07.11.1994

WUNDERSAMES NICHTS

Zahnschmerzen, die allein durch den Glauben verschwinden, Hautkrankheiten, die sich unter Hypnose bessern, Krebsgeschwüre, die sich spontan zurückbilden: Das Studium der Selbstheilungskräfte im Menschen liefert Erklärungen für die Wirkweise von - eigentlich wirkungslosen - Placebos.
Wunder passieren sofort", lautet ein Wandspruch im Wartezimmer von Deutschlands derzeit wohl bekanntestem Arzt. "Das Unmögliche dauert etwas länger."
Heilversprechen oder Hohn?
Werktäglich etwa 30 Patienten suchen die schmucklosen Souterrainräume im Berliner Bezirk Tiergarten auf. Worüber sie auch klagen, ob über Kopfschmerz oder Krebs, Unannehmlichkeiten durch die berüchtigte "Apparatemedizin" bleiben ihnen hier garantiert erspart. Im "Kahuna-Heilzentrum", einer Art Gemeinschaftspraxis für Geistheiler, ist Heilen pures Handwerk.
Seit ihm "Schreinemakers" Werbeminuten für eine bundesweite "Fernheilung" per Fernsehen schenkte (Bild: "Dieser Mann will heute alle Kranken heilen"), kennen Millionen den approbierten Arzt und "Wunderheiler" Eli Lasch, 65.
Der langhaarige Medizinmann mit dem Charisma eines lebensstrengen Landstreichers und einem Professorentitel aus seiner zweiten Heimat Israel versuchte über den Medien-Äther, jene Energien unters Volk zu bringen, von denen er glaubt, daß sie seinen Händen innewohnen.
Laschs Warteliste ist lang, sechs Monate Wartezeit im Schnitt. Was treibt die Klientel in seine Praxis?
Warum, anderes Beispiel, fährt ein nüchtern denkender Wirtschaftsprüfer seit einigen Jahren nicht mehr mit seiner Frau in den Urlaub? Weil er das Geld lieber spart, um alle zwei Jahre im Kurhotel Parkschlößchen in Traben-Trarbach mit Hilfe der indischen Ayurveda-Medizin seine "Körperintelligenz zu aktivieren". 14 Tage lang - Kosten: rund 10 000 Mark - läßt er sich entschlacken und von indischer Küchenkunst verwöhnen.
Der Mann ist strenger Vegetarier und übt sich seit fünf Jahren in der Transzendentalen Meditation. Ins Parkschlößchen reist er, um gesund zu bleiben. "Nach jeder Kur", sagt er, fühle er sich "wie neu geboren".
Im "Open Mind Studio für High Tech Entspannung" der Münchner Heilpraktikerin Hildegard Münzel lockt ein walförmiger Kunststofftank die meisten Besucher an. In diesem "Floater" suchen besonders "Schauspieler, Journalisten und andere Streßberufe", wie der Prospekt verrät, für 120 Mark pro Stunde "sensorische Deprivation": Von akustischen und optischen Signalen abgekoppelt, schweben sie 60 bis 90 Minuten lang schwerelos in einer hautwarmen Lake aus 1200 Litern Wasser und 600 Kilo Magnesiumsulfat.
Die Kundschaft schwört auf den Tank, schwärmt vom "Gefühl der Zeitlosigkeit" und von "erholsamer Einsamkeit". Die Entspannungstechnik - neben "Mind Machines" einer der Knüller alternativer Apparatemedizin - soll "körpereigene, selbstheilende Kräfte" wecken, verspricht der Werbetext.
Was ist nur in die Deutschen gefahren? Als bewahre sie nicht moderne Medizin in einem Maße vor Krankheit und Leid, wie es sich noch die Generation ihrer Großeltern kaum erträumte, laufen sie scharenweise sogenannten Heilern in die Arme. Millionen wenden sich ab von der High-Tech-Medizin, hin zu Therapieformen wie Homöopathie oder Feldenkrais, vertrauen sich anthroposophischen Ärzten oder Heilpraktikern an.
Statt dankbar das Haupt zu neigen vor den Erfolgen der aufgeklärten westlichen Heilkunde, suchen mehr und mehr Geplagte, aber auch Gesunde ihr Heil in fernöstlicher Weisheit: Akupunktur hat Konjunktur, Taiji- und Qigongkurse sind ausgebucht, "Die Fünf ,Tibeter''" beständig auf den Bestsellerlisten und Yogaseminare Hausmännern und -frauen ebenso vertraut wie Managern und Börsenmaklern.
Was aber bringt die Menschen dazu, auf der Suche nach der verlorenen Ganzheit die Flucht nach hinten anzutreten? Ist Undank ihr Lohn für ärztliche Leistung? Oder fehlt studierten Medizinern etwas, was die anderen haben?
Solange Werner Naulich*, 42, denken konnte, litt er unter seiner buchstäblich niederschmetternden Migräne. Fast alles hatte der Ulmer Architekt schon versucht, dem lähmenden Spuk ein Ende zu machen. Mal wirkten die Pillen oder Spritzen, meist war der Effekt gleich Null. Auf Anraten einer Kollegin suchte er einen Homöopathen auf - obwohl er die Methode skeptisch sah.
Die Untersuchung zog sich über mehrere Stunden hin. Am Ende, als selbst privateste Dinge ausgesprochen waren, verschrieb ihm der Naturheiler eine Arznei aus Pflanzenextrakten und Mineralien - so hoch verdünnt, daß sich theoretisch höchstens jeweils ein Molekül der betreffenden Stoffe in der Flasche befinden konnte. _(* Name von der Redaktion geändert. )
Davon unbeeindruckt nahm der Schmerzpatient nun täglich seine "Medizin" ein. Der Erfolg überraschte ihn selbst: Das Schädelrasen blieb aus. Nach einer Weile setzte er das Mittel auf Anraten des Homöopathen wieder ab. Das war vor über drei Jahren. Die Migräne ist nicht wieder aufgetreten.
