25.07.2015

DopingMuskelspiele

Neun Millionen Deutsche gehen ins Fitnessstudio. Weil sie vom perfekten Körper träumen, nehmen viele illegale Medikamente. Das Geschäft ähnelt dem Drogen-handel – Anabolika sind das neue Kokain. Von Lukas Eberle und Maik Großekathöfer
Alle fünf Tage öffnet Patrick Aurisch die Schublade seines Nachtschränkchens, er nimmt eine Ampulle Testosteron heraus, eine Spritze, eine Flasche mit Desinfektionsmittel und zwei Kanülen: eine zum Aufziehen, eine zum Injizieren. Er setzt sich ins Wohnzimmer, in seinen Fernsehsessel. Ein Bein legt er hoch, auf den Couchtisch. Dann setzt er die Spritze an, sticht in die Außenseite seines Oberschenkels und drückt.
Tut nicht weh, pikst nur ein wenig. Wenn es gut läuft.
"Wenn es schlecht läuft, erwische ich eine Ader. Dann spritze ich das Testosteron in die Blutbahn statt in den Muskel. Hässliche Sache. Nach ein paar Sekunden bekommst du einen öligen Geschmack im Mund, du fängst an zu husten wie die Sau, du denkst, du erstickst", sagt Aurisch. Oft passiert ihm das nicht. Er hat Erfahrung.
Patrick Aurisch sitzt in Berlin in einem Steakhouse, ein Filet Mignon auf dem Teller, und erzählt. Er ist 24 Jahre alt, trägt ein graues Sakko, dazu ein Hemd, das über der Brust spannt. Er hat kurze braune Haare und einen gepflegten Bart. 91 Kilogramm auf 1,78 Meter, Aurisch könnte ein Covermodel für die Zeitschrift "Men's Health" sein.
Ohne Doping, sagt er, hätte er seine heutige Figur niemals erreicht.
Seit sechs Jahren kauft und nimmt Aurisch künstlich hergestellte Hormone, um größere Muskeln zu bekommen, um sexy zu sein. Hunderte Spritzen hat er sich schon injiziert, zwischen 3000 und 4000 Tabletten hat er geschluckt.
Erst heute Morgen wieder. Nach dem Aufstehen nimmt er Genotropin, das Wachstumshormon fördert das Muskelwachstum und baut Fett ab. Aurisch spritzt sich 0,9 Milligramm mithilfe eines Stiftes. Weil das Präparat kühl gelagert werden muss, liegen die Stifte im obersten Fach seines Kühlschranks, neben dem Magerquark. Im Laufe des Tages schluckt er acht Tabletten Winstrol, insgesamt 40 Milligramm. Winstrol enthält das anabole Steroid Stanozolol und baut harte Muskeln auf. Und dann natürlich noch das Testosteron, alle fünf Tage.
Nach der Realschule hat Aurisch eine Lehre zum Kaufmann für Bürokommunikation gemacht, ab Herbst studiert er Marketing. "Ich kenne Manager, Rechtsanwälte und Ärzte, die dopen", sagt er. "Das machen nicht nur Proleten." Er findet es "falsch und unehrlich", etwas zu verheimlichen. Alle wüssten, was er nehme, seine Freunde, die Familie, die Arbeitskollegen. Sein Chef mache es ja selbst.
Zwei Stunden lang beantwortet er jede Frage. Trotzdem ist Patrick Aurisch nur ein Pseudonym. Seinen richtigen Namen soll niemand erfahren, vielleicht liest die Polizei mit.
In der modernen Leistungsgesellschaft haben sich Milieus entwickelt, in denen es selbstverständlich ist, sich mit Medikamenten aufzuputschen. Studenten schlucken Amphetamine, damit sie sich in Prüfungen besser konzentrieren können, Manager greifen zu Betablockern, um ihre Nervosität zu bekämpfen, Lastwagenfahrer nehmen Stimulanzien, damit sie am Steuer nicht einschlafen. Rund eine Million Berufstätige dopen regelmäßig. Für viele gehört es zum Alltag, nicht nur in der Arbeitswelt, auch in der Freizeit und im Breitensport.
In Deutschland trainieren 9,1 Millionen Menschen im Fitnessstudio, so viele wie in keinem anderen europäischen Land. Einer bundesweiten Studie der Universitätsklinik Lübeck zufolge konsumieren davon 22 Prozent der Männer und 8 Prozent der Frauen leistungssteigernde Mittel.
Sportwissenschaftler der Universitäten Würzburg und Frankfurt kommen zu einem ähnlichen Resultat, sie haben Freizeitsportler befragt, die bei Fitnessketten trainieren. 26 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen erklärten, Dopingpräparate zu nehmen. Jedes achte Mitglied greift zu Medikamenten, um stärker zu werden, dieses Ergebnis ermittelte der Mainzer Sportmediziner Perikles Simon. Eine Zahl, die Mischa Kläber von der Technischen Universität Darmstadt noch für zu niedrig hält. Kläber leitet beim Deutschen Olympischen Sportbund das Ressort "Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement". Er geht davon aus, dass jeder fünfte Besucher etwas schluckt oder spritzt. Das wären 1,8 Millionen Menschen.
