15.11.1993

Ehebruch wird alltäglich

Sex-Begegnungen im Datennetz

Ich habe entdeckt", entsetzte sich eine Kundin des weltumspannenden Datendienstes "Compuserve", "daß sich mein Mann gelegentlich privat mit anderen Frauen im Computer trifft."

Eines Nachts, klagte die Frau, habe sie ihren Gatten onanierend vor dem PC-Bildschirm angetroffen, während er mit der anderen Hand die Tastatur bearbeitete.

Solch mühselige Techtelmechtel übers Datennetz sind eine neue, immer beliebter werdende Variante von Sex am Bildschirm - eine Fortentwicklung des klassischen Telefonsex. Die über Datenleitung verbundenen Partner erregen einander "online" am PC-Bildschirm, zumeist durch stimulierende Textbotschaften, die sie auf der Tastatur des Terminals eintippen.

Zehntausende von PC-Benutzern in aller Welt treffen sich so täglich zum verbalen "Compusex", sei es in den Sexecken und Diskussionsnischen privater "Mailboxen", sei es in virtuellen Darkrooms von Amüsierbetrieben des Bildschirmtextsystems BTX, die sich "Atlantis" oder "Eden" nennen.

Der amerikanische Datennetzanbieter "American Online" (Onliner-Spott: "Größte Aufreißerbar im Cyberspace") bedient das Bedürfnis nach Pornoplausch ebenso wie das internationale Kommunikationssystem "Compuserve" (CIS), das für diesen Zweck eigens einen "Nur für Erwachsene"-Bereich offenhält.

Auf Touren gekommen war der elektronische Sex- und Pornomarkt vor Jahren zunächst in Frankreich, wo über Minitel, die französische Spielart von Bildschirmtext, ein artenreiches Prostitutions-Business abgewickelt wird: Kontaktanknüpfung in totaler Anonymität; in diese Briefkästen lassen sich die geheimsten Wünsche werfen.

Schwunghafter Handel wird auch mit den speicherstarken Daten-Disks (CD-Rom) getrieben, die den Rechnerbildschirm zur räumlich wirkenden Bühne für Multimedia-Pornos werden lassen. "Pulsierendes, spürbares Feedback" verheißt "Cyberman", ein in Karstadt-Kaufhäusern angebotener neuartiger Spezial-Joystick, der in der Hand des Computerspielers bebt.

Die härteste Software kommt aus Fernost. "Üppige Bilderpracht" bescheinigten Tester den farbigen PC-Liebesspielen aus dem technikbegeisterten Japan. Die etwas schlichtere Variante des "Strip-Poker", bei dem sich eine Animiermaid auf dem Bildschirm entblättert, wird in Europa produziert, unter anderem von der in Hannover residierenden Pornofilmerin Teresa Orlowski, die damit "den europäischen Binnenmarkt bereichern" will.

Nicht nur als erotisches Stimulans, sondern dem direkten, elektronisch verfremdeten Tete-a-tete dienen die Online-Rendezvous, zu denen die internationalen Datennetze nun herhalten müssen. Manchmal werden die Romanzen im Rechnernetz real. Unter dem platzsparenden Bildschirmkürzel "F2F" (für "Face-to-Face") lüften die Teilnehmer ihr Inkognito und verabreden sich in der richtigen Welt. Beziehungsstreß ist mithin programmiert.

Die bislang hitzigste Debatte über Liebe und Sex im Datennetz entbrannte kürzlich im US-Computertreffpunkt "The Well" ("Whole Earth 'Lectronic Link"), einem Spezialrechner im kalifornischen Sausalito, in dem Tausende von Datenreisenden aus der ganzen Welt inzwischen eine Art "zweiter Heimat" gefunden haben. Die Streitfrage, zu der am Ende eine Art elektronischer "Gemeinderat" einberufen wurde: Gibt es Treue im Cyberspace?

Ausgelöst hatte den Aufruhr ein umtriebiger Computer-Casanova, der sich über PC und Datenleitung gleichzeitig an mehrere Frauen herangemacht, die Kontakte sodann telefonisch ausgebaut und einer der gutgläubigen Cyberladys überdies noch Reisegeld für ein "F2F"-Treffen abgeschwatzt hatte.

Zum Verhängnis wurde dem PC-Papagallo, der seine diversen Modem-Gespielinnen auf absolute Diskretion eingeschworen hatte, daß zwei "Well"-Frauen eines Tages die elektronischen Tagebücher verglichen, die sie über ihr computergestütztes Liebesleben geführt hatten. Dabei stießen sie auf Parallelen.

Als sie darüber in "Women on the Well" (WOW) berichteten, einem Online-Zirkel nur für Frauen, meldeten sich noch zwei weitere Opfer, die offenbar demselben Computer-Polygamisten aufgesessen waren.

Um seine wahre Identität herauszufinden, wurde "Mr. X" daraufhin im Well-System zur Fahndung ausgeschrieben: "Wer kennt diesen Cyber-Schwindler?" "Mutwillig und brutal, berechnend und systematisch" sei der Mann vorgegangen, begründete Well-Benutzerin "Reva" ihren Schritt in die Öffentlichkeit. Eine "Well"-Teilnehmerin forderte: "Hängt ihn auf."

Er habe nicht geahnt, entschuldigte sich der reumütige PC-Playboy daraufhin in einer Bildschirm-Message, "daß dieselben Treueregeln, die ich in physischen Beziehungen anwende, auch hier im Cyberspace gelten". Kleinlaut räumte er ein: "Ich lag falsch."

Um der wachsenden Verwirrung zu begegnen, wurde im Forum "Human Sexuality" bei Compuserve (weltweit 1,3 Millionen angeschlossene Benutzer) inzwischen ein sexualpsychologischer Dienst eingerichtet. "Da draußen", berichtet CIS-Psychiater David Nutter aus Lancaster (US-Staat Pennsylvania), "gibt es eine ganze Reihe von Leuten, die behaupten, süchtig nach ,Compusex' zu sein und nicht mehr damit aufhören zu können." In der Ratgeberrubrik der US-Zeitschrift Future Sex wird zum Pornoplausch am PC-Monitor während der Arbeitszeit animiert; Titelzeile: "Kommen auf Firmenkosten".

"Der virtuelle Ehebruch", prophezeien die britischen Autoren Barrie Sherman und Phil Judkins ("Virtuelle Realität", Scherz Verlag), "wird etwas Alltägliches werden." Dann aber drohen neue Gefahren: Computerhacker, erläutern Sherman und Judkins, könnten "in die virtuellen Welten anderer Menschen eindringen und sexuelle Handlungen vornehmen". Erotische Begegnungen im Computer, einmal digital abgespeichert, könnten als Raubkopien auf dem nächsten Schulhof landen.

Der programmgesteuerte, vielfach vernetzte "Virtual Sex PC" der Zukunft, spottete bereits das elektronisch verbreitete Hackerbulletin Crypt, werde womöglich auch das Vordringen einer neuartigen Geschlechtskrankheit begünstigen: venerische Computerviren.

So könnte, führte das Hackermagazin aus, beispielsweise ein winziges Sabotageprogramm wie der berühmt gewordene Computervirus "Michelangelo" unverhofft mitten im Vorspiel eine "virtuelle Konvulsion" an der genitalen Benutzerschnittstelle auslösen. Crypt-Vision: "Autsch. Schmerzensgeldklage."


DER SPIEGEL 46/1993
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