01.08.2015

SPIEGEL-Gespräch„Geht hin und tut Gutes“

Was kann jeder leisten, um die Welt und die Lebensbedingungen der Ärmsten zu verbessern? Der australische Philosoph Peter Singer gibt die Anleitung dazu.
Singer, 69, ist einer der international bekanntesten und zugleich umstrittensten Philosophen unserer Zeit. In seinem neuen Buch plädiert er für die moralische Pflicht zu einem "effektiven Altruismus": Die Menschen in den wohlhabenden Ländern der westlichen Welt sollten einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens an Hilfsorganisationen spenden, die das Leiden und Sterben in der Dritten Welt bekämpfen ("The Most Good You Can Do. How Effective Altruism Is Changing Ideas About Living Ethically"; Yale University Press).
Der "effektive Altruismus" erfordert eine rationale, gänzlich unsentimentale Sicht auf Mitleid, Barmherzigkeit und karitatives Engagement. Es kommt Singer darauf an, den Kosten-Nutzen-Effekt so zu optimieren, dass mit den vorhandenen Mitteln möglichst viele Leute gerettet und das Wohlergehen der größtmöglichen Zahl von Menschen gesteigert werden könne. Nicht das Gefühl, sondern die Vernunft sollte unser ethisches Verhalten leiten.
Singer, der 1946 in Melbourne als Sohn nach Australien ausgewanderter Wiener Juden geboren wurde, provoziert seit vielen Jahren immer wieder mit seinen Thesen zu Schwangerschaftsabbrüchen, der Tötung schwerstbehinderter Neugeborener und aktiver Sterbehilfe – die er für ethisch gerechtfertigt hält, wenn keine Aussicht auf die Entwicklung oder Fortführung eines Lebens mit personalem Bewusstsein besteht.
In Deutschland wurden deshalb Diskussionsveranstaltungen mit und über Singer gestört und verhindert. Zuletzt luden die Veranstalter des Kölner Philosophie-Festivals "phil.Cologne" den in Princeton lehrenden Professor aus Angst vor öffentlichen Protesten aus.

SPIEGEL: Herr Singer, was erfordert es heute, ein ethisch korrektes Leben zu führen?
Singer: In der Welt, in der wir leben, reicht es nicht, die Gesetze und die üblichen Gebote einzuhalten, wie: Du sollst nicht töten, du sollst anderen kein Leid zufügen, du sollst nicht stehlen und betrügen. Das ist nicht genug.
SPIEGEL: Das wäre immerhin schon eine ganze Menge.
Singer: Aber eben nicht genug für diejenigen von uns, die das große Glück haben, in einem wohlhabenden Land mit materiellem Komfort zu leben, die sich selbst und ihre Familien ernähren, behausen und bekleiden können und dennoch Geld und Zeit übrig haben.
SPIEGEL: Das schließt die große Mehrheit der Bürger in den entwickelten Staaten des Westens ein.
Singer: Wenn Sie dort zur Mittelschicht oder zu den gehobenen Schichten gehören und ein ethisches Leben führen wollen, müssen Sie einen deutlichen Beitrag dazu leisten, den wirklich Armen anderswo in der Welt zu helfen. Das ethische Mindestmaß eines guten, akzeptablen Lebens besteht darin, einen substanziellen Teil unserer frei verfügbaren Ressourcen dafür zu verwenden, aus der Welt einen besseren Lebensraum zu machen. Und das ethische Maximum besteht darin, so viel Gutes zu tun, wie wir können.
SPIEGEL: Ist Armut für Sie das größte Übel auf der Welt, schlimmer als zum Beispiel Krieg, Gewalt, Klimawandel und Umweltzerstörung?
Singer: Ich glaube, dass es extreme Armut in dem Maß, in dem sie heute besteht, einfach nicht geben darf, nicht im entferntesten. Natürlich kann man sich für eine Vielfalt guter und lohnenswerter Sachen engagieren. Aber die Bekämpfung der Armut sollte oberste Priorität für Menschen sein, die mehr haben, als sie selbst zum Leben brauchen.
