01.11.1993

StädteAschenputtel des Ostens

Einst war sie mächtiges Industriezentrum, nun gilt sie als Schrecken der Investoren: Die Stadt Chemnitz ist zum Symbol für die Probleme beim Aufbau Ost geworden. Die verdeckte Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent, die Region gleicht, so ein Kommunalpolitiker, einer „Leiche“.
Die größte Touristen-Attraktion von Chemnitz heißt Karl Marx. Wuchtig steht der 7,10 Meter hohe Bronzekopf vor dem Gebäude der früheren Bezirksverwaltung und schaut auf die Stadt, die einmal, zum Widerwillen vieler Bürger, seinen Namen trug.
Unter der Marx-Büste begrüßen sich Punks, versammeln sich Gewerkschaftler zum Protest, suchen Touristen nach dem besten Fotomotiv.
An Marx vorbei hasten die Menschen zum dahinterliegenden Arbeitsamt. Im Chemnitzer Kessel, der Urzelle des deutschen Maschinenbaus, raucht nur noch der 300 Meter hohe Schlot des Heizkraftwerks.
Knapp vier Jahre nach der Wende ist das "sächsische Manchester" (Ehrentitel aus dem letzten Jahrhundert) zum Aschenputtel Ostdeutschlands geworden. Das "starke Herz Sachsens" (Eigenwerbung) leidet an Angina pectoris.
Von knapp 100 000 industriellen Arbeitsplätzen sind noch rund 10 000 übriggeblieben, aber keineswegs sicher. Gerade mal 25 Millionen Mark fließen der Stadt (283 000 Einwohner) aus der Gewerbesteuer zu, die verdeckte Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent.
In Chemnitz bündeln sich die Probleme des Neuanfangs wie nirgendwo sonst in einer ostdeutschen Großstadt. Das einst stolze Industriezentrum war zu DDR-Zeiten auch Funktionärsmetropole mit der größten Stasi-Bezirksverwaltung; die Hierarchen mehrerer Großkombinate saßen hier und auch die Spitzengenossen des Uranbergbau-Betriebes Wismut.
Nach der Wende zeigten sich bald gravierende Standort-Nachteile: Die Verkehrsanbindung der Stadt im neuen Ost-West-Geflecht ist miserabel. Chemnitz hat weder einen Flughafen noch einen IC-Anschluß, und wer mit dem Auto anreist, quält sich vom Dauer-Stau auf der Autobahn über schlechte Straßen an riesigen Industriebrachen vorbei in die Innenstadt. Eine chaotische Stadtverwaltung reihte bei der Planung des Aufbaus zudem Panne an Panne.
Schnell hatte Chemnitz den Ruf als Schrecken der Investoren weg. Fördermittel und neue Unternehmen gingen in die konkurrierenden sächsischen Metropolen Leipzig (496 000 Einwohner) und Dresden (482 000 Einwohner).
Die gesamte Region Chemnitz, analysiert der evangelische Pfarrer und Ratsherr der Grünen, Mathias Wild, 38, sei "eine Leiche", große Teile der alten Industrie müßten "beerdigt" werden. "Aber es traut sich keiner, zur Bestattung zu rufen."
Im Stadtzentrum dreht sich kein Baukran. Der Aufschwung-Ost besteht aus einer gewaltigen, 22 Millionen Mark teuren Tiefgarage unter dem Theaterplatz, deren 351 Boxen gewöhnlich nicht einmal zu 15 Prozent ausgelastet sind. Die Garage ist fertig, der Zugang zum Platz aber nicht: Wer in die für 121 Millionen Mark renovierte Oper will, muß sich auf Schleichwege begeben.
Wirtschaftsführer, Händler und Handwerksfunktionäre haben entdeckt, wo die Bremser sitzen: im Rathaus. Dort wurde im Sommer bereits der zweite Oberbürgermeister, wie sein Vorgänger ein Christdemokrat, gefeuert.
Seit Anfang Oktober versucht sich nun der Sozialdemokrat Peter Seifert, 52, im schwierigsten kommunalpolitischen Job, den Ostdeutschland bereithält. Die Ratsfraktionen von SPD, PDS, FDP und Bündnis 90/Grüne wählten ihn mit großer Mehrheit bis zur Kommunalwahl im Juni 1994.
Auch Seiferts wichtigster Gehilfe, der seit dem Frühjahr amtierende Dezernent für Stadtentwicklung und Bauordnung, Bela Dören, 43, ist Sozialdemokrat. Dören fehlen 160 Architekten und Bauingenieure für "hochinteressante Aufgaben in einem komplexen Umfeld mit vielen Sorgen und Nöten", wie er in einer Stellenanzeige formuliert hat.
