06.12.1993

MedizinGeplündert ins Grab

An deutschen Krankenhäusern hat sich, heimlich und ohne eine klare Rechtsgrundlage, ein Großhandel mit Leichenteilen etabliert. Angehörige von Toten werden hintergangen, Klinikangestellte geschmiert. Die Profiteure sind Unternehmen der Pharmaindustrie, die Häute, Knochen und Organe kaufen und verarbeiten.
Alle paar Wochen nimmt der untersetzte Mann die gleiche verwinkelte Route, um in den Keller der Städtischen Kliniken von Kassel zu gelangen. Wie selbstverständlich lenkt er seinen weißen VW-Passat über den Personalparkplatz, der für das Publikum gesperrt ist, und rollt in eine versteckte Einfahrt. Dort warten die Leichenwagen der Beerdigungsinstitute auf ihre Ladung.
Im Tiefgeschoß öffnet der Besucher, der sich bestens auskennt, die Tür zum sogenannten Einsargraum, wo die Patienten, die im Krankenhaus gestorben sind, nach der Obduktion zum Abtransport vorbereitet werden. "Einen schönen guten Tag", begrüßt er fröhlich die Krankenhaushelfer, "ich komme wegen der Lieferung."
Das Personal weiß Bescheid. Wie üblich holt der Mann mit der hohen Stirn die sorgsam gesammelten Leichenteile ab, die der Chef der Pathologie als "Abfall" bezeichnet. Diesmal sind es 40 Hirnhäute, die bei der Obduktion der Verstorbenen abgezweigt worden sind.
In braunen Pappkisten mit dem Aufdruck "B. Braun" und dem Signet der gleichnamigen Pharmafirma aus dem nordhessischen Melsungen steht die Ware bereit. Auch das Blut der Toten, in Plastikröhrchen gefüllt und mit einer "Spender-Dokumentation" von Braun etikettiert, befindet sich in den gewissenhaft gepackten Kisten. Aus Hirnhäuten stellt die Pharmafirma ein teures Arzneimittel her, das etwa bei Hauttransplantationen eingesetzt wird.
Bevor der Vertreter seine Beute einlädt, holt er neues Leergut und Verpackungen aus seinem Auto - für die nächste Lieferung. Zum Abschluß greift er in die Tasche und blättert Bargeld hin. 1200 Mark läßt er da, 30 Mark für jede Hirnhaut, und entschwindet: "Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal."
Wie in Kassel werden überall in der Republik, heimlich und in großen Mengen, Leichenteile verhökert. Zu Dutzenden reisen Pharmavertreter von einem pathologischen und gerichtsmedizinischen Institut zum anderen.
Ihr Auftrag: soviel menschliches Gewebe wie nur möglich für ihre Arbeitgeber in der Pharmaindustrie zu ergattern. Und sie haben Erfolg, denn die Leichenfledderer in den Kellern der Krankenhäuser stehen zu Diensten.
Während Kirche und Medizin darum ringen, wie Fragen der Organspende ethisch zu beantworten sind, wird in den Kliniken längst mit Körperteilen geschachert. Dies geschehe ja, beruhigen Pathologen ihr Gewissen, "stets für einen guten Zweck - Leben retten", so ein Ludwigshafener Arzt.
Dabei bewegen sich die Mediziner oft jenseits der Gesetze, immer aber auf rechtlich ungesichertem Gelände (siehe Kasten Seite 77). Unterscheiden müssen sie zwischen *___Toten, die zu Lebzeiten ihren Körper gegen Übernahme ____der Bestattungskosten der Wissenschaft vermacht haben; *___Toten, die durch eine Erklärung zu Lebzeiten oder durch ____Verfügung der Angehörigen als Organspender freigegeben ____werden; *___Patienten, die im Krankenhaus sterben und über deren ____Körper, nach allgemeinem Konsens, nur die Angehörigen ____bestimmen können.
Allein diese letzte und größte Gruppe ist in den Pathologien beim Schacher mit Häuten, Knochen und Organen von Bedeutung. Die Ärzte glauben ernsthaft, sie dürften sich bei Leichen, die ihnen zur Obduktion überlassen worden sind, ohne weiteres bedienen.
Ein Vorstandsmitglied im Berufsverband Deutscher Pathologen vermag denn auch "keinen Eingriff in die Würde des Menschen" zu erkennen, "solange die Hülle intakt bleibt".