Es geht vielen Freizeitsportlern nicht nur darum, gesund zu leben. Sie wollen schön sein, dynamisch aussehen. Sie schuften an den Geräten für die perfekte Figur. Vor allem junge Menschen neigen dazu, sich mit anderen zu vergleichen. Bei ihrer Suche nach Identität fragen sie sich nicht: Wer bin ich? Was will ich werden? Sie fragen sich: Wie will ich nach außen wirken?
Der Körper ist für diese Leute ein Ausstellungsstück, das sie modellieren wie ein Künstler eine Skulptur. Sie sind getrieben von einem Körperkult, der seinen Ursprung auch in den Fotos hat, die täglich über die Werbung, die klassischen und die sozialen Medien transportiert werden. Die Bilder sind oft retuschiert und korrigiert, trotzdem legen sie fest, was als ästhetisch gilt: kräftige Arme und ein fester Hintern.
Das Dopingsystem im Breitensport ähnelt dem Geschäft mit Rauschgift. Es gibt Produzenten, die die Substanzen kochen. Es gibt die User, auch Stoffer genannt, die sie kaufen, spritzen und schlucken. Es gibt Ermittler, die den Handel verhindern wollen. Und Dopingopfer, die ihr Leben ruiniert und nur noch eine Chance haben: eine Therapie.

Der Doper. Patrick Aurisch war 17 Jahre alt, als er mit dem Krafttraining begann, er wog damals 62 Kilogramm. "Wenn du dich als junger Mann mit diesem Sport beschäftigst", sagt er, "dann hast du nur ein Ziel: immer mehr. Du denkst: Warum sehen die Typen auf den Eiweißdosen anders aus als du selbst?" Aurisch meldete sich in einem Studio am Rande Berlins an, auf über 700 Quadratmetern stehen dort die Kraftmaschinen, Armpresse, Beinpresse, Butterfly. Es gibt verspiegelte Wände, niedrige Decken und kein Tageslicht.
"Ich wusste: Hier bin ich richtig, hier kann ich breit werden. Ich hatte meine Vorbilder direkt vor der Nase", sagt Aurisch. Doch ihn reizte auch noch etwas anderes. "Wo Pumper verkehren, ist auch der Zugang zu Dopingmitteln leichter."
Was nimmst du? Welche Möglichkeiten gibt's für mich? Aurisch sprach andere Studiomitglieder an. In der Umkleidekabine kaufte er sein erstes Fläschchen Testosteron, es stammte aus einem Untergrundlabor, kurz U-Lab. Es kostete 60 Euro. Am Abend setzte er sich seine erste Spritze. Er brauchte ein Dutzend Anläufe, bis er den Mut hatte zuzustechen. Er saß dabei auf einer Couch in seinem Kinderzimmer, Aurisch war 18 Jahre alt und wohnte noch bei seinen Eltern.
Seine erste Dopingkur dauerte acht Wochen. Er legte vier Kilogramm zu, seine Muskulatur fühlte sich strammer an. Er recherchierte in Webforen und ging im Internet auf Einkaufstour. Er bestellte weitere Steroide, Turanabol-Tabletten und Nandrolon Decanoat. Er begann zu experimentieren, Stoffe zu kombinieren.
Mit einer Kur aus Testosteron, Trenbolon, Masteron und Methyltrienolon schraubte er sein Gewicht auf 96 Kilogramm hoch. Vor dem Training schluckte Aurisch eine halbe Tablette Viagra, damit sich die Blutgefäße weiteten. Für Dopingpräparate zahlte er 150 Euro im Monat.
Nach ein paar Monaten bekam Aurisch Schwindelanfälle. Er ging zu seiner Hausärztin, die ihm ein Blutdruckmessgerät anlegte. Bluthochdruck beginnt bei den Werten 140/90, der Apparat zeigte 230/180. Die Ärztin war schockiert. "Egal was Sie nehmen, lassen Sie es bleiben, junger Mann", sagte sie. Aurisch dachte nicht daran. Er wechselte lieber den Arzt.
Anabole Steroide, auch Anabolika genannt, sind künstlich hergestellte Wirkstoffe, die dem männlichen Sexualhormon Testosteron nachempfunden sind. Testosteron wird hauptsächlich im Hoden gebildet und bewirkt, dass die Muskulatur mehr Proteine herstellt, dass sie schneller wächst und langsamer ermüdet.
Pharmafirmen haben Anabolika in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt, als Medikamente für Krebskranke. Seit den Fünfzigerjahren sind sie als Dopingmittel im Sport beliebt.
Leistungssport funktioniert nur, wenn sich alle an dieselben Regeln halten, wenn sich niemand einen unerlaubten Vorteil verschafft. Profis müssen deswegen Dopingproben abgeben, wer mit Steroiden betrügt, wird gesperrt. Im Breitensport stellt jeder seine eigenen Regeln auf, Hobbyathleten müssen nicht mit Dopingtests rechnen.
