28.11.1994

Sexualität

KOMMT STREIT, KOMMT SEX

Auch jüngere Paare klagen zunehmend über Lustverlust: Langeweile, Unaufrichtigkeit und übertriebenes Harmoniestreben vermiesen ihnen den Spaß im Bett. Therapeuten halten reine Kuschel- und Streichelbeziehungen für ungenügend - und empfehlen als Heilmittel Ehrlichkeit und mehr Mut zum Streit.

Früher lebte Nadja wild und gefährlich. Sie tanzte nächtelang in dunklen Kneipen, trank Gin und amüsierte sich mit wechselnden Liebhabern. Schöne Zeiten. Dann - sie war 31 Jahre alt und Lehrerin geworden - hatte sie das ewige Ausgehen satt. Sie wollte eine Einbauküche und mit einem Ehemann auf dem Sofa sitzen und fernsehen.

Seit vier Jahren ist Nadja nun verheiratet - und weit davon entfernt, ihre Eheschließung zu bedauern. Sie ist eine attraktive Frau mit kurzen schwarzen Haaren und arbeitet in Berlin. Ihr Mann ist Computerspezialist, Kinder haben sie keine. Sie fühlt sich aufgehoben in ihrem geregelten Dasein: "Zwischen uns läuft es nicht gerade wie in einem Hollywoodfilm mit Julia Roberts und Richard Gere", sagt sie und starrt dabei nachdenklich auf ihre Füße, "eher wie in einem leisen Fernsehspiel; trotzdem geht es mir nicht schlecht."

Aber auch nicht gut. Wenn sie von ihrem Ehemann spricht, klingt das, als erzähle sie von einem Hund, der immer brav neben ihr her trottet. Und als eine Freundin sie neulich fragte, wie es denn mit ihrem Sexualleben so stehe, da sagte Nadja erst nichts - und dann die Wahrheit: Mies stehe es. Der Sex sei verkommen zu einer trostlosen Routinenummer, einer lästigen Erledigung, öde wie Abwaschen oder Rasenmähen.

Ihr sei, sagt sie schuldbewußt, einfach die Lust vergangen. Anfangs habe es ihr Mann noch mit Humor genommen und nach einer sechswöchigen Pause nur gesagt: "Was ist los? Ich fühle mich sexuell unterfordert." Inzwischen ist er sauer, die Stimmung im Keller und die Beziehung in der Krise.

Lustverlust in der Ehe ist ein Massenphänomen. Rund 60 Prozent aller US-Paare, ermittelten die Sexualforscher William Masters und Virginia Johnson in ihrer neuesten Untersuchung, sind von vermindertem sexuellem Verlangen betroffen: "Noch nie war die Nation erotisch so frustriert wie heute."

Nicht nur die amerikanische. Sexuelle Enttäuschung, fand der deutsche Persönlichkeitsforscher Hans Jürgen Eysenck heraus, sei eines der Hauptsymptome für Problemehen. Vor allem für Männer gebe es eine "positive Korrelation" zwischen ehelichem Glück und sexueller Zufriedenheit. Die Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt und Reinhard Kleber konstatieren, daß heute deutlich mehr Paare zur Therapie kommen als noch vor zehn Jahren.

Braucht sich der Vorrat an Lust, den man auf einen und denselben Menschen hat, einfach irgendwann auf? Versickert die Lust allmählich, gerät zu einem immer schmaler werdenden Rinnsal, um schließlich ganz und gar zu verschwinden? Ist es eine Art Naturgesetz, daß erotische Spannung proportional zum Alter der Partner und zur Dauer einer Beziehung nachläßt? Wie läßt sich dann aber erklären, daß einerseits in den Sprechstunden von Therapeuten zunehmend jüngere Paare auftauchen, andererseits aber von Senioren-Ehen bekannt ist, daß dort durchaus noch Lust auf Lust vorhanden ist?

Für den Dichter Gottfried Benn war die Sache klar: "Die Ehe ist eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebs." Und sein Kollege Kurt Tucholsky befand melancholisch: "Menschen sind einsam. Suchen den anderen. Prallen zurück, wollen weiter wandern. Bleiben schließlich. Diese Resignation: Das ist die Ehe."

