14.06.1999

KINO„Einfach unfaßbar“

Der Regisseur Tom Tykwer, 34, über den Deutschen Filmpreis, den Erfolg von „Lola rennt“ und den Charme Wuppertals
SPIEGEL: Herr Tykwer, wissen Sie noch, wie viele Preise Sie mittlerweile für "Lola rennt" bekommen haben?
Tykwer: Nicht so genau. Aber jedesmal ist es wieder ein tolles Gefühl. Gerade war ich beim Filmfestival in Seattle, da wurde mir auch ein Preis in die Hand gedrückt, und ich war wieder ganz perplex.
SPIEGEL: Es war sogar der Hauptpreis. Übrigens hat "Lola rennt" bisher elf Auszeichnungen gewonnen - und wahrscheinlich werden es am Donnerstag dieser Woche bei der Vergabe der Deutschen Filmpreise noch mehr. "Lola" ist in der Kategorie "bester Film" nominiert; Sie selbst gelten als Favorit in der Sparte "beste Regie". Wie schätzen Sie Ihre Konkurrenz ein?
Tykwer: Stark. Mir hat die Hacker-Story "23" gut gefallen, weil der Film sich mit großer Ernsthaftigkeit und Begeisterung in ein Thema verbeißt, das auf den ersten Blick gar nicht leinwandtauglich wirkt. Ich mochte auch Doris Dörries "Bin ich schön?", weil ihr Film richtig was riskiert und sehr Persönliches offenbart. Außerdem bin ich ein großer Verteidiger des Weltkriegs-Liebesdramas "Aimée & Jaguar", denn es repräsentiert die Art von Film, die wir im deutschen Kino auch unbedingt brauchen: Es ist halt ein richtig großer, leidenschaftlicher Schinken.
SPIEGEL: Über welchen Preis würden Sie sich am meisten freuen?
Tykwer: Über den Hauptpreis, das ist doch klar. Wenn "Lola rennt" jetzt gewinnen würde, wäre das ein Schlußpunkt unter die unglaubliche Karriere, die dieser Film gemacht hat. Denn "Lola" kam ja eigentlich aus dem Nichts. Am Anfang stand eine dreiseitige Zusammenfassung der Geschichte, und wer die gelesen hatte, guckte mich irritiert an und fragte: "Was soll das heißen, die Story fängt nach einem Drittel noch mal von vorn an?" Und dann sagte ich: "Ich glaube, das wird ein Experimentalfilm für ein Massenpublikum."
SPIEGEL: Und - sind Sie stolz darauf, daß Sie recht behielten?
Tykwer: Ja, das Tolle an der "Lola"-Erfahrung war, daß wir irgendwann merkten, der Film läuft und läuft. "Lola rennt" hatte 2,1 Millionen Zuschauer in Deutschland und hat sich in 40 Länder verkauft - das ist einfach unfaßbar, denn deutsche Filme sind in vielen Ländern bis heute geächtet.
SPIEGEL: Setzt Sie der Erfolg unter Druck?
Tykwer: Natürlich, und ich habe versucht, gleich wieder ein großes neues Projekt anzupacken, um nicht jahrelang durch die Lande zu tingeln als der Mann, der mal "Lola" gedreht hat. Ich glaube, ich habe gerade eine starke Phase. Aus der Erfahrung mit Filmemachern, die ich verehre, weiß ich, daß die meisten nur zehn Jahre lang richtig gut waren. Und wenn jetzt mein Jahrzehnt läuft, dann will ich auch jetzt möglichst viele Filme drehen.
SPIEGEL: Als der Berliner CDU-Politiker Eberhard Diepgen mit einem stark von "Lola" inspirierten Wahlplakat unter dem Slogan "Diepgen rennt" antrat, haben Sie rechtliche Schritte unternommen. Hätten Sie das bei "Momper rennt" auch getan?
Tykwer: Ja klar. Allerdings war mir Diepgen ein besonderer Dorn im Auge. Der hat sich ja nun seit Jahren nicht bewegt.
SPIEGEL: Sind Sie mit "Lola" auf einen Schlag reich geworden?
Tykwer: Nein, aber ich empfinde es schon als Schlaraffenland, daß ich überhaupt mit einem Film Geld verdient habe. Die Produktionsfirma X-Filme hat endlich ein kleines Polster, und ich habe zum erstenmal meine Regiegage kassiert.
SPIEGEL: Wie hoch war die Gage?
Tykwer: 75 000 Mark - für zwei Jahre Arbeit.
SPIEGEL: Für einen Smoking für die Filmpreis-Gala sollte das reichen - und vielleicht für einen Flug nach Hollywood?
Tykwer: Ich will gar nicht auf Teufel komm raus in Amerika drehen. Die meisten Angebote, die aus Hollywood kamen, fand ich nicht so gut. Da ahnte man gleich: Die Produzenten sahen mich als einen jungdynamischen Regisseur, mit dem sie ihr abgehalftertes Star-Vehikel aufmotzen wollten. Aber es haben sich auch ein paar sehr gute Kontakte entwickelt.
SPIEGEL: Statt in Amerika arbeiten Sie jetzt erst mal in Ihrer Heimatstadt Wuppertal. Was drehen Sie dort?
Tykwer: Einen großen modernen Liebesfilm, der "Der Krieger und die Kaiserin" heißen soll, mit Franka Potente, Benno Fürmann und Joachim Król. Vom Format her ist das ein Riesenschritt, denn der Film hat mehr als ein Dutzend große Rollen und viele ungewöhnliche Schauplätze.
SPIEGEL: Was zieht Sie gerade ins filmisch wenig erforschte Wuppertal?
Tykwer: Es ist toll dort. Die freuen sich, daß ein Film da gedreht wird, ganz anders als in Berlin. Außerdem ist Wuppertal für mich das San Francisco Deutschlands, mit diesen ganzen steilen Straßen - sehr verwunschen und geheimnisvoll.
INTERVIEW: SUSANNE WEINGARTEN, MARTIN WOLF
Von Susanne Weingarten und Martin Wolf

