20.12.1993

ModeVon Zickel bis Zobel

Nach jahrelangem Fell-Verzicht kaufen deutsche Frauen wieder Pelzkleidung.
Seine Branche sei "kriminell", er ein "Mörderschwein" und daher "zum Abschuß freigegeben": Jahrelang wurde Dieter Zoern, seinerzeit der Star unter den europäischen Pelzcouturiers, von radikalen Tierschützern attackiert, bisweilen sogar tätlich. Entnervt machte er vor vier Jahren seinen Laden in der Hamburger Innenstadt dicht und wanderte aus, weit weg, nach Marokko.
Ins Retiro hatte Zoern die Angst getrieben, daß ihm tatsächlich mal ein ganz Radikaler das Fell über die Ohren ziehen könnte. Damals war auch der Markt für Rauchwaren kollabiert - unter anderem eine Folge der Tierschutz-Kampagnen, die das Tragen von Pelzen jedweder Art als "passive Tierquälerei" brandmarkten.
Es war einmal. Als müßte sie sich für den jahrelang geübten Fell-Verzicht schadlos halten, kauft die vornehmlich weibliche Kundschaft in diesem Winter wieder, was die Börse hält - Fuchsjäckchen im aktuellen Fledermausschnitt für 2500 Mark, Dufflecoats aus Swakara-Persianer für 5000 Mark oder Nerzmäntel im Long-Look bis zu 30 000 Mark.
Gern genommen werden aber auch Westen aus Stinktier (Opossum), Bustiers aus Katzenfrettchen (Bassarisk), Mützen aus Ratte (Bisam) sowie Stolen aus Breitschwanz, der natürlichen Frühgeburt vom Karakulschaf. "Die Stimmung für Pelze ist wieder bombig", konstatiert Andreas Lenhart vom Frankfurter Pelzhaus Rosenberg & Lenhart.
Allerorten berichten Kürschner über Umsatzzuwächse von bis zu 40 Prozent. Wegen der großen Nachfrage stiegen die Auktionspreise für Fell um ein knappes Drittel, die für Nerze sogar zeitweise um die Hälfte - denn keinen Pelz liebt die deutsche Frau so sehr wie den der kleinen Nager aus der Familie der Marder. Ihm verdankt die Branche jede zweite der zwei Milliarden Mark, die sie in diesem Jahr umsetzen wird.
Verbittert und ratlos stehen die Pelzgegner dem Rückfall gegenüber. "Wir haben die Meinungsherrschaft verloren", grämt sich Wolfgang Apel, Vizepräsident des Deutschen Tierschutzbundes. "Haben sie denn gar nichts genutzt, die schaurigen Dokumentarfilme über Füchse auf verkrüppelten Füßen in Drahtrostkäfigen, sich selbst verstümmelnde Nerze und geschundene Chinchillas?" fragte die Tageszeitung.
Mit Genugtuung hatten die Tierschützer beobachtet, wie in den letzten Jahren 450 Kürschner und fast die Hälfte aller deutschen Nerzfarmen pleite gingen. Die Zahl der Pelzveredler sank von 25 auf 6, die Pelzimporte gingen um ein Drittel zurück, und nur ganz mutige Frauen wagten noch, sich in Nerz, Persianer oder Zobel auf offener Straße blicken zu lassen. Dafür boomten die Webpelze aus Wolle oder Synthetik, an deren Krägen Trägerinnen per Button auf die ökologische Korrektheit der Kleidungsstücke hinwiesen: "Dies ist kein echter Pelz".
Auf den neuerlichen Wechsel der Meinungsmode reagieren Tierschützer mit wütender Polemik. "Diese Branche muß vernichtet werden", forderte Apel und rief zum "Boykott von blutbefleckten Weihnachtsgeschenken" auf. Eisenhardt von Loeper, der Sprecher der "Tierversuchsgegner", postulierte: "Wer Pelze trägt, gehört nicht zur Gesellschaft und muß ausgegrenzt werden" - was immer er damit meinen mag.
Am liebsten wären den deutschen Pelz-Antis Verhältnisse wie in den USA, wo Aktivisten der radikalen Tierschutzfront Peta mit Spraydosen durch die Straßen patrouillieren und "Pelzverbrecher" farblich kennzeichnen. Petas schönste Sympathisantin, das Star-Model Christy Turlington, protestiert in Anzeigen mit dem Spruch: "Lieber ginge ich nackt, als daß ich einen Pelz trüge."
Dabei sind gerade Turlingtons Arbeitgeber für die Renaissance des Pelzes verantwortlich. Mode-Designer haben das Fell von Zickel bis Zobel wieder populär gemacht. In kaum einem der diesjährigen Winter-Defilees fehlten Kreationen aus oder mit Pelz. Wolfgang Joop zeigte Pullis aus Fellwerk und Röcke aus geschorenem Nerz, Gianfranco Ferre versah seine Dior-Steppjacken mit blondem Zobel, Louis Feraud verbrämte die Kapuzen seiner Parkas mit Blaufuchs.
Sogar bis nach Agadir, wo Dieter Zoern nunmehr wohnt und wo Deutsche gern urlauben, ist der Trend zum Fell gedrungen. Dort hat soeben die dritte Pelz-Boutique eröffnet - nicht einmal Zoern kann sich erklären, was Touristen dazu treibt, sich bei Badewetter mit winterlicher Kleidung einzudecken. "Vor allem die Deutschen kaufen", hat der ehemalige Meister des Pelz-Patchwork beobachtet, "als gäbe es kein Morgen". Y

DER SPIEGEL 51/1993
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