SPIEGEL: Weil Armut die Quelle vieler Plagen ist, Hunger, Krankheit, Unwissenheit, oft genug auch Krieg?
Singer: Ein ganzer Fächer von Übeln dieser Welt lässt sich auf extreme Armut zurückführen, und das eröffnet eine ebenso große Bandbreite von Möglichkeiten, Gutes zu tun, sei es, um die Lebensumstände der Menschen zu verändern, sei es, um die Suche nach politischen Lösungen zu erleichtern.
SPIEGEL: Sie sind ein Denker und ein akademischer Lehrer. Führen Sie selbst ein gutes ethisches Leben?
Singer: Ich würde ganz gewiss nicht von mir behaupten, ein vollständig ethisches Leben zu führen.
SPIEGEL: Man muss ja kein Heiliger sein. Wo würden Sie sich denn selbst auf einer Skala einordnen, die von einem minimalen bis zu einem maximalen ethischen Lebenswandel reicht?
Singer: Ich betrachte mich nicht als Heiligen, ich stelle mich nicht als Vorbild heraus, und ich kenne eine Reihe von Menschen, die ein besseres ethisches Leben führen als ich. Doch das ist relativ. Was tue ich, was könnte ich tun, was sollte ich tun, was müsste ich tun? Auf einer ethischen Messskala von null bis hundert verharren die meisten Menschen leider nahe am Nullpunkt. Ich für mein Teil glaube, dass ich mich so ungefähr in der Mitte der Skala bewege. Das heißt, ich lebe ethisch verantwortungsvoller als die große Mehrheit, aber ich bin weit weg vom Idealpunkt, an dem nicht noch mehr von mir verlangt werden könnte, um die ethischen Anforderungen zu erfüllen.
SPIEGEL: Was tun Sie konkret?
Singer: Nun, das Auffälligste, was ich tue, ist das Spenden von 30 bis 40 Prozent meines Einkommens an wohltätige Organisationen, die ich als wirkungsvoll in ihrem Kampf gegen die globale Armut erachte. Ich gebe jedoch auch an Vereine, die sich für die Rechte von Tieren einsetzen. Darüber hinaus versuche ich, die Komplizenschaft an der Ausbeutung von Tieren zu vermeiden, indem ich so weit wie möglich keine tierischen Produkte kaufe.
SPIEGEL: Sie sind Veganer?
Singer: Nicht ganz, aber nah dran. Im Supermarkt kaufe ich vegane Lebensmittel, doch auf Reisen und als Gast kann es schwierig werden, sich daran zu halten. Vegetarisch esse ich immer. Im Rahmen meiner Möglichkeiten bemühe ich mich auch, meinen Ausstoß an Treibhausgasen zu begrenzen. Meine Ernährungsweise trägt dazu bei. Bedauerlicherweise reise ich mehr, als ich sollte, was meiner beruflichen und familiären Situation geschuldet ist. Ich bin Professor in Princeton, halte Vorträge in Europa, wir reden jetzt in London miteinander, dann fliege ich in meine Heimat Australien.
SPIEGEL: Haben Sie ein Auto?
Singer: Ich besitze kein Auto. In den USA benutze ich öffentliche Verkehrsmittel oder gelegentlich einen Mietwagen für einen Wochenendausflug. In Australien ist das etwas schwieriger, ich teile mir ein Auto mit anderen, mit meiner Tochter und so weiter.
SPIEGEL: Ein Drittel Ihres Einkommens wegzugeben, das verdient alle Achtung. Haben Sie das Gefühl, Verzicht zu leisten, Opfer zu bringen? Oder fühlen Sie sich umgekehrt manchmal schuldig, weil Sie glauben, noch mehr tun zu müssen?