Aurisch sagt, er dope "moderat". Wenig, dafür über einen langen Zeitraum, das ist seine Taktik. Üblicherweise stoffen Fitnesssportler in Zyklen. Sie spritzen und schlucken für mehrere Wochen, um dann eine Pause einzulegen, damit sich der Hormonspiegel normalisieren kann. Wer gerade etwas nimmt, gilt als "on", wer keine Kur macht, gilt als "off". Aurisch ist seit November "on". Er geht viermal pro Woche zum Training, er arbeitet an seinem Rücken, an Bizeps, Bauch und Beinen.
Ist er zufrieden mit seiner Figur?
"Nein", sagt Aurisch, "ich bin mit dem Bauplan noch nicht fertig." Er hat zurzeit einen Körperfettanteil von neun Prozent, in den nächsten drei Monaten möchte er noch zwei Prozent verlieren. Aurisch strebt nicht nach einer Bodybuilderstatur mit Muskelbergen, er will das, was er einen "Fitnesskörper" nennt. Definierte Muskelstränge, die an Schultern, Brust und Oberschenkeln Streifen bilden und die Körperteile voneinander abgrenzen.
"Das ist nach meiner Definition ein schöner, ästhetischer Körper. Die Wertschätzung spielt für mich eine große Rolle. Ich mag es, angesprochen zu werden, Blicke anzuziehen, im Urlaub am Strand, in der Sauna. Es sind übrigens eher die Männer, die gucken. Ein guter Körper ist heute ein Statussymbol. Früher hieß es: Kleider machen Leute. Heute gilt: Muskeln machen Leute."
Geht das nur mit Doping?
"Nein, aber es erleichtert mir den Weg zum Ziel", sagt Aurisch.

Der Fahnder. Die Beute der letzten Woche liegt in einem Einkaufswagen vom HL-Markt: elf Päckchen, Luftpolstertaschen, Briefe. Abgeschickt aus Jinan und Shenzhen in China, aus Moldau und der Türkei, adressiert an Empfänger in Bad Homburg, in Berlin, in Lahr am Schwarzwald. Hans-Jürgen Schmidt, 60, vom Zollfahndungsamt in Frankfurt zieht blaue Latexhandschuhe an, bevor er zum ersten Umschlag greift. "Wegen der daktyloskopischen Spuren", sagt er. Schmidt will keine Fingerabdrücke vernichten, die auf dem Kuvert sind, sie könnten noch wichtig sein für die Ermittler.
Seit 1990 arbeitet Hans-Jürgen Schmidt beim Zoll, er war 14 Jahre lang Fahnder, ein unscheinbarer Herr in Strickjacke. Er reißt eine Sendung auf und findet darin 50 Ampullen zu je zehn Milliliter Hygetropin, ein Wachstumshormon. "Das reicht für ein Verfahren", sagt Schmidt. Er öffnet das nächste Paket: 200 Tabletten Oxymetholon, ein anaboles Steroid. Im nächsten: Nandrolon, auch das ein Anabolikum.
Es ist in Deutschland nicht grundsätzlich verboten zu dopen. Wer seinen Körper mit Testosteron, Insulin oder Wachstumshormon aufmotzen möchte, den hindert kein Gesetz daran. Laut Paragraf 6a des Arzneimittelgesetzes ist es allerdings strafbar, Präparate zu Dopingzwecken im Sport "in den Verkehr zu bringen, zu verschreiben oder bei anderen anzuwenden" sowie "in nicht geringer Menge zu erwerben oder zu besitzen".
Auch die Einfuhr solcher Medikamente per Post ist illegal, bei Verstößen ermitteln die Zollfahndungsämter. Die meisten Dopingmittel kommen auf dem Flughafen in Frankfurt am Main an. Zwischen Terminal eins und zwei liegt das Internationale Postzentrum, wo die Luftpost bearbeitet wird. Jeden Tag gehen 40 000 Briefe und Pakete durch den Zoll. Über einem Fließband, das gelbe Postkisten transportiert, hängt ein Schild: "Sendungen aus China mit gelber Styroporverpackung sind in den Vorfilter zu leiten."
Der Vorfilter, das sind Zollbeamte, die verdächtige Umschläge und Pakete abtasten. Sie drücken, schütteln, riechen. Oder lassen die Sendungen röntgen. Etwa 3300 muss die Post täglich öffnen.
Der Zoll hat sogar einen Dopingspürhund, "Quitta" heißt er und kann fünf Grundsubstanzen erschnüffeln. Zehnmal hat der Zoll ihn bislang eingesetzt, auch in Frankfurt. Und mit dem First Defender, einem Gerät, das aussieht wie der Game Boy von Nintendo, können die Beamten die chemische Verbindung von Stoffen bestimmen.
Handelt es sich bei der Lieferung um eine kleine Menge, übernimmt das Hauptzollamt den Fall. Die dickeren Fische landen beim Fahndungsamt.
Manche Päckchen, die Schmidt und seine Kollegen kontrollieren, enthalten fertige Präparate, in anderen finden sich Rohstoffe, die in Untergrundlabors weiterverarbeitet werden sollen. 20 Beamte ermitteln in Sachen Arzneien und Dopingmittel beim Zollfahndungsamt. Wenn nötig, arbeiten sie mit den Kollegen zusammen, die organisierte Kriminalität bekämpfen. Sie haben viel zu tun. Im vorigen Jahr hat der Zoll in Frankfurt 436 142 Tabletten und 163 971 Ampullen sichergestellt: alles Stoff für Sportler.
