08.08.1994

DrogenMutwilliges Lecken

Amerikanische und australische Drogenfreunde haben neue Stofflieferanten: Kröten.
Die Häscher der US-Drogenpolizei DEA (Drug Enforcement Administration) kamen kurz nach Schulbeginn: Naturkundelehrer Bob Shepard, 41, hatte gerade mit dem Unterricht an der Grundschule des Bezirks Tuolumne (US-Staat Kalifornien) begonnen, da klickten Handschellen um seine Gelenke.
Bei der anschließenden Durchsuchung des Klassenzimmers wurden die Drogenfahnder schnell fündig. Allerdings stellten sie weder Kokain noch Haschisch sicher, sondern das, was auf amerikanisch "toads" heißt: Vier fette, etwa handballgroße Kröten, die Shepard in einem Terrarium gehalten hatte. Wenig später nahmen Polizisten einen Mann in Arizona fest und beschlagnahmten 62 der buntgetupften Tiere.
Die Festgenommenen gehören zur wachsenden Schar von US-Bürgern, die einen billigen, wenngleich befremdlichen Weg zu einem schnellen Rausch entdeckt haben: Krötenlecken. Für die höchst unappetitliche Prozedur drückt man einer ausgewachsenen Colorado-Kröte kräftig in den Nacken. Nach wenigen Sekunden quillt aus Giftdrüsen hinter den Augen ein milchiges Sekret, dessen Wirkstoffe der chemischen Struktur von LSD ähneln. Die Liebhaber von Bufo alvarius lutschen die Droge frisch von der Kröte, weshalb sie von Polizisten als "Toadies" verspottet werden.
Den Leckern ist juristisch schwer beizukommen. Zwar sind Bufotenin und Dimethyltryptamin, die beiden Wirkstoffe des Krötengifts, illegale Drogen. Inhaber gültiger Angelscheine können jedoch völlig legal bis zu zehn Tierchen halten. "Wenn jemand im Besitz dieser Kröten ist, müssen wir ihm nachweisen, daß er die Kröte vorsätzlich geleckt hat oder jemandem zum mutwilligen Lecken gereicht hat", erläutert Robert Sager, Chef des DEA-Labors in San Francisco. So kam der Krötenfan in Arizona mit einer Verwarnung davon. Er besaß zwar zu viele Tiere, aber es war nicht zu widerlegen, daß er die Kröten nur als Haustiere hielt.
Shepard und seine Frau Connie, 37, waren dran, weil sie ihre vier Kröten Hans, Franz, Peter und Brian auf Vorrat gemolken und die getrocknete Droge dann geraucht hatten. Nach seiner Verhaftung beschrieb Bob seine 20-Minuten-Trips als so intensiv, daß er gehört hätte, "wie die Elektronen in meinen Molekülen von einer Kreisbahn auf die andere gesprungen sind".
Die merkwürdige Praxis hat ihren Ursprung im australischen Bundesstaat Queensland. Dort ist der Bufo marinus, die Aga-Kröte, eine Landplage, während gleichzeitig laut Sager "akuter Drogenmangel" herrsche. Die Australier, berichtet er weiter, "killen die Kröte, trocknen die Haut und kochen daraus einen Tee. Lecker, gell? Ich würde das als Verzweiflungstrip bezeichnen".
Obwohl seine Behörde gelegentlich wegen Krötenmißbrauchs ermittelt, sieht Sager das Phänomen gelassen: "Auf mich wirkt das, als ob irgend etwas mit dem Märchen vom Froschkönig schiefgelaufen ist, aber ich glaube nicht, daß die Leute anfangen werden, gewohnheitsmäßig Kröten abzulecken."
Andrew Weil, Ethnopharmakologe an der Universität von Arizona, ist sich jedoch sicher, daß es einen durchaus erwähnenswerten Krötenuntergrund gibt. Nach Zeitungsmeldungen über die Verhaftung der Shepards habe er Hunderte von Anrufen aus Kalifornien bekommen, in denen er gefragt wurde, wie man an Bufo alvarius herankommt. Daß gerade diese Krötenart bei Toadies so beliebt ist, erklärt Weil mit der einzigartigen Giftmischung: "Bufotenin ist ein Abwehrstoff, der in allen Kröten vorhanden ist, aber nur die Colorado River Toad erzeugt auch Dimethyltryptamin. Zusammen ist das ein ganz schön halluzinogener Cocktail."
Eine kräftige Kröte, auf dem Schwarzmarkt für etwa acht bis zehn Dollar zu haben, kann bei guter Pflege und Ernährung über mehrere Jahre mindestens einmal täglich gemolken werden. Weil gesteht, zweimal selbst genascht zu haben und berichtet von Leuten, die ohne Nach- und Nebenwirkungen Hunderte der Billigtrips gemacht hätten: "Ich denke, das Zeug ist einigermaßen ungefährlich." Jude McNally vom Gift- und Drogencenter derselben Universität hält die Praxis jedoch für Rausch-Roulette: "Der Produzent ist ein lebender Organismus, und niemand kann die Konzentration der Droge vorhersehen."
Bob und Connie Shepard haben dank des tierischen Vergnügens ihre Jobs verloren, kamen mit einer Bewährungsstrafe davon, müssen allerdings für ein Jahr in psychiatrische Behandlung. In seiner Urteilsbegründung sagte der Richter: "Wer so was macht, muß dringend seinen Kopf untersuchen lassen." Y

DER SPIEGEL 32/1994
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