Singer: Weder noch. Ich habe nicht das Gefühl, etwas aufzugeben, das wirklich wichtig für mich wäre. Geld ist kein Gut an sich. Geld zu spenden wäre nur dann ein Opfer, wenn weniger Geld mein Wohlbefinden beeinträchtigen würde, mich, anders gesagt, weniger glücklich machen würde. Das ist nicht der Fall, ich habe noch genug. Opfer und Verzicht sind keine notwendigen Bestandteile des Altruismus. Der rationale Altruist trifft Entscheidungen, die sein Glück mehren, nicht schmälern.
SPIEGEL: Dass Geld allein nicht glücklich mache, ist eine wohlfeile Redensart, die gern von Reichen verwendet wird. Damit könnte man auch begründen, warum man gar nichts spendet.
Singer: Selbstachtung ist eine wichtige Komponente des Glücksgefühls. Und anderen Gutes zu tun mehrt das Selbstwertgefühl. Ich gehe so weit zu behaupten, dass ein ethisches Leben die solide Basis der eigenen Selbstachtung bildet und einen Weg zum nachhaltigen Glück jenseits der hedonistischen Tretmühle der Konsumgesellschaft öffnet. Geld für gute Zwecke zu spenden, kann dem wohlhabenden Einzelnen eine subjektive Belohnung einbringen, die seinen Verlust an Kaufkraft eindeutig übersteigt. Der Altruist verzichtet nicht, er erfüllt noch nicht einmal seine Pflicht, er tut einfach, was er für richtig erkennt – dass die anderen und ihr Wohlbefinden genauso wichtig sind wie das eigene Wohlergehen. Deshalb kann eine vernünftige Person sich nicht selbst wertschätzen, solange sie die Interessen der anderen, die sie als gleichbedeutend anerkennt, ignoriert. Das aufgeklärte Bewusstsein impliziert die Fähigkeit, sich von den eigenen Wünschen zu lösen, ohne sich deswegen entfremdet zu fühlen. Wir können Menschen als altruistisch betrachten, nicht weil sie ihre eigenen Interessen preisgeben, sondern gerade weil sie ihre Interessen verfolgen.
SPIEGEL: Entschuldigen Sie den Sophismus, aber verdient ein Altruist, noch als solcher bewundert zu werden, wenn er mit seinen Spenden im eigenen Interesse handelt, da er sich danach toll fühlt und ein gutes Gewissen hat?
Singer: Wäre der Reiche aus dem Evangelium, der auf Jesu Geheiß den Armen alles gäbe, was er besitzt, kein Altruist, weil er auf das ewige Leben als Belohnung hofft?
SPIEGEL: Man könnte antworten, er macht einen Deal, oder er geht eine Wette ein. Im Verständnis der meisten Menschen ist doch Selbstlosigkeit die Essenz schlechthin des Altruismus.
Singer: Es gibt diese Anekdote über Thomas Hobbes, den Philosophen des Egoismus, berühmt für seine Behauptung, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, da jedermann stets nach seinem eigenen Interesse handle. Eines Tages auf einem Spaziergang in London gibt er einem Bettler ein Almosen. Sein Begleiter hält ihm vor, er habe soeben seine eigene Theorie widerlegt. Hobbes entgegnet, es stimme ihn vergnügt, den Bettler glücklich zu machen, deshalb sei seine Spende mit seinem Egoismus vereinbar. Verallgemeinern Sie jetzt mal sein Verhalten, welchen Sinn hat dann noch der augenscheinliche Gegensatz von Egoismus und Altruismus?
SPIEGEL: Sie heben auf die Konsequenz des Handelns ab, nicht auf die Intention.
Singer: Insofern bin ich ein Utilitarist. Es kommt darauf an, wie viel Anteil ich am Wohlbefinden anderer nehme. Damit Menschen so viel Gutes wie möglich tun, sollten wir unser Augenmerk nicht darauf richten, was sie opfern, was sie also an Glück verlieren, sondern darauf, was sie an Glück durch Fürsorge, durch "Caritas", gewinnen. Die Begriffe Altruismus und Egoismus werden dadurch neu definiert.