Die Innenstadt von Chemnitz wurde im März 1945 bei Bombenangriffen zu 95 Prozent dem Erdboden gleichgemacht. "Der anschließende Wiederaufbau", heißt es in einer städtischen Ausstellung, "versuchte unter Zugrundelegung des Idealbildes des neuen Städtebaues in der DDR und unter dem Namen Karl-Marx-Stadt bewußt von historischen Vorlagen abzuweichen."
Das ist den SED-Architekten gelungen: In Chemnitz gibt es "Unraum anstelle Stadtraum" (Ausstellungstext), um elende Betonkisten pfeift der Wind.
Stadtplaner Dören träumt von einer urbanen "Achse" vom Rathaus zur glänzend sortierten städtischen Kunstsammlung und weiter zum sterbenden Boulevard Brühl, der sozialistischen Renommier-Fußgängerzone, mitten durchs langgestreckte Gebäude der früheren Bezirksverwaltung.
Einstweilen muß sich der Stadtentwickler um Dringenderes kümmern - um das Wohngebiet Fritz Heckert etwa, die "Golanhöhen" (Spitzname) der Stadt, wo 80 000 Menschen in Plattenbauten leben. Drei Monate, erzählt Dören, habe sein Kampf um die Aufstellung von Streetball-Körben für Jugendliche im Heckert gedauert. Die Beseitigung der Parkplatznot brauche länger, "aber wir arbeiten dran".
Dören will alles machen, am liebsten gleich. "Der ist längst einer von uns", sagt Seifert über den gebürtigen Ungar, der zuletzt acht Jahre Baudezernent im nordrhein-westfälischen Herford war.
Mit anderen Aufbauhelfern haben die Chemnitzer keine guten Erfahrungen. Der erste Bürgermeister nach der Wende stammte aus Budenheim bei Mainz. Der Christdemokrat Dieter Noll, ein Unternehmensberater, versprach viel und hielt wenig. Er stolperte über Vorwürfe, beim geplanten Bau eines Hotels sei es zu Durchstechereien gekommen.
Sein Nachfolger, der CDU-Mann Joachim Pilz, 60, ist zwar Chemnitzer. Doch der Ostdeutsche bezeichnete sich selbst als "zu weichen Typen".
Die Stadtregenten richteten fast drei Jahre lang vor allem Chaos an. Neun Dezernenten wurden entlassen oder traten zurück, teils wegen Stasi-Tätigkeit, teils wegen Faulheit und Inkompetenz. Der Wirtschaftsdezernent versprach Investoren insgesamt 800 000 Quadratmeter Laden- und Lagerfläche für den Einzelhandel, mehr als doppelt soviel wie nötig; gleichzeitig entstand in der kleinen Nachbargemeinde Röhrsdorf an der Autobahn ein riesiges Einkaufszentrum mit 70 000 Quadratmetern.
Beim Regierungsbezirk forderte die Stadt Fördermittel nicht an, die ihr zur Verfügung standen. Regelmäßig wurde Bürgermeister Pilz zudem von seiner Fraktion gedemütigt; in der geben die Blockpolitiker aus DDR-Zeiten den Ton an.
Vier Anläufe brauchten die Stadtverordneten, um den überforderten Pilz abzuwählen. Die Neuwahl verzögerte sich: Die CDU hatte einen neuen Kandidaten aufgeboten, ihn aber nicht korrekt vorgeschlagen. Der Bewerber aus Neustadt bei Mannheim beeindruckte durch die Mitteilung, die Zugverbindung nach Baden-Württemberg sei katastrophal.
Gewählt wurde schließlich Sozialdemokrat Seifert. Der promovierte Ingenieur muß jetzt lang aufgeschobene Grausamkeiten durchsetzen, etwa die Entlassung von städtischen Kindergärtnerinnen und Putzfrauen. Populär ist Seifert gleichwohl. Er spricht so detailreich über fehlende Flächen für Handwerksbetriebe, die geplante Siemens-Niederlassung und das in Bau befindliche VW-Motorenwerk, daß viele Chemnitzer glauben, mit ihm werde der Neuanfang gelingen.
Doch solcher Optimismus nistet nicht überall. "Hier geht sowieso bald nichts mehr", sagt Petra Heidenreich, 38. Seit sie arbeitslos ist, geht die Mutter eines 17 Jahre alten Jugendlichen fast jeden Tag mit in den Jugendklub "Solaris".
