25.10.1993

DenkmalspflegeMarx und Lenin für den Freizeitpark

In Manfred Dennerts Stimme schleicht sich verhaltenes Stöhnen. Nein, sagt der Berliner Bezirksbürgermeister genervt, "das Ding wird abgeräumt" - wenn es nach ihm ginge noch in diesem Herbst.
Nein, da werde nichts erhalten, schon gar nicht im Dutzend. Und überhaupt, diese Idee, bei ihm vor der Haustür einen DDR-Skulpturenpark zu errichten, wundert sich Dennert: "Auf so was kann doch nur ein Wessi kommen."
Der Bürgermeister des Bezirks Prenzlauer Berg hat ein reichlich großes Problem - 13 Meter hoch, 55 Tonnen schwer. Es steht mitten im Ernst-Thälmann-Park und droht 40 000 Mark für die Restaurierung zu verschlingen: die Bronzeskulptur des Arbeiterführers und KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, eine der letzten noch am alten Platz erhaltenen Monumentalplastiken der DDR.
Eine "Verunzierung der Gegend" sei das, sagt Dennert. Die Bürger könnten den Anblick nicht länger ertragen. Sie wollen den Koloß loswerden - und haben auch schon eine Lösung.
Rund 500 Kilometer südwestlich, im 7000-Einwohner-Städtchen Gundelfingen an der Donau, reibt sich ein listiger Schwabe die Hände. "Garantiert", zwinkert Josef Kurz, "den Thälmann, den krieg'' ich auch noch." Der 63jährige Natursteinfabrikant, spezialisiert auf Grabengel und Steinplatten, hat ein Gewerbe entdeckt, das ihm Staunen und Spott einbringt: Er sammelt monumentale Zeugen des Sozialismus.
Fast 20 besitzt er schon - allesamt überlebensgroße Figuren, in Wendezeiten vom Sockel gestürzt, in die Ecke gestellt, ins Depot verbannt. Hunderttausende von Mark hat der Sammler allein für Abriß und Transport der ausrangierten Größen schon hingelegt. Geerntet hat Kurz dafür mitleidiges Lächeln: "Des is halt des Hobby von unserm Chef", kichert eine Angestellte.
Nur ein Hobby? Die Investitionen fürs Skurrile könnten sich bald lohnen. Bei Kunst- und Zeitgeschichtlern bahnt sich eine Wende an: DDR-Kunst - alles Schrott? Mitnichten, meint der Leiter des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Christoph Stölzl. Er, der vor zwei Jahren noch den Abriß des Lenin-Denkmals in Ost-Berlin befürwortet hatte, zeigt sich nun selbstkritisch: Der Thälmann, "dieses archäologische Leitfossil der DDR", solle doch stehenbleiben.
Am liebsten wäre dem Museumsmann sogar ein ganzer Skulpturenpark voll mit Lenin, Thälmann, Marx und Engels - eine Attraktion, die es mit der abgerissenen Mauer in Berlin aufnehmen könnte. Doch bisher, so Stölzl, "hat sich keiner erbarmt". Überall haben sich die Museumsleute nur Abfuhren geholt.
Das Umdenken der Vordenker hat die Basis noch nicht erreicht: In den neuen Bundesländern wird weiter gnadenlos abgeräumt, was Erinnerungen wecken könnte - egal, ob künstlerisch wertvoll oder historisch bedeutend.
Dresden hat seinen "roten Bahnhofsvorsteher" Lenin an den Schwaben Kurz verhökert - allein der Transport kostete ihn 200 000 Mark. Jena verbannte die bronzene Marx-Büste vor der Universität ins Depot. In Berlin modert der Begründer des sowjetischen Geheimdienstes KGB, Felix Dserschinski, im Arsenal; in Dessau schlugen Bürger dem Thälmann den Kopf ab. Merseburg riß seinen Bronze-Lenin ab - jetzt steht er im Hangar des nahen Militärflughafens. In Stralsund wackelt das Denkmal des ersten DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck - es soll einem Parkplatz weichen.
Nur die sowjetischen Denkmäler, etwa das gigantische Ehrenmal im Treptower Park von Berlin, sind vor Zerstörung geschützt: Laut Artikel 18 des deutsch-sowjetischen Partnerschaftsvertrags von 1990 muß Deutschland die Helden unverändert erhalten.
"Die Zeit", sagt Margot Ticha vom Deutschen Historischen Museum, "ist noch nicht reif für die Anerkennung manchen Stückes DDR-Kunst." Im Gegenteil, so wundert sich die Berlinerin, jetzt werde "plötzlich lautstark verlangt, etwas _(* Szene aus einem Dokumentar-Spielfilm. ) zu entfernen, was die Leute früher gar nicht bemerkt haben".
Seit einem Jahr arbeitet Ticha an einem Kataster sozialistischer Kunst in den neuen Ländern. 250 Kunstwerke hat ihr Computer bereits gespeichert, 1000 erwartet sie als Ergebnis: "Oft wissen die Städte noch nicht einmal, daß bei ihnen Denkmäler rumstehen." Und diese kollektive Ignoranz hält sich nicht nur in kleinen Gemeinden.
Auch Berlin sieht dem Wegschaffen der Thälmann-Skulptur gelassen entgegen. "Soll er doch hinziehen in Frieden", sagt Rainer E. Klemke, Sprecher des Kultursenators, ungerührt. Der Schwabe Kurz könne den Koloß ruhig mitnehmen: "Dann erleben die im Süden zum erstenmal, was hier abgegangen ist die letzten 40 Jahre."
