01.08.2015

JapanHundert Jahre Strahlung

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima überschattet das Gedenken an Hiroshima. Gegen die Mehrheit der Bevölkerung plant die Regierung eine Renaissance der Kernkraft.
Als die Amerikaner die Atombombe über Hiroshima abwarfen, sah Hiromi Hasai einen gleißenden Blitz am Himmel. Dann begannen die Fensterscheiben zu zittern, immer heftiger, dabei war er 15 Kilometer von der Stadt entfernt, in einer Rüstungsfabrik, wo er als Schüler tagsüber aushelfen musste. Das war am 6. August 1945 um 8.15 Uhr, an jenem Morgen, dessen grauenhafte Bilder Hasai seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen sind.
Bald trafen erste Überlebende ein. Sie litten unter qualvollen Verbrennungen. "Die Gesichter waren aufgedunsen, wie aufgelöst", erzählt Hasai. "Sie hatten keine Nase mehr, unter ihren Augen klaffte praktisch gleich der Mund." Als er am nächsten Morgen den Heimweg in die Stadt antrat, sah er, dass die Häuser, fast alle aus Holz, verschwunden waren; nur die Gerippe von ein paar Gebäuden aus Stahl und Beton ragten aus Staub und Asche. "Die Stadt glich einer Wüste, weit und breit nichts, es war unfassbar."
Hiromi Hasai ist 84 Jahre alt, er ist in seinem späteren Leben ein renommierter Atomphysiker geworden. Er empfängt in seinem kleinen Holzhaus in Hiroshima und wirkt erstaunlich rüstig. Als Zeitzeuge spricht er regelmäßig vor Schulklassen. In diesen Tagen, kurz bevor sich der Atombombenabwurf zum 70. Mal jährt, ist er besonders gefragt. Doch ein anderes Thema bewegt ihn derzeit genauso: Vier Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima will die Regierung von Premierminister Shinzo Abe die ersten Kernkraftwerke wieder in Betrieb nehmen. Voraussichtlich am 10. August soll in Sendai auf der südlichen Hauptinsel Kyushu der erste Reaktorblock ans Netz gehen.
Das Gedenken an Hiroshima und Nagasaki wird nun überschattet von Fukushima und dessen Folgen.
Wie für die meisten Japaner gab es für Hiromi Hasai nie einen Zusammenhang zwischen dem Trauma des Bombenabwurfs und den Risiken der Atomkraft. Sein Berufsleben lang war er stolz auf seinen professionellen Umgang mit nuklearer Technologie. Gefühle, gar Ängste, erlaubte er sich nie. Nukleare Energie, daran glaubte er fest, lasse sich bändigen, als Stromquelle, zum Segen der Menschheit. Doch im März 2011 wurde dieser Glaube zerstört. Vor dem Fernseher erlebte Hasai mit, wie in Fukushima ein nukleares Sicherheitssystem nach dem anderen versagte. "Mir war klar: Da passiert etwas Ungeheuerliches", sagt er.
Seit dem Desaster von Fukushima sind alle verbliebenen 43 betriebsfähigen Reaktoren im Land abgeschaltet worden. Doch Japans sogenanntes Atomdorf – der mächtige Klüngel von Strombossen, Politikern und Bürokraten – hat seither wieder die Oberhand gewonnen. Ein Großteil der rund 160 000 Bewohner, die aus den verstrahlten Gebieten nahe der Kraftwerksruine geflohen waren, soll möglichst bald in ihre Dörfer und Häuser zurückkehren. Dazu drängt sie die Regierung Abe, die Fukushima gern vergessen machen möchte.
Hiromi Hasai, der Strahlenexperte aus Hiroshima, hält den Neustart für verfrüht. Er weist darauf hin, dass die Reaktorkatastrophe Teile der Region Fukushima um das Tausendfache stärker verstrahlt habe als die Atombombe einst Hiroshima. Die Bombe sei hoch über der Stadt explodiert, was ihren Fallout minderte. Die eigentliche Verheerung habe der anschließende Feuersturm angerichtet. Dagegen wurde Fukushima großflächig durch das radioaktive Cäsium 137 verseucht, es könnte rund hundert Jahre dauern, bis die Strahlung überall ganz überwunden ist.
Der Gedanke, dass auch andere Gebiete des dicht besiedelten Inselstaats durch Reaktorunfälle verseucht werden könnten, lässt dem Experten keine Ruhe. Als Forscher, sagt er, sei es ihm stets um Sicherheit gegangen. So entwickelte er beispielsweise Methoden, mit denen sich Strahlung präziser messen lässt. "Die Verantwortlichen müssen unserer Bevölkerung nun beweisen, was sie an der Sicherheit der Reaktoren verbessert haben. Nur zu sagen 'sicher, sicher' – darauf kann keiner vertrauen."