Ein Einzelfall, der nichts beweist. Dennoch zwingen Fälle wie dieser nicht nur Homöopathen und andere Naturheiler, sondern auch medizinische Wissenschaftler zu Erklärungen. Pochen die Anhänger der Homöopathie auf das "Gedächtnis" des Lösungsmittels und das "Ähnlichkeitsprinzip", auf "morphogenetische Felder" und ähnlich esoterische Zusammenhänge, behaupten ihre approbierten Widersacher, die Mixtur habe mit Sicherheit nicht gewirkt - weil sie in der aberwitzigen Verdünnung gar nicht wirken konnte.
"Alles nur Placebo", lautet die Standardantwort etablierter Ärzte, sobald sie Heilerfolge durch nicht anerkannte Therapien bewerten sollen.
Placebo: Was ist das für ein Phänomen, daß Dr. med. es nur wie ein Phantom behandelt? Ist es nicht jener gute Geist, der auch noch hilft, wenn der Medikus mit seinem Latein schon längst am Ende ist?
Mit den Worten "Placebo Domino in regione vivorum" läuteten mittelalterliche Christen ihre Totenmessen ein: "Ich werde dem Herrn gefallen im Reich der Lebenden." Als später professionelle Totenwächter das Absingen des Textes als einträgliches Geschäft betrieben, wurde "Placebo" gleichbedeutend mit Heuchler oder Ränkeschmied.
Erst seit etwa 200 Jahren gebrauchen Mediziner das Schmähwort für den oft einzigen Ausweg aus ihrer Hilflosigkeit: Wer über kein bekanntermaßen wirksames Mittel verfügt, versucht Patienten mit Scheinmedikamenten, mit Placebos, zufriedenzustellen.
Schulmediziner, die den Begriff Placebo heute im Munde führen, verleihen ihm durch das Beiwörtchen "nur" den Beigeschmack des Banalen - als sei der Placebo-Effekt eine "quantite negligeable". Den meisten fällt das Eingeständnis schwer, daß manchmal doch sein kann, was nicht sein darf: daß vorgetäuschte Therapien soviel leisten können wie chirurgisches Geschick, daß Mittel ohne Wirkstoff wirken und simple Zuckerpillen so gut helfen können wie des Druiden sagenhafter Zaubertrank.
Daß purer Glaube vielfach immer noch die beste Medizin ist - es wird verschwiegen und verdrängt in der Großindustrie Gesundheitssystem mit ihren milliardenteuren Maschinenparks und Medikamentenarsenalen. Petr Skrabanek und James McCormick, Ärzte und Medizinkritiker aus Dublin, gehen davon aus, "daß die autoritäre Medizin die Diskussion des Placebo-Effektes zu verhindern versucht".
Ihr Dogma läßt Doktoren freilich allzuleicht vergessen, daß auch die "anerkannte" Leistung sich Erfolg und Besserung zu guten Teilen beim Placebo leiht: Die Zeitschrift der American Medical Association veröffentlichte kürzlich einen Übersichtsartikel, wonach Placebo-Effekte die Ergebnisse nahezu aller Behandlungen beeinflussen, denen Kliniker und Patienten Vertrauen schenken.
In Deutschland verschreiben Ärzte sechsmal soviel Herzmedikamente wie etwa in England oder Frankreich. Nicht, daß dort koronare Herzleiden weniger oft aufträten oder hier durch die Massenmedikation wenigstens die Sterberate an diesen Gebrechen geringer wäre: Deutschsprachige Mediziner "behandeln" lediglich eine "Krankheit", Symptom Brustschmerz, die es fast nur in Deutschland gibt - die "Herzinsuffizienz".
Ihre französischen Kollegen diagnostizieren bei unspezifischen Symptomen ähnlich häufig eine "crise de foie", eine Leberkrise. Dahinter verbirgt sich zu 80 Prozent, was andernorts Migräne heißt. Doch nicht der Kopfschmerzpatient, seine Leber wird behandelt.
Schätzungsweise ein Drittel, wenn nicht die Hälfte der von Ärzten ausgestellten Rezepte haben keine spezifische Wirkung auf die jeweils diagnostizierte Erkrankung - auch wenn die Behandlung schließlich effektiv ist. Zur unspezifischen Wirkung von Medikamenten trägt neben Name, Form, Größe und Menge die Farbe entscheidend bei: Grün hilft besser bei Angstzuständen, Gelb bei Depression und Rot bei rheumatischer Arthritis.
Nach einer anonymen Umfrage verschreibt jeder zweite Arzt in Deutschland regelmäßig "Pseudoplacebos" - Mittel wie Vitaminpräparate, die direkt nichts gegen Krankheiten ausrichten. Öffentlich gibt das kaum einer zu, als _(* Mikrokatheterisierung des Gehirns. ) unterliege der Tatbestand ärztlicher Schweigepflicht.
"Haben wir Sorge", fragt der Berliner Arzt und Pharmakologe Bruno Müller-Oerlinghausen sich und seine Kollegen, "daß durch Enthüllung des Zunftgeheimnisses die Zauberkraft unseres Medizinmanndaseins geschwächt werden könnte?"
In der Placebo-Phobie drückt sich ein Symptom der vielzitierten Krankheit des Gesundheitswesens aus. Denn die Krise der konventionellen Heilkunde, am deutlichsten sichtbar in der zunehmenden Akzeptanz unkonventioneller Therapien, ist vor allem eine Krise der Glaubwürdigkeit.
