14.06.1999

PSYCHIATRIE„Leben in der Hölle“

Versagt die Justiz beim Umgang mit Sexualverbrechern? Über 3000 Triebtäter sitzen wie normale Kriminelle im Gefängnis - und kommen als potentielle Rückfalltäter wieder auf freien Fuß. Psychiater setzen derweil auf rigorose Therapiekonzepte.
Von ihrem düsteren Charme hat die einst "größte Irrenanstalt Europas" nichts eingebüßt. 60 Jugendstil-Gebäude, Baujahr 1911, liegen im Klinikpark von Bedburg-Hau nahe der niederländischen Grenze. Bahngleise führen an das Haupttor heran.
Dahinter verbirgt sich eine abgeschlossene Welt mit Großküchen, Bäckereien, sogar einem eigenen Kraftwerk. Unter hohen Tannen verlaufen breite Teerwege. Ganz am Ende des Geländes, direkt vor dem Anstaltsfriedhof, erhebt sich der Hochsicherheitstrakt. Er ist ummauert. Automatisch öffnet sich die Stahltür, hinter der, von Monitoren kontrolliert, etwa 20 Sexualstraftäter leben.
Im Souterrain sind die "hoffnungslosen Patienten" versammelt, Menschen, die sich gegen jede Behandlung sperren. Zwei Serienmörder gehören dazu, Psychotiker, junge Vergewaltiger, aber auch Altfälle wie jener 60jährige Päderast, der mit starren Augen auf dem Gang umhergeistert. Einige aus der Gruppe werden mit dem Präparat Androcur behandelt. Die weißen Hormonpillen dämpfen den Triebdruck.
Im ersten Stock geht es entspannter zu. Die schweren Eichentüren an der "Boxengasse", dem Zellenflur, stehen offen. Eddy, 38 (Mißbrauch von Kindern), Fritz, 50 (sa-
* Links: Stationschef Dönisch-Seidel.
distische Tötung), und Michael, 32 (Sexualtötung im Affekt), sitzen am Frühstückstisch. Es ist kurz vor acht Uhr morgens.
Stationschef Uwe Dönisch-Seidel erscheint. Der 130-Kilo-Mann mit buschigen Augenbrauen gilt als Enfant terrible der forensischen Psychiatrie. Er nimmt seine Patienten in den Schwitzkasten, er brüllt und rempelt sie an. Die Insassen werfen mit Farbpinseln Bilder an die Wand und improvisieren im Theaterraum kleine Rollenspiele. Im Musikzimmer stehen über 70 Instrumente: Bongos, Kalimbas, Pauken.
"Nonverbale Therapie" nennt Dönisch-Seidel seine speziell auf Triebtäter zugeschnittene Behandlung. Mit Klängen, Tanz und Ringkämpfen entlockt er den Männern "kontrollierte Wutausbrüche".
Manchmal schlagen solche Spielszenen schlagartig um. Mit Haß aufgeladene Erinnerungsspuren steigen in den aufgewühlten Tätern empor, Versperrtes und Verdrängtes dringt ins Bewußtsein. Dann ist der Psychiater hellwach, fragt nach, reflektiert, arbeitet die Situation durch. "Wer hier einsitzt, ist extrem kontaktgestört", sagt er, "mit Worten allein kommst du an die seelischen Abgründe nicht heran."
Fritz hat 1986 einen Strichjungen getötet. Auf seinem Stundenplan steht heute Bewegungstherapie. Stöcke und Bälle liegen im Turnsaal. Fritz soll ein abgestecktes Terrain verteidigen. Mitinsassen bombardieren ihn mit großen Gymnastikbällen - ein symbolischer Kampf um Nähe und Distanz. 90 Minuten lang wird gerangelt und gestritten, immer wieder fährt die Baßstimme des Stationschefs dazwischen.
Solch zupackende Aktionen sind für den deutschen Maßregelvollzug eher ungewöhnlich. 60 Institutionen der gerichtlichen Psychiatrie (Forensik) stehen im Lande. In den stacheldrahtumzäunten Kliniken leben rund 500 Sexualstraftäter, die im Zustand "verminderter Schuldfähigkeit" (§ 21 StGB) schwere Verbrechen begangen haben. Wer hier einsitzt, so schreibt es der Gesetzgeber vor, muß psychisch krank sein - und gemeingefährlich.
Was hinter den Anstaltsmauern passiert, ist kaum bekannt. Viele der Inhaftierten haben somatische Leiden ausgebildet. Der Pillenkonsum liegt um ein Vielfaches höher als bei Normalbürgern.
Meist im Keller der Anstalten sind Tischlereien, Schmieden, Druckereien untergebracht. Einmal in der Woche finden Gottesdienste statt. Die Lektüre der "St. Pauli Nachrichten" ist in einigen Kliniken ebenso erlaubt wie - heikles Thema - der Besuch von Frauen. In "Intimzimmern" dürfen die Verurteilten Freundinnen empfangen, die sie oft durch Kontaktanzeigen kennenlernen.
Mit gemütlichen Sanatorien haben die Einrichtungen dennoch nichts gemein.
1933 trat der Maßregelparagraph in Kraft, der sich auf Gewohnheitsverbrecher, aber auch auf Geistesgestörte und Homosexuelle erstreckte. Schon bald danach verlor Bedburg-Hau über 2000 Patienten durch das Euthanasieprogramm der Nazis. Die Menschen wurden umgebracht.
