12.12.1994

FußballWER SIEGT, WIRD REICH

Beide Klubs können sich jeden Star leisten, ihre Teams sind denn auch mit Nationalspielern gespickt. Die Millionen-Investitionen zahlen sich bei Borussia Dortmund aus, während der Deutsche Meister Bayern München seit Jahren vergebens versucht, sich eine homogene, modern spielende Mannschaft zusammenzukaufen.
Lars Ricken weiß noch immer nicht so genau, ob sein Trainer eine ehrliche Haut ist oder eher verschlagen.
Gerade hat Ottmar Hitzfeld mal wieder betont, daß bei Borussia Dortmund "alle Spieler die gleichen Rechte und Pflichten haben". Wie zum Beweis ist der Trainer dann selbst über den Zaun geklettert, um im Gebüsch, das den neuen Trainingsplatz von einer Kleingartenanlage trennt, nach einem verschossenen Ball zu suchen.
Nun aber steht Hitzfeld, 45, wieder minutenlang tuschelnd mit den Nationalspielern Karlheinz Riedle, Stefan Reuter und Andreas Möller zusammen, formt eine geschlossene Gesellschaft am Spielfeldrand. Zärtlich zupft er Möller einen Grashalm von der Backe.
Mißt der Trainer von Borussia Dortmund also doch mit zweierlei Maß? Vielleicht, meint Jungprofi Ricken, 18, ist der Chef "einfach clever".
An der Säbener Straße in München-Giesing hat Kapitän Lothar Matthäus, 33, bei Schichtbeginn Trainer Giovanni Trapattoni, 55, die Erlaubnis abgeschwatzt, fünf gegen zwei, die Lieblingsübung aller deutschen Profis, zu spielen. Der Lombarde, der so gern stundenlang Spielzüge einstudieren läßt, hatte den spaßigen Leichtkick für unproduktiv erklärt und abgeschafft. Doch die alte Freude mag nicht aufkommen.
Schon wieder zanken zwei Ersatzspieler, wer den Ball vertändelt hat und in die Mitte muß. "Diskutieren wir nur noch?" fragt Assistenztrainer Klaus Augenthaler. Derweil schleicht Trapattoni um die Gruppe herum, und seine Miene verrät Schadenfreude.
Natürlich ist der FC Bayern, wie Manager Uli Hoeneß, 42, betont, immer noch "stolz und froh", daß "dieser Gentleman" nach Juventus Turin nun den Deutschen Meister betreut. Aber irgendwie hat man es sich doch anders vorgestellt, nicht so kleinkariert.
Statt dessen müssen die Münchner, die sich noch vor sechs Monaten endgültig in Europas Kickerelite einreihen wollten, beobachten, wie sich die Fußballnation an einem schleichenden Machtwechsel delektiert.
Hieß in den vergangenen Jahren der Deutsche Meister einmal nicht Bayern München, so wurde das als Abwechslung bewertet - die Hierarchien änderten sich nie. Jetzt aber scheinen die Emporkömmlinge aus Westfalen derart gefestigt, daß sie von Bremens Manager Willi Lemke als "Klub der Zukunft" eingeschätzt werden. Daß Dortmund seit 1963 keinen Meistertitel gewonnen hat, irritiert niemanden: In dieser Saison, das gilt für die gesamte Liga als ausgemacht, ändert sich das.
Über Jahre hinweg war der FC Bayern allein wegen der Rekordeinnahmen, die das Olympiastadion garantiert, der Konkurrenz scheinbar uneinholbar voraus. Doch die Stars kamen und gingen, das Geld wurde nicht umgesetzt in eine stabile Mannschaft.
Als 1992 im Europapokal die Ära der Millionengagen begann, hatten die labilen Bayern mal wieder ihre Krise genommen. Dortmund war vorbereitet, kassierte in einer Saison 25 Millionen Mark zusätzlich, kaufte dafür Bundesligaprofis aus Italien zurück - und schuf ein homogenes Team.
Auf einmal gibt es eine ernsthafte Konkurrenz, und schon gerät bei den Bayern, die als "Deutscher Meister im Fanartikel- und Souvenirverkauf" (Süddeutsche Zeitung) verspottet werden, das einst gepflegte Doppelpaßspiel zu gegenseitigen Schuldzuweisungen.
Präsident Franz Beckenbauer hat "seit drei Jahren Stillstand und Rückschritt" durchlitten. Hoeneß schimpft auf infantile Profis wie Mehmet Scholl, die "Spaß haben und den Ernst fehlen lassen" und beim ersten Zweikampf "fallen wie die Fliegen". Die Spieler weisen aufs Management, das dem italienischen Trainer einen Dolmetscher an die Seite gestellt habe, der Probleme mit exakten Übersetzungen hat. Wenn Trapattoni doziert und Massimo dilettiert, drehen die Bayern-Profis immer noch verwirrt ihre Köpfe hin und her wie Zuschauer, die beim Tennis auf Höhe des Netzes sitzen.