Nicht allein, daß Patienten anerkannten medizinischen Methoden und ihren Anwendern immer mißtrauischer begegnen. Ärzten scheint zunehmend das Vertrauen in ihre eigene Kunst und die traditionell wichtigste ärztliche Leistung verlorenzugehen: Menschen zu betreuen, mit ihnen gemeinsam einen Weg aus dem Leid zu suchen und dabei Placebos als Partner zu begreifen und nicht wie Plagegeister zu verleugnen.
Bis heute verfolgt die Medizin das erklärte "Vorhaben" des französischen Philosophen Rene Descartes, die "Maschine unseres Körpers" losgelöst vom Geist zu erforschen und zu verstehen. Der Rationalismus, die Denkweise der Aufklärung, erzwang nicht nur die radikale Beschränkung aller Erkenntnis auf reine Vernunft. Er verbannte die Seele gleichsam aus dem Leib und machte Spiritualität zum reinen Spuk.
Über dieser mechanistischen Erklärung aller Lebensvorgänge, über der bedingungslosen Herrschaft des Kausalitätsprinzips hat die moderne Medizin den Menschen aus den Augen verloren. Über ihren Triumphen der letzten 100 Jahre haben die Ärzte den Anteil der Psyche am Dasein, an Gesundheit, Krankheit und Tod vergessen.
Mit dem Aufstieg der wissenschaftlichen Medizin begann der Abstieg des Patienten. Weder die von Sigmund Freud ausgelöste psychologische Revolution noch die neueren Erkenntnisse der Psychosomatik, daß körperliche - somatische - Krankheiten psychische Ursachen haben können, taten der zunehmenden Seelenlosigkeit der Reparaturmedizin Abbruch.
Die naturwissenschaftlich orientierte Heilkunde brüstet sich damit, nur Verfahren und Mittel einzusetzen, die - klinisch geprüft - den Placebos überlegen sind. Neue Therapien müssen sich, bevor sie eine Zulassung erhalten, in "placebo-kontrollierten, randomisierten Doppelblindstudien" bewähren.
Damit Teilnehmer an diesen Studien nicht deren Ergebnisse beeinflussen, wissen weder Behandelnder noch Behandelter (doppelblind), wer ein Mittel bekommt und wer zur Placebo-Kontrollgruppe gehört. Hilft die Behandlung eindeutig - "statistisch signifikant" - mehr Probanden als die Scheinbehandlung, gilt sie als wirksam und kann ins ärztliche Repertoire übernommen werden.
Dementsprechend fordert die Schulmedizin auch alle unkonventionellen Therapeuten auf, ihre Verfahren gegen Placebo messen zu lassen. Die (begrenzte) Wirksamkeit einiger Methoden konnte so tatsächlich belegt werden - etwa die der Chirotherapie gegen Kreuzschmerzen. Selbst die Homöopathie bestand mittlerweile eine Reihe von Prüfungen, ohne daß sich die Wirkung mit den Mitteln heutiger Wissenschaft erklären ließe. Doch wie sollte bei Taiji oder Kunsttherapie, dem Malen und Gestalten zum Ausgleich innerer Verspannungen, die Placebo-Kontrolle aussehen?
"Mit ihrer Forderung nach statistisch auswertbaren Studien", sagt Peter Matthiessen, leitender Arzt am anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus in Witten-Herdecke, "nimmt die exakte Wissenschaft schon längst nicht mehr eine dienende Rolle ein, sondern schwingt sich zur Herrin über die Heilkunst auf" - und das, obwohl schätzungsweise nur 10 Prozent der medizinischen Praxis tatsächlich auf solider Wissenschaft beruhen.
Der Anteil Sein am Schein, die meßbare Placebo-Wirkung, kann bis zu 100 Prozent erreichen. Im Durchschnitt jedem dritten Patienten kann durch reines, wundersames Nichts geholfen werden.
Wenn aber nichts, was Wissenschaft für wirksam hält, von außen einwirkt, muß sich dann nicht logischerweise von innen irgend etwas auswirken?
Die Allgemeinärztin Katja Singer*, 37, Inhaberin einer mittelgroßen Kleinstadtpraxis am Bodensee, versteht ihr Handwerk; sie arbeitet nach den Regeln der Schulmedizin. In einem Fall allerdings hilft der Frau alles schulmedizinische Wissen nicht weiter: Ihre Tochter Julia, 7, hat Warzen vom schmerzhaften Typus Verrucae plantaris unter dem linken Fuß, die der Kleinen Gehen und Laufen mitunter zur Qual machen.
Ein Hautarzt wird konsultiert - auch das ohne Erfolg. Als gar nichts hilft, faßt die ratlose Mutter einen für ihre Verhältnisse ungewöhnlichen Entschluß: Sie bringt ihr Kind zu einer in der ganzen Region bekannten alten Bäuerin, der heilende Kräfte nachgesagt werden.
Die Alte sieht sich den kranken Fuß genau an. Dann schließt sie ihre Augen und streift, Unverständliches murmelnd, minutenlang sanft über die Warzen. Julia spürt eine angenehme Wärme in ihrer Fußsohle. Dann sagt die Handauflegerin: "Jetzt hammer''s." Sie verlangt keinen Pfennig, steckt aber die angebotenen 20 Mark ohne Zögern in ihre Kitteltasche. Innerhalb weniger Tage verschwinden die Warzen vollständig.
