22.11.1993

Wer verdient das Kreuz?

Jährlich werden 5000 Bundesverdienstorden vergeben

Franz Brandl, ein Bergmann aus dem hessischen Nentershausen, nahm unter Tage allen Mut zusammen. Anstatt sich in Sicherheit zu bringen, rettete er bei einem Grubenunglück zwei Kumpeln das Leben. Brandl war, 1951, der erste Deutsche, der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Er hatte es sich redlich verdient.

Das ist nicht immer so, wenn der Bundespräsident alljährlich Tausende von Orden unters Volk streut. Die 186 000 Medaillen, Sterne und Bänder des Verdienstordens wurden seither nach kaum erklärlichen Kriterien verteilt. Selbst Nazi-Protagonisten und ausländische Diktatoren wurden mit dem handemaillierten Bundes-Blech geehrt:
* Hans Maria Globke, einer der Kommentatoren der
Nürnberger Rassengesetze und Staatssekretär Konrad
Adenauers;
* Heinrich Bütefisch, der mithalf, daß
Auschwitz-Häftlinge Zwangsarbeit für die I.G. Farben
leisten mußten und als Kriegsverbrecher verurteilt
wurde;
* Felix Alexander Prentzel, im
Reichswirtschaftsministerium Vizechef der Abteilung
"Besetzte Ostgebiete" und später Bonner
Ministerialdirigent;
* Alfred Schickel, der sich als rechtsradikaler
Historiker um die Entschuldung des Nationalsozialismus
müht;
* Manuel Fraga Iribarne, Informationsminister der
Franco-Diktatur, und Vize-Präsident Luis Carrero
Blanco, ausgewiesene spanische Faschisten.

Mal weniger, mal mehr Verdienste hatten kleine und große Irrlichter, die angeblich Leistungen vollbrachten, "die im Bereich der politischen, der wirtschaftlich-sozialen und der geistigen Arbeit dem Wiederaufbau des Vaterlandes dienten" (Ordenserlaß). So wurden der bayerische Bauunternehmer und Steuerflüchtling Eduard Zwick sowie der Sparkassendirektor Gerd Höllemann, der eine halbe Million veruntreut haben soll, staatlich dekoriert.

380 000 Mark stehen allein in diesem Jahr im Bundeshaushalt für die Orden bereit, die, je nach dem Grad des Verdienstes um das Gemeinwohl, in acht Stufen verliehen werden. Durchschnittlich 14mal pro Tag werden Männer und Frauen geehrt, die sich als Kommunalpolitiker hervorgetan oder ihr Unternehmen erfolgreich geführt haben.

Die Obrigkeit ehrt sich selbst am liebsten. Bis zu 20 Prozent der Orden werden an Beamte vergeben, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung nicht einmal die Hälfte davon beträgt. Wer es in den Bonner Ministerien weit gebracht hat, darf zur Pensionierung auf das "Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband" hoffen. Selbstlose Rotkreuzhelferinnen müssen sich wegen ihres "auf einen örtlichen Bereich" beschränken Wirkens dagegen mit dem vier Stufen niedrigeren Verdienstkreuz am Bande begnügen.

Nur 16 Prozent der Orden wurden im vergangenen Jahr an Frauen vergeben. Die unübersehbaren Ungerechtigkeiten stören Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der die Ehrung zumeist auf Vorschlag der Ministerpräsidenten gewährt. Er bat "dringend und herzlich" darum, jene Bürger stärker zu berücksichtigen, die "mehr im Stillen arbeiten". Vom Althergebrachten profitiert allerdings auch das Staatsoberhaupt: Der Bundespräsident erhält die höchste Stufe des Ordens, die Sonderstufe des Großkreuzes, zu seinem Amtsantritt - noch bevor er Gelegenheit hat, sich verdient zu machen.


DER SPIEGEL 47/1993
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