Die Liste der menschlichen Ersatzteile, die aus den deutschen Pathologien herausgeschmuggelt werden, richtet sich streng nach den Bedürfnissen von Industrie und Medizin. Waren es früher und bis in die achtziger Jahre hinein vor allem Hirnanhangdrüsen, die den Toten durch die Nase entnommen und zur Herstellung von Wachstumshormonen an die Industrie verkauft wurden, hat sich das Sortiment an Leichenteilen inzwischen deutlich erweitert.
Die Industrie schafft jährlich Hirnhäute zu Zehntausenden aus den Sektionssälen heraus. Überall werden die Duren, so der Fachbegriff für die harte Hirnhaut, "komplett gesammelt", wie es ein Mediziner formuliert. Oskar Klinge, Chef der Kasseler Pathologie, beantwortet die Frage, wie viele Hirnhäute seine Leute denn an die Industrie liefern, barsch mit dem Satz: "Jedenfalls nicht mehr, als wir haben." Auch Knochen werden den Toten heimlich entnommen und an Unfallkliniken geliefert. Gehirne und Organe wandern, zu Übungszwecken für Studenten, in die anatomischen Institute. Hüftgelenk-Prothesen aus Titan - ein Kasseler Juwelier bietet 30 Mark pro Gramm - sind ebenso zu Geld zu machen wie die Gehörknöchelchen. Pharmafirmen erwerben sie und verkaufen sie als Transplantat zur Heilung von Taubheit.
Immer häufiger werden den Leichen auf die Schnelle die Augen entnommen und unauffällig durch Glasaugen ersetzt: Hornhäute werden in der Transplantations-Medizin dringend gebraucht. Und auch das menschliche Fleisch ist nicht mehr tabu.
Neuerdings lösen die Pathologen, etwa in Erlangen, die Muskelhaut aus den Oberschenkeln Verstorbener heraus. Abnehmer ist die Pharmafirma Biodynamics, die das Bindegewebspräparat "Tutoplast fascia lata" herstellt.
Die dunklen Geschäfte in den Kellern der Pathologien laufen seit rund 25 Jahren praktisch ungestört. Die Tabuzone rund um den Tod schützt die Geschäftemacher vor intensiven Fragen, auch im Krankenhaus, wo selbst Bedienstete einen großen Bogen um die gekachelten Sektionsräume schlagen.
Wer immer im Hospital stirbt und vorher, mit seiner Unterschrift unter den Aufnahmeantrag, oft indirekt auch einer Obduktion zugestimmt hat, muß damit rechnen, daß sein Körper geplündert ins Grab gelangt.
Oft wissen Patienten und Angehörige nicht, daß sie einer Obduktion widersprechen können. Sie erfahren vielfach nicht einmal, daß ihr Einverständnis zur Sektion längst als erteilt gilt.
In den hessischen Universitätskliniken etwa unterschreiben Patienten den Behandlungsvertrag; Fragen einer Obduktion sind aber in der "Anstaltsordnung" geregelt. Sollte der Kranke sich das Paragraphenwerk wirklich zu Gemüte führen, stößt er auf einen neuerlichen Verweis - Näheres regele die gesonderte "Sektionsordnung". Die Frist für Angehörige, die sich einer Leichenöffnung widersetzen wollen, läuft jedoch bereits nach vier Stunden ab.
Angehörige wie Bestatter wissen zwar mitunter, daß Verstorbenen bei der Beerdigung manche Organ- und Gewebeteile fehlen, die zur Untersuchung und zur Feststellung der Todesursache im Krankenhaus bleiben. Aber daß Tote vom Klinikpersonal systematisch ausgeweidet werden, um Industrie, andere Krankenhäuser oder Anatomien mit Nachschub zu versorgen, davon erfahren Außenstehende nichts.
Nicht einmal die Beerdigungsinstitute bekommen mit, daß den Leichnamen oft viele Körperteile fehlen. "Das ist entsetzlich", empört sich Gunther Dötenbier, Bestatter aus Kassel und Vorsitzender im Kuratorium Deutsche Bestattungskultur, als ihn der SPIEGEL mit der Praxis der Pathologen konfrontiert: "Jetzt wird mir vieles klar."
