28.12.1992

BalkanKrieg der Psychopathen

Nicht nur den serbischen Tschetniks, auch kroatischen und moslemischen Freischärlern werden Massenvergewaltigungen angelastet.
Die Fenster sind mit Gittern und Milchglas zur Außenwelt abgeschirmt, die Türen verriegelt. Dahinter leben Menschen, die gestört sind. Ihre Zahl wuchs seit Beginn des Krieges drastisch. Mehr als tausend Patienten wurden von der Psychiatrischen Klinik in Belgrad in diesem Jahr nur deshalb behandelt, weil sie die Brutalität des Krieges nicht verkraften konnten: Soldaten, Mütter, die ihre Söhne verloren, Gefolterte und Vergewaltigte.
Milena, 24, zählt zu den leichten Fällen. Sie liegt in einem Raum mit zehn anderen Frauen, deren Psychotrauma von Gefangenschaft oder Vergewaltigung ausgelöst wurde. Die junge Frau fixiert einen Punkt an der kahlen Wand.
Auf die Frage, ob auch sie vergewaltigt wurde, antwortet Milena hastig: "Nein, ich weiß nichts davon."
Für Professor Slobodan Jakulic, den Leiter der Klinik, ist das eine typische Abwehrreaktion. "Die Mehrzahl der serbischen Männer würde eine vergewaltigte Ehefrau sofort verlassen. Selbst von ihren eigenen Familien werden die Opfer verstoßen."
Snezana K., 34, wurde von der Psychiatrischen Klinik gerade aufgenommen. Sie war aus dem ersten Stock des Gynäkologischen Krankenhauses gesprungen - im siebten Monat schwanger. Das Kind überlebte. Fast alle Frauen seien von Soldaten des bosnischen Moslem-Präsidenten Alija Izetbegovic nach dem fünften Schwangerschaftsmonat aus den Lagern entlassen worden mit Worten wie: "Jetzt mußt du einen Moslem gebären." Nach dem Islam erhält das Kind Glauben und Nationalität des Vaters.
"Keine der vergewaltigten Frauen, die bei uns entbunden haben, wollte ihr Kind auch nur sehen", sagt der Arzt Miomir Krstic von der Entbindungsstation im Klinischen Zentrum der Belgrader Visegradstraße. Die Krankenschwester Jelena B., 28, aus Brcko im Norden Bosniens will ihr Kind keinesfalls behalten: "Wahrscheinlich würde ich es mein ganzes Leben unbewußt hassen und dafür bestrafen, was mir angetan wurde."
Am 26. Januar war die Serbin von einem Besuch in Deutschland auf der Rückreise nach Bosnien gewesen. Auf der Autobahn, bei Sisak, wurde der Bus von kroatischen Milizen gestoppt. Wer einen serbischen Paß besaß, wurde in die Lagerhallen einer Erdölraffinerie in Slavonski Brod gebracht. Dort warteten schon andere Gefangene. Jelena: "Alle Frauen wurden täglich vergewaltigt, mit unvorstellbaren Obszönitäten, oft von fünf bis sechs Männern. Ein zwölfjähriges Mädchen mußte nackt bedienen. Aber am schlimmsten war es, wenn sie von der Front zurückkamen und ihre Siege feierten."
Erst Ende April, behauptet Jelena, hätten die Kroaten ihre Gefangenen mit Lastwagen zum Fluß Save gekarrt und dort mit Booten zum bosnischen Ufer geschafft. Bis Mitte Juli wurden die Frauen in einem Lager von Odzak gefangengehalten, einem ehemaligen Schulgebäude. Die Vergewaltigungen hielten unvermindert an. "Je mehr die Opfer schrien, desto begeisterter waren unsere Peiniger."
Am 16. Juli kamen dann kroatische Freischärler in schwarzen Hemden und Hosen. "Sie forderten uns auf, verstecktes Geld oder Schmuck abzugeben, damit könnten wir uns freikaufen." Draußen vor dem Lager habe ein Mann in einer Box Geld und Wertgegenstände eingesammelt. Serbinnen, die nichts besaßen, wurden auf die eine Seite der Straße gestellt; auf der anderen standen jene, die sich freikaufen konnten. Jelena: "Ich hatte in den Saum meiner Jeans 300 Mark eingenäht, als ich aus Deutschland zurückkam - aus Angst vor dem jugoslawischen Zoll."
Jelena kam frei. Ihr inzwischen geborenes Kind, ein Mädchen, gab sie sofort zur Adoption. Im Heim für Adoptivkinder leugnet man allerdings, weitere Kinder von vergewaltigten Frauen aufgenommen zu haben. Das schadet dem Ruf und verschreckt adoptionswillige Eltern. Direktor Milan Radojevic: "Jelenas Tochter ist inzwischen verstorben."
Nach dem Bekanntwerden von Massenvergewaltigungen moslemischer Frauen und Mädchen durch serbische Tschetniks (SPIEGEL 50/1992) tut sich die serbische Seite schwer, die Welt davon zu überzeugen, daß auch Serbinnen Opfer grausamster Übergriffe und sexueller Gewalt wurden.
