03.10.1994

Mit Esel und Folklore

Dem Promi-Kult waren die Grünen immer abhold. Neuerdings aber machen sie ganz selbstverständlich Politik mit Köpfen. Die soll ihnen ein Novum bescheren: Direktmandate für den Bundestag.
Hans-Christian Ströbele, 55, lange Jahre einer der grundsatztreuen Grünen, freut sich über den Stilbruch: "Ein personenbezogener Wahlkampf, das ist neu." Davon will der Anwalt, der ehedem RAF-Gründer Andreas Baader verteidigte, profitieren. Denn er ist aussichtsreichster grüner Anwärter auf ein Direktmandat.
Sein Wahlkreis in Berlin umfaßt Kreuzberg und Schöneberg. Die Grünen kamen bei der Europawahl in Kreuzberg auf 34,1 Prozent und im bürgerlicheren Schöneberg auf 27,6 Prozent; damit lagen sie im Wahlkreis vor allen anderen Parteien.
Ströbele macht jetzt "ganz bewußt Wahlkampf als Linker" - mit Esel und Folklore auf dem Türkenmarkt, mit einem Musikumzug durch die Straßen des Viertels und mit gleich zwei Wählerinitiativen; die eine haben Ausländer gegründet, die hier wohnen, die andere Intellektuelle und Künstler.
Auf Direktmandate hatten sich die Grünen bisher aus gutem Grund nicht kapriziert. Allenfalls in absoluten Ausnahmefällen schaffen es kleine Parteien, daß einer der Ihren direkt ins Parlament gewählt wird; Gregor Gysi holte 1990 den Sitz für die PDS in Ost-Berlin, Uwe Lühr für die FDP in Halle. Was die Kleinen brauchen, müssen sie über die Zweitstimme holen, die Parteienstimme.
Direktmandate aber haben einen großen Vorteil: Jene Partei, die drei davon bekommt, ist im Bundestag vertreten, selbst wenn sie insgesamt unter fünf Prozent bleibt. 1990 brachten es die Grünen im Westen nur auf 4,8 Prozent (Bündnis 90/Grüne durften nach dem Beschluß der Verfassungsrichter für diese Übergangswahl auch mit bundesweit 1,2 Prozent in den Bundestag).
Diesmal wollen die Grünen für ihr gesamtdeutsches Ergebnis beides: mehr als fünf Prozent und Direktmandate.
In Hamburg-Nord versucht es die Fraktionsvorsitzende der Grün-Alternativen Liste (GAL), Krista Sager, 41. Sie wird von einer Wählerinitiative um den langjährigen SPD-Kulturexperten Martin Meier-Siem, 77, unterstützt. Rund 130 Sympathisanten, darunter viele Sozialdemokraten, möchten mit der Grünen "das alte System" aushöhlen, das "den angepaßten, männlichen, mittelalten Parteifunktionär" begünstige. Dafür verzichtete sie sogar auf eine Absicherung über die Landesliste.
Mit Sager an der Spitze schaffte die GAL bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen 1993 mit 13,5 Prozent das beste Ergebnis, daß die Grünen je bei einer Landtagswahl erzielten.
Die Chancen für die Kandidatin stehen nicht schlecht. Sie sei der "Shooting-Star der Grünen", meint der Stuttgarter Realo Rezzo Schlauch hymnisch. "Das größte politische Talent" nennt sie Joschka Fischer, der groß sonst vorzugsweise von sich selbst denkt. Sager gilt als Anwärterin auf ein Regierungsamt, wenn es denn mit der SPD reicht; sie könnte aber auch zur Sprecherin der Grünen gewählt werden, wenn sie nur will.
In Kassel hofft "die große Grüne", wie Antje Vollmer, 51, dort mittlerweile genannt wird, auf den Durchbruch. Der Wahlkreis war lange Jahre sichere Beute der linken SPD; doch deren Lokalmatador Horst Peter verzichtete auf eine erneute Nominierung. Er wurde vom blassen Gewerkschafter Gerhard Rübenkönig, 52, abgelöst.
Intellektuelle und Prominente - von Ignatz Bubis bis Günter Graß - werben für Vollmer, die schon der ersten Bonner Grünen-Fraktion 1983 angehörte. "Ein Ergebnis von 30 Prozent plus x", so glauben Parteistrategen, sei keine Illusion mehr. Und das könnte reichen.
Gute Aussichten hatte, bis zur Landtagswahl in Sachsen, auch der Bürgerrechtler Werner Schulz, 44, vom Bündnis 90. Mitten im Wahlkampf nahm die SPD in Leipzig ihren Bewerber Michael Müller, der allzu vorlaut über eine "anstehende Vereinigung" mit der PDS nachgedacht hatte, aus dem Rennen.
Doch ausgerechnet bei seinen eigenen Leuten hat sich Schulz seinerseits unbeliebt gemacht, weil er allzu freimütig über eine Zusammenarbeit mit der CDU sinnierte. Kurt Biedenkopfs absolute Mehrheit bei der Sachsen-Wahl zerstörte derlei Illusionen.
In der Kopf-an-Kopf-Konkurrenz mit CDU und PDS hofft Schulz, unterstützt von den Schriftstellern Monika Maron, Erich Loest, Jürgen Fuchs sowie den Spitzen-Sozis Hans-Jochen Vogel und Wolfgang Thierse, auf den "Jetzt-erst-recht-Effekt" nach der Biedenkopf-Wahl.

DER SPIEGEL 40/1994
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