Die Ermittler recherchieren in Datenbanken. Gibt es den Empfänger der Dopingsendung überhaupt? Stimmt der Name mit der Adresse überein? Hat er ein Gewerbe angemeldet? Manchmal schicken die Fahnder dem Verdächtigen einen Anhörungsbogen, die mildeste Form der Ermittlung. Manchmal hören sie auch gleich sein Telefon ab.
"Nach Absprache mit dem Staatsanwalt lassen wir das Geschäft laufen, um den Modus Operandi zu verstehen. Am Tag X schlagen wir dann zu", sagt Schmidt. "Es geht uns nicht um die Menge der Substanzen, die wir sicherstellen. Unser Ziel ist es, ein System aus den Angeln zu heben."
Rauschgiftfahnder handeln nicht anders. Allerdings geht die Zahl der Ermittlungen wegen Drogen beim Zoll zurück, bundesweit ist sie zwischen 2009 und 2014 von 4723 auf 3933 gesunken. Die Zahl der Dopingmittel-Verfahren stieg im gleichen Zeitraum um das 19-Fache: von 103 auf 1929 Ermittlungen.
Weltweit werden jedes Jahr 15 Milliarden Euro für Dopingmittel umgesetzt, das schätzt die Wada, die Welt-Anti-Doping-Agentur. In Deutschland werden für mehrere Hundert Millionen Euro Dopingpräparate auf dem Schwarzmarkt verkauft. Sie stammen häufig aus Untergrundlabors, die Labels wie Golden-Gate-Pharma oder Steroid-Schmiede benutzen.
Wer beim Handel mit Anabolika erwischt wird, dem drohen bis zu drei Jahre Gefängnis; in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahre. Seit 2009 konzentriert sich die Schwerpunktstaatsanwaltschaft München I auf Dopingverfahren. In den ersten drei Jahren gab es 169 Anklagen und Strafbefehle, die Richter verhängten insgesamt 42 Jahre und 8 Monate Freiheitsstrafe. Der größte Teil der Fälle betraf den Breitensport.
Hans-Jürgen Schmidt sagt, Doping sei ein Massenphänomen geworden. Man könnte auch sagen, Anabolika sind das neue Kokain.

Der Produzent. Pünktlich um 11 Uhr an einem Samstagmorgen fährt Tim Hartmann mit seinem Auto auf den Parkplatz einer Pizzeria in der Nähe von Stuttgart. Bis zuletzt war nicht sicher, ob er wirklich kommt. Es gab viele Telefonate, über Wochen, zunächst mit Hartmanns Anwalt, dann mit ihm selbst. Immer wieder hat Hartmann gesagt, dass man ihn nicht treffen könne.
"Meine Lage ist kompliziert", sagte er.
Warum?
"Kann ich nicht sagen. Aber ich habe ein schlechtes Gefühl, mit Journalisten über alles zu reden."
Er hat es sich anders überlegt. Hartmann, breite Schultern, T-Shirt mit V-Ausschnitt, setzt sich in eine Ecke des Lokals. Obwohl es kompliziert ist, obwohl er ein schlechtes Gefühl hat. Obwohl er ein Strafgefangener ist.
Hartmann ist ein Freigänger, elf Stunden am Tag darf er sich außerhalb des Gefängnisses bewegen. Er arbeitet in der Verwaltung bei einem Automobilzulieferer.
Vor vier Jahren wurde er verurteilt wegen des "gewerbsmäßigen Inverkehrbringens von Arzneimitteln zu Dopingzwecken im Sport", so stand es in der Anklageschrift. Er betrieb eines der lukrativsten und produktivsten Untergrundlabors Deutschlands. Er kochte, mixte und vertrieb Anabolika-Präparate in großem Stil. Am Ende flog er auf. Hausdurchsuchung. U-Haft. Gerichtsverhandlung.
Hartmann bittet darum, nicht zu schreiben, wie lange seine Haftstrafe ist. Sein Alter muss geheim bleiben, und Tim Hartmann heißt nicht Tim Hartmann. Das sind die Bedingungen für das Gespräch über seine Vergangenheit als Dopingbaron.
"Es ist ein Scheißbusiness", sagt er, "leider habe ich das viel zu spät kapiert." Jeden Abend um 19 Uhr fällt die schwere Eisentür hinter ihm ins Schloss. An seiner Situation lasse sich nichts mehr ändern, sagt er, aber vielleicht könne er andere davor bewahren, ihr Leben zu zerstören.
Vor sieben Jahren lernte Hartmann in seinem Fitnessstudio einen Pumper kennen, der in einer Mietwohnung ein Untergrundlabor betrieb. Er suchte einen Nachfolger für das Business und fragte Hartmann, ob er Interesse habe. Hartmann stoffte damals, die Aussicht, das Zeug selbst zu produzieren, erschien ihm wie ein Traum.
Als würde er von Miraculix das Zaubertrankbusiness übernehmen.