Ein Einzelfall, der nichts beweist. Warzen verflüchtigen sich in etwa 50 _(* Name geändert. ) Prozent der Fälle ohnehin von allein. Hat die Bäuerin irgendwelche "Energien" in den Fuß des Kindes gelenkt?
Gerade beim Beseitigen von Warzen und Lindern einer Reihe von Hauterkrankungen wie etwa Neurodermitis ist die Macht mentaler Einflüsse oft beobachtet worden. Umgekehrt kann Streß Herpesbläschen und Hautallergien besonders leicht zum Ausbruch bringen. Insbesondere Therapien mittels Hypnose sollen dagegen helfen.
Als eine "Innenwendung der Aufmerksamkeit" beschreibt Dirk Revensdorf von der Universität Tübingen die hypnotisch erzeugte Trance. Wie die Psychotechnik wirkt, ist nicht bekannt. Von den meisten Medizinern wird sie deshalb als Humbug abgelehnt: "Alles nur Placebo."
Immerhin lassen sich bei Hypnotisierten eine Reihe metabolischer Veränderungen messen: Die allgemeine Stoffwechselaktivität geht zurück, die Zahl der für Abwehrreaktionen wichtigen B- und T-Zellen des Immunsystems nimmt hingegen zu.
Placebo-Effekte hängen nicht allein vom Glauben der Patienten ab. Ähnlich wie bei Hypnotherapien ist neben der Beeinflußbarkeit ("Suggestibilität") der Betroffenen die Suggestivkraft von Ärzten und Heilern entscheidend. Die setzt voraus, daß auch Therapeuten von ihrem Tun überzeugt sind.
Stewart Wolf von der University of Oklahoma berichtet über einen Patienten, dessen Asthma auf erprobte Medikamente nicht anspricht. Als der Arzt von einer Pharmafirma Proben eines neuen, vielversprechenden Mittels bekommt, probiert er es gleich bei dem Asthmatiker aus. Die Symptome verschwinden umgehend, kommen aber, als Wolf die Medikation stoppt, sofort zurück. Er versucht es mit einem Placebo, doch die Krankheitszeichen bleiben. Etliche Male wiederholt er den Wechsel vom Wirkstoff zum Placebo und zurück, jedesmal hilft nur das Mittel.
Nunmehr sicher, ein wirksames Pharmakon für den Asthmatiker gefunden zu haben, bittet der Arzt die Herstellerfirma um Nachschub. Zu seinem Erstaunen erfährt er, das Unternehmen habe ihm vorher wegen fälschlich gemeldeter Bedenklichkeiten gar keine Arznei, sondern nur Placebos geschickt.
Die "Droge Arzt" hat der ungarischenglische Psychoanalytiker und Biochemiker Michael Balint bereits 1957 als das eigentlich Menschliche beim Heilen dargestellt. Heutzutage rät ein britischer Mediziner namens J. N. Blau seinen Standeskollegen in der Fachzeitschrift Lancet: "Der Arzt, der keinen Placebo-Effekt bei seinen Patienten bewirkt, sollte lieber Pathologe oder Anästhesist werden."
Könnte demnach die vermeintliche Stärke der Medizin nicht mitunter ihre größte Schwäche sein? Auch die Zweifel des Arztes teilen sich dem Patienten mit; so könnten wissenschaftliche Versiertheit und das dazugehörende Abwägen von Pro und Contra am Ende eher schaden als nützen.
Umgekehrt mag es Verfahren und Menschen geben, die glaubwürdiger sind als andere und deshalb heilende Placebo-Effekte stärker hervorrufen. Denn nicht Hoffnung ist der stärkste Verbündete der Heiler, sondern Glaube, also Nichtwissen.
Welcher Art aber mögen die Berge sein, die Placebo versetzt? Wie soll überhaupt so etwas Unfaßbares, Geistiges _(* Im Münchner Max-Planck-Institut für ) _(Psychiatrie. ) wie Glauben und Vertrauen etwas so Körperliches wie Heilung fördern oder gar bewirken?
Den Grundstein für die wissenschaftliche Entwirrung des Placebo-Paradoxons legten Forscher an der University of California in San Francisco bereits Ende der siebziger Jahre. In ihren Experimenten diente die Pein nach dem Ziehen von Weisheitszähnen als Vergleichsmaßstab.
Würden freiwillige Probanden das Pochen und Hämmern allein durch den - falschen - Glauben in den Griff kriegen, ihnen sei ein Schmerzmittel verabreicht worden? Etwa 40 Prozent reagierten tatsächlich auf Kochsalzlösung genauso wie auf Morphium. Allein Einbildung oder Erwartung hatten den Schmerz ausgelöscht. Aber wie?
Es stellte sich heraus, daß der schmerzlindernde Placebo-Effekt sich durch eine Substanz namens Naloxon rückgängig machen läßt. Dieses Naloxon neutralisiert die Wirkung körpereigener Schmerzblocker - "endogene Morphine" genannt oder kurz "Endorphine". Da Naloxon diese Blockade und damit den Placebo-Effekt aufhob, mußte vorher die innere Schmerzblockade irgendwie aktiviert worden sein.
Die Experimente verfehlten ihre Signalwirkung nicht. Naturwissenschaftler und aufgeklärte Ärzte, die Psychowissenschaft nicht mit Pseudowissenschaft gleichsetzen, machten sich daran, den Bann des Leib-Seele-Schismas zu brechen.
Erst seit die Wissenschaftler über die Grenzen unterschiedlicher Fachgebiete hinweg zusammenarbeiten, erst seit Endokrinologen, Neurobiologen, Immunologen, Anatomen und Psychologen versuchen, eine gemeinsame Sprache zu finden, erschloß sich die Medizinforschung ein neues Feld: In einer Zeit, da die Kirchen leer und die Kliniken voll sind, spüren die Wissenschaftler dem Gemeinsamen von Religion und Medizin, der Macht des Glaubens, ebenso nach wie dem uralten Wissen von der Heilkraft der Seele.