Er habe sich, so der Unternehmer, "nie groß Gedanken darüber gemacht", warum seine Angestellten die Institute nicht betreten dürften: "Da fahren wir vor, geben nur den Sarg und das Material ab." Den Rest besorge das Klinikpersonal, das dann auch den Toten, fertig in Kissen und Decken gebettet, herausrolle.
Er habe immer geglaubt, erklärt Dötenbier, die Kliniken übernähmen die Arbeit mit den zerschnittenen Toten "aus Pietät". Doch wenn den Verstorbenen etwa "ein ganzes Bein fehlt", so hat der Bestatter jetzt begriffen, "können wir das gar nicht merken". Was aussieht wie Achtung vor dem Tod, ist in Wirklichkeit ein Vertuschungsmanöver.
Allen in den Pathologien ist klar, daß etwa die Hirnhäute der Obduzierten an die Industrie gehen. Aber wie das Geschäft genau abläuft, wollen die Mediziner meist gar nicht wissen.
"Das machen immer die Präparatoren", also das nicht-medizinische Personal, sagt etwa der Münchner Pathologie-Assistenzarzt Hans Dieter Eberhard. Gleiche Antworten geben seine Kollegen überall, so, als hätten sie den Spruch auswendig gelernt.
Die Pathologiechefs in Kassel und Bayreuth, Klinge und Manfred Stolte, geben immerhin zu, daß ihre Institute die Pharmafirmen Braun und Biodynamics mit den menschlichen Ersatzteilen beliefern. Klinge weiß, daß bei Operationen das Hirnhautpräparat lebensrettend sein kann, so etwa bei Kleinkindern mit angeborenem Rückenmarksdefekt.
Wie ihre Kollegen, die ausdrücklich nicht wissen wollen, wieviel Geld für das menschliche Gewebe fließt, haben sich beide ein gutes Gewissen zurechtgezimmert. "Es wäre ethisch und juristisch nicht vertretbar, wenn wir dafür Geld kassierten", meint Stolte.
Klinge will von Zahlungen gar noch nie gehört haben: "Dann könnte man ja sagen", tut er erschrocken, es gebe einen "Handel mit Leichenteilen". Davon distanziert er sich. Klinge: "Das wäre eine schändliche Angelegenheit."
Dabei müssen die Ärzte wissen, daß im Gewerbe mit dem Gewebe durchaus bezahlt wird. Aber für die gut verdienenden Mediziner sind die als Aufwandsentschädigungen deklarierten Zahlungen der Industrie nur Kleingeld, das mal das Sektionspersonal, mal die Klinik selber kassiert.
Der Kasseler Sektionsgehilfe Georg Scholz, 31, der als städtischer Arbeiter gerade mal 2200 Mark netto im Monat nach Hause bringt, bessert seinen Lohn mit 300 bis 500 Mark monatlich auf (siehe Kasten Seite 74). Die "Kaffeekasse" nennen er und seine Kollegen die Beträge, die ihnen die Emissäre der Pharmabranche zustecken.
Dabei verdienen Scholz und seine Kollegen keineswegs nur an der Industrie. Auch staatliche Einrichtungen beteiligen sich an der Einkommensverbesserung der Sektionsgehilfen.
Für entnommene Gehirne in Kassel etwa, die immer dutzendfach von einem Dienstwagen der Marburger Universitätsanatomie abgeholt werden, kassieren sie vom Fahrer vier Mark pro Stück - bar auf die Hand, ohne Quittung.
Teurer und umständlicher wird es, wenn die Kasseler Pathologiehelfer für die Marburger Universitäts-Unfallklinik wieder einmal reichlich Oberschenkelknochen gesammelt haben. Die Gebeine, laut Scholz "nur grob vom Gewebe befreit" und tiefgefroren, wandern in das unfallchirurgische Labor, angeblich für "reine Forschungszwecke", wie dort ein Doktorand versichert.
Dennoch wird das Geschäft verdeckt abgewickelt. Zunächst rufen die Helfer eine bestimmte Marburger Telefonnummer an und teilen ihrem Auftraggeber, einem Mediziner, mit, daß da "wieder eine Lieferung" bereitsteht. Wenige Tage später fährt ein Lieferwagen mit Behördennummer bei der Pathologie vor, der die Knochen-Kiste mitnimmt.
