14.12.1992

TiereFreud für Viecher

Heilpraktiker und Psychologen haben neue Kundschaft: Hunde und Katzen.
Das zweijährige Pudel-Weibchen Lara war ein Problemtier: Wann immer sie allein im Haus war, sprenzte die Hündin Duftmarken aus, in flüssiger und fester Form. Ebenso verfuhr sie, wenn Besuch kam. Erziehungsversuche konnten die Verunreinigung von Fliesen und Teppichen ebensowenig stoppen wie der Tierarzt: Der Pudel schien gesund.
Zwei Jahre lang ertrug das Ehepaar den Pinkel-Terror. Als die Ehefrau jedoch ein Kind bekam, war es mit der Duldsamkeit vorbei. Lara sollte ins Tierheim.
Da hörte das Paar von Cornelia Pflocksch, einer Tierärztin, die in Hamburg-Harvestehude die erste Praxis speziell für Tierpsychologie eröffnet hat. Gegen ein Beratungshonorar von 120 Mark pro Stunde therapiert sie Verhaltensstörungen bei vierbeinigen Stadtneurotikern.
Die Tiermedizinerin behandelt Hunde wie den Mittelschnauzer Indra, der sich in ein laut bellendes Zitterbündel verwandelt, wenn ein Gewitter naht oder Flaschen in den Glascontainer vor dem Haus geworfen werden, kümmert sich um Katzen, die zu scharfkralligen Nagetieren mutieren und die Polstergarnitur zerfetzen, und heilt Hunde, die jeden Spaziergang in einen Straßenkampf mit Mensch und Tier verwandeln.
Mehr als zehn Millionen Hunde und Katzen leben in Deutschland. Jeder dritte Haustierhalter, schätzt Pflocksch, habe mit seinem Mitbewohner "Probleme, die nicht in körperlichen Störungen begründet sind". Das deckt sich mit Erkenntnissen aus Großbritannien und den USA, wo die Tierpsychologie längst ein boomendes Geschäft ist.
In Deutschland steht die Therapie für Wauwaus und Miezen zwar noch am Anfang. Aber auch hierzulande greift die Einsicht um sich, daß es oftmals gilt, nicht nur den Körper, sondern auch die Seele des Patienten zu behandeln. "Die Verhaltensschäden nehmen zu", sagt Astrid Behr vom Bundesverband praktischer Tierärzte in Frankfurt, "darauf müssen sich die Tiermediziner einstellen."
Tun sie es nicht, könnten sie einen Trend verstärken, der bereits ihre Kollegen in der Humanmedizin beunruhigt: Tierhalter suchen das Heil ihrer Lieblinge bei Heilpraktikern. Die behandeln ihre Klientel schon seit einigen Jahren mit Mitteln aus der Homöopathie, mit Akupunktur oder Magnetfeldern. Neuerdings ist mancherorts auch Verhaltenstherapie im Angebot.
Die "Akademie für biologische Tierheilkunde" im bayerischen Heideck unterweist angehende Tierheilpraktiker ebenso in Verhaltenstherapie wie die "Akademie für Tiernaturheilkunde" im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt. Dort gibt es sogar einen eigenen "Studiengang Tierpsychologie". Wer zumindest über die mittlere Reife verfügt, kann sich in 220 Stunden und für 5700 Mark zum Tierpsychologen schulen lassen.
Jürgen Unshelm, Professor für Tierhygiene und Verhaltenskunde an der Universität München, bezweifelt, daß in diesem Zeitraum und in solchen Institutionen kompetentes Wissen über die psychischen und physischen Störungen bei Tieren vermittelt werden kann. Der Wissenschaftler hat nicht nur zahlreiche Forschungsprojekte auf dem Gebiet der Verhaltenskunde initiiert, er gibt Besuchern auch Tips. "Fünf bis zehn" geplagte Tierhalter tauchen täglich bei dem Professor auf, aber auch einige der rund 8000 niedergelassenen Tierärzte suchen seinen Rat.
