31.10.1994

VerbändeLinks angelehnt

Die PDS ist eigentlich eine Unternehmerpartei. In Brandenburg gründeten Selbständige den ersten parteinahen Verband.
Die drei Buchstaben waren groß und deutlich: PDS stand auf den Paketen, die der Kurier am Luftfrachtschalter in Berlin-Tegel abgab.
Kurz darauf rief bei Alf Franke, 31, dem Chef des Kurierdienstes, ein Konkurrent an, der die Einlieferung beobachtet hatte. "Du bist in der PDS", sagte er dem Klein-Unternehmer aus Berlin-Hellersdorf auf den Kopf zu.
Franke klärte das Mißverständnis auf. PDS ist das Kürzel des Patent Delivery Service, eines Kunden aus England. Dennoch war der Branchenkollege auf der richtigen Spur. Franke, recht ehrlich für einen Geschäftsmann, gestand, seit Mai 1994 sei er tatsächlich in der Partei.
Die Kunde vom roten Boten war schnell herum. "Tut uns leid, damit können wir uns überhaupt nicht identifizieren", erklärten mehrere Klienten und zogen ihre Aufträge zurück. _(* Franke, Schäfer, Duletzki-Schäfer, ) _(Markov in der Eltese GmbH, Stolpe. )
Als auch noch ein guter Auftraggeber zahlungsunfähig wurde, mußte Franke vier seiner fünf Mitarbeiter entlassen. Nun sitzt er, wie am Beginn seiner Unternehmerlaufbahn vor vier Jahren, wieder selbst hinter dem Steuer.
Wie Franke bekennen sich rund hundert Unternehmer und Freiberufler zur PDS. Anfang Oktober folgten sie einem Aufruf des PDS-Landesvorsitzenden von Brandenburg, Helmuth Markov, 42, und gründeten in Strausberg bei Berlin einen "Offenen Wirtschaftsverband der klein- und mittelständischen Unternehmer, Freiberufler und Selbständigen in Berlin und Brandenburg", kurz: Owus. Vorläufige Vorsitzende ist Christa Luft, nach der Wende DDR-Wirtschaftsministerin und jetzt PDS-Bundestagsabgeordnete.
Die Gründung trägt einer lange verdrängten Erkenntnis Rechnung: Die PDS ist eigentlich eine Unternehmerpartei. Jeder fünfte PDS-Funktionär sei selbständiger Unternehmer, meldete die ostkundige Wochenpost. Das sind mehr als in jeder anderen Partei.
Die Sozialisten selbst schlüsseln ihre Mitglieder nicht nach Klassenzugehörigkeit auf. Aber der Vorsitzende Markov weiß: "Bei den Jüngeren haben wir eine ganze Menge Unternehmer und Selbständige." Der Brandenburger Parteichef ist selbst einer von ihnen. Keine andere Partei in diesem Bundesland kann sich mit einem Unternehmer an der Spitze schmücken.
Doch Markov ist Unternehmer wider Willen. "Hü oder Hott" hieß es 1990 für den Ingenieur in der Entwicklungsabteilung des Kombinats Lokomotivbau-Elektrotechnische Werke "Hans Beimler" (LEW). "Hü" war der absehbare Absturz in die Arbeitslosigkeit, weil die westlichen Kaufinteressenten für LEW keine Entwickler brauchten. "Hott" war der riskante Sprung in die Selbständigkeit. "Also bin ich gesprungen", sagt Markov.
Zusammen mit sieben Kollegen aus der Entwicklung landete er in einer abgelegenen Baracke der DDR-Grenztruppen in der Nähe des Autobahnkontrollpunktes Stolpe im Norden Berlins. Dort entwerfen die Tüftler hochspezialisierte Anlagen, etwa Elektronen-Schmelzen zum Bedampfen von Bohrern oder Brillen mit Titan.
Wie ein Verbands-Industrieller wirkt der Chef nicht. Mit Zottelbart und Wuschelhaar sieht er eher aus wie der bürgerbewegte DDR-Dissident. Doch auch das täuscht. Markov war seit 1973 SED-Mitglied, Marxist ist er noch immer.
Eine Assoziation freier Menschen, wie Marx sie sich wünschte, ist die Eltese GmbH des PDS-Vorsitzenden aber nicht gerade. Nach Diskussion der Standpunkte entscheidet auch hier der Chef. Aber wenigstens sind alle sieben wissenschaftlich-technischen Mitarbeiter am Kapital beteiligt.
Die gewöhnlichen Leiden des jungen Unternehmers hat auch der Marxist durchgemacht: den vergeblichen Kampf um Bankkredite, das lange Warten auf Landesbürgschaften und die liebe Not mit der Treuhand.