Die Anerkennung geht einige Tage später beim Vorarbeiter ein: ein Umschlag, der keinen Brief, sondern Bargeld enthält - meist sind es, so Sektionshelfer Scholz, "um die 200 Mark". Die stets nach drei Tagen eintreffende Geldsendung kann sich der Marburger Auftraggeber "gar nicht erklären".
Gerade die Obduktionshelfer wissen längst, daß die Entnahme und Vermarktung von Leichenteilen gängige Praxis ist. Als Pathologiehelfer Scholz einmal an den Marburger Gerichtsmediziner Richard Hilgermann für eine auswärtige Sektion ausgeliehen war, fragte der Professor: "Sag mal, Scholz, nehmt ihr eigentlich auch die Duren?" Scholz bejahte, und fragte zurück, ob er die Hirnhaut des Unfallopfers, das gerade seziert wurde, "mitnehmen" könne. "Ja", sagte der Mediziner laut Scholz, "nimm sie mit."
"Der Arzt, der nicht merkt, was da läuft", meint Scholz denn auch, "der muß schon blind sein." Tatsächlich stehen allein schon die gesammelten Hirnhäute offen in den Pathologien herum, sichtbar in Gefäßen der Industrie.
Zudem sind die Institute mit riesigen Kühlanlagen ausgestattet, die für die wissenschaftliche Arbeit nicht vonnöten wären. Für die normale Arbeit, so ein Pathologe, würde "eine Kühltruhe in Küchengröße" meistens ausreichen.
Der Berufsverband Deutscher Pathologen erklärt offiziell, am besten sollten überhaupt keine Leichenteile weitergegeben werden. Medizinisch gibt es gute Gründe für den Ratschlag, denn die weitgehend unkontrollierte Freigabe von Hirnhäuten und ähnlichem erhöht die Infektionsgefahr durch verseuchte Transplantate. Selbst die Weltfirma Braun aus Melsungen läßt sich erst seit Anfang des Jahres auch das Blutserum der Toten zur Untersuchung auf Krankheitserreger mitliefern.
Doch die Medizinlobby duldet die weitverbreitete Praxis, sofern Leichenteile "ohne jede Geldzahlung" an Unternehmen oder Institute geliefert werden. Der Pathologe Wolfgang Oehmichen aus Mönchengladbach, Schriftführer des Verbandes, ist auch gegen eine Befragung der Angehörigen - zu deren "Schonung".
Oehmichen genügt das "passive Einverständnis" des Patienten zur Obduktion, um auch die Entnahme und Weitergabe von Leichenteilen zu rechtfertigen. Kommt kein Widerspruch, so glauben die meisten von Oehmichens Kollegen, sei der Pathologe frei in seinem Handeln.
Auch der Bayreuther Stolte, der im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Pathologie sitzt, wartet nicht immer das Einverständnis der Angehörigen ab, bevor er Körperteile herausschneidet. So mußte er Monate nach einer Augenentnahme schon mal hastig ins Fichtelgebirge reisen, um die Angehörigen des unfreiwilligen Spenders zu beruhigen - sie waren durch Zufall in den Besitz des Obduktionsprotokolls gelangt.
Stolte ist überzeugt, daß er und seine Kollegen im Sinne der Kranken "etwas Gutes tun". Mit dem "rechtsfreien Raum" könnten die Pathologen denn derzeit auch ganz gut leben. Ob rechtsfreier Raum oder "Grauzone", wie der Hamburger Gerichtsmediziner Werner Janssen das Ausweiden von Verstorbenen nennt, die Leichenschauer reden sich die juristische Lage seit Jahren schön.
Rechtlich gesichert ist ihre Arbeit nämlich nur, wenn sie die Erlaubnis zur Sektion erhalten. Ziel der Obduktion ist aber ausschließlich, die "Todesursache" zu ergründen und die "Krankengeschichte" zu überprüfen. Dabei sei die "innere Leichenschau", so beispielsweise die Vertragsbedingungen der Erlanger Uniklinik, "auf das Maß zu beschränken, das zur Erreichung der notwendigen Erkenntnisse erforderlich ist, ohne daß die Achtung vor dem Toten verletzt wird".
Die Bonner Gesetzgeber hatten zwar vor 15 Jahren kurz über Regeln debattiert, wie mit Leichenteilen umzugehen sei. Sie wollten die Entnahme von Organen und Gewebe freigeben, sofern kein Widerspruch eingeht. Der Plan wurde aber schnell wieder fallengelassen, zu heftig war die Empörung.