Umfragen neugieriger Sexologen ergeben: Sex ist für Männer Trieb, Macht und Spiel, Frauen fällt leider immer nur das Wort "Hingabe" ein. Über Sex, vor allem den eigenen, zu sprechen ist den meisten Paaren nach wie vor peinlich. Und so erstaunt auch nicht, daß 39,7 Prozent der Deutschen bei einer Allensbach-Umfrage angaben, nie, nie, nie zu onanieren. Brauchen sie auch nicht, denn die Gesamtzahl der Paare kommt auf die Koitusfrequenz von immerhin zweimal pro Woche.

Anderen Untersuchungen zufolge ist das alles frech gelogen: Sex sei nur ein Mythos, der mehr in den Köpfen als in den Betten stattfindet - nach dem Leistungssex der letzten Jahre gehe der Trend zur Nulldiät im Bett.

So sprechen in den deutschen Pro-Familia-Beratungsstellen zunehmend Paare zwischen 30 und 40 vor, die den erotischen Niedergang ihrer Ehe beklagen.

"Die Menschen sind sexuell anspruchsvoller geworden, und kein befriedigendes Sexualleben zu haben irritiert sie", sagt Diplompsychologin Christa Falkenstein, Leiterin bei Pro Familia in Hannover. Der gesellschaftliche und innere Druck, sich mit einer Ehe und mit Sex minderer Qualität nicht zufriedenzugeben, ist offenbar enorm.

Die, die in die Pro-Familia-Beratungsstellen kommen, leben zusammen oder sind verheiratet, haben Kinder oder nicht, arbeiten als Postbeamter oder Putzfrau, als Werbezeichner oder Maurer, Sekretärin oder Ärztin. Gemeinsam ist allen eine gewisse Scham, über die häusliche Misere zu reden.

"Sex ist so ziemlich das letzte Thema, zu dem man sich selbst hören möchte", sagt ein Grafiker, 32, der mit seiner Lebensgefährtin eine Therapie beginnen will. "Die Samstagabende, wenn wir beide verstohlen denken, wir sollten, müßten, könnten jetzt eigentlich, und dann doch lieber ,Schmidteinander'' gucken, nee, das ist kein Zustand auf Dauer."

Eine 36jährige Hausfrau erzählt, wie ihr Ehemann reagierte, als sie ihm sagte, so "keusch und freudlos" könne es nicht weitergehen. "Laß uns endlich mal darüber reden", hatte sie gesagt. "Ich bin jetzt zu müde", war seine Antwort. "Gut, dann morgen früh." "Da bin ich auch zu müde."

Die Erscheinungsformen der neuen Unlust sind vielfältig. Entwarnung geben Experten bei allen vorübergehenden Formen von Unlust, die durch Unglücks- und Todesfälle in der Familie, Krankheit und Streß im Beruf ausgelöst werden können.

Auch langandauernde Abstinenz muß nicht in eine Beziehungskrise führen, wenn beide Partner sich damit zufriedengeben. Wie häufig oder selten diese Fälle vorkommen, wissen die Therapeuten nicht - denn die sexuellen Ruheständler benötigen keine Beratung.

Sorgen bereitet Experten, wenn jüngere Paare über längere Zeit sexlos miteinander leben. Die Züricher Paartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin hält das für ein "absolutes Krisenzeichen", weil ein aktives Sexualleben viel mehr biete als nur Befriedigung. "Unter anderem resultiert daraus eine starke Selbstbestätigung."

Wo Paare sich mit bescheidener Sexualität einrichten, glaubt auch die Berliner Psychologin Eva Jaeggi, werde das Leben zwar nicht zwangsläufig traurig oder armselig. "Dennoch fehlt ihnen dieses Einmalige, Unwiederholbare." Zärtlichkeit allein hält sie für unzureichend. Reine Kuschel- und Streichelbeziehungen hätten mit einer "reifen, erwachsenen Sexualität" nichts zu tun. Zur Sexualität gehört immer eine gewisse Portion Aggressivität. Jaeggi: "Das Dilemma ist: Zur Sexualität braucht es das Element des Fremden, die Überraschung. Gleichzeitig tragen wir aber in uns auch die Sehnsucht nach Intimität, nach inniger Vertrautheit. Diese beiden Gegenpole miteinander zu verbinden ist das Schwierigste überhaupt."

Besonders schwierig etwa nach der Geburt eines Kindes. Da haben Frauen häufig keinerlei Lust mehr auf Sex, was Männer zunächst geduldig ertragen. Werden sie dauerhaft auf Diät gesetzt, protestieren die meisten von ihnen.