Er ging als Laborgehilfe "in Ausbildung", so nennt er das. Er lernte alles über die Wirkstoffe, über Mischverhältnisse und Verträglichkeit, über Verkauf und Vertrieb. "Ich bin damals erschrocken, wie einfach die Herstellung abläuft, wie unsteril", sagt Hartmann, "es ist eine verrückte Welt, und ich war sofort in ihr gefangen."
Er stieg zum Chef des U-Labs auf. Beim Onlinehändler Alibaba fand er Anabolika-Rohstoffe, er bestellte per E-Mail: Testosteron Enantat, Testosteron Propionat, Nandrolon Decanoat, Trenbolon Enantat und Trenbolon Acetat. Er kaufte bei einer Firma in China ein, für bis zu 10 000 Euro pro Bestellung. Per E-Mail bekam er einen Namen und eine Ausweisnummer genannt, das Geld überwies er beim Finanzdienstleister Western Union.
Um unentdeckt zu bleiben, ließ er die Päckchen an einen Bekannten schicken, den er mit Dopingmitteln dafür bezahlte. Die Rohstoffe kamen in Pulverform, luftdicht eingeschweißt. Hartmann bestellte mehrere Kilogramm pro Lieferung.
Er zog in eine neue Wohnung, seine Küche funktionierte er zu einer kleinen Dopingfabrik um. Die Produktion lief immer gleich: Auf den Herd stellte er einen Erlenmeyerkolben, ein Glas mit schmalem Hals und dickem Bauch, dann schüttete er das Pulver hinein. Dazu kamen Rizinusöl, als Träger für den Anabolika-Wirkstoff, und Ethyloleat, um die Lösung dünnflüssiger zu machen. Er kochte die Mixtur auf, desinfizierte sie mit Benzylalkohol und ließ sie durch einen mit Küchenpapier ausgelegten Trichter laufen. So sollten die Schwebstoffe gefiltert werden.
Zum Schluss füllte er die Flüssigkeit in Zehn-Milliliter-Ampullen ab. Für zwei Liter Dopingmittel brauchte er 90 Minuten. Hartmann studierte damals Logistikmanagement, nach drei Semestern brach er ab. Seine Tage bestanden nur noch aus Krafttraining und Kochen. "Ich war total besessen", sagt er. Bis zu zwölf Stunden in der Woche stand er in seiner Küche.
In Webforen postete er seine Produktpalette. 30 Substanzen hatte er im Angebot, dazu Präparate in Tablettenform. Sein E-Mail-Eingang quoll über. "Werbung musste ich nicht machen", sagt Hartmann, "ich hätte viermal so viel herstellen können, so groß war die Nachfrage."
Es ist kinderleicht, im Internet Steroide zu bestellen. Hartmann zieht sein Smartphone aus der Tasche. Er schreibt Anabolika.com in die Adressleiste und tippt auf den Menüpunkt "Shop". Das Angebot ist reichhaltig, die Mittel werden in vier Sprachen angepriesen. Stanozolol, zehn Ampullen für 55,18 Euro; Clenbuterol, 50 Tabletten für 11,75 Euro.
Hartmanns Business lief irgendwann so gut, dass er auf Vorrat produzierte. Die Ampullen und Tablettendöschen lagerte er in der Garage eines Bekannten. Er konnte es sich leisten, nur noch an Großkunden zu verkaufen, an Reseller, die die Präparate ihrerseits übers Internet oder in Studios weitergaben.
Er produzierte ein Fläschchen Testosteron für sieben Euro, die Reseller in München, Köln und Berlin kauften es bei ihm für 15 Euro. So verdiente er im Monat bis zu 5000 Euro. Davon kaufte er sich Designermöbel für seine 100-Quadratmeter-Wohnung und einen Mercedes, E-Klasse, 252 PS, Vollausstattung.
"Ich bekam oft positives Feedback. Die Leute schrieben mir: wirkt super", sagt Hartmann. "Das hat mich erst recht angespornt. Ich fühlte mich unverwundbar, ich wollte der Beste werden, ich sah das alles nicht mehr realistisch. Dabei war es klar, dass es irgendwann schiefgeht."
Polizisten in München schnappten einen von Hartmanns Resellern, er hatte auf Parkplätzen von Fitnessstudios gedealt. Die Beamten verfolgten die Handelskette zurück, bis sie vor Hartmanns Wohnungstür standen. Er gestand sofort, in den Vernehmungen packte er aus.
Viele Dealer wissen nicht, wie hart die Staatsanwälte inzwischen durchgreifen. "Den meisten fehlt das Bewusstsein dafür, wie gefährlich es ist, das Zeug zu vertreiben", sagt Hartmann, "ich hätte Krankheiten verbreiten können, ich habe Leben aufs Spiel gesetzt."
250 Millionen Euro – so hoch beziffert der Tübinger Sportmediziner Heiko Striegel die Kosten, die dem deutschen Gesundheitssystem jedes Jahr durch Doping im Freizeitsport entstehen. Die Nebenwirkungen der Medikamente sind enorm, Steroid-Konsumenten können einen vergrößerten Herzmuskel bekommen und einen Infarkt erleiden. Sie können an Bluthochdruck, Stimmungsschwankungen und Depressionen erkranken. Oder an allem gleichzeitig.