Die Atomruine von Fukushima ist bislang nur notdürftig unter Kontrolle gebracht worden. Etwa 7000 Arbeiter sind rund um die Uhr damit beschäftigt, die Anlage zu sichern. Rund 300 Tonnen verseuchtes Grundwasser fallen täglich an. Bis die Ruine abgewrackt ist, dürften mindestens vier Jahrzehnte vergehen. Kürzlich räumten die Regierung und der Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power Company (Tepco) ein, die Arbeiten hätten sich schon jetzt um drei Jahre verzögert.
In der Bevölkerung sitzt das Misstrauen gegen die Obrigkeit tief. Umfragen zufolge lehnt die Mehrheit der Japaner einen Neustart der Atomanlagen ab. Doch wer Fukushima und die Folgen offen thematisiert, muss Repressalien fürchten, wie sie Tetsu Kariya, 74, widerfuhren.
Der prominente Manga-Autor bittet in seine Villa bei Tokio, von hier aus genießt man einen überwältigenden Blick über den Pazifik und auf den Fuji. Kariya hat jahrelang gut verdient mit "Oishinbo", einer Manga-Serie, mit der er seinen Landsleuten die jeweilige Küche heimischer Regionen vorstellte. Doch nach Fukushima begann er, die Folgen des Desasters zu recherchieren, denn er ist nicht nur Feinschmecker, sondern auch Quantenphysiker. Wochenlang bereiste Kariya verstrahlte Landstriche, besuchte die Reaktorruinen und verarbeitete seine gruseligen Erkenntnisse in den Bildergeschichten.
Besonders eindrucksvoll ist eine Zeichnung aus Fukushima, in der einer der Manga-Helden Nasenbluten bekommt. Das sei ihm dort selbst passiert, sagt Kariya. Er führt es darauf zurück, dass er ständig geringer Radioaktivität ausgesetzt gewesen sei. In der Öffentlichkeit rief das einen Aufschrei hervor, der Mahner wurde selbst zum Ziel der Kritik. Vor allem aus der Präfektur Fukushima schlug ihm Hass entgegen.
"Ich hatte ein heiliges Tabu verletzt, das da lautet: Der Kernkraftwerk-Unfall ist vorbei. In Fukushima können die Menschen wieder sicher leben, und auch die Lebensmittel können unbedenklich verzehrt werden."
Er hat seinen Kritikern mit einem Buch geantwortet, darin rät er den Bewohnern der Unglücksregion: "Habt den Mut, aus Fukushima zu fliehen."
Von Kritikern wie Kariya aber lässt sich Regierungschef Shinzo Abe nicht von seinen Plänen abbringen. Während die Vorgängerregierung noch langfristig aus der Kernkraft aussteigen wollte, will Abe ihren Anteil an der Stromversorgung bis 2030 auf mindestens 20 Prozent festschreiben. Denn mit jedem Tag, den die Anlagen stillstehen, machen die Betreiber hohe Verluste. Als Ersatz für die Kernkraft führt Japan teuer Öl und Gas ein; das belastet die Handelsbilanz. Zugleich wirbt Abe in Ländern wie der Türkei und Vietnam für den Export japanischer Kernkrafttechnologie.
Die Zweifel an der Atomkraft sind vielerorts spürbar in Japan, vor allem im südlichen Sendai, wo demnächst der erste Reaktor wieder anlaufen soll. Ein zweiter dürfte im Oktober folgen. Die Region lebt von den Subventionen der Atomlobby, ein riesiges Rathaus und ein klotziges Kulturzentrum sind die Monumente dieser finanziellen Abhängigkeit von der Atomkraft.
"Stoppt den Neustart!", "Beschützt unsere Kinder!" – mit solch verzweifelten Parolen protestieren dieser Tage Anwohner vor dem Kernkraftwerk.
Die Proteste vor dem Stacheldrahtzaun der Reaktoranlage in Sendai haben etwas Rührendes. Denn viele der Demonstranten sind über 70 Jahre alt. So wie Katsuji Iwashita, der vor Jahrzehnten mithalf, den Kondensator für die Turbinenanlage zu installieren. Heute hält der Ingenieur die Technik des Kernkraftwerks für veraltet. "Wenn man den Reaktor wieder in Betrieb nimmt, ist das, als zwänge man einen Greis, 120 Kilometer zu Fuß zu laufen", sagt er.