In anderen Fällen verweigern sich Männer und, häufiger, Frauen ohne Angaben von Gründen und trotz inständiger Bitten. Sie wollen nicht darüber reden, sagen sie. Und wenn sie doch sprechen, teilen sie lediglich mit, daß sie sich genervt fühlen. Gelangweilt. Unter Druck. Verpflichtet. Erschöpft.

Und das, obwohl die Medien nicht müde werden, das Bedürfnis nach Sex als universale Wahrheit zu preisen. Man will ihn, man braucht ihn - und wenn nicht, ist man krank oder tot oder bescheuert oder impotent. "Heute", spottet Nadja, "ist sexuell ja alles erlaubt. Nur eines nicht: keine Lust zu haben."

Haben das Bombardement von Nackedeis, von sexuellem Gewackel und Gestöhne via Mattscheibe die Libido abgestumpft? Waren es einfach die vielen Tabus und Verbote, die früher die Begierden ins Unermeßliche steigerten? Kann sich die unberechenbare Lust wirklich noch Bahn brechen, wenn längt alles erlaubt ist?

Früher war es genau andersherum: Als der Begriff Sexualität vor rund 200 Jahren entstand, beherrschte - nach unserem Verständnis - Lieblosigkeit die Beziehungen. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden Paare miteinander verbandelt, ohne daß romantische und erotische Gelüste die Zweckmäßigkeit der Verbindung störten. Über Sex sprach man nicht, züchtig verdrängten anständige Menschen "das Böse", das ohnehin nur bekleidet und in düsterer Nacht getan werden sollte.

Im viktorianisch-prüden England wurden Ende des 19. Jahrhunderts in bürgerlichen Familien selbst die Klavierbeine verhüllt, um keine anstößigen Phantasien zu nähren.

Spätestens die 68er Bewegung setzte dann auf Befreiung. Sie attackierte die gefühlig-spießigen Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland. Besitzansprüche und Eifersucht galten als kleinbürgerlich. Sex sollte offen, ehrlich, häufig und mit wechselnder Belegschaft praktiziert werden.

Pflichtschuldig und in ständiger Selbstbeobachtung durchforsten die Menschen seither ihre Gemüter nach unerfreulichen Resten von Verklemmtheit. Nur leider tendiert auch das Recht auf Genuß dazu, als Pflicht zu enden - auch das Diktat zu Lust ist ein moralisches Diktat. Und so hat sich das deutsche Volk keineswegs, wie immer behauptet, sexuell befreit. Die Sachlage, nüchtern betrachtet, ist die: Alles ist erlaubt, alles ist egal, jeder weiß irgendwie Bescheid, aber besser ist es nicht geworden.

"Vielleicht haben wir im Überschwang der sexuellen Befreiung vergessen, daß kein Spiel auf Dauer Spaß macht, in dem jeder mitspielen muß", vermuten die beiden hannoverschen Autorinnen Ruth Kuntz-Brunner und Inge Nordhoff, die ein Buch zum Thema geschrieben haben*. Mit rund hundert Männern und Frauen haben sie gesprochen, entstanden ist eine kluge und in Deutschland bislang einzigartige Porträtsammlung von Menschen, die sich zu ihrer Last mit der Lust äußern.

Da gibt es Ehen, die regelrecht im Bett scheitern, weil nichts mehr geht, Paare, die sich nach sechs, sieben Jahren des Zusammenlebens körperlich anekeln. Da gibt es Ehen, aus denen Intimität und Freundschaft und Zärtlichkeit völlig verschwunden sind, bei denen jede Bemerkung alte Kränkungen wieder an die Oberfläche bringt, die nie verziehen oder vergessen worden sind.

Es gibt Männer und Frauen, die sich mit einer geradezu perversen Lust dem anderen verweigern. Es gibt die klassische Konstellation, in der der Ehemann permanent kleine Verliebtheiten außer _(* Ruth Kuntz-Brunner/Inge Nordhoff: ) _("Heute bitte nicht. Keine Lust auf Sex - ) _(ein alltägliches Gefühl". Rowohlt ) _(Verlag, Reinbek; 216 Seiten; 12,80 Mark. ) Haus genießt, während seine Gattin abwechselnd tobt und weint.

Da gibt es andere, die überhaupt nichts mehr erleben, sich aber gierig nach verruchter Leidenschaftlichkeit a la "Basic Instinct" sehnen. Und dann gibt es noch die, denen offenbar die Ausnahme gelungen ist: Paare, die auch nach 20 Jahren Ehe noch gern und regelmäßig miteinander ins Bett gehen.