Noch immer umgibt viele Anstalten der Forensik eine beklemmende Atmosphäre. Unentwegt rasseln die Schlüssel der Wärter. Wer es wagt, gegen die Pfleger zu wüten, wird mit Neuroleptika ruhiggestellt. Auf den geschlossenen Stationen sind die Tische und Stühle am Boden festgeschraubt. Besuchern ist der Zutritt nicht erlaubt.
Und noch immer tummelt sich in den Psychofestungen buntgewürfeltes Patientengut. 360 Menschen sind in der Mammutklinik von Eickelborn eingepfercht. "Die Spanne reicht vom geistig Behinderten über den möglicherweise hochintelligenten persönlichkeitsgestörten Sadisten bis hin zum chronisch halluzinierenden Schizophrenen, der autistisch in seiner Wahnwelt lebt", sagt der Psychiater Rüdiger Müller-Isberner. Kein gutes Klima für eine Behandlung.
Doch langsam wandelt sich das Bild. Einige Kliniken sind dazu übergegangen, Triebtäter in gesonderten Abteilungen zu konzentrieren. Dort rücken Ärzte und ihre Helfer den Inhaftierten mit neuen Methoden zu Leibe:
* In Sachsen-Anhalt leben seit Ende 1996 insgesamt 26 Sexualstraftäter auf engstem Raum in zwei Großgruppen zusammen.
* In Bremen hat sich eine Gruppe von niedergelassenen Ärzten gebildet, die die Seelen von gefährlichen Perversen tiefenpsychologisch ausleuchten.
* In Gießen durchlaufen Vergewaltiger und Kinderschänder eine strenge "Kriminaltherapie", die auf eine Umkonditionierung abzielt.
Solche Experimente finden in einer Atmosphäre des Mißtrauens statt. Seit den Morden an den Kindern Natalie Astner und Kim Kerkow im Jahr 1997 ist die Stimmung in Deutschland gereizt. Betroffen und erbost reagiert die Gesellschaft auf jene persönlichkeitsgestörten Maniaks, in deren Gemüt Liebe und Gewalt aufs abscheulichste verwoben sind.
Wie überlebensgroße Monstren werden die Täter in den Medien präsentiert: US-Schlächter Jeffrey Dahmer (17 Morde), der Russe Andrej Tschikatilo (52 Opfer) oder der Wiener Schriftsteller und Prostituiertenmörder Jack Unterweger (10 Tote). Eine noch größere Blutschneise will Anatolij Onuprijenko geschlagen haben. Der Ukrainer wurde Anfang April wegen 52fachen Mordes verurteilt. Er aber brüstete sich: "Es könnten 60 oder noch viel mehr gewesen sein."
Wie gebannt blickt die Bevölkerung auf solche Ausnahmefiguren. Hollywood heizt die Stimmung zusätzlich an. Hannibal Lector, der Kannibale aus "Das Schweigen der Lämmer", ist zum modernen Prototyp des Bösen avanciert: Ohne den chronischen Lustgangster, der sich motivlos durchs Drehbuch schlachtet, will sich rechte Gänsehaut kaum mehr einstellen. Götz George jagte in dem Film "Solo für Klarinette" gar einen weiblichen Triebtäter - einen Typus, den es in der Wirklichkeit kaum gibt.
Zwar berichtet die Fachliteratur über Frauen, die dem Vampirismus oder der Asphyxiophilie (sexueller Erregung beim Ersticken) verfallen sind. Doch das sind bizarre Sonderfälle. Die einzige deutsche Sexualmörderin (sie brachte ihren Ehemann um und benutzte den schon totenstarren Penis zum Geschlechtsverkehr) sitzt in einer Forensik in Ostdeutschland.
Auch bei den männlichen Tätern enden die Impulsdurchbrüche nur selten mit der schlimmstmöglichen Wendung, dem Tod des Opfers.
Über 53 000 Straftaten gegen die "sexuelle Selbstbestimmung" weist die Polizeistatistik für das Jahr 1997 aus. Väter und Onkel mißbrauchen ihre Töchter und Verwandten, 10 000 Exhibitionisten erregten öffentliches Ärgernis. Gegen knapp 17 000 Kinderschänder wurde ermittelt.
Bei den Triebdelikten mit Todesfolge dagegen verzeichnen die Quellen in Deutschland einen historischen Tiefstand. 1996 waren es ganze 24. An Sportunfällen starben rund 200.
Hat die Fokussierung auf den Sensationswert der Einzelfälle "die Realität verzerrt", wie der Ravensburger Psychiatriechef Dirk Fehlenberg glaubt? "Unbesonnen und kopflos" werde die öffentliche Diskussion geführt, meint der Hamburger Kriminologe Fritz Sack. Der Kieler Sexualmediziner Robert Wille formuliert schärfer: "Da ist eine kollektive Hysterie im Gange."
Die Empörung gegen strafbare sexuelle Deviation ist groß. Im letzten Jahr trat ein Gesetz zur "Bekämpfung von Sexualdelikten" in Kraft. Kinderschänder können nun schon bei Ersttaten zu 15 Jahren Haft verurteilt werden. Noch unter dem alten Justizminister Edzard Schmidt-Jortzig (FDP) schob Bonn den Plan für eine bundesweite Gendatei an, eine Art großer Lauschangriff auf das Erbgut aller Deutschen. Die Täter sollen so schneller gefaßt werden.