Bei Männern verkleinern sich die Hoden. Sobald der Körper Testosteron von außen bekommt, fährt er die eigene Produktion herunter. Bei vielen Sportlern, die sich mit Anabolika dopen, schrumpfen die Hoden auf Erbsengröße.
Hartmann hatte zuletzt viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Auch über die Frage, warum das Dopen so beliebt ist. Für Hartmann hat die Antwort vier Buchstaben: Yolo. Das Akronym steht für: You only live once, du lebst nur einmal. Yolo war 2012 das Jugendwort des Jahres.
"Viele, die im Studio an ihrem Körper arbeiten, leben nach diesem Motto", sagt Hartmann, "sie wollen alles, und zwar sofort. In den U-Labs werden die Produkte zu diesem Lifestyle hergestellt."

Der Geschädigte. Die erste Tablette, die seine Muskeln aufblasen sollte, hat David Heim vor sechs Jahren geschluckt. Er war 14, ein halbes Kind noch. Die Pille war weiß, rund und so groß wie ein Smartie.
Mit 17 wollte David sich zum ersten Mal umbringen. Er stand am Bahngleis in Erfurt und wartete auf den ICE aus Fulda.
Seit zwei Wochen taten ihm damals die Brustwarzen höllisch weh, und David hatte gelesen, der Körper wandle überschüssiges Testosteron in das weibliche Sexualhormon Östrogen um. Er hatte Panik, dass ihm ein Busen wächst von dem Zeug, das er ständig einwarf. Lieber tot als " bitch tits". Schlampentitten, so nennen Typen wie David die Dinger, die sie kriegen können von Anabolika.
David zitterte, als er den Zug kommen sah. Er wollte springen. Und musste plötzlich an seine Eltern denken. Würden sie ihn verstehen? Sicher nicht. Würden sie sich die Schuld geben? Auf jeden Fall. Kann er ihnen das antun? Irgendwie nicht.
David blieb stehen.
Er hat keine Anabolika mehr genommen seit jenem Tag, David ist seit 34 Monaten clean. Aber die Spätfolgen machen ihn fertig. Im Mai vergangenen Jahres war er wieder kurz davor, sich das Leben zu nehmen. Die Pillen sollten einen Mann aus ihm machen. Sie haben ihn zerstört.
David Heim heißt nicht David Heim. Er ist ein stiller Kerl, ein Angler, der am liebsten auf Brasse geht. Er läuft über den Domplatz in Erfurt und blickt aus müden Augen: Er hat wieder die halbe Nacht auf dem Klo gehockt, Durchfall ist so eine Nebenwirkung, die ihn bis heute quält.
Alles begann, als er Thomas kennenlernte. Thomas, der ältere Bruder eines Freundes, war damals 20 Jahre alt, er hatte Oberarme wie Felsbrocken und ein Kreuz wie ein Schrank. Heim sagt: "So einen Körper habe ich mir gewünscht." Er war 1,70 Meter groß und 55 Kilogramm schwer, völlig normale Werte eigentlich, aber er war sich selbst nicht genug.
Heim wuchtete dreimal in der Woche Hanteln, aber den gewünschten Effekt hatte das nicht. Auch nach sechs Monaten sah er noch aus wie ein 14-jähriger Hobbyfischer. Er fragte Thomas, wie lange er trainieren müsse, bis er Muskeln habe wie er. Thomas lachte und holte eine weiße Tablette aus der Jackentasche. Probier die mal, sagte Thomas.
Irgendwer hat immer etwas. Der Karlsruher Sportwissenschaftler Tobias Rathgeber hat Schüler an fünf deutschen Gymnasien befragt. Neun Prozent der Jugendlichen aus den Jahrgangsstufen elf und zwölf verfügen über einschlägige Dopingerfahrung. Jeder Vierte hat schon mit dem Gedanken gespielt, etwas zu nehmen.
David nahm die Pille am nächsten Tag auf dem Weg zum Fitnessstudio, dann setzte er sich ans Curlpult, um den Bizeps zu trainieren. Ging gut. Er war angefixt und kaufte bei Thomas eine ganze Packung.
Nach drei Wochen drückte David auf der Bank 65 Kilo. Vorher hatte er nie mehr als 35 Kilo geschafft. Die Pillen öffneten ihm eine neue Welt. David Heim war jetzt einer, auf den die Mädchen stehen. Er lernte Tanja kennen, seine erste Freundin.
David war im Rausch. Er ging jeden Tag ins Studio, zuerst eine Stunde lang, dann zwei, dann zweieinhalb, "bis ich aus den Poren gequalmt habe". Er verdoppelte die Anabolika-Dosis, nahm zwei Tabletten auf einmal. Ein Trainer aus seinem Fitnessklub sprach ihn an und meinte, er, David, solle doch mal Testosteron-Booster versuchen, damit könne er seine Muskeln so richtig aufmotzen. Gute Idee, fand David.
Er bestellte online eine Dose von dem Pulver. Jeden Morgen rührte er sich einen Drink an. David wog mittlerweile 78 Kilo, sein Ziel waren 85.
