Der Newcomer, so schien es, hatte einen Kultur-Coup gelandet: Im Münchner Magazin Focus war kürzlich ein Gespräch mit Ernst Jünger "über sein neues Tagebuch" erschienen - mit dem greisen Groß-Schriftsteller, der seit einem Zeckenbiß im Sommer kränkelt. Focus-Mitarbeiter Axel Thorer war es demnach gelungen, in das Forsthaus des passionierten Käfersammlers im baden-württembergischen Wilflingen vorzudringen. Da wird ehrfürchtig berichtet, wie der Alte "aus dem Abstand eines 98jährigen" den Zerfall der UdSSR, das neue Deutschland kommentiert und stolz auf die Insekten blickt, die seinen Namen tragen. Das Zeckenopfer wirkte topfit. Beglückt darüber meldeten sich Jünger-Fans bei Ehefrau Liselotte, die aber verdrossen mitteilte, Autor Thorer sei keineswegs "in letzter Zeit" (Focus) im Dichterheim zum Tee aufgekreuzt. In Wahrheit lag der Besuch schon zweieinhalb Jahre zurück und war, in Wort und Bild, im Burda-Schwesterblatt Bunte vom 14. März 1991 ausführlich verwertet worden. In Focus kehren fast sämtliche Zitate wörtlich wieder - zum Beispiel der markige Jünger-Satz: "Zumindest würde ich als Stier lieber in der Arena sterben als im Schlachthof." Nun streiten sich Thorer und Focus-Chef Helmut Markwort, "wer wen über den Tisch gezogen hat" (Markwort). Thorer sagt, das Magazin habe das alte Interview ohne sein Zutun neu verpackt. Markwort spielt den Geleimten: Thorer habe das vergilbte Stück als frische Ware verkauft.
DER SPIEGEL 41/1993
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