Hoch schwappten die Emotionen auch beim Prozeß gegen den zweifachen Mädchenmörder Ronny Rieken, 30, Ende letzten Jahres. Schon am ersten Verhandlungstag forderten aufgebrachte Bürger die Todesstrafe. Eine DNS-Rasterfahndung an 18 000 Personen hatte den Mann entlarvt.
Mit Stoppelbart, glasigen Augen, den Kopf gebeugt, wurde der Delinquent ins Landgericht Oldenburg geführt. Während der Verhandlung saß er, geschützt vor Anschlägen, hinter einer Scheibe aus Panzerglas. Ein Mann "ohne Reue" ("Bild"), mit "kaltem, nach innen gerichtetem Lächeln" ("Stern"), der "nur Selbstmitleid kennt" ("Hamburger Abendblatt").
Schon als Kind spießte Rieken Frösche auf spitze Zäune. Der Junge schwänzte die Schule, klaute früh. Sein Elternhaus sei durch "Alkohol und Gewalt" geprägt gewesen, verteidigte sich der Angeklagte. Der Vater, selbst wegen Kindesmißbrauchs verurteilt, habe ihn zu unsittlichen Handlungen gezwungen (was der Vorsitzende Richter nicht glaubte).
Alles an dem Mann scheint typisch. Die "broken home"-Vergangenheit (die rund 50 Prozent aller Sexualtäter aufweisen), die frühe "neurotische Verwahrlosung" und auch die ziellose Suche nach Opfern, Cruisen genannt. Zuletzt fuhr Rieken pro Monat 8000 Kilometer in der Gegend umher. Er spähte Kinderspielplätze und Schulwege aus. Experten gilt dieses Herumirren als höchstes Alarmzeichen einer "progredienten Perversion", oder wie Fehlenberg sagt, eines "zwanghaften Verfalls an die Sinnlichkeit". Mindestens 14 Mädchen konnten im letzten Augenblick entkommen.
Was tun mit solchen Leuten? Sind Triebtäter krank oder kriminell? Ständig müssen Gerichtsgutachter solche Fragen entscheiden. Sie müssen die Schuldfähigkeit von Personen beurteilen, die in abgeschnittene Köpfe onanieren, Kinder anpinkeln oder lustvoll zündeln - wie jener in der Forensik von Uchtspringe einsitzende perverse Pyromane, der 19 Brände legte und dabei jedesmal zum Orgasmus kam.
Bei der Beurteilung des Geisteszustandes solcher Menschen hält sich die Justiz an strenge Maßstäbe. Zu den Grundsäulen des Rechtsstaats gehört die Annahme, daß der Homo sapiens zu "sittlicher Selbstbestimmung" fähig sei und einen freien Willen besitze. Nur wenn der Angeklagte wegen einer "seelischen Störung" zwanghaft agiert oder wegen "Schwachsinns" das Unrecht seiner Tat nicht zu erkennen vermag, gilt er als schuldunfähig und kommt als psychisch Kranker in den Maßregelvollzug.
Das geschieht selten. Viele der Delinquenten weisen - im Dienst eines verirrten Gefühlsapparats - eine schneidende Intelligenz auf. Sie handeln tückisch, gerissen und tarnen ihre Verbrechen zuweilen gar mit "Verdeckungsmorden", die dazu dienen, das Opfer zum Schweigen zu bringen. Die Möglichkeit, daß die in ihnen wühlende Dynamik vielleicht dennoch blind hervorbricht und den Tätern jede Handlungsalternative raubt, wird von Gerichten und Gutachtern meist verneint. Auch der Fall Rieken wurde so eingestuft. Der Angeklagte sei zwar seelisch gestört, meinte der Gutachter Norbert Leygraf von der Universität Essen, doch hätte er seine Missetaten auch unterlassen können. Richter Rolf Otterbein folgte der Einschätzung und verhängte die höchste Strafe, die das Gesetzbuch für Delikte dieser Art momentan hergibt: lebenslang mit Sicherheitsverwahrung. Bei guter Führung sind das 25 Jahre.
Solche Urteile sind in der Rechtsprechung die Regel. 97 Prozent aller in Deutschland verurteilten Lustverbrecher werden als voll zurechnungsfähig eingeschätzt und wandern, statt in den Maßregelvollzug, ins Gefängnis.
Dort sitzen dann Kannibalen neben Scheckbetrügern, Kinderschänder teilen sich mit Bankräubern die Zelle. Nur ganze 80 Delinquenten gelangten 1996 in die Obhut der Forensik, gut 1400 gingen in den Knast.
Kaum hinter Gittern, rangieren die Täter, bei Mitgefangenen als "Sittiche" und "Fotzen" verschrien, schnell auf der untersten Stufe der Sozialpyramide. Nicht selten verbergen sie ihren Triebdruck durch ausgesprochen gutes Benehmen. Sie schauspielern. Diese geschickte "Formalanpassung", so der psychiatrische Fachbegriff, führt meist zu einer vorzeitigen Entlassung. In ihrem Trieb unverändert kommen die Männer wieder auf freien Fuß.
Bereits in den siebziger Jahren beklagte der Hamburger Psychiater Eberhard Schorsch die "Sinnlosigkeit von Haftstrafen" bei Sexualtätern, "deren innere Problematik sich während der Haft häufig eher verschärft als mildert".