Die ehemalige Lehrwerkstatt der alten Fettchemie sieht mächtig heruntergekommen aus. An den Wänden schlechte Graffiti, im Hauptraum abgewetzte Matratzen, hintendrin uralte Mopeds zum Ausschlachten.
Die Kids akzeptieren "die Petra", weil sie Eigeninitiative zeige, eine alte Chemnitzer Tugend, die von knapp 60 Jahren Diktatur-Erfahrung fast verschüttet scheint. Heidenreich nimmt die Jugendlichen ehrenamtlich gegen Nörgler in Schutz: "Wo Jugend ist, geht's laut zu."
Den großenteils arbeitslosen Nachbarn wäre lieber, wenn es statt dessen auf dem Rest des 76 000 Quadratmeter großen Geländes der früheren Fettchemie ein bißchen lauter zuginge. Hier entstand 1928 das erste synthetische Waschmittel der Welt, "Für Eure Wäsche", kurz: Fewa.
Von der einst berühmten Firma sind nur riesige, giftige Schuttberge geblieben. Die Ruine der früheren Versuchsanlage für das gefährliche Insektengift DDT soll stehen bleiben, bis eine Sondermüll-Deponie gefunden ist. Den Anblick findet Horst Scheerschmidt, 53, "makaber, das tut weh". Er hat 1954 als Lehrling bei der Fettchemie angefangen, war dort zuletzt Produktionsleiter.
Jetzt arbeitet er für Gert Gauder, den Geschäftsführenden Gesellschafter der Stuttgarter Baufirma In-Bau. Gauder, 49, hat mit seinem "Solaris-Technologie- und Gewerbepark" allen Investitionshemmnissen getrotzt. So etwas erweckt Mißtrauen in Chemnitz. Ist er wieder nur ein Absahner aus dem Westen?
Geduldig redet Gauder in sanftem Schwäbisch gegen den Verdacht an, er habe sich das Gelände vor allem angeeignet, um es später mit Gewinn weiterzuverkaufen. Er spricht von "Spekulationsausschluß" und "gesamtheitlichem Konzept".
Den Rentnern des alten Betriebs, die er zum Kaffeetrinken eingeladen hat, zeigt er stolz ein Modell des künftigen Industrie-Areals, einschließlich Museum und neuem Jugendklub. Zwar beschränken sich die Investitionszusagen einstweilen auf eine Tankstelle, Büroräume und eine Wirtschaftsprüfergesellschaft. Zweifler aber bescheidet Gauder: "Sie müssen langfristiger und positiv denken."
Langfristiger zu denken haben die Chemnitzer notgedrungen lernen müssen. Um in der heruntergekommenen Industriestadt positiv zu denken, muß einer wohl Künstler sein - wie Thomas Ranft, 48.
Der Grafiker hat gerade den 20. Geburtstag seiner "Galerie Oben" mitgefeiert. Die Räume hinter dem Rathaus entsprachen nie den "staatlichen Normen der Ausstellungstätigkeit". Die mittlerweile legendären Lesungen, Diskussionen und Workshops jeden Mittwoch erschütterten regelmäßig das "Vertrauen in die Kunstpolitik unserer Partei", wie ein lokaler Kulturbonze 1982 erbost schrieb.
Jetzt zieht Ranft aus Chemnitz weg - nach Dittersdorf, vor die Tore der Stadt. Er will in der Nähe bleiben. Auch Sonja Näder, 45, hängt an der rauhen Arbeiterstadt. Ganz hinten auf dem Rangierbahnhof Hilbersdorf, wo Chemnitz fast zu Ende ist, hat die Bildhauerin mit zwei Kollegen wochenlang an einem alten Güterwaggon gebastelt. Senkrecht hängen darin graue, transparente Bahnen aus Naturseide. An eine Seite wurde ein neuer Zugang geschweißt, am Ende wird er mit grauem Vlies umwickelt - ein riesiger Kokon.
Die Reichsbahn hat dem Chemnitzer Künstlerbund 15 schrottreife Wagen überlassen. Den Herbst über bummeln sie als Kunstzug durch Sachsen, darunter auch der Waggon von Näder. Ihr Kokon steht als Symbol für den Versuch, sich einzuspinnen gegen die Umwelt.
Chemnitz? "Eine triste, tote Stadt", sagt Sonja Näder - und lächelt. Y
Von der berühmten Firma sind nur giftige Schuttberge geblieben
[Grafiktext]
__56_ Chemnitz
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DER SPIEGEL 44/1993
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