DER SPIEGEL 24/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 24/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KINO:
„Einfach unfaßbar“

Video 02:13

Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an "Der Kampf geht weiter"

  • Video "Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen" Video 00:55
    Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen
  • Video "Tatort über Rechtspopulismus: Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!" Video 04:29
    "Tatort" über Rechtspopulismus: "Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!"
  • Video "Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi" Video 05:51
    Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi
  • Video "Virales Video: Star-Wars-Crashtest" Video 01:22
    Virales Video: Star-Wars-Crashtest
  • Video "Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt" Video 01:26
    Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt
  • Video "Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May" Video 01:00
    Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May
  • Video "Amateurvideo: Kontrollverlust auf der Kreuzung" Video 00:31
    Amateurvideo: Kontrollverlust auf der Kreuzung
  • Video "Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai" Video 00:37
    Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai
  • Video "Weinstein über Hayek: Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt" Video 00:58
    Weinstein über Hayek: "Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt"
  • Video "Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama" Video 01:46
    Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama
  • Video "Star Wars 8-Premiere: Britische Royals treffen BB-8" Video 00:57
    "Star Wars 8"-Premiere: Britische Royals treffen BB-8
  • Video "Jerusalem-Demo in Berlin: Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina" Video 03:35
    Jerusalem-Demo in Berlin: "Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina"
  • Video "Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?" Video 00:40
    Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?
  • Video "Flughafen in Russland: Achtung, hier fliegt Ihr Koffer!" Video 00:47
    Flughafen in Russland: Achtung, hier fliegt Ihr Koffer!
  • Video "Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea" Video 00:54
    Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea
  • Video "Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: Der Kampf geht weiter" Video 02:13
    Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: "Der Kampf geht weiter"