01.08.1994

KlimaFLUCHT IN DEN KELLER

Kühe mit Sonnenbrand, Engpässe bei Ventilatoren und Mineralwasser, und der Bürger wälzt sich im Bett. Seit fünf Wochen stöhnt Deutschland unter tropischer Hitze. Der Juli brach Jahrhundertrekorde - ein Vorgeschmack auf die Treibhauszukunft, so prophezeien es die Rechnungen der Klimaforscher.
Schwül hing die Luft vergangenen Montag über Ludwigslust. Am Nachmittag zogen dunkle Wolken auf. "Dat gifft'n Unwedder", freuten sich die Städter. Sie irrten. Es war nur Rauch aus den umliegenden Wäldern. Bis zum Abend verkokelten im Landkreis 43 Hektar Baumbestand.
Deutschland im Hitzestau. Seit fünf Wochen wird der Bundesbürger von tropischen Wettern geplagt. Sengende Temperaturen über 30 Grad haben die Republik in einen Backofen verwandelt. Die Transpirationszone reicht von Travemünde bis Tübingen.
Einfach ein paradiesisches Wetter? Oder eine Vorahnung der Treibhaushölle? Ein Jahrhundertsommer? Oder eine Schwitzkur, wie sie künftig zu jedem deutschen Sommer gehören wird, weil Gase, die Auspuffrohre und Kuhmägen in die Atmosphäre blasen, als Wärmeglocke über der Erde hängen?
Bloße Orakelei, sagen die Klimaforscher. Wetter sei notorisch wankelmütig, einzelne Kapriolen deshalb ohne Beweiskraft. Klimaforscher sind Experten der Langzeittrends. Eskapaden wie in diesem Juli überlassen sie dem Sachverstand der Wetterkundler.
Und die geben einem "zählebigen Hoch über Skandinavien" die Schuld an der Hitzewelle, wie Horst Oeckel vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach erklärt. Gespeist von Tiefdruckgebieten über Island und westlich des Urals, schaufelt es wie ein Riesenrad heiße Kontinentalluft nach Deutschland.
Alles begann mit Alfred. Er sorgte Anfang Juli in Bad Kissingen mit 36,2 Grad Celsius für einen ersten Hitzerekord. Dann folgte der brütende Berti.
Diese ersten Hochdruckgebiete zeigten sich noch gnädig: Am 4. Juli entlud sich Alfred in einem fulminanten Unwetter. Siemens-Ingenieure am Blitzortungssystem in Karlsruhe ermittelten 92 424 Blitze über Deutschland. Charly verschied am 14. Juli mit gut 85 000 Donnerschlägen.
Seitdem ist es mit dem abkühlenden Regen vorbei. Nur noch örtlich entlädt sich die Atmosphäre. Letzte Woche wuchsen über Nordrhein-Westfalen Wolkentürme. Hagelkörner rasselten herab. Nach kurzer Zeit war der Spuk vorbei. Nach der Dusche dampfte die Landschaft wie eine Sauna.
Zudem läßt die gestörte Inversion die Temperaturen schon am Morgen in exorbitante Höhe klettern. Normalerweise steigt warme Luft nach Sonnenuntergang bis zur Tropopause in elf Kilometern Höhe empor. Weil jedoch die oberen Schichten der Atmosphäre ungewöhnlich heiß sind, ist dieser Fahrstuhleffekt derzeit blockiert. Meteorologe Oeckel: "Die Luft bleibt in wenigen hundert Metern Höhe hängen."
Die Natur stöhnt. In Niedersachsen starben 175 000 Hähnchen in den überhitzten Mastställen, Veterinäre in Niedersachsen diagnostizierten Sonnenbrand bei Kühen. In Schleswig-Holstein verdorrt das Futtergras. Mecklenburg klagt über verschrumpelte Pflaumen.
Auf Sylt gingen den Händlern die Tischventilatoren aus, an Ostsee-Kiosken gab es kein Langnese-Eis mehr. Auch die Fürst Bismarck Quelle, Norddeutschlands größter Hersteller von Mineralwasser, meldete akute Engpässe.
Dann, Anfang letzter Woche, kam mit fast tropischer Energie das Hoch Ewald. Der warme Bruder briet die Zuschauer der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg bei knapp 50 Grad Celsius. Berliner Busfahrer wurden per Notservice mit kalten Getränken versorgt.
Ist das noch normal? Einigen Meteorologen kommt die klimatische Dauererektion in Deutschland nicht mehr geheuer vor: *___In Cuxhaven stieg die Temperatur am letzten Montag auf ____34,7 Grad Celsius. Noch nie war in der Elbmündung solch ____ein Wert gemessen worden. *___Hamburg erlebte vorigen Donnerstag mit 24 Grad Celsius ____die wärmste Nacht seit Beginn der ____Temperaturaufzeichnungen. *___Am vergangenen Freitag schmorte das brandenburgische ____Dorf Preschen bei 38,4 Grad - Jahreshöchstwert.