Wenn Tiere ausflippen, werde das "häufig mit krankhaftem Fehlverhalten gleichgesetzt", sagt Unshelm. Daß der Hund ein Rudeltier, die Katze aber ein fast schon unsozialer Einzelgänger ist, sei zwar bekannt, nur zögen die Leute daraus nicht die nötigen Konsequenzen. Wer etwa seinem Hund nicht rechtzeitig und nachdrücklich seinen Rang im Sozialverband Familie zuweise, dürfe sich nicht wundern, wenn der Hund versuche, sich zum Alpha-Tier aufzuschwingen und seine Position bissig zu verteidigen.
Für viele Tierhalter seien Hund und Katz die "besseren Menschen" (Unshelm), weshalb sie dazu neigten, ihren vierbeinigen Lebensgefährten "menschliche" Verhaltensweisen und Gefühlsregungen zu unterstellen. Doch schaut er auch noch so schuldbewußt drein: Ein Hund hat kein "schlechtes Gewissen", wenn er in die Wohnung pieselt. Die Katze, die zum aggressiven Stubentiger wird, ist nicht "heimtückisch".
Dennoch gibt es Parallelen zwischen dem Verhalten von Mensch und Tier, weshalb die Lehren des Sigmund Freud auch für Viecher von Belang sein können. Ein Welpe, der zu früh von Mutter und Geschwistern getrennt wird, reagiert darauf ähnlich depressiv oder aggressiv wie ein Kind. Enge Wohnungen, zuwenig Bewegung oder Langeweile sorgen bei immer mehr Tieren für Psychostreß, der sich in höchst rabiater Form entladen kann.
Folgenschwer ist vor allem falsche oder inkonsequente Erziehung: Sie erzeugt den Dauerkläffer, an dem ursprünglich die Wachsamkeit gelobt wurde, den ständig bettelnden Hund, dessen Männchen-Machen so possierlich aussieht, die Katze als Bettgenossin, die als erwachsenes Tier plötzlich nicht mehr das darf, was ihr als Kätzchen zugestanden worden war. Das ständige Hü von Frauchen und Hott von Herrchen, das Wechselbad von Lob und Strafen, die - weil zum unpassenden Zeitpunkt eingesetzt - von den Tieren nicht verstanden werden, läßt manche schließlich gaga werden.
Wie beim Menschen steht auch beim Tier am Anfang jeder Verhaltenstherapie die Diagnose. Tierpsychologin Pflocksch erkundigt sich bei den Haltern nach Einzelheiten aus der Vergangenheit der Patienten und sieht sich bei Hausbesuchen an, wie ein gestörter Hund so lebt.
Pudelhündin Lara litt schon als Jungtier unter der extremen Angst, verlassen zu werden - und war in ihrem Fehlverhalten durch die übertriebene Toleranz ihrer Besitzer noch bestärkt worden. Angeleitet von Cornelia Pflocksch, versuchte das Ehepaar, Lara mit psychologischen Tricks ans Alleinsein zu gewöhnen.
Frauchen mußte dafür unter anderem mehrmals täglich die Einkaufstasche in die Hand nehmen, zur Tür gehen und so tun, als ob sie das Haus verlasse. Überstand der Hund die Schrecksekunde, ohne das Bein zu heben, wurde er gelobt. Schaffte er es nicht - Schwamm drüber. Ähnlich verfuhren auch die Besitzer des Gewitterhundes Indra. Sie wurde mit einem Tonband, von dem Donner erklang, geheilt. Indra lernte, daß es sich auszahlt, dem Krach furchtlos zu trotzen - dafür bekam sie Herrchens Zuneigung, die ausblieb, wenn sie bellte. Jetzt ist Indra wieder tierisch gut drauf.
In einem Fall konnte Pflocksch allerdings nichts ausrichten. Ein solariumgebräunter Herr sei, geschmückt mit Goldkettchen und Rolex, in ihre Praxis gekommen und habe um Hilfe für seinen Hund gebeten. Sein Pit-Bull-Terrier sei - leider, leider - so gar nicht aggressiv. Pflocksch paßte: "Ich bin Psychologin für Tiere, nicht für Menschen."

DER SPIEGEL 51/1992
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