So wie die Forscher unterschiedlicher Disziplinen nun miteinander sprechen, statt aneinander vorbeizureden, so verständigen sich im Organismus auch die von ihnen erforschten Körpersysteme untereinander: Das Hormonsystem, vor allem aber die für unabhängig gehaltenen Nerven- und Immunsysteme stehen untereinander in engem Kontakt, wobei jeder Teil mit jedem Teil kommuniziert. Alle drei sind in vielfältiger Weise zu einem hochkomplexen Netzwerk verknüpft, das von der Psyche beeinflußt wird und selbst Einfluß auf die Psyche nimmt.
Die neue Wissenschaft mit dem Bandwurmnamen Psychoneuroimmunologie will die Sprache in diesem "body mind", dem "Körpergeist", entschlüsseln und den Inhalt der Gespräche verstehen. Das gleicht etwa dem Versuch, beim Turmbau zu Babel den Arbeitern mit Tonbandgeräten auf den Leib zu rücken, um später aus dem Gewirr der Idiome die Ideen des Architekten zu rekonstruieren.
Leib-Seele-Forscher lassen sich durch Komplexität und Vielschichtigkeiten nicht entmutigen. In den letzten Jahren haben sie eine Reihe von Breschen in das Dickicht geschlagen.
Nicht mit esoterischen Methoden, sondern mit den Mitteln rational begründeter Wissenschaft haben sie Daten zusammengetragen, die das Leib-Seele-Problem der Schulmedizin wenigstens im Ansatz lösen können: *___Das Immunsystem läßt sich konditionieren - man kann ____Tieren beibringen, allein auf unspezifische Reize wie ____etwa Geruch immunologisch so zu reagieren, als würden ____sie infiziert. Werden sie zunächst den ____Sinneswahrnehmungen, kombiniert mit Viren oder ____Allergenen, ausgesetzt, lernen Immunzellen - vermittelt ____durch das Gehirn -, das Auftreten des Geruchs ____schließlich als bevorstehende Infektion zu erkennen. ____Das Tier riecht, sein Immunsystem wird aktiv. *___Gehirn und Immunsystem sind miteinander verdrahtet - ____feine Nerven reichen bis in die Immunorgane Milz und ____Thymus sowie in Darm, Haut und Lymphknoten. Allein ____durch Trennen dieser neuronalen Verbindungen läßt sich ____in Versuchstieren die Immunaktivität steigern oder ____drosseln, lassen sich sogenannte Autoimmunkrankheiten ____wie rheumatische Arthritis bremsen oder beschleunigen. *___Die bei der Abwehr aktiven, frei beweglichen Zellen des ____Immunsystems reagieren auf Botenstoffe des Gehirns und ____des Hormonsystems. So ist das Immunsystem über Gefühle ____und Gemütszustände stets informiert. *___Das Immunsystem seinerseits reagiert auf Streß, der ____über eine Hormonkaskade vom Hypothalamus über die ____Hirnanhangsdrüse zur Nebennierenrinde durch Cortisol ____ausgelöst wird. Akuter Streß im Sinne von "gespannt ____sein" kann die Abwehr anregen, chronischer Streß, ____"verspannt sein", sie unterdrücken: Angst fressen ____Körper auf. Den Schäden durch die unter ____Psychosomatikern schon lange bekannten krankmachenden ____Gefühle läßt sich durch Entspannung gegensteuern. *___Gehirn und übriges Nervensystem reagieren umgekehrt auf ____Botenstoffe des Immunsystems - vor allem Interleukine ____können gesundheitsförderndes Verhalten auslösen und ____Entspannung bewirken.
Die medizinische Forschung steht damit heute ungefähr dort, wo sich die Physik um die Jahrhundertwende befand. Deren mechanistische Weltsicht, ausgehend von der Mechaniklehre des englischen Mathematikers und Physikers Isaac Newton, hatte nicht nur die Entwicklung von Maschinen, von Technik und Industrie überhaupt erst möglich gemacht. Sie hatte zunächst auch für die Erklärung aller sicht- und meßbaren Erscheinungen ausgereicht. Da sie die Zusammenhänge von Raum und Zeit, von Energie und Materie jedoch nicht erklären konnte, stellte sich Newtons Welt als zu begrenzt heraus.
Um der überkommenen Enge zu entrinnen, bedurfte die Physik eines Albert Einstein, der Materie und Energie als zwei Seiten einer Medaille begriff und Raum und Zeit relativistisch verknüpfte. Jetzt wartet die Medizin auf ihren Einstein.
Mit ihren Erkenntnissen haben Leib-Seele-Forscher immerhin begonnen, das Placebo-Phänomen mit wissenschaftlichen Methoden einzukreisen.
Reicht aber der Hinweis auf die Heilkraft des Glaubens aus, um beispielsweise die Wirkungen jener komplexen fernöstlichen Medizinsysteme zu erklären, die in jahrtausendelanger Tradition gewachsen sind und bis zum Einbruch der abendländischen Wissenschaft ganz allein in der Lage waren, Menschen bei Gesundheit und am Leben zu erhalten?
Besonders die asiatischen Medizinweisheiten zeigen eine Reihe von Gemeinsamkeiten: Sie verstehen sich als präventive Kunst und sind ganzheitlich im weitestgehenden Sinn. Da der Mensch als Teil des Universums und sein Innenleben eine Einheit darstellen, dienen richtige Ernährung, Bewegungs- und Atemübungen genauso dem Erhalt eines harmonischen inneren Gleichgewichts wie Massage, Meditation und Entspannungstechnik.