Wie machen die das? Läßt sich das sexuelle Verlangen wieder ankurbeln wie ein Motor? Ist sexuelle Erregung herstellbar wie Konfekt? Ist Lust lernbar?

"Jein", antworten Therapeuten. Während einer Paartherapie, so Therapeutin Falkenstein, kämen "sehr viele unterschiedliche Wahrheiten" zum Vorschein. So kommen Paare zu ihr, die glauben - beeindruckt durch übertriebenes Geschwätz in Talkshows -, daß alle anderen ein wahnsinnig aufregendes Sexualleben führen, immer können und zehn Orgasmen in einer Nacht miteinander haben. Während sie selbst es sich als schweres Versagen anlasten, daß sie nur einmal im Monat Lust haben.

Solche Ehen, erklärt Falkenstein, müßten nur selten therapiert werden. Den Partnern helfe oft schon die Nachricht, daß das Sexualleben der anderen auch nicht so wahnsinnig aufregend sei, und die "Erlaubnis" von berufener Seite, ihre Koitusfrequenz nach eigenen Wünschen festzulegen.

Bei anderen stehen die Chancen, den schleichenden Lustverlust umzukehren, schlechter. Dazu gehören Paare, die einander mit der immer gleichen Sexroutine langweilen, Partner, die nur noch gemeinsam in die Glotze gucken, und Eheleute, die einander insgeheim verachten. "Ich bin eigentlich gar nicht mehr deinetwegen bei dir", heißt sinngemäß die Wahrheit, die sich während der Therapie offenbart. Die Lösung des Problems heißt Trennung oder resigniert-dumpfes Zusammenbleiben.

Am häufigsten aber sind Paare, die permanent Harmonie inszenieren, jeglichen Streit vermeiden, sich gegenseitig fürsorglich und rücksichtsvoll betreuen und gar nicht bemerken, wie sehr sie sich dabei infantilisieren.

Denn diese Art von "Harmonie" hat ihren Preis. Sie sei, sagt der Heidelberger Sexualwissenschaftler Ulrich Clement, "Ergebnis der Verdrängung zum Teil aggressiver, zum Teil expansiver Wünsche von Freiheit und Triebhaftigkeit". Diese Wünsche werden, bewußt oder unbewußt, geleugnet, weil sie scheinbar das eheliche Glück bedrohen.

Wer aber Konflikte, Enttäuschungen und Wut aus seinem Fühlen und aus seiner Beziehung ausspare, hebe sie damit nicht auf, sondern nehme in Kauf, daß sie, gleichsam verkleidet, wiederauftauchen: als Krankheiten, Depressivität oder eben sexuelle Antriebsschwäche.

Deshalb sei es ein Irrglaube, ein erfülltes Sexualleben könne nur in einer konfliktfreien Partnerschaft gedeihen. Berauschende Dauerekstase ist allenfalls in der Anfangsphase der Verliebtheit zu finden, einer Zeit, die Sigmund Freud prosaisch "als Sexualüberschätzung des Partners" beschrieben hat.

Daß Streiten verbinden kann, ist hingegen die einhellige Überzeugung der Therapeuten. "Trennendes", so Gunter Schmidt, "macht intensives sexuelles Erleben und das sporadische Gefühl der Verliebtheit wieder spürbar." Attraktiv auf Dauer, weiß Falkenstein, bleibe ein Partner nur als eigenständiger Mensch, "nicht als symbiotisch mit der eigenen Person verbundene Hälfte". Autonomie, Lust und Anziehungskraft könnten nur erhalten werden, wenn Paare "die Konfrontation mit gegensätzlichen Interessen und Bedürfnissen wagen".

Das Lernziel aller Paartherapien heißt entsprechend: Konflikte nicht fürchten, sie austragen lernen, ohne dabei zu verletzend und destruktiv zu werden.

Der typische Weg in die sexuelle Sackgasse führt über eine endlose Kette von Vermeidungen: Die Partner schonen einander, stecken zurück, wollen einander bestimmte Wahrheiten nicht zumuten - bis schließlich kein Kurswechsel mehr möglich scheint.

Die Zürcher Familientherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin ermittelte in ihrer Studie über "Paare, Leidenschaft und Lange Weile", daß die meisten Paare ihre emotionale und erotische Lebendigkeit wiederfinden wollen, aber keine Ahnung haben, wie*.

