31.10.1994

„Kräfte sammeln“

Tröstende Worte findet der PDS-Landesvorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, Helmut Holter, für die SPD. Gewiß, bedauert er treuherzig, hätten Sozialdemokraten in Ostdeutschland bei der Verschmelzung von SPD und KPD zur SED im Jahr 1946 unter "erheblichem und ungerechtfertigtem Druck" gestanden.
Aber von einer "Zwangsvereinigung", schränkte der PDS-Mann gleich wieder ein, könne nicht die Rede sein. Schließlich, sekundierte PDS-Chef Lothar Bisky, sei doch der Wunsch nach einem Zusammenschluß der beiden Arbeiterparteien auch in der SPD 1945/46 weit verbreitet gewesen.
Das ist nur die halbe Wahrheit.
Einheitsstimmung beflügelte in der sowjetischen Besatzungszone nach Kriegsende zwar etliche Sozialdemokraten, die für Hitlers Aufstieg vor allem den Zwist zwischen SPD und KPD in der Weimarer Republik verantwortlich machten. Motto: "Nie wieder Spaltung."
Doch bei den Kommunisten stießen die einheitsbegeisterten SPD-Genossen zunächst auf taube Ohren. Die KPD unter Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck wollte erst einmal "ihre Kräfte sammeln" (Ulbricht). Worauf das hinauslief, bekamen die Sozialdemokraten in Ostdeutschland bald zu spüren.
Während KP-Kader gezielt Schlüsselpositionen in den neuen Verwaltungen übernahmen, wurden SPD-Funktionäre, die sich dem engen Zusammenspiel zwischen der Besatzungsmacht und ihren deutschen Handlangern widersetzten, drangsaliert und verschleppt. Rund 400 Opfer sollen in sowjetischer Lagerhaft umgekommen sein.
Illusionslos lehnte der Vorsitzende der Westzonen-SPD, Kurt Schumacher, alle Einheitsbestrebungen ab. Für die "rotlackierten Faschisten", so Schumacher, werde die SPD auf keinen Fall den "Blutspender" spielen. Schumachers SPD-Kontrahent im Osten Otto Grotewohl hingegen wollte Zeit gewinnen. Er lavierte, als die KPD-Spitze, durch Wahlniederlagen der Kommunisten in Ungarn und Österreich alarmiert, im Herbst 1945 auf Fusion zu drängen begann.
Obwohl Grotewohl gegen die Zunahme des "undemokratischen Drucks" protestierte, gab er schließlich nach. Anfang 1946 hatte ihn der Chef der sowjetischen Militäradministration in Deutschland, Marschall Georgij Schukow, zu sich zitiert und den Parteizusammenschluß verlangt. Grotewohl: "Ist das ein Befehl?" Schukow: "Ich befehle Armeen, aber ich wünsche die Vereinigung."
Am 21. April 1946 besiegelten KPD und SPD auf einem gemeinsamen Parteitag in Berlin die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands - für die Sozialdemokraten im Osten der Beginn einer Epoche von Verfolgung und Unterdrückung.

DER SPIEGEL 44/1994
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