Seitdem hat vor allem die Technik der Organtransplantation große Fortschritte gemacht, so daß eine gesetzliche Regelung zur Verpflanzung von Herzen oder Nieren nun auch der Bonner Regierung unumgänglich erscheint.
Für ein solches Transplantationsgesetz haben die Bundesländer einen Entwurf vorgelegt. Danach müssen die Angehörigen vom Arzt unterrichtet werden, wenn eine Entnahme von Organen oder Körperteilen vorgesehen ist. Derzeit müssen die Verwandten bei einer Organspende ausdrücklich zustimmen, falls keine Spendererklärung des Toten vorliegt.
Es bleibt das Geheimnis der Pathologen, warum sie glauben, sie dürften Körperteile, Gewebe oder Knochen ohne Beschränkung und Einwilligungen entnehmen - ganz so, als handele es sich um minderwertige Körperteile, für die ethische Regeln wie bei der klassischen Organentnahme nicht gelten.
Doch solche Gedanken machen sich Pathologen nicht, wie einer erkennen läßt: "Es ist doch nur vernünftig, die Sache stillschweigend zu betreiben." Das Schweigen ist auch geboten, denn nach Ansicht von Juristen verstößt bereits eine Sektion ohne Einwilligung gegen das "postmortale Persönlichkeitsrecht".
Diese Zurückhaltung teilen, aus recht durchsichtigen Gründen, auch Pharmaindustrie und Forschungsinstitute: Viele der Mitwisser stellen sich ahnungslos. Werner Specht, Geschäftsführer der Erlanger Firma Biodynamics, die weit über 10 000 Hirn- und Muskelhäute jährlich allein aus deutschen Kliniken bezieht und auch auf einem florierenden weltweiten Markt einkauft, will keine Kliniknamen nennen: "Bei gespendetem Gewebe wird Wert auf Anonymität gelegt."
Sein Unternehmen, sagt er, gehe davon aus, daß die Krankenhäuser "in jedem Fall" die "Zustimmung des Spenders oder der Angehörigen" einholen. Da lacht der Pathologe.
Die Manager der Pharmafirma Braun, die seit über 20 Jahren insgesamt 900 000 Duren verarbeitet hat, sind da nüchterner. Man beziehe die Häute, so ein Sprecher ungeniert, "von den Zwangssektionen bei der Gerichtsmedizin" und "selbstverständlich" auch "aus deutschen Pathologien", dazu noch aus Österreich und Tschechien. Dort werde dem Spender die harte Hirnhaut "im Regelfall ohnehin nicht zurückgegeben" - eine vornehme Umschreibung für vermeintlich herrenlosen Abfall.
Auf die Spender und ihre Einwilligungen will sich der Sprecher des hessischen Unternehmens, das weltweit jährlich knapp 2,5 Milliarden Mark umsetzt, dennoch nicht festlegen. Er wisse nicht so genau, "wer als Spender geführt wird, die Klinik oder der Verstorbene". Fest stehe nur: Die Hergabe des Gewebes erfolge "unentgeltlich".
Das muß der Firmenvertreter, mit den Aussagen von Klinikangestellten konfrontiert, später zwar zurücknehmen und einräumen, daß die Firma, "wenn Sie es schon wissen", pro Hirnhaut 30 Mark zahlt, "mal bar an die Helfer, mal als Überweisung an die Klinik". Bei deutlich mehr als 10 000 Hirnhäuten, die der Pharmahersteller pro Jahr allein aus Deutschland erhält, kommt da einiges zusammen.
Aber das ist Kleingeld, gemessen an den Umsätzen, die das Unternehmen mit dem Endprodukt Lyodura erzielt. Als Arzneimittel, das vor allem bei Gehirn- und Bauchoperationen Hautlöcher schließt, kostet eine einzige präparierte Hirnhaut bis zu 1500 Mark.
Daß die Mediziner in den Pathologien nicht mehr nur ihren standesrechtlichen Regeln folgen, sondern längst bereitwillig auf die Wünsche der Industrie eingehen, ist in den Sektionssälen kein Geheimnis mehr.