Jeder ist sein eigener Kosmos mit komplexen Kreisläufen von Stoffen und einer feinabgestimmten, vielschichtigen Balance von Kräften. Störungen des Gesamtsystems, in dem Leib und Seele eng vernetzt sind, versuchen Ärzte frühzeitig zu erkennen. Es gilt, das Gleichgewicht im dynamischen Netzwerk wiederherzustellen, seine innere Harmonie wiederzufinden.
Ähnlichkeiten mit der Säftelehre jenes Mannes, in dessen Namen abendländische Mediziner noch heute ihren Standeseid sprechen, mögen rein zufällig sein. Was wußten die Griechen schon von Fernost, was die Asiaten damals von der griechischen Gedankenwelt?
Schon ein Jahrhundert vor Hippokrates hatte sein Landsmann Alkmaion das erste griechische Medizinbuch in Prosa geschrieben. "Die Erhaltung der Gesundheit beruht auf der Gleichstellung der Kräfte", heißt es darin. "Gesundheit dagegen beruht auf der ausgewogenen Mischung der Qualitäten."
Alles vergessen, für null und nichtig erklärt im Wissenschaftsrausch der abendländischen Medizin seit der Aufklärung, seit der Trennung von Leib und Seele.
Erst in jüngster Zeit zeichnet sich eine Wiedergeburt der alten Ideen mit neuen Inhalten ab: Mit den modernen Ansätzen der Systemtheorie beschreiben Psychoneuroimmunologen die Harmonie als "Homöostase", als dynamisches Gleichgewicht von Hormonen und einer Vielzahl anderer Körpersubstanzen.
Die neuen Erkenntnisse seien durchaus den traditionellen Vorstellungen aus Fernost vergleichbar, sagt Rainer Landgraf, Leiter der "Arbeitsgruppe Verhaltens-Neuroendokrinologie" am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie. "Die Harmonie der Systeme ist absolut notwendig für das Ganze" - also auch für Gesundheit. Er spricht von einer "Körperharmonie, die durch das Gehirn verantwortet wird".
Landgrafs Mitarbeiter untersuchen unter anderem, warum und wie Fieber müde macht - und sind damit womöglich dem alten Wissen vom "Heilschlaf" auf der Spur. Es ist bekannt, daß bei jeder Erhöhung der Körpertemperatur um ein Grad Celsius, also bei gesteigerter Energieproduktion, die Aktivität des Metabolismus um rund 20 Prozent zunimmt.
Umgekehrt spart im Schlaf der Organismus Energie. Beides hilft entscheidend dem Immunsystem bei Infektionsabwehr und Beseitigung von Abfallprodukten des Stoffwechsels. Nur: Woher weiß das Gehirn, dem die Steuerung von Körpertemperatur und Schlaf unterliegt, von der sich anbahnenden immunologischen Abwehrreaktion?
Bei Versuchen mit Ratten fanden die Münchner Forscher die Antwort: Das der Genesung so förderliche "sickness behaviour", das Krankheitsverhalten mit Appetitlosigkeit und erhöhtem Schlafbedarf, wird von Interleukinen eingeleitet. Diese Botenstoffe sind entscheidend an der Kommunikation innerhalb des Immunsystems beteiligt. Der Clou: Das Gehirn versteht offenbar diese Sprache. Nervenzellen besitzen "Ohren" - sogenannte Rezeptoren - für Interleukine, der Geist hört bei der Abwehr ständig mit.
Bewußt oder unbewußt - mit jeder neuen Erkenntnis der Psychoneuroimmunologie verwischt sich die Grenze weiter. Zeigen nicht fernöstliche Meditationstechniken zur Bewußtseinserweiterung, wieweit sich ins Unter- und Unbewußte vordringen läßt? Andererseits ertragen Fakire "bewußt" unerträgliche Schmerzen, und tibetische Mönche erhöhen ihre Körpertemperatur, wenn sie im eisigen Himalaja-Klima beim Yoga sitzen - aber nicht durch Zittern, sondern offenbar durch innere Kräfte, die sie Prana nennen.
Wieweit geht der Einfluß der Psyche? Umfaßt er alle Bereiche der schon im Altertum gerühmten Vis medicatrix naturae?
Diese Vis, diese natürliche Heilkraft, beruht auf dem Vermögen aller Organismen zur Selbstreparatur und Selbstheilung. Sie reicht von der Fähigkeit jeder Zelle, ihre Erbsubstanz selbst zu reparieren, über Wundheilung und das Auskurieren von Grippe und Lungenentzündung bis hin zu den seltenen Fällen sogenannter Spontanremissionen: Krebsheilungen, die auf keine medizinische Maßnahme zurückzuführen sind.
Karla Schmidtbauer* ist 26 Jahre alt, als ihre dauernde Übelkeit und der heftige Leibschmerz endlich eine Erklärung finden. Zuvor ist die Nürnberger Verwaltungsangestellte "durch etliche Spezialistenhände gewandert" und "überall gespiegelt worden, wo man nur rein kann". Der schließlich diagnostizierte seltene Bauchfellkrebs wird 1987 operiert, ohne Erfolg. Der Tumor hat bereits Töchtergeschwülste gebildet. Die nach der Operation angesetzte Chemotherapie wird bald wieder abgesetzt, weil sie die Krankheit offenbar noch verschlimmert.