Kommt es erneut zu Rückfällen, ist die Betroffenheit jedesmal riesengroß. Nahezu jeder Lustverbrecher, der in den letzten Jahren für Schlagzeilen sorgte, wies eine einschlägige Vordelinquenz auf:
* Rolf Diesterweg, 35, tötete als Jugendlicher ein zwölfjähriges Mädchen. Dafür erhielt er drei Jahre Haft. 1997 ermordete er Kim Kerkow. Das Urteil diesmal: lebenslang. Wieder sitzt der Mann wie ein normaler Krimineller im Gefängnis. Bei guter Führung ist er in zehn Jahren frei.
* Armin Schreiner, 30, vergewaltigte als 24jähriger mehrere Kinder (vier Jahre Haft). 1996 schlug er erneut zu, würgte die siebenjährige Natalie Astner und warf die Leiche in einen Fluß. Er ging - als voll schuldfähig eingestuft - in die JVA Augsburg. Letzten November mußte die Polizei den blassen Sonderling
nach Hamburg-Fuhlsbüttel überführen. Schreiners bayerische Mithäftlinge hatten ihn mit dem Tode bedroht.
Solche Mißstände sind nicht hinnehmbar, da sind sich alle einig. Doch bei den Lösungen gehen die Ansichten weit auseinander. Das Problem ist äußerst vertrackt:
* Viele Bürger würden die Täter am liebsten für immer wegsperren.
* Die Justiz schwankt zwischen falscher Nachsicht und Härte. Jugendliche Ersttäter kommen meist mit Verwarnungen davon. Werden sie rückfällig, neigen die Richter zu drakonischen Strafen. In beiden Fällen werden die Täter an der Therapie vorbeigeschleust.
Auch die Justizminister der Länder sind über die herrschende Praxis ins Grübeln geraten. Anlaß ist eine Studie, die der Chef der Psychiatrie der Universität Halle-Wittenberg, Andreas Marneros, verfaßt hat. Gegenstand der Analyse waren alle vor den Landgerichten Dessau und Halle verurteilten Sexualstraftäter. Welche Angeklagten, lautete die Frage, wurden durch Gutachten für krank und schuldunfähig erklärt? Welche gingen als normale Kriminelle durch?
Das Ergebnis, für den Autor selbst "bestürzend", zeugt von einem Abgrund an Beliebigkeit bei den deutschen Gerichtspsychologen. Marneros: "Die vermeintlich Gesunden besaßen die gleichen gestörten Persönlichkeitsmerkmale wie die Kranken." Im Klartext: Viele Gerichte behandeln Menschen mit perverser Symptomatik, die einer therapeutischen Unterstützung bedürften, wie Normale. Der Täter erfährt nur Strafe, aber keine Hilfe.
Wie grotesk sich solche Fehleinschätzungen bisweilen auswirken, hat Marneros in einem neuen Buch über "Sexualmörder" dargelegt. Anhand von 26 Fallbeispielen führt das Werk in die gespenstische Welt der Perversionen. Am erschütterndsten ist die Geschichte von David, einem Maniak, der, angeblich im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, ins Gefängnis kam und dort auf entsetzliche Weise weitermetzelte (siehe Kasten Seite 194).
Auch von präventiven Maßnahmen ist in der Realität der deutschen Justiz wenig zu spüren. Viele Jugendliche, die deutlich sadistische Verhaltensweisen zeigen, genießen meist Haftverschonung und dürfen ohne Therapieauflagen nach Hause gehen. "Haarsträubende Urteile" würden da aus falsch verstandener Humanität gefällt, entrüstet sich Dönisch-Seidel. Der Cloppenburger Rechtsanwalt Reinhard Nollmann hat über 100 Triebtäter vor Gericht verteidigt. Sein Eindruck: "Da läuft was total schief."
Dabei gäbe es Experten im Lande, Pharmakologen, Psychiater, Sozialpfleger, die dem Phänomen zu Leibe rücken könnten. Nahezu 3000 Spezialisten arbeiten in den forensischen Kliniken der Republik.
Wundermänner sind die Leute zwar auch nicht. Doch das resignierende Motto "nothing works" läßt sich klar widerlegen. Gut geführte Krankenhäuser wie die Psychiatrie im hessischen Haina weisen Rückfallzahlen von unter 20 Prozent aus. Eine Untersuchung des US-Amerikaners Harold Hall an 1312 therapierten Sexualstraftätern ergab, daß 19 Prozent der Behandelten einschlägig rückfällig wurden. Für nicht behandelte Häftlinge liegt die Quote bei über 60 Prozent.
Grund zum Jubel gibt es auch bei den Psychiatern nicht. Noch in den achtziger Jahren herrschte der schiere Notstand. "Schlußlicht der Psychiatrie" nannte eine Bonner Enquete-Kommission die forensischen Anstalten. "Die Einrichtungen", so Marneros, "befanden sich in den ältesten Gebäuden, hatten am wenigsten Personal und die geringsten Mittel."
Vielerorts ist das noch immer so. Abfällig spricht die Münchner Psychiaterin Hanna Ziegert über die bayerischen Maßregelvollzüge: Der Ausbildungsstand sei "unter aller Sau". München-Haar, größte Klinik der Republik, wehrt alle Presseanfragen ab und läßt sich nicht in die Karten schauen. Ziegert glaubt: "Das ist ein reines Verwahrhaus."
