13.12.1993

ÖsterreichSo friedlich

Gewalt von rechts: Eine Serie raffinierter Briefbombenanschläge riß die Österreicher aus ihrer Ruhe. Die Vernetzung mit deutschen Neonazis ist eng.
Der erste Hinweis kam von einer Kiosk-Besitzerin im niederösterreichischen Krems. Sie erinnerte sich an einen jungen Mann mit kurzem Haar, der bei ihr größere Mengen von Sieben-Schilling-Marken erstanden hatte.
Nach Käufern eben dieser Postwertzeichen fahndete die Polizei. Denn damit waren die Kuverts jener Briefbomben für die Anschläge frankiert worden, die in der vorigen Woche die Alpenrepublik erschütterten.
Das Innenministerium ließ ein Computer-Phantombild erstellen. Staatspolizisten erkannten darauf einen 28jährigen Elektroingenieur, der ihnen im Umfeld einer rabiaten Neonazigruppe namens "Volkstreue Außerparlamentarische Opposition" (Vapo) aufgefallen war.
Die Staatsschützer hatten noch mehr Glück: Der Verdächtige saß bereits in Haft. Er hatte sich am Mittwoch voriger Woche nach Berlin absetzen wollen, wurde aber von tschechischen Zöllnern gestoppt. Die hatten im Audi 80 des Mannes ein Arsenal von Gewehren und Pistolen entdeckt und ihn österreichischen Grenzern übergeben.
Bei Hausdurchsuchungen wurden die Fahnder fündig. Sie fanden bei dem Elektroingenieur Glyzerin, Salpetersäure und Schwefelsäure. Es sind genau die Substanzen, mit denen das Nitroglyzerin für jene Briefbomben hergestellt worden war, die in einer spektakulären Attentatsserie vier Menschen, darunter den Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, 66, schwer verletzten.
Am Donnerstag wurde ein zweiter Verdächtiger in Schwechat bei Wien verhaftet. Innenminister Franz Löschnak, der noch vor Monaten geprahlt hatte, man habe Hitlers geistige Enkel "voll im Griff", verbreitete nach Tagen der Ratlosigkeit wieder Optimismus. Löschnak: "Es sieht ganz so aus, als wäre das erste Rad gefunden, nun gilt es, weitere aufzuspüren."
Die Briefbombenserie hatte am Freitag vorletzter Woche Österreich brutal aus seiner selbstgefälligen Nabelschau herausgerissen. "Beim Blick auf die Zustände in Deutschland wird einem erst richtig bewußt, wie friedlich es in Österreich zugeht", hatte Wiens Kurier anläßlich der Brandanschläge beim deutschen Nachbarn getönt.
Gewiß: In Österreich wurden keine Türken verbrannt - obwohl es solche Versuche gegeben hatte. Nun aber wurden hochprofessionelle Briefbomben landauf, landab verschickt. Beim Öffnen der brisanten Post erlitten als erste ein Flüchtlingspfarrer in der Steiermark und die aus Split stammende Moderatorin einer Minderheitensendung des ORF in Wien, Silvana Meixner, schwere Verletzungen.
In der Vorweihnachtspost tauchten noch acht weitere Sprengsätze auf. Die _(* Mit dem ehemaligen Bürgermeister von ) _(Jerusalem, Teddy Kollek (M.), bei der ) _(Eröffnung des jüdischen Museums in Wien ) _(am 18. November. ) Adressaten hatten sich für die Integration von Ausländern engagiert, die seit einer vom Rechten Jörg Haider betriebenen Volksabstimmung und einem neuen Ausländergesetz heftig umstritten ist.
Ob die sprengwütigen Täter logistische Unterstützung von deutschen Kameraden bezogen, ist ungeklärt - es gibt Indizien dafür wie dagegen. In der immer wieder genannten Computerdatei deutscher Neonazis namens "werwolf. txt" jedenfalls findet sich keine Anleitung für die Herstellung von Briefbomben.
Unstrittig allerdings ist, daß die Vernetzung zwischen deutschen Rechtsextremisten und den Kumpanen aus der Ostmark in den letzten Jahren erwiesenermaßen dichter geworden ist. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Gründer der neonazistischen Vapo, Gottfried Küssel, 35, der im September wegen neonazistischer Umtriebe zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Küssel ist auch in der deutschen Rechtsextremistenszene bestens bekannt; er gilt als politischer Erbe des an Aids verstorbenen Neonaziführers Michael Kühnen.
Kurz vor Beginn der Attentatsserie wurden die beiden deutschen Rechtsextremisten Arnulf Priem und Christian Worch in Wien beobachtet. Und die internationale rechtsextreme Szene hatte nach dem drakonischen Urteil gegen den Vapo-Chef eine "Solidaritäts-Woche" vom 4. bis 11. Dezember für den Kameraden Küssel mit "verschärften Aktionen" angedroht. Genau in dieser Zeit wurden auch die meisten Mordbriefe zugestellt.
Sechs Briefsprengsätze konnten rechtzeitig entschärft werden. Darunter der an Caritas-Präsident Helmut Schüller, der sich durch seinen Einsatz für Bosnien-Flüchtlinge ("Nachbar in Not") auch außerhalb Österreichs einen Namen gemacht hat, sowie jene an zwei Grünen-Politikerinnen.
Böse dagegen traf es den Wiener Bürgermeister Zilk. Obwohl Polizei und Medien bereits vor dem Bombenterror gewarnt hatten, öffnete der populäre Sozialdemokrat, der oft angegriffene Minderheiten wie Ausländer oder Juden gegen Neonazis verteidigte, eigenhändig seine private Post - auch den Brief mit dem Sprengsatz, der ihm die linke Hand zerfetzte.
Allen Briefen lag ein Zettel bei mit den Worten: "Wir wehren uns. Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg". Der von den Terroristen zitierte Graf ist jedem österreichischen Schüler als Verteidiger Wiens gegen die Türken bei der Belagerung im Jahre 1683 bekannt. Ein späterer Starhemberg war zeitweilig Hitler-Anhänger; 1934 massakrierte er als klerikal-faschistischer Heimwehrführer Sozialdemokraten.
In denselben Neonazi-Postillen, die Graf Starhemberg als Retter des arischen Abendlandes feiern, finden sich als Feindbild Namen und Adressen der jetzigen Bombenempfänger, voran Wiens Bürgermeister Helmut Zilk als "Demokratiefeind Nr. 1".
Trotz solcher Ankündigungen waren die Wiener Behörden davon überzeugt gewesen, daß von rechts keine Gewalt droht. So hatte der Chef der Staatspolizei, Oswald Kessler, noch im Juni versichert, die österreichischen Rechtsextremisten seien "derzeit sicher nicht in der Lage, derartige Aktivitäten wie in Deutschland zu entfalten". Y
* Mit dem ehemaligen Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kollek (M.), bei der Eröffnung des jüdischen Museums in Wien am 18. November.

DER SPIEGEL 50/1993
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