Vier Monate lang behandeln Pfleger im Krankenhaus die junge Frau nur symptomatisch, pumpen ihr täglich das sich ansammelnde Wasser aus der Bauchhöhle. Sie magert ab und wird so schwach, daß sie sich ohne fremde Hilfe nicht mehr im Bett aufsetzen kann. Nach kurzer Besserung im Sommer 1988 erleidet sie im Herbst einen so schweren Rückfall, daß sie jetzt bisweilen denkt: "Bald ist Schluß."
Gegen Ende dieses deprimierenden Jahres beginnen die Symptome sich ohne jegliche ärztliche Intervention plötzlich zu mildern. Während des folgenden Jahres gewinnt Karla Schmidtbauer an Kräften und Gewicht zurück, 1990 fühlt sie sich zum erstenmal wieder frei von Beschwerden, im folgenden Jahr nimmt die Gesundete ihre Arbeit wieder auf. _(* Name geändert. ) 1992 finden sich "noch ein paar Restdinge im Bauch", ein Jahr später sehen die Ärzte "nur noch Narben".
Ein Einzelfall, der nichts beweist. Für den Nürnberger Krebsspezialisten Walter Gallmeier, der die heute 33jährige Patientin betreut und beobachtet hat, gleichwohl ein Fall von hohem Wert: Aus solchen "Verläufen" erhofft er sich Einsichten in die Prozesse der Selbstheilung.
So wie das kalifornische Institute of Noetic Sciences zur Erforschung wichtiger, aber wenig beachteter Phänomene in Medizin und Biologie eine Sammlung von 1385 Spontanremissionen angelegt hat, kämmt nun auch Gallmeier im Auftrag der Deutschen Krebshilfe seine Krankenakten auf solche Fälle durch. Bislang konnte er zehn Überlebende ausmachen, bei denen die Remission der Krebsgeschwulst mit den verabfolgten Behandlungen nicht zu erklären ist.
Allein daß solche Glücksfälle unkommentiert existieren, weise auf ein Manko medizinischer Forschung hin, ja fast auf einen Sündenfall ärztlicher Wissenschaft, meint Gallmeier: Sie sei einseitig auf Krankheiten und deren Beseitigung per Manipulation von außen ausgerichtet; sie erforsche die Pathogenese, die Leidensentstehung, kümmere sich aber zuwenig um die Salutogenese, die Gesundung, oder gar die Gesunderhaltung.
Wer fragt schon, warum beispielsweise in Tierversuchen manche Ratten oder Kaninchen auf eine Infektion gerade nicht mit Krankheit reagieren, oder auf welchen Mechanismen es beruht, daß "induziertes" Rheuma oder künstlich ausgelöster Krebs bei manchen Tieren auftritt, bei anderen aber nicht? Warum _(* Mit Krankenakten, im Klinikum ) _(Nürnberg. ) gibt es keine etablierte klinische Forschung zur Selbstheilung?
"Krankheit", sagt der amerikanische Psychologe Robert Ader, Erfinder des Begriffs Psychoneuroimmunologie, "ist die Ausnahme, nicht die Regel." Die Frage, warum manche Menschen an Krebs erkranken, lasse sich auch andersherum stellen: Warum bleiben die meisten davon verschont?
Krebsforscher gehen davon aus, daß ständig Körperzellen so entarten, daß sie zu Tumoren heranwachsen können. In nahezu 100 Prozent dieser Ereignisse erledigt der Organismus das Problem, ohne daß es der Mensch merkt: Spontanheilungen auf niedrigem Niveau.
Je fortgeschrittener aber das Stadium des Krebses, desto machtloser die Abwehr, desto machtloser die Medizin. Irgendwann scheint dem bösartigen Wuchern keine Grenze mehr gesetzt. Doch selbst dann kann es einem Menschen noch gelingen, Tumoren samt Töchtergeschwülsten spontan zu beseitigen. Mit Hilfe des Glaubens, der Seele?
Krebsarzt Gallmeier nennt solche Verläufe "Wunder" - ähnlich jenen 65 unerklärlichen Gesundungen im Gefolge von Wallfahrten ins französische Lourdes, die ein 25köpfiges Medizinerkomitee bis heute als zweifelsfreie "Wunderheilungen" abgesegnet hat.
Mit Vergnügen erzählt der Professor eine jener Anekdoten, die Leuten seines Standes für gewöhnlich nicht leicht über die Lippen kommen: Ausgerechnet während einer Geschäftsreise ins ferne New York befällt einen Mann aus K alifornien ein so unerträglicher Zahnschmerz, daß er sich gezwungen sieht, einen Zahnarzt aufzusuchen. Der Bohrmeister diagnostiziert eine schwere Zahnentzündung.
Vor jeder weiteren Behandlung will der Notfallpatient zunächst seinen "faith healer" an der Westküste konsultieren. Der Geistheiler läßt sich die Sache erklären und bietet seinem Klienten eine Fernbehandlung an: Genau um acht Uhr abends solle der sich in seinem Hotelzimmer auf den Heiler konzentrieren. Der werde seinerseits exakt um diese Zeit heilende Energien über den Kontinent schicken.
Der Geschäftsmann tut wie ihm geheißen - und kurz nach acht verflüchtigt sich das Zahnweh wie von selbst. Am nächsten Morgen sucht er noch einmal den Zahnarzt auf, zur Nachuntersuchung der transkontinentalen Therapie. Der Dentaldoktor glaubt erst seinen Ohren, dann seinen Augen nicht zu trauen: Von einer Entzündung, einem vereiterten Zahn keine Spur. Eine Wunderheilung?
"Wer nicht an Wunder glaubt", sagt Walter Gallmeier mit vollem Ernst, "der ist kein Realist."