Wie ungewöhnlich das derzeitige Klimageschehen ist, zeigt Bremen. Dort reicht der Temperaturkalender bis ins Jahr 1829 zurück. Nur der sagenumwobene Megasommer von 1834 kann mit dem diesjährigen Juli konkurrieren (siehe Grafik).
Elf Grad Celsius auf der Zugspitze, satte 17 Grad in Nordsibirien, Waldbrände in Kanada: Was spielt sich da auf der Nordhalbkugel der Erde ab?
Zwar können einzelne Hitzerekorde nicht als Beweis, ja nicht einmal als aussagekräftiges Indiz für einen bevorstehenden Klimawandel gewertet werden. Viel zu groß sind die natürlichen Kapriolen der Wettermaschine, die mal atlantische Orkane über Europa jagt, mal Saharaluft über die Alpen bläst.
Dennoch paßt der Rekordsommer ins Bild: Die Klimaforscher haben - als Folge des Treibhauseffekts - neben häufigeren Sturmtiefs im Winter auch ein immer wilderes Ausschlagen des Thermometers vorausgesagt.
Letzte Woche trafen sich Vertreter des Intergovernmental Panel of Climate Change in Genf und feilten an einem umfassenden Klima-Report. Fazit: Es ist nicht mehr anzuzweifeln, daß Kohlendioxid und andere Treibhausgase den Planeten in den Wärmestau treiben.
Um bis zu 3,5 Grad Celsius, prophezeien die Computermodelle, wird die weltweite Durchschnittstemperatur im nächsten Jahrhundert steigen.
Der Rekord-Juli kann folglich, wenn nicht als Vorbote, so doch als Vorgeschmack auf das nächste Jahrhundert gewertet werden. Künftig wird die Regel sein, was heute als Ausreißer gilt.
Das morgendliche Befinden von Norbert Dube, 36, aus Hamburg, entspricht demnach dem Lebensgefühl der Zukunft: Seit Wochen setzt sich der Marktforscher um acht Uhr morgens fast regungslos an den Schreibtisch. Um halb neun ist er schweißgebadet. Dube: "Bin ich ein Schneller Brüter?"
Wohl dem, der transpiriert. Schwitzen ist die einzige Chance, dem Wärmetod zu entkommen. Zwei Millionen Schweißdrüsen besitzt der Mann, Frauen haben etwas weniger. Der Höchstausstoß liegt bei etwa 18 Litern pro Tag.
Doch Schwitzen schlaucht. Die Hautporen müssen sich öffnen, der Kreislauf geht in die Knie. Zudem verliert der Körper mit dem Schweiß auch Magnesium, was alsbald zu Herzrhythmusstörungen führen kann.
Anfang Juli rückte die Berliner Ambulanz pro Tag 1500mal aus, um kollabierte Patienten zu behandeln. Drei Menschen starben am Ostseestrand. Nur knapp dem Tod entkam ein Getränkefahrer aus Hamburg. Mit 42 Grad Körpertemperatur und trockener Haut wurde der Mann ins Krankenhaus gebracht. Diagnose: Hitzschlag.
Abkühlung ist derweil nicht in Sicht. Bis weit in diese Woche, so der Meteorologe Oeckel, "bleibt es rappeltrocken und heiß". Solche Prognosen werden von vielen Deutschen mittlerweile als unverhohlene Drohung verstanden. "Wir freuen uns auf Alfred", gab die Bild-Zeitung Anfang Juli noch Volkes Stimme wieder. Nun nörgelt sie: "Die ersten drehen durch."
Wie selig waren da jene Touristen, die Richtung Südeuropa fliehen konnten: In Lissabon wurden erfrischende 22, auf Gran Canaria laue 24 Grad gemessen. Hierzulande hingegen wogt der Wind schon am frühen Morgen mit 20 und mehr Grad durch die aufgeheizten Häuserschluchten. Schweißgebadet wälzt sich der Bürger im Bett, gequält von Hitze und Lärm. Denn kaum geht die Sonne unter, rauchen die Würstchen; es wird gegrillt und gegrölt.
Gunild Scheid, Medizin-Meteorologin vom Wetteramt in Essen, empfiehlt, "das Nachtlager im kühlen Keller aufzuschlagen". Der Berliner Arzt Hans-Georg Fritz rät, "den Körper mit Essigwasser abzureiben".
Selbst Hartgesottenen und Thermophilen wird die Hitze vergällt: Hessen rief Ozonalarm aus und forderte die Autobahnfahrer auf, das Tempo auf 90 Stundenkilometer zu drosseln. Unterdes warnen Hautkrebs-Experten, ein pigmentarmer Nordländer dürfe höchstens 15 Minuten in der Sonne verweilen.
Selbst luftige Kleidung steht neuerdings auf dem Index. Durch leichte Blusen und dünne Hemden, warnten Münchner Dermatologen letzte Woche, könne krebserregende UV-B-Strahlung dringen. Die Tageszeitung sprach daraufhin ein Vermummungsgebot aus: "Lange Hosen, langärmelige Hemden, Hut, Kopftuch oder am besten Schleier." Y
[Grafiktext]
__19_ Sommer des Jahrhunderts
_____ / Histor. Rangfolge d. heißesten Juli-Monate
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 31/1994
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