So wirkt der temperamentvolle Trapattoni, der wild gestikuliert und in seinem "Englisch-Italienisch-Deutsch-Kauderwelsch" (Hoeneß) über den Platz schreit wie ein Eddie Murphy des Fußballs: ganz lustig, aber ziemlich bedeutungslos. Seine großen Erfolge, spöttelt der Dortmunder Möller schon, "waren doch vor 20 Jahren".
Und auf einmal präsentiert sich der scheinbar perfekte Verein zwar äußerlich immer noch schillernd, aber gleichzeitig seltsam hohl. Dem Briefkopf mit der Auflistung aller 29 Titel, den riesigen Pokalvitrinen und 33 000 Mitgliedern stehen biedere Kicker gegenüber, die nicht arbeiten mögen, sich aber wie Weltstars gebärden. Selbst deren Eltern stürmen zuweilen, vom Ruhm ihrer Kleinen und vom Wein berauscht, den sogenannten Bussi-Tisch im VIP-Raum und grölen "Bayern, Bayern".
In Westfalen hingegen hat sich einer wie Ricken längst arrangiert. Noch vor einem Jahr war der gebürtige Dortmunder vehement gegen die Verpflichtung eines Spielers wie Möller, der häufig die Klubs wechselte und leichthin Treueschwüre brach. Längst aber hat auch der 18jährige gelernt, daß mit Möller die Prämien höher sind als ohne Möller. Als Borussia Dortmund am vergangenen Dienstag ins Viertelfinale des Uefa-Cups einzog, schoß der Gymnasiast Ricken das entscheidende Tor.
Wie er haben alle Dortmunder Spieler die drei Grundregeln des Profisports verinnerlicht: Wer auf dem Feld klaglos für das Kollektiv arbeitet, darf sich abseits Allüren leisten. Wer siegt, wird reich. Wer versagt, wird verkauft. Keine Mannschaft in Deutschland, meint Libero Matthias Sammer, sei reifer: "Wir sind hervorragende Fußballer und hervorragende Persönlichkeiten."
So haben Angestellte, Amtsträger und Anhänger von Borussia Dortmund womöglich den Prototyp des modernen Sports kreiert, hinter dem sie in München immer noch herlaufen. Der Trainer fördert einen in der Bundesliga beispiellosen Stollendarwinismus; der Manager fragt bei Banken nach Anlagemöglichkeiten und nicht nach Krediten; die Mannschaft wird Jahr für Jahr mit Nationalspielern verstärkt; der Präsident ist der Mann fürs Ideologische; der zahlende Kunde feiert sich selbst und vollendet so das Kunstwerk der spät-westfälischen Sozialromantik.
Jedes Heimspiel wird zum Ritual, das schon in der U 45, die vom Hauptbahnhof zum Westfalenstadion fährt, mit Tuborg oder DAB aus der Dose beginnt. Einer wie Olaf Suplicki, 33, sah am Mittwoch sein 857. Spiel. Mit vier, fünf anderen Fans dichtet der Vorsitzende des "Freundeskreises BVB" Schlagertexte zu jenen Schlachtgesängen um, die aus den Massen im Stadion Borussenchöre machen.
Solange nur Schweiß, Tore und Kreuzbandriß echt sind, hat der Anhang nichts dagegen, Bestandteil einer kühl kalkulierten Zweckgemeinschaft zu sein: Die Inszenierung ist perfekt und die Show gut - Kino ist verlogener.
Dem Manager Michael Meier, 43, der sagt, er sei als Kind schon ein Fan des Volkshelden Lothar ("Gib mich die Kirsche") Emmerich gewesen, nehmen sie die Fußballeidenschaft nicht mehr ab. Übel stößt ihnen auf, daß Meier jene Fans, die vor zehn Jahren in der Fußgängerzone mit Flugblättern um neue Anhänger für den abstiegsbedrohten Verein warben, nicht einmal zur Weihnachtsfeier einlädt. "Kühler Geschäftssinn" treibe den Volkswirt, und auch die Liebe des Trainers Hitzfeld zum Verein laufe wohl "über den Gehaltsstreifen". Selbst daß Möller womöglich "ein bißchen dumm" sei, ist für Suplicki nicht wirklich wichtig: "Wenn er gut spielt, ist er unser Held."
Als ob er die Strategie des BVB-Ausrüsters Nike ("There is no finish line") nachempfinde, überhöht Präsident Gerd Niebaum, 46, seinen Klub gern ins Religiöse. Der Notar hat erkannt, daß sich ein Fußballverein - wie Turnschuhe - am besten verkaufen läßt, wenn die Werbebotschaft mehr verspricht, als das Produkt hergibt.