"Das Leid der Serben wird ignoriert", klagt ein Sprecher des Belgrader Außenministeriums. Uno-Generalsekretär Butros Butros Ghali sei bereits im Juni über Kriegsverbrechen und Vergewaltigungen informiert worden.
So gebe es unter den Dokumenten auch das Geständnis des Moslems Alija Slimagic, in dem dieser zugibt, daß er im Dorf Kostres bei Bosanski Brod mit seinen Kumpanen die serbische Bevölkerung abgeschlachtet habe. "Die Eltern einer Familie banden wir an Stühlen fest und lynchten vor ihren Augen die beiden vier- und sechsjährigen Kinder."
Belgrader Angaben zufolge wurden in Bosnien 50 000 serbische Männer, Frauen und Kinder in 60 Lagern und privaten Verliesen festgehalten. Ein Drittel der Frauen sei vergewaltigt worden. Zusätzlich seien etwa tausend serbische Frauen in 16 Bordellen untergebracht gewesen. "Noch immer gibt es zahlreiche Sexgefängnisse", sagt Mira Nikolic vom Belgrader Außenministerium. Allein in Sarajevo seien es fünf, in Slavonski Brod drei.
"Jede Armee in dieser Welt vergewaltigt", sagt der Psychiater Jakulic. Die normale, wissenschaftlich belegte Zahl von Psychopathen innerhalb der Bevölkerung liege bei 7 bis 9 Prozent. Doch in diesem Krieg, so schätzt der Professor, betrage der Anteil jener, die andere mit Genuß quälen, unter den Kämpfern und Freischärlern bis zu 30 Prozent. Jakulic: "Von denen ist zu erwarten, daß sie ihre Gegner bei lebendigem Leib skalpieren." Allerdings sei es eine "phantastische Behauptung", meint der international renommierte Psychiater, daß 60 000 Mosleminnen von serbischen Tschetniks vergewaltigt wurden.
Mit den Opfern des Balkan-Konflikts befassen sich allein in Belgrad mehr als zwei Dutzend Institutionen - vom Roten Kreuz über die Vereinigung für Menschenrechte, dem Flüchtlingskommissariat bis zur Zentralstelle zur Erfassung von Kriegsverbrechen. Niemand vermag indes zu beurteilen, inwieweit die an die Öffentlichkeit lancierten Berichte von der Politik diktiert wurden oder auf korrekten Auswertungen beruhen.
Da ist etwa die Analyse der medizinischen Militärakademie, die eine Gruppe entlassener Serben, die vier Monate in kroatischen Gefängnissen verbracht hatten, von Experten untersuchen ließ. Dabei wurden neben gesundheitlichen Schäden als häufigste Formen physischer Bedrohung und abnormer Behandlung registriert:
Elektroschocks an den Genitalien; tagelange Vergewaltigung weiblicher Opfer; das Aufhängen an einem Baum im Winter bei 15 Grad Minustemperatur und Übergießen mit kaltem Wasser; kochendheißes Duschen, um Verbrennungen hervorzurufen; das Masturbieren vor Titos Bild; das Zwingen weiblicher Gefangener, Sperma von kroatischen Freischärlern zu schlucken.
Vojin Dabic von der Belgrader Kommission zur Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen: "In Moslem-Lagern wurden Serben regelmäßig zu homosexuellem Verkehr mißbraucht, aber auch untereinander dazu gezwungen, während die Folterer zusahen. Insbesondere Priester wurden mit abartigem Sex gequält."
Daß die Vergewaltigung von Frauen von allen drei Kriegsparteien zu Propagandazwecken mißbraucht wird, glaubt Professor Zoran Stankovic vom Gerichtsmedizinischen Institut im Belgrader Militärkrankenhaus. Sein Ärzteteam ist ununterbrochen an der Front und hat mehr als 2000 Leichen identifiziert. "Eine Vergewaltigung", sagt er, noch dazu in den geschilderten Abarten, "hinterläßt eindeutige Spuren."
In der kommenden Woche wird der Mediziner wieder in Bosnien an einem "Leichenaustausch" teilnehmen. Er wird erneut die Verzweiflung alter Bauern miterleben, die am Übergabepunkt warten, wenn die Überreste ihrer Söhne, meist nur in Müll- oder Kohlesäcken verpackt, nicht dabei sind - weil der serbischen Seite genügend Leichen zum Austausch fehlen.
Wie viele Frauen vergewaltigt wurden und wie viele Söhne einfacher Bürger noch sterben müssen - eines macht den Medizinprofessor StankovIc wütend: "In zwei Jahren werden sich kroatische, serbische und moslemische Politiker wieder umarmen. Aber das Volk wird noch Jahrzehnte leiden."

DER SPIEGEL 53/1992
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