27.12.1993

JugendGlück in der Nische

Die Karrierechancen der 18- bis 30jährigen sind schlecht - und die Jugend macht eine Haltung daraus: Verzicht ist in, Konsum verpönt.
Ganz unten, wo es nach Pisse stinkt und die Betonpfeiler der Rheinbrücke in den Dreck des Ufers stoßen, feiern sie ihre Feste: Sie haben Flanellhemden an, tragen Baseball-Kappen und Nasenringe. Sie tanzen zu Rap-Rhythmen, saufen Bier und billigen Wein und nennen das ganze "Bridge-Parties".
Nichts haben und nichts sein - das ist ihre Haltung und fast schon eine Philosophie. Sie sind die vergessene Generation, und sie sind aus der Gesellschaft ausgetreten, weil diese ihnen nichts mehr zu bieten hat: Die 18- bis 30jährigen werden die erste Generation in Deutschland sein, die nicht mehr den Wohlstand ihrer Eltern erreicht.
Erst gab es diese unsichtbare Subkultur nur in Amerika, wo nach dem Überfluß der achtziger Jahre plötzlich die Rezession einer ganzen Generation die Zukunft stahl. "Generation X" nannte der kanadische Autor Douglas Coupland diese jungen Leute (SPIEGEL 34/1992). Besser ausgebildet als alle Amerikaner vor ihnen, finden die "Twentysomethings" (Time) keine angemessene Arbeit mehr und müssen mit unterbezahlten "McJobs" ihre Collegeschulden abtragen - Turnschuhe verkaufen, Hamburger braten, Dosen in Regale räumen.
Und nun gibt es sie auch in Deutschland: Zu Tausenden hocken sie in den Arbeitsämtern, haben eine Lehre oder ein Studium abgeschlossen, und keiner interessiert sich für sie. In München beispielsweise stieg die Zahl der arbeitslosen Volks- und Betriebswirte um die Hälfte, die der Lehrer um ein Drittel. Nur 60 000 der 130 000 Lehrlinge werden, so eine Umfrage der IG-Metall, einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen. Selten sah es für eine Generation so düster aus.
Dabei hatten ihre Eltern gedacht, daß auf die Kinder nur Erfolge warteten. Doch die müssen plötzlich nicht nur auf all den Luxus verzichten, der ihnen lange als selbstverständlich erschien. Auch Wohnung und Arbeit sind zu Gütern geworden, um die sie immer härter kämpfen müssen.
70 Bewerbungen schrieb beispielsweise Martin Hilbers, 30, alle vergeblich. Er besaß alles, wovon Personalchefs träumen müßten: Examen und Promotion mit Note "sehr gut", hervorragende Computer- und Sprachkenntnisse. "Das Selbstwertgefühl sinkt", klagt er. Wenn er nicht bald eine Stelle findet, wird auch er sich mit einem McJob zufriedengeben müssen. "Denn dann", sagt er, "drängen Jüngere nach."
Ein Drittel der 18- bis 29jährigen haben, wie eine Emnid-Umfrage ergab, Angst vor der Zukunft. Ein Viertel fühlt sich "mutlos und niedergeschlagen". Sie setzen ihre Hoffnungen nicht auf die Regierenden; von denen, so glauben sie, haben sie ohnehin nichts zu erwarten. Sie sind so illusionslos, daß sie für ihre Zukunft auch nicht kämpfen mögen - zumindest nicht mit herkömmlichen Mitteln: 40 Prozent meinen, sowieso keinen Einfluß auf die Politik zu haben. "Politikverdrossenheit" heißt der Frust einer ganzen Generation im Deutsch der Bürokraten.
Die Heranwachsenden sind nicht besonders gut zu sprechen auf diese Generation, die sie großgezogen hat und sie jetzt in eine Welt entläßt, für deren miserablen Zustand die Jugend keine Verantwortung trägt. Die Kinder der Protestler von 1968 sehen ihre Eltern als Versager, die, einmal angetreten, den Planeten zu verbessern, irgendwann doch eine geradlinige Karriere eingeschlagen und die alten Ideale verraten haben.
Entnervt von sterbenden Wäldern, einem Loch im Himmel und verschlampten Familienbeziehungen, machen sie ihrer Wut zum Beispiel im Grunge-Rock Luft: "Daddy didn't give attention / To the fact that Mommy didn't care", lärmt die Band Pearl Jam in ihrem Hit Jeremy.
Im Gegensatz allerdings zur No-future-Haltung der Punks in den späten siebziger Jahren, setzt die Generation X der alltäglichen Apokalypse ein lakonisches Trotzdem entgegen.
Es mag ein Zeichen der Resignation sein und zeugt doch auch von Einsicht und Kraft, wenn sich die verlorene Generation einen theoretischen Überbau erfunden hat, der den wirtschaftlichen Zwang zum Konsumverzicht zur moralischen Notwendigkeit erhebt. Die Twentysomethings haben sich preiswerte Statussymbole zugelegt: Statt mit dem Saab Turbo geben sie mit ihrer Monatskarte für die U-Bahn an; statt Rolex-Uhren tragen sie das handgeknüpfte Armband aus dem Dritte-Welt-Laden. Pünktlich zur Arbeit müssen sie nicht, sie haben ja keine.
"Conspicuous Minimalism", zur Schau gestellte Bescheidenheit, hat der Autor Coupland dieses Phänomen einst genannt: "Das Nichtbesitzen von materiellen Gütern, stolz vorgezeigt als Zeichen von moralischer und intellektueller Überlegenheit."
Der Verdruß über die Parteien trifft sich bei der Generation X mit hohen moralischen Ansprüchen und fundamentalistischen Forderungen nach politischer Korrektheit. Sie engagieren sich gegen Diskriminierung jeder Art - sei sie sexueller oder rassistischer Natur; sie kämpfen für die Erhaltung aller ökologischen und sozialen Nischen, schon weil für sie selber auch nur eine Nische bleibt.
Der Bremer Ethnologe Hans Peter Duerr sieht in der zwar unfreiwilligen, aber dennoch radikalen Abkehr von den materialistischen Werten der achtziger Jahre eine neue Lebensperspektive: Der alte Hedonismus verspreche "nicht das Glück, sondern in sehr dürftigem Maße nur die Lust". Glücklich, so seine These, kann der Mensch nur noch durch die Beschränkung werden.
Schon haben auch jene die neue Bescheidenheitsphilosophie übernommen, die sie eigentlich gar nicht nötig haben - wenn auch in einer weniger radikalen Variante: Aktien-Händler fahren einen einfachen Golf statt eines Porsche und gehen zum Mittagessen, statt durchzuarbeiten; statt Champagner und Lachs feiern gutverdienende Mittelständler heute wieder mit Bier und Wurstbroten. Ein großer Teil der Generation X, so ein weiteres Emnid-Ergebnis, wolle "das Leben genießen und sich nicht mehr abmühen als nötig".
Und für jene, die zwar auf nichts verzichten aber trotzdem zur politisch korrekten Anti-Materialismus-Fraktion gehören wollen, haben die Modeschöpfer längst die perfekte Verkleidung entworfen: Nouveau pauvrete heißt der Trend der Zukunft. Es sieht nach Rezession und Armut aus; doch die Kleider mit dem Flohmarktcharme sind teurer als vieles, was die Haute Couture als Luxusgut verkauft hat. Y

DER SPIEGEL 52/1993
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