Als "Botschafter der Region", die "Solidarität" und "Identifikation erzeugen" und "eine soziale Aufgabe haben und auch wahrnehmen", preisen sich der Chef und seine Männer. Der Propaganda hilft die Tagung der Fanklub-Delegierten nach, bei der der Präsident selbstverständlich "Pilsken und Wurstbütterken" ordert.
Vip-Logen, verkündet Meier imagegemäß, werde es im Westfalenstadion nicht geben, höchstens Stammtische. Das meint das gleiche, bringt das gleiche Geld und klingt doch bodenständiger.
Meier, der zurückhaltende Manager, sitzt in einem Büro mit Ikea-Charme, knabbert Weihnachtsplätzchen und verkauft den Klub als gleichsam ideales Resultat von "Ist-Analysen" und "Antizipation von Verhaltensweisen". Abgeklärt präsentiert sich sein Klub, obwohl selbst die Türklinken in den Vereinsfarben Schwarz und Gelb gehalten sind.
"Die Dortmunder machen das sehr, sehr gut." Der Manager des FC Bayern München zerrt bei diesem Lob verbissen an dem weißen Schalenrest auf seiner Mandarine. "Der Präsident ist gut", sagt Uli Hoeneß, "der Meier ist gut, und der Trainer ist gut."
Sind die Dortmunder nicht längst die besseren Bayern?
Der Borussen-Libero Matthias Sammer ist der bessere Lothar Matthäus, Stürmer Stephane Chapuisat der bessere Jean-Pierre Papin. Der Verein, den die ganze Republik "die Borussia" nennt, wahrt den Mythos von der ehrlichen Arbeit, die nur aus dem Pott kommen kann - und liefert den Beweis, daß sauberer Malocherkick noch immer über snobistischen Angestelltenfußball triumphieren kann.
Die Bayern bejammern ihr Elend, aber wenn es in der Champions League nach Kiew geht, reisen sie mit fünf Köchen und vier Kellnern an. Und als sich nach dem Sieg alle Profis an die Hand nehmen, sieht es aus wie ein einstudierter Abgang im Komödienstadel.
Sind nun die Kicker vom Morbus München, einer nach westfälischer Auffassung urbajuwarischen Kombination von Maßlosigkeit und Müßiggang, befallen? Oder ist es nicht eher so, daß die Mannschaft gar keine Chance hat, die Vorgaben ihrer einst so erfolgreichen Vorfahren erfüllen zu können? Seit mit Beckenbauer, Hoeneß und dem Vizepräsidenten Karl-Heinz Rummenigge die geballte Kompetenz ehemaliger Nationalspieler in der Chefetage versammelt ist, zerbrach jedes Konzept schon daran, daß Rummenigge und Beckenbauer, vertraglich an Fernsehsender und Zeitungen gebunden, es öffentlich diskutierten.
Was die Bayern wundert, kann Ottmar Hitzfeld erklären. Der Trainer glaubt an eine Grundformel des Profifußballs: Große Mannschaften hatten immer nur einen Architekten. Er selbst, das versteht sich, ist auch einer.
Soll er aber über sich reden, meidet Hitzfeld Blickkontakt und verdreht die Schultern. Ist er nicht eiskalt geworden als Chef einer Erfolgsmaschine, die nur weiterläuft, wenn er jeden schwächelnden 30jährigen durch einen gierigen Frischling ersetzt? "Man", antwortet der Coach, als traue er sich nicht, "ich" zu sagen, "man wird abgeklärter, man hat einige Stürme überstanden."
Für die nächsten Jahre erwartet Uli Hoeneß einen erbitterten Zweikampf. Um mitzuhalten, ahnt er, "müssen wir aktiv werden". Denn sein Verein habe nur noch einen Vorteil: "Den Namen, das Abstraktum Bayern München."
In Dortmund, das weiß Hoeneß, übernimmt in den kommenden Wochen der Kollege Meier mit einer privaten Investorengruppe die reine Fußballarena von der Stadt, um sie zum Zentrum eines Borussia-Parks auszubauen.
Dann bleibt den Bayern nicht einmal mehr, die schöneren Umkleidekabinen für sich zu reklamieren. Bevor er die "Bedarfsanalysen" für die neuen Spinde seiner Profis erstellte, flog Michael Meier nach München. Daß ein deutscher Fußballer einen eigenen Fön und Spiegel benötigt, erfuhr er vom Geschäftsführer des FC Bayern. Y
"Seit drei Jahren nur Stillstand und Rückschritt"

DER SPIEGEL 50/1994
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