Die Entnahme von Muskelhaut etwa, wie sie in der Uniklinik Erlangen für eine Pharmafirma praktiziert wird, hat mit dem Ablauf einer Obduktion nicht mehr das geringste zu tun. Die Dienstleistung ist so neu, daß sie selbst hartgesottene Pathologen überrascht. Ein Mediziner, der die Klinik kürzlich besuchte, mußte sich erst erklären lassen, warum alle Leichen "so eine lange Naht auf dem Oberschenkel" hatten.
Auch bei der Entnahme von Hirnhäuten haben die Wünsche der Industrie die klassischen Techniken der Sektion längst verändert. Das hätten, wie der Braun-Sprecher unumwunden zugibt, die von der Firma eigens entwickelten "Vorschriften für die Entnahme von Dura mater" bewirkt.
"Normalerweise", so der Braun-Repräsentant, werde nur ein Loch in Schädel und Hirnhaut gebohrt, damit die Ärzte das Hirn untersuchen können. Die Firma aber brauche "die gesamte Haut", und das verlange eine "großflächigere Entnahmetechnik" - Umschreibung für die inzwischen übliche Zerstörung der Schädel, die nun rundum aufgesägt werden.
Ärzte in den Pathologien werden von den Pharmafirmen mit Einladungen zu Kongressen, Reisen oder Konzerten günstig gestimmt. Sie waren dem Pharmahersteller Braun, der besonders viel Geld für die Förderung der Kultur ausgibt, besonders gern zu Willen. Die "Leiter" der Pathologien, versichert der Braun-Sprecher, hätten "unsere Kriterien zur Entnahme" anstandslos "gegengezeichnet und akzeptiert". Y
Für entnommene Gehirne kassieren sie vier Mark pro Stück
"Es ist vernünftig, die Sache stillschweigend zu betreiben"

DER SPIEGEL 49/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 49/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Medizin:
Geplündert ins Grab

Video 02:27

"Respektlose Berichterstattung" Die Bayern-PK der anderen Art

  • Video "Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam" Video 01:08
    Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam
  • Video "Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways" Video 01:26
    Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways
  • Video "Dashcam-Video: Riesenspinne nähert sich US-Cop" Video 01:05
    Dashcam-Video: "Riesenspinne" nähert sich US-Cop
  • Video "Filmstarts im Video: Wurden Sie enführt?" Video 10:28
    Filmstarts im Video: Wurden Sie enführt?"
  • Video "Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter" Video 02:27
    Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter
  • Video "Wahlkampf in Montana: Trump lobt US-Politiker für Angriff auf Journalist" Video 01:08
    Wahlkampf in Montana: Trump lobt US-Politiker für Angriff auf Journalist
  • Video "Serien-Start Deutschland 86: Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte" Video 05:26
    Serien-Start "Deutschland 86": "Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte"
  • Video "Australien: Mädchen bricht bei Harrys Umarmung in Tränen aus" Video 00:45
    Australien: Mädchen bricht bei Harrys Umarmung in Tränen aus
  • Video "NBA-Basketball: Hornets Monk mit dem Dunk des Tages" Video 00:28
    NBA-Basketball: Hornets Monk mit dem Dunk des Tages
  • Video "Serien-Start Deutschland 86: Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte" Video 05:26
    Serien-Start "Deutschland 86": "Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte"
  • Video "Neues Video zu Banksy-Auktion: Schredder sollte Bild komplett zerstören" Video 01:26
    Neues Video zu Banksy-Auktion: Schredder sollte Bild komplett zerstören
  • Video "Glasbodenbrücke in China: Und dann ist der Riss auf einmal echt" Video 01:20
    Glasbodenbrücke in China: Und dann ist der Riss auf einmal echt
  • Video "Video aus Mexiko: Frau taucht mit großem Krokodil" Video 01:13
    Video aus Mexiko: Frau taucht mit großem Krokodil
  • Video "Rauchgeruch in Air-Force-Maschine: Melania Trump muss notlanden" Video 00:36
    Rauchgeruch in Air-Force-Maschine: Melania Trump muss notlanden
  • Video "Wakeboarden über Eisberge: Ziemlich coole Sache" Video 01:13
    Wakeboarden über Eisberge: Ziemlich coole Sache
  • Video "Respektlose Berichterstattung: Die Bayern-PK der anderen Art" Video 02:27
    "Respektlose Berichterstattung": Die Bayern-PK der anderen Art