12.12.1994

VerlageGlasperlen für Kolonien

In Osteuropa kontrollieren Schweizer und deutsche Verleger den Medienmarkt. Kritiker klagen über den Zustrom aus dem Westen.
Sie nennen ihn respektvoll "le papivore", den "Papierfresser". Einmal jedoch hatte Robert Hersant zuviel Appetit. Seit der politischen Wende raffte der französische Pressemogul (Le Figaro, France-Soir) in Osteuropa Zeitungen zusammen.
Das ging gut, solange die Banken mitspielten. Im Sommer aber drängten sie Hersant, 74, bis Jahresende rund 300 Millionen Mark lockerzumachen - der hochverschuldete Verleger mußte seine neuen Besitztümer abstoßen.
Hersants Pech war das Glück deutscher Verleger. Zunächst kaufte ihm im September die Passauer Neue Presse für 100 Millionen Mark acht polnische Blätter ab, darunter die Lodzer Tageszeitung, die Schlesische Tribüne in Kattowitz und die Ostsee-Zeitung in Danzig.
Dann, vor vier Wochen, schlug die Rheinische Post aus Düsseldorf zu. Der Verlag (Umsatz: eine halbe Milliarde Mark) übernahm zu 74 Prozent Hersants tschechisches Erbe, darunter Mlada Fronta Dnes, mit 400 000 verkauften Exemplaren die größte Zeitung des Landes.
Wann immer ein Ostblatt zum Verkauf steht - deutschsprachige Medienkonzerne sind zur Stelle. In Windeseile haben sie auf dem Terrain der ehedem kommunistischen Monopole ihre Claims abgesteckt. Die Westmanager rüsten mit Milliardeninvestitionen Druckereien und Verlage auf - die Pressefreiheit der neuen Demokratien beruht auf Deutschmark oder Schweizer Franken.
In Polen bringen deutsche Zeitschriftenverleger 20 Millionen Exemplare unter die Leute, bei 50 Millionen Gesamtauflage. In Tschechien besitzen Ausländer mehr als die Hälfte der Zeitungen. In Ungarn kontrollieren sie bei den Medien 80 Prozent der Kapitalanteile.
Der Treck in den Osten verspricht den Unternehmern langfristig Gewinn. Die Industrie dort werde für Werbung bald 18 Milliarden Mark jährlich ausgeben, glaubt das Forschungsinstitut Prognos.
Filetstücke im Geschäft haben sich die Schweizer Verleger Michael Ringier (Blick, Cash) und Jürg Marquard (Popcorn, Mädchen) sowie der Hamburger Heinrich-Bauer-Verlag (Tina) gesichert. Sie beglücken Osteuropa mit Dutzenden von Kopien ihrer Erfolgstitel.
Im Wettlauf um die neuen Märkte fällt zudem ein krasser Außenseiter auf: die Provinzzeitung Passauer Neue Presse. Der Familienverlag, 1948 vom inzwischen verstorbenen CSU-Freund Hans Kapfinger gegründet, hievte den Umsatz von 88 Millionen Mark im Jahr 1988 auf jetzt 750 Millionen Mark.
Ein gewaltiger Sprung: Aus der kleinen Lokalfirma, die reihenweise Manager verschliß, wurde durch das Ostgeschäft ein breit sortierter Konzern. Die Eigentümer wollen die Investitionen von mindestens 300 Millionen Mark angeblich aus den Gewinnen, der Grenzlandförderung und Krediten der Passauer Sparkasse eigenständig finanziert haben.
Der dominierende Gesellschafter Axel Diekmann, Kapfingers Schwiegersohn und im Hauptberuf Zahnarzt, fand in Geschäftsführer Franz Xaver Hirtreiter, 38, den richtigen Partner.
Der niederbayerische Rinderzüchter, Holzhausfabrikant und Journalist jettet unentwegt durch die Lande und steckte selbst mehrere Millionen Mark in den Zeitungsbetrieb. Sein Meisterstück: die totale Übernahme der böhmischen Regionalpresse - gegen den zeitweiligen Widerstand der tschechischen Kartellbehörde. Nun peilt er über Polen als "Verteilerzentrale" die frühere Sowjetunion an.
Die geballte Macht des Kapitals erregt in den osteuropäischen Ländern Mißtrauen. Kritiker fürchten, 55 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, eine Germanisierung mit sanfter Gewalt.
Den Anfang machte 1990 der Axel Springer Verlag. Der Bild-Konzern hatte gleich 7 der 19 Provinzblätter in Ungarn übernommen. Der Coup führte zu scharfen Protesten gegen den drohenden Ausverkauf. Das Budapester Parlament beschloß ein Antimonopolgesetz, seither dürfen Fremdinvestoren höchstens zwei Zeitungen kaufen.
"Deutsche Pressebeteiligungen im Osten lösen Ressentiments aus", weiß auch Hirtreiter (siehe Interview). Deshalb haben die Passauer 1991 ihren Einstieg in polnische Zeitungen zunächst camoufliert. Ihre Beteiligungen an der Arbeiter-Zeitung aus Breslau und einer Krakauer Zeitung hielt die Schweizer Interpublication AG aus Chur.
Schweres Geschütz gegen deutsche Verleger fährt Adam Halber auf, Abgeordneter der postkommunistischen Demokratischen Linksallianz. Die Investoren betrachteten sein Land, so Halber, "als Kolonie, in der sie Glasperlen an die Einheimischen verkaufen können".
Die Vorwürfe zielen vor allem auf illustrierte Zeitschriften aus dem Westen. "Unsere Jugend wird zugrunde gerichtet", klagte ein Abgeordneter.
Mit Niedrigpreisen und handfesten Sextips haben sich die Deutschen ins Geschäft geboxt. Die polnische Ausgabe des Bauer-Blatts Tina verkauft 1,2 Millionen Exemplare, Claudia aus dem Hause Gruner + Jahr rund 750 000. Zuweilen ist der Journalist oft nur Übersetzer: Aus Sondra Franz, 38, Ratgeberin der deutschen Bravo Girl für "Lust und Liebe", wird im polnischen Schwesterblatt Doktor Aleksandra Lis-Rolota, 38 - das Foto der Dame ist gleich. Im Städtchen Tschenstochau kaufte jüngst ein entrüsteter Priester die verfügbaren Hefte von Bauers Twoj Weekend auf, um, wie er sagte, "alle zu vernichten". Lediglich im Privatfernsehen haben die Deutschen keinen Tritt gefaßt.
In Polen scheiterte Bertelsmann mit einer Bewerbung für den einzigen Landessender. In Böhmen verhandelt der bayerische TV-Zar Leo Kirch noch über den Einstieg beim Sender TV Premiera. Und der Münchner PR-Doyen Josef von Ferenczy träumt von einem Großprojekt: 1997 plant er den mehrsprachigen Kanal Alfa TV, der über Satellit 400 Millionen Osteuropäer erreichen soll.
Das läßt den bulligen Hirtreiter nicht ruhen. In Gesprächen mit dem Finanzier und Ex-Manager von Boris Becker, Ion Tiriac, erkundigte er sich schon mal über Privat-TV in Rumänien.
Eigentlich, meint Multi-Manager Hirtreiter, hätte er ja eine besondere Auszeichnung verdient: den kommunistischen Orden "Held der Arbeit". Y
[Grafiktext]
_143a Presse: Deutschsprachige Medienriesen in Osteuropa
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DER SPIEGEL 50/1994
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