SPIEGEL: Ist der effektive Altruismus, den Sie vertreten, so etwas wie rationalisierte Nächstenliebe?
Singer: Auf jeden Fall ist er etwas anderes als bloße Barmherzigkeit. Wahrscheinlich ist nicht Liebe die Triebkraft des effektiven Altruisten, sondern Empathie, die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, sich mit ihren Interessen und Emotionen zu identifizieren.
SPIEGEL: Liebe reicht schwerlich über die Familie und die engste Gemeinschaft hinaus. Kann Empathie die Menschheit umfassen, ist ihr ethisches Axiom universell?
Singer: Empathie hat sowohl einen emotionalen wie einen kognitiven Aspekt. Die traditionelle Philanthropie entspringt eher dem Bauchgefühl, sie kommt, wenn Sie so wollen, von Herzen, nicht aus dem Kopf. Effektiver Altruismus, wie ich ihn verstehe, bringt Herz und Verstand mit dem Ziel zusammen, so viel Gutes wie möglich zu bewirken.
SPIEGEL: Das Geschäft mit der Wohltätigkeit bewegt enorme Summen, gut 250 Milliarden Dollar jährlich allein in den USA, 5 Milliarden Euro in Deutschland. Die Spendenaufrufe richten sich an die emotionale Empathie, an das Mitgefühl. Sie werben mit Bildern von Not, Elend, Hunger. Bleibt die Forderung, dass jeder die allgemeine Glückseligkeit fördern soll, nicht zu abstrakt?
Singer: Menschen spenden besonders willig, wenn sie das Foto eines ausgemergelten Kindes mit großen Augen sehen und am besten noch den Namen und das Alter erfahren. Emotionale Empathie ist notwendig, aber nicht hinreichend. Um die Wirkung der Spenden zu optimieren, muss rationales, abstraktes Kalkül hinzukommen. Effektive Altruisten sind empfänglich für Zahlen und Kosten. Es ist einfach vernünftiger, 10 000 Dollar an eine Organisation zu spenden, die ein Kinderleben für 2000 Dollar retten kann, als an eine, die dafür 5000 Dollar braucht. Es liegt, anders als bei einer Patenschaft, in der Natur der Sache, dass Sie nicht das einzelne Kind ausfindig machen können, dem Sie geholfen haben. Aber das Bewusstsein, viele gerettet zu haben, oft durch überschaubare Beiträge, etwa für Anti-Moskito-Bettnetze oder Impfungen, kann eine ebenso große emotionale Befriedigung verschaffen. Ethik hat eine rationale Basis. Das moralische Gesetz ist laut Kant ein Gesetz der Vernunft, und der Gebrauch der Vernunft weckt durchaus positive Gefühle in uns, weil er zu unserer Selbstachtung beiträgt.
SPIEGEL: Für den einzelnen Spender ist kaum nachzuprüfen, was sein Geld konkret bewirkt. Wie lässt sich Altruismus in der Praxis effektiv gestalten? Und wie kann man beurteilen, ob eine Sache mehr Unterstützung verdient hat als eine andere, etwa Gesundheit oder Bildung? Das sind ja keine sich gegenseitig ausschließenden Alternativen.
Singer: Jeder Konsument achtet im Alltag auf das Preis-Leistungs-Verhältnis. Spender für wohltätige Zwecke geben sich da-
gegen allzu oft mit dem Wohlgefühl ihrer Großherzigkeit zufrieden. Eine Bewegung wie der effektive Altruismus, zu der sich immer mehr Anhänger zusammenschließen, stellt die Ergebnisse ihrer Recherchen über die Effizienz karitativer Organisationen ins Netz. Es ist möglich, Kriterien und Rankings zu erstellen, nach objektiven Methoden, wie sie zum Beispiel die Pharmaindustrie zur Prüfung neuer Arzneien verwendet. Anderes ist schwer vergleichbar; ob einer lieber in Bildung oder in die Entwurmung afrikanischer Kinder investieren möchte, muss dem Einzelnen überlassen bleiben. Dennoch lassen sich auch Alternativen, die allesamt sinnvoll und vernünftig erscheinen, gegeneinander abwägen. Bestimmte Anliegen sind nun einmal objektiv besser als andere.