Andere Anstalten schlagen gern wissenschaftlichen Schaum. Der Berliner Psychiater Hans-Ludwig Kröber rügte jüngst die "Verquastheit und gestelzte Sprache von Krankenakten". In ihren Jahresgutachten an die Vollstreckungskammern würden manche Kollegen das reine "Nichts sprachlich hochstylen" - leichtes Handwerk, weil, so Kröber, "die vokabel- und wendungsreiche psychoanalytische Sprache besonders geeignet ist, aus jedem Pups ein langdauerndes Gewitter zu machen".
Doch es gibt auch gute Nachrichten. In jüngster Zeit sind einige Klinikchefs dazu übergegangen, die Sexualstraftäter in "kleinen dezentralen Spezialstationen" (Müller-Isberner) zu sammeln.
Von ihrem Anspruch, alles heilen zu können, ist die Zunft abgerückt. Debile mit einem IQ von unter 70 werden von den Sonderstationen ferngehalten. Auch die Altfälle, Männer, die seit 30 oder 40 Jahren in den Anstalten leben, sind kaum zugänglich. Sie warten abgestumpft auf ihren Tod.
Doch auch bei den normal Intelligenten ist die Arbeit schwer. Mental abgeschottet, manchmal arrogant, treffen die Täter in den Stacheldrahtburgen ein. 80 Prozent sperren sich zu Beginn gegen jede Behandlung. Kaum einer zeigt Mitleid mit den Opfern. "Ich hatte einen Black-out", heißt es da, oder: "Das Kind war frühreif."
Solche Abkapselungen haben nicht selten soziale Ursachen. Kaputte Elternhäuser, Heimaufenthalte, kaum Schulbildung - viele Täter entstammen einer Welt aus Chaos und Gewalt. Ein häufiges Merkmal in den Biographien ist die fehlende Fürsorge der - in vielen Fällen alkoholabhängigen, psychisch kranken oder früh verstorbenen - Mutter. Rund 20 Prozent der Patienten sind selbst als Kinder mißbraucht worden, über die Hälfte von ihnen gerät früh ins kriminelle Milieu.
Eindringlich erzählt Hermann, 35, aus Herne (Mißbrauch von Kindern) über die Schrecken seiner Kindheit. Der Vater steckte dem Neunjährigen Stöcke in den Hintern und kettete das nackte Kind an ein Hundehalsband. Später mußte der Junge im Beisein des Vaters mit der Stiefmutter verkehren. Hermann: "Als ich das dem Nachbar-Bauern erzählte habe, gab''s zu Hause dicke Augen." In der Schule galt das Kind als lernbehindert. Hermann ging lieber auf Klautour: "Mit 14 Jahren waren es schon 180 Brüche."
Ein so trostloser Start ins Leben hinterläßt unauslöschliche Spuren in der Seele. Wie beim Mythos von Sisyphos wiederholen sich die erlittenen Ohnmachts- und Verlassenheitsgefühle im Erwachsenen. "In den devianten Phantasien werden frühe Traumatisierungen in kurzfristige Triumphe verkehrt", glaubt der Psychiater Fehlenberg.
Stets verliert die Sexualität dabei ihren beziehungsstiftenden Aspekt. Der Drang richtet sich auf leblose Objekte (Fetischismus), Leiden und Erniedrigen (Sadomasochismus) oder Kinder (Pädophilie). Die Welt hinter der Fassade jedoch ist gezeichnet durch Einsamkeit, innere Leere und ein labiles Selbstwertgefühl.
Bei einigen Patienten ist das Gefühlsleben bis dorthinaus verwirrt. In den Anstalten sitzen Autokannibalisten (die ihre Haut aufschlitzen und verzehren), auch Koprophile (Kotesser) und Leichenschänder.
Vor solchen Menschen scheuen auch die Verhaltenstherapeuten zurück. Wenn die perverse Fixierung weitab von der Norm liegt und in sehr früher Kindheit entstanden ist, strecken die Experten meist die Waffen. "Wo die Schwelle der Tötung überschritten ist", sagt Dönisch-Seidel, "kann jede Behandlung zu einem nicht endenden Prozeß werden." Anders gesagt: Der Täter kommt nie wieder aus der Anstalt heraus.
Unrettbar verworren ist der Trieb des Maßregelpatienten Christian. Der Psychiater Marneros hat ihn begutachtet. Vor einigen Jahren fuhr der junge Mann in ein tschechisches Dorf. Sein Ziel: Er suchte Mörder, die ihn nach einem speziellen Ritus umbringen sollten.
In Christians Krankenakte heißt es: "Ich konnte der Familie in einem langen Gespräch meinen Plan erklären, von der jüngeren Tochter der Familie getötet zu werden, indem sie sich mit ihrem nackten After auf meine Nase und meinen Mund setzen sollte, um dann von allen Familienmitgliedern zerstückelt, gehackt und gegessen zu werden."
Im letzten Moment sprangen die angeheuerten Killer ab. Christian fuhr frustriert nach Haus. Dann nahm der Fall eine fürchterliche Wendung. "Irgendwann", sagt der Patient, "kehrten sich bei mir die Phantasien um. Nun wollte ich jemanden töten, zerstückeln und das Fleisch essen." Er tat es. Solche Taten abscheulich zu finden ist wohlfeil - doch auch das Dämonische trägt menschliche Züge. "Die Insassen quälen sich durchgehend mit extrem wertenden und strafenden Selbstverurteilungen", sagt Fehlenberg. "Großes Maul und den Hintern voller Tränen", beschreibt der Beschäftigungstherapeut Volker Wagner seine Patienten.
