08.11.1993

GroßbritannienSchlafende Hunde

Scotland Yard spürt Kriegsverbrechen auf den Falkland-Inseln nach. Doch Verurteilungen sind politisch unerwünscht.
Die Schlacht um Mount Longdon begann Schlag Mitternacht. Soldaten des 3. Fallschirmjäger-Regiments der britischen Armee stürmten bei eisiger Kälte die Stellungen der argentinischen Verteidiger. Nach mehr als sieben Stunden erbitterter Kämpfe, teilweise Mann gegen Mann, war das Gemetzel vorbei: 29 Gefallene verzeichneten die geschlagenen Argentinier, 19 die siegreichen britischen Elitekämpfer.
Die Eroberung des strategisch wichtigen Höhenzuges am 11. Juni 1982 brach den letzten Widerstand der argentinischen Invasoren und führte zum Ende des Falkland-Kriegs im Südatlantik.
Begeistert pries Kriegsherrin Margaret Thatcher "Mut und Ritterlichkeit" der Helden und lobte vor allem die Soldaten des 3. Fallschirmjäger-Regiments. "The Battle of Mount Longdon", so schien es, war ein weiteres ruhmvolles Kapitel in der glorreichen Geschichte der Armee Ihrer Majestät.
Doch inzwischen präsentiert sich die Schlacht in einem neuen, wenig heroischen Bild: nicht mehr als Ruhmesblatt für die Annalen, sondern als Fall für die Justiz.
Scotland Yard ermittelt gegen ehemalige Angehörige des 3. Regiments wegen möglicher Kriegsverbrechen, Plünderung und Mord. Die Fahnder, die Ende Oktober von einer Erkundungsreise aus Argentinien zurückkamen, sind zuversichtlich: Sie hätten jetzt "guten Stoff", den sie dem Staatsanwalt übergeben könnten.
Komme es zur Anklage, so fürchtet der national gesinnte Publizist Max Hastings, könnte Großbritannien in ein "schädliches Fiasko" stürzen und die Moral der Armee einen "verheerenden Schlag" erleiden. Und der staatstreue Daily Telegraph sorgt sich, die Nachforschungen der Polizei würden für das britische Volk "in einer kostspieligen Übung von Selbstgeißelung enden".
Ausgelöst wurden die Ermittlungen bereits 1991 durch die Kriegserinnerungen des Falkland-Veteranen Vincent Bramley. In seinem Buch "Exkursion zur Hölle" beschrieb der ehemalige Korporal, wie seine Kameraden vier argentinische Gefangene ermordeten. Die Beschuldigungen bestätigte später Hauptmann Anthony Mason, einer der Kommandierenden am Mount Longdon: Ein Gefangener "wurde über einem offenen Grab zusammengeschossen".
Obwohl die Namen der Täter bekannt waren, arbeitete die Militärjustiz äußerst schleppend. Erst vor einem Jahr brachte Verteidigungsminister Malcolm Rifkind Tempo in den brisanten Fall. Der gelernte Anwalt übergab die Sache überraschend den zivilen Ermittlungsbehörden. Korrekte Begründung: Die Verdächtigen seien aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und unterstünden deshalb nicht mehr der Militärjustiz.
Dieser Entscheidung war ein Brief des Labour-Abgeordneten Tam Dalyell vorausgegangen, der vom Minister Aufklärung über den aktuellen Stand der Ermittlungen wünschte. Rifkind, gerade erst vier Monate im Amt, witterte hinter der Anfrage eine Attacke der Opposition wegen Verschleppung des Verfahrens.
Das war ein Mißverständnis: Der Abgeordnete Dalyell, dessen Patriotismus stärker ausgeprägt ist als sein Rechtsempfinden, wollte "auf keinen Fall schlafende Hunde wecken. Es sollten nicht Gerichte entscheiden, was in einem häßlichen Konflikt vor elf oder zwölf Jahren in einem fernen Land passiert ist".
Auch Verteidigungsminister Rifkind ist über die juristische Vergangenheitsbewältigung - die Londoner Anklagebehörde rechnet mit den ersten Gerichtsterminen bis Ende dieses Jahres - nicht glücklich. Als wolle er sich nachträglich für sein gesetzestreues Verhalten entschuldigen, meinte er vorvergangene Woche: Die Ermittlungen seien "eine schmerzhafte Sache. Aber die Leute würden schlechter über uns denken, wenn wir Dinge verschleiert hätten".
Gegen die späte Buße für britische Falkland-Kämpfer wandte sich sogar eines ihrer Opfer. Korporal Jose Carizzo, heute 34, geriet am Mount Longdon in Gefangenschaft; dem Wehrlosen schoß ein Fallschirmjäger zwei Kugeln in den Kopf. Carizzo überlebte, weil die Briten ihn für tot hielten.
Auf einem Auge blind, plädiert der Argentinier jetzt für Versöhnung mit den Feinden von gestern: "Ich will nicht, daß britische Soldaten vor Gericht stehen. Würde ich dem Mann, der mir in den Kopf geschossen hat, jetzt begegnen, ich würde ihm die Hand reichen." Y

DER SPIEGEL 45/1993
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