28.11.1994

Multimedia

Parade von Teresa

Multimedia im Weihnachtsgeschäft: Auf Computer-CD wird Datenmüll in Megabyte-Mengen verramscht.

Die Dralle ist nackt und bedeckt ihre Blöße, toller Einfall, mit einer Computermaus. Eine andere hat ihren Busen hinter einer Tastatur in Sicherheit gebracht. Die bunten Bilder sind auf einer neuen Datenscheibe gespeichert, die Sex und Elektronik, warum auch immer, zusammenbringen will - Titel: "Looking at Female and Macintosh".

Die belgische Firma Mactivity hat sich diese Höhepunkte der Erotik ausgedacht, die den Benutzer der feinen Apple-Macintosh-Computer erfreuen sollen.

Die schlüpfrige Aktparade, Verkaufspreis: 99 Mark, ist Gipfel der Kreativität bei der Massenvermarktung computerlesbarer CD-Roms (Compact Disc - Read Only Memory).

Auf den vergangenen beiden Buchmessen wurden die schillernden Platten, optisch von herkömmlichen Audio-CDs nicht zu unterscheiden, als multimediale Speicher für Lexika, Atlanten oder Loseblattsammlungen gefeiert.

Techno-Trunkene läuteten voreilig das Ende des Gutenberg-Zeitalters ein, und nächstes Mal wollen die Aussteller doppelt soviel Standfläche für die Präsentation ihrer Elektronik-Produkte haben. Vorige Woche prophezeite Gerhard Kurtze, Vorsteher im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, elektronische Produkte würden bis zum Jahr 2000 mehr als 20 Prozent der Buchbranche ausmachen.

Der Boom soll dieses Jahr bereits rund 3,7 Milliarden CD-Roms zu den Verbrauchern schwemmen - doppelt so viele wie 1993. Jede Scheibe kann eine Datenmenge von bis zu 640 Megabytes aufnehmen, das entspricht dem Text von rund 250 000 Buchseiten oder 70 Minuten Digitalvideo.

In Deutschland werden allein bei den großen Computer-Handelsketten Vobis und Escom monatlich derzeit mehr als 33 000 Rechner mit CD-Laufwerk verkauft. Die Kunden können inzwischen unter mehr als 5000 Disc-Titeln auswählen. Und oft stellen sie fest, daß der CD-Schacht des Computers als Datenmüll-Schlucker mißbraucht wird.

Die Enttäuschung des Benutzers setzt meist schon ein, ehe sich überhaupt das erste Farbbild auf dem PC-Monitor zeigt oder multimedialer Digitallärm aus den angeschlossenen Lautsprechern dringt.

Weil es an technischen Standards mangelt, bleibt manchem Käufer der CD-Inhalt ganz verborgen: Die Datenscheibe teilt in schütterem Bildschirmtext mit, daß die nötigen Steuerprogramme fehlen. Wer einmal diese Hürde genommen hat, kann dann das ganze Elend des neuen Mediums betrachten.

CD-Exemplare wie "Affengeil - 'ne ganze Menge so an die 500 Sprüche auf einer Mixed-Mode-CDI" (Nova Media, Iserlohn) oder "Media Screen - 63 multimediale Bildschirmschoner für MS-Windows" (Tewi Verlag, München) zeigen, daß viele CD-Verleger den gesamten riesigen Datenraum einer leeren Scheibe vollpressen lassen - egal, womit.

Was geschieht, wenn 640 Megabytes Speicherplatz um jeden Preis (zwischen 5 und über 1000 Mark) gefüllt werden müssen, bilanzierte die auflagenstärkste deutsche Computerzeitschrift PC Welt. Ein Großteil des Angebots bestehe schlicht aus "Schrott", aus "So-lala- und Wischiwaschi-Scheiben" und aus einem "ziemlich großen Bereich mit absolutem Mist".

Nur wenige Titel sind so eindeutig gekennzeichnet wie beispielsweise "Octoberfest" (High Density, Siegen), eine multimediale Trockentour durchs bierselige München auch für Amerikaner (O-Ton: "The beer level is high and the Bavarians too") oder die "Mopsparade" der Porno-Unternehmerin Teresa Orlowski (Escal Software, Bad Iburg).

Bei anderen CDs wird der blühende Unsinn als Methode ausgegeben, Information und Unterhaltung zu verbinden. So bringt das Programm "PC Meisterwerke" (Markt & Technik, Haar bei München) "250 Gemälde von 40 großen Meistern" auf den Bildschirm - Escom-Reklame: "Natürlich auch mit der weltberühmten Mona Lisa". Doch wichtige Werke fehlen, die Texte sind oft nicht besser als Schulaufsätze.

Fortschrittsgläubige Eltern, die ihren Nachwuchs ab drei Jahren mit der CD-Rom "Amanda Stories" (Rowohlt/ Systhema, München) für die multimediale Zukunft trainieren wollen, machen das Kind ungewollt auch gleich mit den Tücken der Technik vertraut.

Wenn es versehentlich oder spielerisch am PC die Escape-Taste drückt, wird aus der digitalen Kinderidylle übergangslos die karge Realität des Betriebssystems MS-Dos: Das Zeichen "C:" ist dann das einzige, was auf dem Monitor noch zu sehen ist. Nun müßten die Kleinen, um im Programm weiterzukommen, mit der Eingabe eines Befehls erst wieder die Steuersoftware Windows starten - sarkastischer Kommentar von PC Welt: "Könnt ihr doch, ihr Dreijährigen."

Mit CD-Roms machen auch freiberufliche Autoren oder Studenten mit Honorarvertrag eine schnelle Mark. Megabyteweise übertragen sie beispielsweise von Rechnern der US-Raumfahrtbehörde Nasa Bilddaten auf ihre Festplatten. Anschließend wird das Material, etwa von Datenredakteuren bei Boeder in Flörsheim ("25 Jahre Mondlandung") und in anderen Verlagen, zu Astro-Discs verhackstückt.

Für die Angst der Software-Verleger vor dem leeren Datenraum hat Joachim Graf von der Münchner Multimedia-Agentur High Text eine einfache Erklärung. Bisher wisse niemand so recht, wie mit dem interaktiven Medium umzugehen sei, schlüssige Konzepte hätten sich noch nicht herausgebildet. Graf: "Die Print-Leute denken in Print-Kategorien, die Videoexperten in Videoregeln, und die EDV-Fachleute legen Computer-Maßstäbe an."

Nach dem Weihnachtsgeschäft allerdings, prophezeit Graf, werde "der Markt bereinigt, wenn viele Verlage auf ihrem Krempel sitzengeblieben sind". Die CD-Verleger, so hatte bereits das Wall Street Journal gewarnt, "rüsten sich womöglich für eine Nachfrage, die nicht so stark ist wie erwartet". Tatsächlich mehren sich die Anzeichen, daß der Mißbrauch der Datenscheiben der Branche bereits geschadet hat.

Bislang wurden die meisten Compact Discs als Zugabe zum neuen PC verkauft. Für 43 Prozent der Verbraucher, die auf diese Weise zu ihrer ersten CD-Rom kamen, ist laut einer Studie des kalifornischen Marktforschungsinstituts Dataquest der Bedarf damit gedeckt: Die Kunden wollen dann keine neuen Multimedia-Scheiben kaufen. Y


DER SPIEGEL 48/1994
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