Wagner weiß, wovon er redet. Jeden Tag fährt der Pfleger mit seinem Fahrrad ins "Alcatraz von Uchtspringe", um im bevölkerungsärmsten Landstrich Sachsen-Anhalts ein Experiment zu begleiten, das seinesgleichen sucht.
Sechs Meter hoch ragt der Metallzaun der größten Forensik dieses Bundeslandes empor. Uniformierte Wächter stehen vor dem blitzenden Gatter der Spezialstation. 10 Vergewaltiger, 16 Pädophile und 4 Mörder leben hier auf engstem Raum in einer therapeutischen Gemeinschaft.
Um kurz nach acht Uhr morgens, nach dem Frühstück, findet sich der Trupp, Stuhl bei Stuhl, in einem engen Raum zusammen. Wolfgang, 48 (siebenmal vorbestraft wegen Pädophilie), hat ehemals als FDJ-Sekretär Junge Pioniere befummelt. Ulf, 34 ("sexuell motivierte Körperverletzung mit Todesfolge"), wuchs als Heimkind auf. Der Impulstäter Lutz, 41, wirkt nach 14 Jahren Bautzen wie ausgebrannt. Günther, 51, blickt auf eine erstaunliche Päderastenlaufbahn zurück. Seine Eckdaten: Scheinheirat und Mißbrauch von 120 Kindern.
Monatelang hat die Stationschefin Maria Anna Bolze gebraucht, um die verstockten Patienten zu einer Gesprächsgruppe zusammenzuschweißen. "Das war hier Krieg", sagt sie, "außer Verleugnungen, Ausreden und Schuldabweisungen war am Anfang nichts zu hören."
Nun erinnert die Szene in dem engen Kellerraum fast an eine Bußübung. Wie eine Urmutter, mal bestrafend, mal begütigend, sitzt Bolze in der Mitte des Kreises. Jede Sitzung dauert 50 Minuten. Die Männer sprechen über Haß, Verzweiflung, Angstgefühle. Wer hier mitmacht, kann sich schlecht verstecken. Bolze: "Der Gruppendruck erzwingt Offenheit, und die wirkt ansteckend."
Dirk, 37, ein Mehrfachvergewaltiger, ist neu im Team. "Als ich das erste Mal über meine Taten sprach, war ich vier Monate krank", erzählt er flapsig, "Magengeschwüre, Haarausfall, Schwermut und so. Ich bin total aus den Latschen gekippt." Sofort faßt Therapeutin Bolze nach. "Was haben Sie denn getan? Was quält Sie?" Dirk senkt den Kopf, die Mithäftlinge schauen ihn an. Fast eine Minute lang herrscht angespanntes Schweigen.
Geschickt wirbt die Stationsleiterin um Vertrauen, zeigt Mitgefühl, aber auch kompromißlose Härte. Sie versucht die Gefühlsketten aufzubrechen, in denen die Täter hin- und hertaumeln, und bietet korrigierende Beziehungserfahrungen an. "Feiglinge" seien sie, rufen die Patienten im Chor, sie geißeln sich als "Weicheier", die keinen Kontakt zu Frauen herstellen können. Manche jammern und weinen in der Morgensitzung, andere können nur das Gesicht verziehen. Die Klagen klingen erdrückend intensiv.
Vor einigen Wochen hat sich das Team zu einem mutigen Experiment entschlossen. Jedes Gruppenmitglied muß seine Anklageschrift vorlesen. Bei Lutz, 28, sind die im Juristendeutsch abgefaßten Details noch erträglich. Er hat zaghaft einem bei ihm zu Hause schlafenden Kind "den Finger in den Po" gesteckt, wie es in seinem Gerichtsurteil heißt. "Als der Junge hochschreckte, legte sich der Angeklagte wieder ins Bett und onanierte, bis er zum Samenerguß kam" (zwei Jahre Haft).
Andere Mithäftlinge müssen sich durch brutalere Passagen kämpfen. Immer wieder brechen die Vortragenden ab, schämen sich, suchen Erklärungen für ihre Gewalttaten, die sie hierhergebracht haben.
Keine Frage: Forensik ist nichts für schwache Nerven. Jahrelang ringen die Therapeuten mit den Patienten. Ständig werden sie zurückgeworfen, frustriert und enttäuscht. "Ausgebrannt" sei sie manchmal, sagt Therapeutin Bolze. Straftäter zu behandeln sei "extrem schlauchig", gibt Dönisch-Seidel zu. "Du mußt dir unheimlich viel Scheiß und Beschimpfungen anhören."
Doch auch, bei erfolgreicher Arbeit, wenn die Phase der Reue und Offenheit erreicht ist, bricht es zuweilen wie aus einem Vulkan aus den Männern heraus. "Bei einem seit 13 Jahren untergebrachten Patienten habe ich miterlebt, daß er sich für vier Tage und Nächte in sein auch tagsüber abgedunkeltes Zimmer zurückzog und praktisch nichts aß", erzählt Fehlenberg. Schließlich offenbarte der Mann seinem Bezugspfleger unter Tränen, daß es die blonde Unterarmbehaarung kleiner Kinder sei, die ihn sexuell errege und immer wieder zu Straftaten veranlasse.