Die PDS hat erkannt: Wie viele andere ehemalige DDR-Bürger fühlen sich auch ostdeutsche Mittelständler heimatlos im eigenen Land. Die West-Berliner Spediteure an der Spitze seines Branchenverbandes, meint zum Beispiel der gelernte Maurer und Fliesenleger Franke, können kaum seine Interessen vertreten: "Was kümmert die ein Herr Franke, der von unten kommt?"
Von Owus verspricht sich der um seine Existenz kämpfende Kurier "aktive Selbsthilfe von Unternehmern für Unternehmer". Die Partei hält sich diskret im Hintergrund. Der Verband soll keine Organisation der PDS sein. Denn manche Interessenten sind zurückgeschreckt, weil sie bei einem öffentlichen Bekenntnis zur PDS wie Franke ihre Aufträge aufs Spiel setzen würden.
Das Manifest des kleinen Kapitals, das der PDS-Ökonom Klaus Steinitz in einem Positionspapier formulierte, enthält denn auch recht bürgerliche Forderungen. Bürokratische Hemmnisse für Existenzgründer sollen abgebaut, Förderprogramme vereinfacht werden. Befristete Mehrwertsteuerpräferenzen für Ost-Unternehmer oder zeitlich begrenzte Lohnkostensubventionen verlangen auch schon FDP oder SPD. Das Programm heißt, verkündet Markov, "gesunder Lobbyismus".
"Links angelehnt" sind die Mitglieder laut Franke aber schon. Deswegen hofft er, daß die Genossen einander mehr vertrauen können als die kapitalistischen Konkurrenten in den anderen Unternehmerverbänden. Zum Gründerstamm gehören etwa Chefs von Agrargenossenschaften, den LPG-Nachfolgern, aber auch Bauunternehmer und sogar einige West-Berliner Kleinbetriebe.
"Der historische Händedruck zwischen Kapital und Arbeit", wie das CSU-Organ Bayernkurier höhnt, kann weh tun. Die PDS-Forderung nach gleichen Löhnen in Ost und West mußte mit Rücksicht auf das gebeutelte Kleinkapital wieder aus dem Programmpapier verschwinden. Statt dessen lamentiert Marxist Markov in bester Unternehmermanier über die Last der Lohnnebenkosten oder die maßlosen Entsorgungsgebühren, "wo wir kaum noch den Kopf über Wasser halten können".
Das marxistische Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate beweist sich ausgerechnet an vielen ostdeutschen Kleinunternehmern. "Das Optimum ist, daß es am Jahresende kein Minus gibt", klagt Marita Duletzki-Schäfer, 38, eine brandenburgische Mitgründerin von Owus. Die ehemalige Buchhalterin betreibt mit einem Praktikanten und einer Halbtagskraft eine Wirtschafts- und Finanzberatung. Ihr Mann Dieter Schäfer, 52, sorgt als Geschäftsführer beim Kreissportverband für den lebensnotwendigen Nebenverdienst.
Das Paar hatte die Firma zusammen mit einem Manager aus Münster gegründet. Doch der West-Partner war mehr an steuermindernden Verlusten als am Geschäftserfolg interessiert. Mühsam brachten die Schäfers 10 000 Mark auf, um den Teilhaber auszuzahlen.
"Nirgendwo findet man einen Ansprechpartner", klagt Schäfer. Erst PDS-Vorstandsmitglied Wolfgang Gehrcke zeigte Verständnis für die Sorgen der unterdrückten Unternehmer.
Immer wieder müssen sich die Owus-Genossen auch als Tarnorganisation alter SED-Kader beschimpfen lassen, die mit den Milliarden der Stasi oder der Kommerziellen Koordination (KoKo) die Marktwirtschaft unterwandern. Bei diesem Thema versteht Markov keinen Spaß: Die etablierten Unternehmerverbände frage ja auch niemand, wo da das Geld herkomme.
In trauter Vereinsrunde sehen die Gründer das schon mal etwas lockerer: Koko klinge als Name doch viel eingängiger als Owus. Das erinnere, scherzt Markov, ein bißchen an Orkus. Y
Die PDS hält sich diskret im Hintergrund
* Franke, Schäfer, Duletzki-Schäfer, Markov in der Eltese GmbH, Stolpe.

DER SPIEGEL 44/1994
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