Genau daran würden Historiker und Denkmalschützer aber gern am Ort des Geschehens erinnern. "Diese Denkmäler sind Zeugen der Geschichte. Die kann man doch nicht einfach als Sondermüll auf ''ne Deponie am Stadtrand schaffen", sagt Eberhard Elfert von der Berliner Initiative Politische Denkmäler. In einer Kiesgrube am Stadtrand dämmert schon der geköpfte Lenin dahin - vergraben unter meterhohem Sand, nachdem ihm Souvenirjäger Ohr und Nase abgeschlagen haben.
"Das ist Kalter Krieg mit dem Bagger", verurteilt Elfert die Totalentsorgung: "Viele wollen damit auch die eigene Geschichte loswerden." Bernt Roder, Leiter des Prenzlauer-Berg-Museums, ist sich sicher: "Das Wegputzen dieser Dinge ist ahistorisch." Der Museumsmann fordert: "Stehenlassen, solange die steinernen Zeugen Gedanken auslösen." Und wenn schon ein Skulpturenpark - dann selbstverständlich in Berlin: "Das bringt zehnmal mehr als in Bayern."
Doch der katholische Süden bietet einen unschätzbaren Vorteil: Er hat keine Angst vor der kulturhistorischen Geisterbahn aus Stein. Und dort gibt es in diesem Fall offensichtlich auch wirtschaftlichen Weitblick.
Schon erhält Unternehmer Kurz erste Angebote für seine Recken aus Sandstein und Granit. Margarita Mathiopoulos, die Journalistin, die Willy Brandt 1987 zur SPD-Sprecherin machen wollte, interessiert sich für die Kultfiguren des Sozialismus - privat, für den Vorgarten: "Das ist doch ein Teil unserer Geschichte. So was gehört nicht kaputtgeschlagen."
Möglicherweise kauft nun ein bayerisches Staatsunternehmen. Die Bayernwerk AG will Lenin, Stalin und Genossen nach Wackersdorf in die Oberpfalz locken - als Publikumsmagneten für einen geplanten Sport- und Freizeitpark auf dem Gelände der 1989 gestoppten Wiederaufarbeitungsanlage. Ein paar Lenins zwischen Mountainbike-Rennern, Marx als Kletterfelsen zwischen Biergärten könnten sich doch "ganz witzig" ausmachen. "Auf jeden Fall", sagt Bayernwerker Christian Breitenwieser, "wird dadurch unser Projekt bekannt."
Sozialistische Realität im Kapitalismus: Lenin und Stalin im PR-Auftrag für die bayerische Staatsfirma - da packt Historiker das Grausen. "Unangemessen" sei das, wenn Ferienkinder auf einem Lenin "rumkrabbeln", meint der Berliner Elfert. Sammler Kurz ("Ich hab'' ein Monopol auf Stalin") möchte für seine Ahnengalerie schon eine "eigene Ecke" im Freizeitpark, was "Ehrenvolles" - auch wenn er selbst eine kleine Marx-Büste als Türstopper für sein Büro zweckentfremdet. Ihm schwebt ein "Josef-Kurz-Asyl- und Freizeitpark" vor.
Einstweilen haben die steinernen Hünen bei Kurz Asyl gefunden. Prosaisch ruhen sie zwischen Grabesengeln, Marmorplatten und Gabelstaplern vor seiner Steinmetzfirma.
Kurz schwadroniert davon, er könne 160 Figuren aus Osteuropa ankarren, teilweise bis zu 45 Meter hoch. Allerdings hat ihm die Stadt Gundelfingen eine Auflage erteilt: Seine Kolosse dürfen den 38 Meter hohen Turm der katholischen Stadtpfarrkirche St. Martin nicht überragen. Doch der Schwabe betrachtet das Industriegebiet von Gundelfingen ohnehin nur als Zwischenlager. "Millionen", raunt er, "Millionen" könne er mit Lenin und Konsorten machen.
Auch wenn Kurz gern übertreibt - "doof ist der nicht", sagt Kunstkennerin Karoline Müller. Seit 33 Jahren handelt die Berliner Galeristin mit DDR-Kunst. In drei bis vier Jahren, prophezeit die Sachverständige, werden die Preise für sozialistischen Realismus nach oben gehen. Am Ende, meint die Galeristin Müller, würden die Reste der Bilderstürmerei Kurz vom Staat wieder abgekauft - fürs Museum: "Der hat sich lauter Goldbarren hingelegt."
Welche Werte da in maroden Werksschuppen und Kombinaten liegen, hat auch die Treuhandanstalt erst drei Jahre nach der Wende erkannt. Was verschwunden, auf der Müllkippe oder im Wohnzimmer gelandet ist, kann keiner sagen. "Vieles ist schon den Bach runter", gibt Anke Jark, Mitarbeiterin des zuständigen Treuhanddirektors Josef Dierdorf, zu. Was übrigblieb, will die Treuhand nun erhalten - als "Grundstein für eine Sammlung über DDR-Kunst", hofft Dierdorf. Innen- und Finanzministerium haben bereits zugestimmt.
"Wir wollen uns", so Treuhänderin Jark, "nicht vorwerfen lassen, wir hätten alles gnadenlos versilbert und nicht begriffen, was wir hier haben." Historiker katalogisieren jetzt den Bestand. Auf keinen Fall sollen die Einzelstücke in alle Winde verstreut werden - in Vorgärten, auf Rummelplätze. "Das ist", sagt Jark, "eine Spielwiese für die Wissenschaft. Das gehört nicht verscherbelt." Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
DDR-Denkmäler *
werden von Städten und Gemeinden in den neuen Bundesländern weiterhin rigoros abgeräumt - obwohl nun selbst die Treuhand den kulturhistorischen Wert erkannt hat. Ein süddeutscher Sammler bemüht sich um Rettung der Mammutstatuen. Er hat bereits "ein Monopol auf Stalin".
* Szene aus einem Dokumentar-Spielfilm.

DER SPIEGEL 43/1993
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