Noch mehr Pillen, noch mehr Pulver. Weil sein Taschengeld nicht reichte, um an neuen Stoff zu kommen, klaute er, zog anderen Jungs das Portemonnaie ab, brach in eine Zahnarztpraxis ein und verhökerte das Diebesgut. Zwei Jahre ging das so.
Im Lauf der Zeit wurde David immer aggressiver, beim kleinsten Anlass stauchte er seine Freundin zusammen. "Wenn ich ProSieben geguckt habe und sie wollte, dass ich auf RTL umschalte, habe ich sie zur Schnecke gemacht", sagt David. Und wenn Tanja mit ihm kuscheln wollte, ging er auf Distanz. "Intim lief nichts."
Morgens wachte er schweißgebadet auf, das Herz raste. Pickel sprossen in seinem Gesicht, auf den Schultern und dem Rücken – er hatte Steroid-Akne. Rote Flecken und Narben bildeten sich auf seiner Haut. Davids Augen färbten sich gelb, Anabolika belasten die Leber. Dazu die Schmerzen an den Brustwarzen, die Angst vor einem Busen, es war zu viel für ihn, und David machte sich auf den Weg zum Bahnhof.
Er setzte die Tabletten und das Pulver ab, er ging nicht mehr in den Fitnessklub, er brach den Kontakt zu Thomas ab, aber dann legte sich irgendwann ein mächtiger Schatten über ihn. Er war antriebslos und lag den ganzen Tag im Bett. "Ich dachte, ich verfaule."
So schnell, wie er seinen Körper aufgepumpt hatte, so schnell fiel er jetzt in sich zusammen. David verlor an Gewicht. Seinen Nebenjob im Getränkehandel musste er kündigen, weil er zu schwach war, um eine Bierkiste zu tragen.
Die depressiven Phasen kamen und gingen. Wenn er einen kräftigen Oberarm sah, wurde er eifersüchtig, das konnte einen Schub auslösen. Seine Eltern wunderten sich, was mit ihrem Sohn los ist, fragten aber nicht weiter nach. David erzählte ihnen nichts, sie wissen bis heute nicht, dass er Anabolika genommen hat. Er ging auch nicht zum Arzt, weil er dachte, der könne ihm sowieso nicht helfen.
Dann traf er zufällig Thomas in der Stadt, der dumme Witze über ihn riss, der ihn "Pinocchio" und "Knochensuppe" nannte. David beschloss zu sterben. Zu Hause griff er sich eine Rasierklinge, nahm das Handy und rief einen Freund an: "Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich habe die Klinge am Handgelenk."
Sie sprachen bis zum Morgengrauen, über das Leben, die Zukunft und darüber, dass es immer einen Ausweg gebe. Am Ende setzte sich David in die Badewanne, um zu entspannen.
David läuft über den Domplatz in Erfurt, dünn und blass. Der letzte depressive Schub ist noch nicht lange her, David leidet an Magenkrämpfen, oft ist ihm übel, er übergibt sich fast nach jedem Essen. Wenn er sich die Zähne putzt, muss er würgen. Er hat Angst, dass er seine Nieren ruiniert, dass er von den Anabolika ein Geschwür bekommen hat.
David sagt: "Vielleicht sollte ich mich doch mal untersuchen lassen."

Der Therapeut. Die Menschen, die Werner Hübners Hilfe suchen, spüren die Rache ihres Körpers. "Die kommen, weil sie sagen: Ich bin am Ende. Die haben so richtig die Grenze gespürt", sagt er. "Und sie haben verstanden, dass Anabolika dabei die entscheidende Rolle gespielt haben."
Werner Hübner ist Psychologe und Psychotherapeut, hat eine Praxis in Köln und arbeitet für die ambulante Suchthilfe der Diakonie und Caritas in Bonn, Uhlgasse 8. Dort sitzt er in einem Besprechungszimmer. Hübner ist 63, hat einen grauen Vollbart und eine Teddybärstimme. Er behandelt seit zehn Jahren Freizeitsportler, die Anabolika geschluckt haben und mit den Folgen kämpfen; 20 Fälle sind es pro Jahr, aus Bayern, Schleswig-Holstein, Hessen. Hauptschüler melden sich bei ihm, Gymnasiasten, Studenten, Autoschlosser und Unternehmer.
Die meisten kommen freiwillig, einige werden von ihren Eltern oder der Partnerin geschickt. Weil ihnen aufgefallen ist, dass mit dem Kind, mit dem Freund etwas nicht stimmt. Weil sie sich über die Akne gewundert haben, weil sie auch die Wutanfälle nicht mehr ertragen konnten. Eine Mutter kam in Hübners Sprechstunde und sagte, sie erkenne ihren eigenen Sohn nicht mehr wieder. Er hatte sie gewürgt.
Bei Hübner melden sich auch Stoffer, die an einer Psychose leiden; da war zum Beispiel der Mann, der es nicht mehr aushielt, mit dem Bus zu fahren. Der dachte, dass ihn alle angucken, über ihn tuscheln, dass ihn alle für ein Weichei halten.