Bei Krebsheilungen hat die Nürnberger Arbeitsgruppe für solche Wunder, aber auch für die viel häufigeren Erfolge durch Operation mit nachfolgender Bestrahlung und Chemotherapie, einige Bedingungen ausgemacht: Während Depressionen eher schädlich sind, kann sich Traurigkeit als starkes Gefühl positiv auswirken. Weinen über Wochen kann helfen, die Situation zu bewältigen, sozusagen mit innerer Gewalt.
Walter Gallmeier hat Hinweise, daß Krebsgeheilte in der Regel "keine Schöngeister" sind, die ihre Tumoren mit Gottvertrauen einfach wegwünschen oder sich durch Lachen selbst heilen, sondern eher Menschen mit "gesundem Realismus". Irgendwann sagen sie sich, "ich bin ja heute wieder nicht tot", und "leben einfach weiter". Eine Bilanz des bisherigen Lebens zu ziehen mit dem nüchternen Ergebnis: "Das kann es noch nicht gewesen sein" gehört ebenso dazu wie das Gefühl, noch gebraucht zu werden. Ähnliche Charakteristika fand der Psychologe George Solomon von der University of California in Los Angeles bei langzeitüberlebenden HIV-Infizierten.
Lebenswille und Lebensmüdigkeit sind nicht nur Bezeichnungen für diffuse Zustände. Wer sich aufgibt und "innerlich abschließt" mit dem Leben, das wissen Krankenpfleger und -schwestern aus Erfahrung mit Sterbenden, der sucht den Tod und findet ihn.
Ältere Amerikanerinnen chinesischer Abstammung sterben, wie Analysen von Todesurkunden ergaben, in der Woche vor dem Harvest Moon Festival mit 35 Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit als in der übrigen Zeit des Jahres. In der Woche nach der wichtigen Familienfeier liegt ihre Sterblichkeit um den gleichen Wert höher.
In ähnlicher Weise scheinen jüdische Männer mit dem Sterben zu "warten", bis das Passahfest vorüber ist. Todgeweihte können manchmal Wochen am Leben hängen, um einen Angehörigen noch einmal zu sehen; danach sterben sie innerhalb kürzester Zeit.
Bewußt oder unbewußt - die Seele kann selbst bei Entscheidungen um Leben oder Tod Einfluß auf den Leib nehmen. Die Frage aber, was Glaube, Lebenswille, gesunder Menschenverstand und soziale Geborgenheit mit physiologischer Wirklichkeit zu tun haben oder Persönlichkeit und Haltung mit Heilung, wird die neue Medizinforschung bis weit ins nächste Jahrtausend beschäftigen.
Die bisherigen Erkenntnisse öffnen bereits den Weg zu einem neuen Verständnis von Selbstheilung und Placebo, von Erkrankung und Gesundung. Sie weisen überdies in die Richtung einer andersartigen - nicht unbedingt "alternativen", aber "integrativen", ganzheitlicheren - Heilkunde. Fernöstliche Weisheiten erscheinen in neuem Licht, ebenso wie Psychotherapien und -techniken. Unkonventionelle und konventionelle Methoden, in gewissem Umfang ohnehin nur zwei Seiten derselben Medaille, kommen einander näher, und selbst sogenannte Wunder können der Bewertung aus seriöser Sicht würdig werden.
Wie aber läßt sich angesichts verheißungsvoller Heilsversprechungen der kurierende Schamane vom kurpfuschenden Scharlatan unterscheiden?
Wunderheiler Eli Lasch - auch er bestreitet vehement jeden Placebo-Effekt bei seinem Tun - hält jeden Einzelfall angeblicher Symptombesserung schon für einen "Beweis" seines Systems. Hier irrt der "Prof. Dr. med. (isr.)" (Praxisschild). Denn erstens kann so wie Krankheit auch Gesundung eingebildet sein. Und zweitens wäre es ein Beweis selbst auch dann nicht, könnte er mit seiner "Aura" (nach seinen Angaben stattliche 190 Volt, verglichen mit den mickrigen 3 Volt normaler Menschen) tatsächlich Glühbirnen zum Leuchten bringen.
Einer statistischen Erfolgskontrolle dürfte sich seine Heilergemeinschaft wegen eines grundlegenden Problems ohnehin nicht stellen können: Die Kartei der Wunderpraxis weist so gut wie keine Stammpatienten aus. Die Leute kommen in der Regel einmal und nie wieder. "Entweder sie sind geheilt und brauchen nicht mehr her", flachst Lasch, "oder nicht, dann wollen sie nicht mehr."
Dem ratlosen New Yorker Zahnarzt, von dem Krebsarzt Gallmeier so gern erzählt, ließ die "Wunderheilung" keine Ruhe. Er rief den für das Psi-Ereignis verantwortlichen Geistheiler in Kalifornien an und fragte ihn, was zum Teufel er denn am Vortag um fünf Uhr nachmittags - acht Uhr Ostküstenzeit - angestellt habe.
"Gestern um fünf?" fragte der Heiler verständnislos zurück.
Wie er denn die verblüffende Fernheilung des vereiterten Zahnes fertiggebracht habe?
"Fernheilung? Au verdammt, den Termin habe ich völlig verschwitzt." Y
"Exakte Wissenschaft schwingt sich zur Herrin auf"
Läßt sich die Sprache des "Körpergeists" entschlüsseln?
Das Gehirn hört bei der Immunabwehr ständig mit
"Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist"
Fernöstliche Weisheiten erscheinen in neuem Licht
* Name von der Redaktion geändert. * Mikrokatheterisierung des Gehirns. * Name geändert. * Im Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie. * Name geändert. * Mit Krankenakten, im Klinikum Nürnberg.

DER SPIEGEL 45/1994
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