Im Fall von Katja, 36, und Ehemann Paul, die seit zehn Jahren verheiratet sind, empfiehlt Welter-Enderlin während der Therapie eine Art Ehrlichkeitsübung. Die beiden schlafen zwar ab und zu noch miteinander, aber es scheint, daß der jeweils am Sonntagabend abgewickelte Geschlechtsakt zum Nebenschauplatz geworden ist für alles, was in ihrer Beziehung unbesprochen und unerledigt bleibt: nie geäußerte Ressentiments, Groll und Verbitterung. Ihre Sexualität erlebt Paul als "immerhin letzte Brücke zueinander", während Katja sich über die gegenseitige Stummheit und Lieblosigkeit beschwert. Sie sehnt sich danach, sich "endlich mal wieder mit offenen Augen zu lieben".

Katja und Paul lernen, sich zu streiten. Voraussetzung und Folge dieser neuen Beziehung war "eine brutale, aber notwendige Offenheit miteinander", wie Paul sagt. Sie riskieren statt einer von beiden erwogenen Scheidung, sich all das anzuvertrauen und zuzumuten, was sie bisher unter den Teppich gekehrt hatten. Lohn der Anstrengung: Beide fanden eine neue Intimität - Leidenschaft statt stummen Frusts.

Eine fatale "Verfilzung und Verschmelzung" von Paaren beobachtet auch der Frankfurter Psychoanalytiker Michael Lukas Moeller. Viele bastelten sich eine unbehagliche Nähe, um die gegenseitigen inneren Unterschiede nicht mehr wahrzunehmen. Seelische Entwicklung und Autonomie sind bei einer solchen Verklammerung jedoch fast unmöglich. Denn jeder Schritt in Richtung Eigenständigkeit gefährdet die vertraute Zweier-Union.

Moeller hält den vielbejammerten Untergang der Erotik für hausgemacht und keinesfalls naturgegeben.

Als Weg aus der Krise hat er deshalb vor Jahren ein Selbsthilfemodell erfunden für Paare, deren Interesse an einer Therapie gegen Null tendiert, weil sie fürchten, sich damit verrückt, oder schlimmer, lächerlich zu machen. Moellers Konzept, eine Art "Arznei" für den Hausgebrauch, basiert auf der simplen Idee, daß Paare regelmäßig Zwiegespräche miteinander führen. "Denn Beziehung macht aus, daß man sich aufeinander bezieht", erklärt Moeller lakonisch. Genau das aber müßten die meisten Menschen, ja nahezu alle, erst lernen.

Beim Moellerschen Zwiegespräch gelten die gleichen Regeln wie in Selbsthilfegruppen: nur über sich sprechen, dem anderen keine Vorwürfe machen, seine Aussagen nicht bewerten. Was wie ein mühsames pädagogisches Programm _(* Rosemarie Welter-Enderlin: "Paare, ) _(Leidenschaft und Lange Weile". Piper ) _(Verlag, München; 336 Seiten, 29,80 Mark. ) anmutet, praktizieren Paare offenbar mit Gewinn. Die 39jährige Sozialarbeiterin Hannelore beispielsweise setzte sich nach anfänglichen Widerständen an einem Montag um 19 Uhr für anderthalb Stunden mit ihrem Mann zusammen, um mit ihm zu reden. Anfangs fand sie es albern, nach nunmehr eineinhalb Jahren Montagsgesprächen stellt sie eine "Belebung der Beziehung, auch im sexuellen Bereich", fest.

Ob professionelle Behandlung oder das Zwiegespräch unter Partnern - wer gegen die Unlust ankämpfe, sagt Moeller, habe gute Gewinnchancen. Den Mutigen prophezeit er "einen Aufschwung der sexuellen Lust", ja eine Auferstehung der Sinnlichkeit: "Da bin ich Optimist geworden." Y

"Endlich mal wieder mit offenen Augen lieben"

* Ruth Kuntz-Brunner/Inge Nordhoff: "Heute bitte nicht. Keine Lust auf Sex - ein alltägliches Gefühl". Rowohlt Verlag, Reinbek; 216 Seiten; 12,80 Mark. * Rosemarie Welter-Enderlin: "Paare, Leidenschaft und Lange Weile". Piper Verlag, München; 336 Seiten, 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 48/1994
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