Während der Therapie liegen Hübners Patienten auf einem Sofa, es läuft Musik. Wer nicht in die Praxis kommen will, mit dem geht er am Rhein spazieren, und sie reden. "Oft können die Leute nicht erklären, warum sie angefangen haben, Anabolika zu nehmen", sagt Hübner. Sie versuchen dann, Gründe zu finden. Häufig hört der Therapeut den Satz: Ich bin nur geliebt worden, wenn die Leistung stimmte.
Es gibt Parallelen zwischen Drogenabhängigen, die Kokain in die Nase ziehen, und Stoffern, die Anabolika spritzen. "Sie handeln nach demselben Grundmuster: Ich will etwas nicht haben und suche nach einer Möglichkeit, wie ich es loswerde", erklärt Hübner. Der Kokser will sich von seinem tristen Alltag befreien, der Stoffer von seiner schmächtigen Statur. "Etwas stimmt nicht, und ich versuche, die Sache mit einem Mittel in Ordnung zu bringen", sagt Hübner. Junkies und Stoffer würden sich selbst ausschalten und gäben dem Mittel, das sie nehmen, Macht. Stoffer sind weniger körperlich abhängig, als vielmehr psychisch. Wer trainiert und gezielt dopt, bei dem wachsen die Muskeln. Für die Stoffer ist das ein Glücksmoment, sie erleben sich neu. "Es ist, als würde man durch ein Fenster auf eine blühende Landschaft sehen", sagt Hübner. "Wenn ich das einmal erlebt habe, will ich diesen Augenblick immer wieder genießen. Das Fenster darf sich nicht mehr schließen, sonst bin ich wieder der Alte."
Dem Psychologen ist aufgefallen, dass es vielen Dopern schon immer schwergefallen ist, sich einem Konflikt zu stellen. Schon in der Schule, bei Klassenarbeiten, hätten sie geschummelt. Sie machen es sich leicht und schlucken Anabolika, statt mit ihrem Körper zufrieden zu sein, obwohl er in ihren Augen nicht perfekt ist. Sie greifen zum Medikament, statt zu akzeptieren, dass die Natur sich nicht vertan hat.
Niemand wird von einem Tag auf den anderen zum Stoffer, es ist auch kein böses Schicksal. "Dopen ist eine Form des Ausweichens", sagt Hübner. Bei vielen wurde sie schon früh eingeübt.
Er nennt ein Beispiel: Ein Kind fällt hin und blutet am Knie. Die Mutter gibt dem Kind ein Gummibärchen. "Es muss den Schmerz nicht einfach aushalten, es bekommt eine Süßigkeit, die seine Lage erträglicher macht", sagt Hübner, "niemand muss Schwierigkeiten tolerieren, es ist zur Tradition geworden, sich nicht zu quälen." Viele erliegen dem Drang, zum Surrogat zu greifen. Zum Gummibärchen, zur Pille, zu Anabolika.
Damit Jugendliche von den Dopingmitteln loskommen, sagt Hübner, bräuchten sie Vorbilder, die ihnen vermitteln, dass es völlig okay ist, nicht auf Facebook zu sein. Oder keine Markenklamotten zu tragen. Oder keine Muskeln zu haben. Eigentlich ist es ganz einfach.
Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) entschied 2012, dass es künftig Projekte zur "Prävention des Anabolikamissbrauchs in Fitnessstudios" mit 100 000 Euro pro Jahr unterstützen möchte. Seit zwei Jahren fördert das BMG ein Team von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Paderborn, das Programm heißt "No roids inside". Roids ist die Abkürzung für Steroide. Die Wissenschaftler halten in Studios Vorträge über die Gefahren von Anabolika und beraten Freizeitsportler, die mit dem Dopen aufhören wollen.
Werner Hübner hält nichts davon, seinen Patienten den Gang ins Fitnessstudio zu verbieten. Im Gegenteil. "Ich sage: Du hast bewiesen, dass du dopen kannst. Aber kannst du es auch lassen?" Wenn sie es schaffen, ohne Anabolika zu trainieren, dann merken sie, wie toll es ist, Herr im eigenen Haus zu sein.

Auch David Heim, der Geschädigte, trainiert jetzt wieder. Er kann es nicht lassen. Jeden zweiten Tag, bei seinen Eltern im Keller, stemmt er Gewichte. In sein altes Fitnessstudio geht er aber nicht. Er schämt sich. "So wie ich aussehe", sagt er.
Tim Hartmann, der Produzent, ist geläutert, er hat verstanden, dass er "riesengroßen Mist" gebaut hat. Er sagt, er könne sich gut vorstellen, Aufklärungsarbeit in Sachen Anabolika zu leisten. Irgendwann, nach seiner Haft.
Und Patrick Aurisch, der Doper, hat Stress mit seiner Freundin. Sie mag es nicht, dass er nur sein Krafttraining im Kopf hat, dass er abends nicht mehr ausgehen will. Sie mag es nicht, dass er dopt, weil sie spürt, dass er hitziger wird. Sie sagt, das Zeug mache ihn "arschlochhaft". Aurisch meint, es daure nicht mehr lange, dann stelle sie ihn vor die Wahl: sie oder das Doping.
"Dann müssen wir uns trennen", sagt er. "Ich werde wegen ihr nicht aufhören. Das ist es mir nicht wert."


Von Lukas Eberle und Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 31/2015
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