Was die Arbeit weiter erschwert: Jeder Delinquent stellt ein Einzelschicksal dar. Schon bei der Gruppe der Vergewaltiger sind die Unterschiede bizarr. Einige dieser Gewalttäter benutzen das Opfer als wahlloses Projektionsfeld ihrer sadistischen Bedürfnisse. Bei anderen dagegen klingt noch in der brutalen Unterjochungsgeste ein Hilfeschrei durch, ein Versuch der Kommunikation.
Klaus, 39, zum Beispiel, ein hochgewachsener Elektriker, der in der Forensik Gießen einsitzt, hat acht Frauen vergewaltigt. Bei einigen der Opfer benutzte er Narkosegase, um sich ungestört an den Ohnmächtigen zu vergreifen. Nach dem Erwachen der Frauen beichtete Klaus seinen Opfern, daß er eine "kalte, abweisende Mutter" habe und mit Frauen nicht klarkomme. Hernach fuhr er die Gepeinigten mit seinem Auto nach Hause. Die notierten sich das Nummernschild und zeigten ihn an. "Es war immer das gleiche", sagt der Mann in breitem Hessisch, "kurz danach stand die Polizei vor der Tür."
Solche Wehklagen lassen keinen guten Therapeuten kalt. Gerade in dem Moment, in dem sich der Patient öffnet, wächst beim Arzt die Gefahr eines zu starken Mitleids. Er kann die professionelle Distanz verlieren. Weibliche Pflegekräfte, seit den achtziger Jahren im Maßregelvollzug eingesetzt, verfallen zuweilen dem "Helfersyndrom". Sie lassen sich vereinnahmen und von der Verzweiflung der Häftlinge anstecken.
Der Frauenmörder Thomas Holst umgarnte seine Betreuerin, bis die Frau ihm zu einer spektakulären Flucht aus der Psychiatrie Ochsenzoll in Hamburg verhalf. Im Jahr 1994 ermordete der in Eickelborn inhaftierte Dirk S. bei einem Freigang die siebenjährige Anna-Maria. "Einfach süß" habe er das Kind gefunden, schrieb er in sein Tagebuch. Nach der Bluttat kehrte er scheinheilig in die Anstalt zurück.
Solche Vorfälle, so selten sie sich auch ereignen, wirken auf die Bevölkerung und das Klinikpersonal gleichermaßen schockierend. Über dem Maßregelvollzug hänge "ein Damoklesschwert, das für jeden Verantwortlichen ein Alptraum" sei, klagt der Psychiater Marneros. Um die Übersicht zu behalten, kontrollieren sich die Teams permanent mit Supervisionen.
Auch die Zunft der Psychoanalytiker hielt sich lange im Hintergrund. Schlaue Bücher haben die Freudianer über Perversionen geschrieben, scharfsinnige Erklärungen für die Entstehung von Sadismus, Nekrophilie und Fetischismus geliefert. Doch vor praktischen Hilfen scheuen die meisten zurück. "Viele Kollegen haben einfach Angst vor dieser Patientengruppe", meint der Rechtswissenschaftler und Psychoanalytiker Lorenz Böllinger.
Der Mann aus Bremen ist nun mit mutigem Beispiel vorangegangen. Gemeinsam mit fünf niedergelassenen Therapeuten hat er die Betreuung von Sexualverbrechern aus dem Zentralkrankenhaus Bremen-Ost übernommen. Streng bewacht verlassen die Klienten die geschlossene Forensikstation der Klinik und fahren mit vergitterten Fahrzeugen in die privaten Praxen der Freud-Schüler. Dort unterziehen sie sich der Methode der freien Assoziation.
Einer der Probanden hat sechs Frauen geknebelt, vergewaltigt und zum Teil schwer verletzt. In den Gesprächen steuert Böllinger stets ins Zentrum des Konflikts. "Schwer erträglich" seien einige Sitzungen verlaufen, erzählt er. Vor allem an ganz wunden Punkten drohte der Patient zuweilen die affektive Kontrolle zu verlieren. "Hochrotes Gesicht, wildes Gestikulieren, Redeschwall", beschreibt Böllinger die Symptome, "da wurde eine bedrohliche Welt fühlbar."
Mit solchen Gefühlsexplosionen ist das Personal aus dem Maßregelvollzug ständig konfrontiert. In Hessen wurde vor einiger Zeit ein extrem feindselig gesinnter Mehrfachvergewaltiger eingeliefert. Monatelang wagten sich die Stationsärzte nur zu dritt in seine Zelle, oder sie kommunizierten durch die geschlossene Gittertür. Schließlich ließ sich der Mann zur Einnahme von Tegretal überreden. Der Aggressionshemmer besserte zwar die Situation. Ein Zugang zu seinen Untaten ist indes nicht möglich.
Die Welt der Psychiatrie steckt voller Unüberwindlichkeiten. Manche Delinquenten spalten ihre aggressiven Impulse ab und behandeln sie wie etwas Fremdes. Andere Täter onanieren bis zu acht Stunden am Tag. Ihr wahres "heimliches Selbst" geben sie nicht preis. Für solche Menschen, unerreichbar in ihrem Innern, ist keine Heilung möglich, sondern nur eine Linderung chemischer Art:
* Etwa 300 Patienten werden mit triebdämpfenden Mitteln wie Androcur und Decapeptyl behandelt.
* Ein Teil der Patienten erhält auf freiwilliger Basis weibliche Hormone. Rund die Hälfte bricht die Kur jedoch wegen der Nebenwirkungen (Depressionen, Haarausfall, Brustdrüsenvergrößerung) ab.
