03.10.1994

KunstGleitende Schwellform

Die Mannheimer Kunsthalle versucht eine große Reprise ihrer Epochen-Schau „Neue Sachlichkeit“ von 1925.
Und ewig grüßt der Gummibaum. Er steht, säuberlich eingetopft, auf bürgerlichem Mobiliar und wirkt unwesentlich lebendiger als der Keramikkrug oder die Stoffdraperie in demselben Stilleben, einem Werk Alexander Kanoldts von 1924. Ein Kenner von damals sah derlei Kunst, ganz ähnlich wie offenbar die dargestellte Zimmerpflanze, "im Zeitlosen Wurzeln fassen".
Aber daneben registrierte er auch eine andere, "grell zeitgenössische" Strömung, die "mit primitiver Feststellungs-, nervöser Selbstentblößungssucht" die "Aufdeckung des Chaos" betrieb. Ein 1919 von Rudolf Schlichter hingetuschter "Überfall im Bordell" könnte ihm als Beispiel dafür gedient haben. Kein Zweifel, daß dem skeptischen Beobachter, dem Mannheimer Museumsdirektor Gustav Friedrich Hartlaub, die traditionsbewußten "Klassizisten" lieber waren als die ungebärdigen "Veristen".
1925 lud Hartlaub dennoch Vertreter beider Fraktionen zu einer Ausstellung ein, die ihren so unterschiedlichen Produkten den seither gängigen Sammelnamen gab und damit einen Nerv der ebenso hektischen wie kaltschnäuzigen Zeit traf: "Neue Sachlichkeit".
Gefragt waren deutsche Maler, die "nach Überwindung der expressionistischen Art zu einer kompositionell gebundenen, zugleich aber doch wieder gegenständlichen Darstellungsweise streben". Extrem Anstößiges wie ein "Schützengraben"-Bild von Otto Dix wurde mit Rücksicht auf die "verhetzte Öffentlichkeit" (Hartlaub) ausgeschlossen. "Klassizisten", zumal südwestdeutsche, genossen Vorzugsbehandlung, so der aus Karlsruhe stammende Kanoldt.
Trotz mancher Halbherzigkeit und Provinzialität ist die Ausstellung von 1925 an Hartlaubs Wirkungsstätte, der Städtischen Kunsthalle Mannheim, in bester Erinnerung. Nie wieder haben die Mannheimer so heftige, bis heute anhaltende Diskussionen entfacht wie mit der "Neuen Sachlichkeit". Deswegen zeigt das Museum nun, vom 9. Oktober an, unter gleichem Titel eine revidierte, stark vergrößerte Neuauflage: 256 Werke von 66 Künstlern (statt 124 von 32)*.
Eine getreue Rekonstruktion wäre gar nicht machbar, weil viele damals gezeigte Bilder zerstört oder verschollen sind. Es hätte aber auch wenig Sinn, nach 1925 entstandene _(* Bis 29. Januar. Katalog im ) _(Prestel-Verlag; 248 Seiten; 49 Mark ) _((Buchhandelsausgabe 98 Mark). ) Kunst ganz auszuklammern oder Hartlaubs Ängste und Einäugigkeiten noch einmal nachzuvollziehen.
Folglich kommen diesmal so markante und gegensätzliche Künstlerpersönlichkeiten hinzu wie Christian Schad, der Meister mondäner Gefühlskälte, oder der Figuren-Konstrukteur Franz Wilhelm Seiwert. Das Epochenschlagwort "Neue Sachlichkeit" wird einer "stilgeschichtlichen Zerreißprobe" (Ausstellungsmacher Hans-Jürgen Buderer) unterzogen: Von der wütenden Karikatur bis zur konstruierten Straßenszene zählt alles, was sein Bildthema aus der Realität des Alltags nimmt.
Die neuaufgelegte "Sachlichkeit" ist nur der Höhepunkt eines reichen Regional-Programms zu "Kunst und Kultur der zwanziger Jahre". Gleichzeitig wird auf der Rheinseite gegenüber das Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum "Die neue Wirklichkeit" abstrakter Weltentwürfe vom konstruktivistischen Gemälde bis zum utopischen Architekturentwurf demonstrieren. Die Grenze ist unscharf: Ein "Neuer Mensch" Francis Picabias zeigt sich allenfalls mäßig abstrakt, Heinrich Hoerle und Seiwert haben ihre Plätze an beiden Ufern.
Bereits im Gange sind Ausstellungen zu Fotografie und Kulturgeschichte der Zeit sowie, eine Entdeckung des Mannheimer Reiß-Museums, über den Galeristen Herbert Tannenbaum, der etwa die Kunsthalle für die "Neue Sachlichkeit" mit Werken des Realisten Karl Hubbuch versorgte. In seinem eigenen "Kunsthaus" zeigte Tannenbaum sowohl Landschaften von Kanoldt als auch _(* "Selbstbildnis" (1927), "Das Haus Nr. ) _(9" (1921), "Der neue Mensch" (1924/28). ) Spießer-Satiren von Georg Scholz; der lokale Generalanzeiger bemängelte damals einen "politischen Unterton, der die Dinge nicht erfreulich macht".
Auch die Kunsthallen-Schau von 1925 erregte kein reines Wohlgefallen. Manche Kritiker waren froh zu sehen, daß der Expressionismus sich "zu Tode gerast" habe und daß nun "die Technik wieder zu ihrem Rechte" komme. Andere schauderten vor der "Kälte bedeutungsloser Objektivität".
Der anstößige linke Ton war schon 1925 abgeklungen und verlor sich dann noch mehr. Vorbildlich wirkte hier Kanoldts Malweise, die - so der Kunsthistoriker Franz Roh - "unerbittliche Scharfschnittigkeit" mit "wohlig gleitender Schwellform" verband. Der Maler trat 1932 in die NSDAP ein.
Anfang 1933 versuchte sich Hartlaub noch einmal an einer Ausstellung zum Thema, diesmal mit ausdrücklichem Appell an die "Hilfsquellen des Gemüts". Für die Haltung der Künstler fand er ein neues, verräterisches Beiwort: Der Stil hieß nun "Beschauliche Sachlichkeit". Y
* Bis 29. Januar. Katalog im Prestel-Verlag; 248 Seiten; 49 Mark (Buchhandelsausgabe 98 Mark). * "Selbstbildnis" (1927), "Das Haus Nr. 9" (1921), "Der neue Mensch" (1924/28).

DER SPIEGEL 40/1994
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