Auch Vulkanexperten melden sich zu Wort, sie warnen, dass sich das Kraftwerk an der Bucht von Kagoshima befindet, einem riesigen Krater. An dessen Rand liegt der Sakurajima, einer der aktivsten Vulkane des Landes, aus dessen Schlot Rauch aufsteigt. Bereits im April jedoch wies ein Gericht den Versuch der Gegner ab, den Neustart in Sendai zu stoppen.
Diesmal, behauptet die Reaktorindustrie, sei sie ganz sicher für alle denkbaren Störfälle gerüstet. Im Informationspavillon der Anlage werden Besucher auf die atomare Renaissance eingestimmt, überreichen Hostessen in Uniform zur Begrüßung Kugelschreiber und Broschüren.
Rund 100 Millionen Dollar hat die Betreiberfirma für nachträgliche Sicherheitsmaßnahmen in Sendai ausgegeben. Aus Fukushima, so erfährt man per Videovorführung, hätten die Betreiber gelernt: Sie haben mobile Dieselgeneratoren auf Lastwagen montiert, so könne der Reaktor auch nach Erdbeben oder Tsunamis weiterlaufen. Und damit die Fahrzeuge im Ernstfall an ihr Ziel gelangen, wurden Bulldozer stationiert, die möglichen Schutt aus dem Weg räumen sollen.
Japans Atomlobby will keine Zeit mehr verlieren und setzt unbeirrt auf den nuklearen Kreislauf – von der Uranverbrennung bis zur Wiederaufarbeitung. Ein zentrales Element dafür soll das Kernkraftwerk Oma werden, das derzeit an der Nordspitze von Honshu gebaut wird. Als erster Reaktor der Welt soll er ausschließlich mit dem Brennstoff Mox betrieben werden, einem Gemisch aus Uran- und Plutoniumoxid. Mit der umstrittenen Technologie hofft Japan, sein Arsenal an Plutonium zu verringern, das beim bisherigen Betrieb der Kernkraftwerke angefallen ist. Rund 47 Tonnen des spaltbaren Materials hat das drittgrößte Industrieland angehäuft, genug für viele Nagasaki-Bomben.
Es gibt auch noch einen weiteren Grund dafür, dass die Regierung an der Atomkraft festhält, über den öffentlich kaum gesprochen wird. Das ist der Wunsch, sich mit Blick auf die atomar bewaffneten Nachbarn China und Nordkorea die Option auf eine eigene japanische Bombe offenzuhalten. Eine Atombombe sei verfassungsrechtlich "kein Problem", das sagte der heutige Premier Abe bereits vor 13 Jahren.
Überdies verweisen japanische Experten auf den Druck, den die atomare Schutzmacht USA ausübt: Er mache es Tokio unmöglich, aus der Kernkraft auszusteigen. Denn die USA hängen mit ihren rund hundert eigenen Kernkraftwerken inzwischen weitgehend von japanischer Technologie ab. Dem Konzern Toshiba gehört der Kraftwerksbauer Westinghouse, und General Electric kooperiert mit Hitachi.
Für Toshiki Kudo ist die Atompolitik seines Landes ein Albtraum. Der Bürgermeister der Stadt Hakodate empfängt in seinem Rathaus, von hier aus kann er die wachsende Baustelle des Kernkraftwerks Oma als weißen Punkt in der Ferne sehen, auch wenn er dort lieber nicht hinguckt. Hakodate liegt malerisch auf einer Halbinsel im Süden von Hokkaido, bei Touristen ist es beliebt. Doch diese Idylle ist bedroht, denn Oma liegt nur 23 Kilometer entfernt, auf der benachbarten Insel.
"Bei einem Unfall könnte der radioaktive Wind zu uns herüberwehen", sagt Kudo. Er bangt um das Wohl der rund 370 000 Einwohner in Hakodate und Umgebung. In ihrem Namen klagt er vor Gericht darauf, das Projekt Oma auf Eis zu legen. Seit 2010 ist die Anlage im Bau, eigentlich sollte sie vor einem Jahr in Betrieb gehen. Doch das Desaster von Fukushima zwingt die Betreiber zu zeitraubenden Nachrüstungen, auch gegen Flutwellen.
Die ersten Reaktoren laufen bald wieder, doch der Mythos der absolut sicheren Atomkraft lässt sich auch in Japan kaum wiederbeleben, dafür ist er in Fukushima zu gründlich gescheitert.
"Wir wurden betrogen", sagt Hasai, der Zeitzeuge von Hiroshima. Er will nicht aufhören zu mahnen, er hofft, dass seine Nation irgendwann doch noch lernt aus ihren atomaren Katastrophen.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 32/2015
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