Für ein noch radikaleres Mittel wirbt seit Jahren der Kieler Sexualmediziner Robert Wille. Seit 1970 regelt ein Spezialgesetz außerhalb des Strafrechts die freiwillige Kastration. Rund 600 Eingriffe sind seitdem in der Bundesrepublik durchgeführt worden. Wille zufolge gibt es an der Wirksamkeit des Eingriffs, dem der Ruch einer mittelalterlichen Körperstrafe anhaftet, nichts zu deuteln.
Gestützt wird diese Behauptung durch eine großangelegte Untersuchung, die im Fachblatt "Sexuologie" erschien. Alle zwischen 1970 und 1980 in den Ärztekammerbezirken Westfalen-Lippe und Schleswig-Holstein kastrierten Triebverbrecher wurden dazu interviewt und medizinisch nachuntersucht. Die postoperative Rückfallquote, so das Ergebnis, lag bei drei Prozent, eine Zahl, von der die Verhaltenstherapeuten nur träumen können.
In Bedburg-Hau hat sich ein einziger Mann zu dieser Radikalkur entschlossen. Ruhig sitzt er auf seinem Zellenbett und rückt die Teddybären zurecht. "Viermal habe ich versucht, Menschen zu erwürgen", sagt er. Alle vier konnten fliehen, auch jenes vorletzte Opfer, dem der Mann ein Messer in den Hals stach.
Erst der fünfte Anschlag gelang. Nach der schrecklichen Bluttat in einem Neubauviertel von Dortmund war der Täter wie paralysiert. Er konnte nicht mal weglaufen. Eine heranrückende Maurerkolonne fand ihn im Morgengrauen schlotternd und blutbesudelt am Tatort, Tränen in den Augen: "Das war so brutal. Das können Sie sich gar nicht vorstellen."
Nach der Einweisung in die Psychiatrie hörten die Phantasien nicht auf. In dem Gehirn des Delinquenten tobte es weiter: "Ich war so verzweifelt." Schließlich entschloß sich der Geplagte zum chirurgischen Schnitt. Im Jahr 1989 ließ er sich die Hoden abnehmen. Seitdem seien die Schreckensbilder verschwunden. "Ich habe 25 Jahre in der Hölle gelebt", sagt der Patient. Nun betreibt er in seiner Zelle täglich autogenes Training. Tagsüber baut er Schachspiele und Kinderspielzeug aus Holz.
In der Praxis wird die Kastration indes immer seltener durchgeführt. Die Leute würden den Eingriff als "Verstümmelung und Nazi-Methode" abtun, klagt der Experte Wille. Bei der ambulant durchgeführten Operation müssen die Landesärztekammern zustimmen, was sie meist nicht tun. In der letzten Zeit ist die Zahl der Hodenentfernungen (Orchiektomien) ständig gesunken, auf zuletzt etwa sechs pro Jahr. Psychiater lehnen die Entmannung fast rundweg ab, weil sie den Selbstbestrafungstendenzen einiger Täter entgegenkomme.
Keine Frage: Noch gibt es im Maßregelvollzug viel Streit um das richtige Behandlungskonzept. Exhibitionisten weisen, auch nach einer Therapie, Rückfallquoten von über 50 Prozent auf. Ebensowenig läßt sich die sogenannte primäre Pädophilie behandeln. Ähnlich wie bei Homosexuellen scheint die Triebfixierung dieser Patienten prinzipiell anders geeicht zu sein. Ihnen wird in den Kliniken nur das eine eingebimst, wie die Stationschefin Bolze sagt: "Verzicht, Verzicht, Verzicht."
Dennoch hat der neue Wettstreit der Ideen auch Hoffnungen geweckt. Kriminaltherapie in Gießen, Ringkämpfe in Bedburg-Hau oder die Beichtgruppen aus Uchtspringe - das vielbeschworene Wort von der Therapie beginnt sich langsam mit Praxis zu füllen. Auch vor dem Bruch von Tabus schrecken die Therapeuten nicht zurück. In den USA sind einige Häuser dazu übergegangen, behandlungswilligen Delinquenten Prostituierte ins Bett zu legen.
Solche Experimente sind allerdings rar - es fehlt an fachkundigem Personal. Die Psychiatrien in Nordrhein-Westfalen haben im letzten Jahr über 18 Millionen Mark Etatgelder nicht abgerufen, obwohl die Anstalten überfüllt sind. Es gibt immer noch zuwenig Menschen, die sich dem aufreibenden Job verpflichten. Ständig teile die Öffentlichkeit "mit vollen Händen Kritik aus", meint der Kriminologe Sack. Sie fordere ein "Ausrotten des Bösen". Das aber sei nicht zu leisten.
Und die Gerichte? Dort läuft alles wie gehabt. Im letzten Jahr urteilte das Münchner Landgericht über einen perversen Mehrfachvergewaltiger. Der Mann hatte eines seiner Opfer gezwungen, ihm mit einer Spritze Blut aus den Adern zu zapfen. In psychiatrischen Lehrbüchern ist dieses Verhalten als typisch für "Autovampirismus" beschrieben.
Die schwarzen Roben aus Bayern vermochten an dem verwirrten Dracula indes nichts Krankhaftes zu entdecken. Als voll schuldfähig kam der Mann in den Knast. MATTHIAS SCHULZ
* Links: Stationschef Dönisch-Seidel.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 24/1999
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