oder des Vermittlers" eine Rolle spielt. Und bei "Zweifeln an korrekter Ausführung, bei auftragswidrigem Handeln und Widersprüchen" soll der Anleger unverzüglich "fachlichen und notfalls anwaltlichen Rat" suchen.
Der Kunde hat Pech, wenn seine Bank die Zinsentwicklung falsch einschätzt oder mit einem heißen Tip so danebenliegt wie die Stadt-Sparkasse Düsseldorf: Im Juni dieses Jahres empfahl das Institut Aktien der Stuttgarter Südmilch, weil das Unternehmen vor einer "beachtlichen Gewinnexplosion" stehe. Einen Monat später meldete die mit fast 500 Millionen Mark überschuldete Südmilch Vergleich an.
Wenn aber der Anlageberater unerfahrene Sparer nicht über ein hohes Anlagerisiko aufklärt oder gar ohne Zustimmung seiner Kunden wild spekuliert, haben Anleger gute Chancen, von ihrer Bank Schadensersatz zu bekommen.
Entsprechende Urteile sind selten. Das liegt unter anderem daran, daß Kreditinstitute vor Gericht gern einen Vergleich abschließen, wenn die Chancen nicht gut stehen. Vergleiche werden in der juristischen Fachliteratur nicht veröffentlicht, das Publikum erfährt nichts von den Prozessen. Und so kommen andere Anleger nicht auf den Gedanken, daß sie, bei miserabler Beratung, mit guten Aussichten auf Erfolg ihre Bank verklagen können.
"In 80 Prozent der Fälle schließen wir einen Vergleich", sagt Anwalt Rössner. "Nur wenn die Bank glaubt, gute Karten zu haben, zieht sie das Verfahren durch alle Instanzen."
Durch alle Instanzen schleppte die Volksbank Hannover die Klage eines Ehepaares, das auf Empfehlung eines Anlageberaters DM-Anleihen des australischen Finanzjongleurs Alan Bond gekauft hatte. Wenig später ging der Australier pleite, seine Anleihen wurden wertlos.
Bereits das Oberlandesgericht Celle hatte die Volksbank wegen falscher Beratung zu Schadensersatz verurteilt. In diesem Sommer schließlich entschied der Bundesgerichtshof, die Bank habe sich nicht "anlegergerecht" verhalten und müsse dem Ehepaar das Geld erstatten. Das Urteil, befand das Handelsblatt, sei "ein Meilenstein in der Rechtsprechung bei der fehlerhaften Anlageberatung".
Bei der sogenannten Bond-Affäre hatten zahlreiche deutsche Banken den Sparern die dubiose australische Anleihe empfohlen. Weil an der Emission von Wertpapieren sehr gut verdient wird, hatte 1988 ein Konsortium deutscher Kreditinstitute unter Führung der BHF-Bank DM-Auslandsanleihen von Bond übernommen. Papiere im Wert von 325 Millionen Mark waren in Deutschland abzusetzen, als die Bond Corporation in Schwierigkeiten geriet.
Kreditinstitute wie die BHF-Bank, die WestLB, die Landesbank Schleswig-Holstein und Sparkassen empfahlen nachdrücklich die heiklen Papiere. Die Bond-Anleihen mußten schnell dem Publikum angedient werden.
Besonders eifrig verkauften die Anlageberater der Sparkasse Bielefeld die heißen Anleihen. Bei der Kreissparkasse Stormarn schwatzte ein Filialleiter einem Hamburger Ehepaar Bond-Papiere für 100 000 Mark auf - mit der Begründung, diese Anleihen seien "so sicher wie Bundesschatzbriefe".
Als sich bereits ein Jahr später die Pleite des Australiers abzeichnete, beschwerten sich die Besitzer der wertlos gewordenen Bond-Anleihen. Einsichtige Banker gaben der aufgebrachten Kundschaft Geld zurück, die meisten stellten sich stur.
Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz riet den Geschädigten zur Klage; im vergangenen Jahr urteilten überall - in Hamburg, Frankfurt, Hannover, Neuss oder München - die Gerichte, die Kreditinstitute müßten den Anlegern Schadensersatz leisten. In all diesen Fällen war den Banken nachzuweisen, daß sie nicht sorgfältig genug die Gesellschaft des australischen Finanzjongleurs geprüft hatten.
Daß Banken ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben, läßt sich jedoch selten beweisen. Wer auf einen schlechten Tip einer Bank hereinfällt, hat meist Pech gehabt. Eine Bank darf sich irren - auch wenn die Empfehlung noch so dubios scheint.
Noch nie ist der Rentier Wolfgang Kämmerer, der ein Depot von rund 400 000 Mark bei der Deutschen Bank in Münster hat, von seinem Kundenbetreuer auf eine lukrative Anlagemöglichkeit hingewiesen worden. Ein einziges Mal aber hat er einen heißen Tip bekommen, an den er sich noch heute erinnert.
Ende März 1989 rief ihn ein Wertpapierberater der Deutschen Bank an: Kämmerer solle seine Feldmühle-Aktien, damaliger Kurswert 340 Mark, schleunigst verkaufen. Der Depot-Kunde 0269878 war "zunächst sehr froh", daß sich jemand so rührend um sein Vermögen kümmerte.
Zu den übrigen Wertpapieren Kämmerers konnte der Anrufer nichts sagen. Er sei, erklärte der Mann, nicht für das Depot zuständig, "sondern zur Zeit nur mit der Feldmühle-Aktie befaßt".
Der seltsame Wertpapierberater der Deutschen Bank, so stellte sich später heraus, hatte reihenweise Feldmühle-Aktionäre im Westfälischen angerufen und dringend den Verkauf der Papiere empfohlen - zu einer Zeit, als die Feldmühle Nobel AG Umsatz und Gewinn beträchtlich steigerte.
Auch Kämmerer stieß seine Feldmühle-Aktien ab. Schließlich sitzt die Deutsche Bank im Aufsichtsrat des Unternehmens und schien über die Lage des Konzerns bestens informiert. Die Deutsche Bank ist aber auch im Aufsichtsrat der Veba vertreten - und die Veba begann damals, Feldmühle-Aktien aufzukaufen, weil sie sich die Firma einverleiben wollte.
Nachdem Kämmerer und andere Aktionäre dem nachdrücklichen Rat gefolgt waren, stieg der Kurs der Feldmühle-Aktie steil an, von 340 bis auf 563 Mark. Kämmerer fühlte sich getäuscht und forderte Schadensersatz.
Doch die Deutsche Bank wies den Vorwurf, ihre Kunden gelinkt zu haben, "entschieden zurück", der Kurs der Feldmühle-Aktie habe sich halt "unerwartet günstig" entwickelt.
Den Verdacht, daß er angeschmiert wurde, hat Kämmerer immer noch, aber vielleicht war der Bank auch nur ein kleiner Kunstfehler unterlaufen - Kämmerer jedenfalls hat sein langjähriges Kreditinstitut nicht gewechselt. Schließlich soll der Sparer seiner Bank das gleiche Vertrauen entgegenbringen wie der Patient seinem Arzt, doziert Eberhard Martini, der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken.
"Ein Mensch, der keine Fachkenntnisse hat", sagt der oberste Repräsentant des deutschen Geldgewerbes, "muß Vertrauen an die Stelle von Wissen setzen. Das ist so in medizinischen Fragen, also beim Arzt, und es ist bei Gelddingen ebenso." Y
Der Anlageberater empfiehlt, was der Bank nutzt.
Banken holen auch aus kleinen Depots hohe Provisionen heraus.
Ein seltsamer Berater der Deutschen Bank gab gezielt schlechte Tips.
[Grafiktext]
__94_ Was in den letzten 13 Jahren aus 1000 DM wurden
[GrafiktextEnde]
* Vor der Frankfurter Volksbank.

DER SPIEGEL 34/1993
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