SPIEGEL: Wie wollen Sie das feststellen, wenn alle ihr Scherflein dazu beitragen, das Wohl des Ganzen zu mehren?
Singer: Ich glaube, es ist falsch zu fragen: Was ist das dringendste Problem? Stattdessen sollte jeder sich fragen: Wo bewirkt mein individueller Beitrag am meisten? Kann meine Spende einen spürbaren Unterschied machen? Nehmen wir an, Sie haben 100 000 Dollar zu vergeben. Sie können das Geld für den Ausbau eines Museums für moderne Kunst stiften, Sie können es für die Heilung des Trachoms spenden, einer Augenkrankheit in tropischen Entwicklungsländern, die zur Erblindung führen kann. Was ist der bessere Zweck?
SPIEGEL: Die Antwort scheint offensichtlich, andererseits ist die Frage falsch gestellt, weil beides gar nicht vergleichbar ist.
Singer: Doch, denn in der Logik des effektiven Altruismus genießt die Rettung von Leben beziehungsweise die Herstellung oder Wiederherstellung lebenswerter Umstände höchste Priorität. In einer Welt, in der alle Armutsprobleme gelöst wären, hätte ich nichts gegen Spenden für Kunstgenuss. Solange aber jedes Jahr sechs Millionen Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Armut sterben, sollten wir uns anderen Aufgaben widmen.
SPIEGEL: Sie lehren in Princeton, an einer der großen amerikanischen Ivy-League-Universitäten, die enorme Spendensummen einstreichen.
Singer: Ich halte Spenden an Princeton oder Harvard oder Yale nicht für vordringlich. Wissen Sie, ich habe das Beispiel nicht ohne Hintersinn gewählt. Effektiver Altruismus unterscheidet sich grundsätzlich von Mäzenatentum. Der Mäzen kümmert sich selten um den ethischen Zweck, ihm geht es vielmehr darum, sich ein Denkmal zu setzen oder seinen Nachruhm festzuschreiben.
SPIEGEL: Trifft das nicht auf alle schwerreichen Großspender zu? Den zur Verfügung gestellten Geldsummen nach gehören Warren Buffett, Mark Zuckerberg und Bill Gates zu den größten effektiven Altruisten in der Geschichte der Menschheit. Spielen ihre Motive keine Rolle? Ging es ihnen wirklich nur um ein sinnvolles Anliegen der praktischen Ethik?
Singer: Sie meinen, Milliardäre würden aus Eitelkeit atemberaubende Summen spenden, auch aus Eigennutz, um ihr Image zu verbessern? Ich bin mehr an Ergebnissen als an Motiven interessiert. Wenn Bill Gates 30 Milliarden Dollar in seine Bill & Melinda Gates Foundation steckt, fast die Hälfte seines Vermögens, und so die größte Privatstiftung der Welt gründet, wenn dieses Geld klug für globale Entwicklung, Gesundheit und Bildung ausgegeben wird, was, wie ich glaube, der Fall ist, dann spende ich Beifall und hoffe auf Nachahmer. Wenn jemand mir nachwiese, dass Bill Gates nur so großzügig gehandelt hat, um seinen Namen zu verewigen, dann würde seine Person vielleicht ein bisschen in meiner Wertschätzung sinken. Aber ich bliebe bei meiner Meinung, dass er eine Menge Gutes getan hat und weiterhin tut.
SPIEGEL: Für Utilitaristen zählen die Konsequenzen einer Handlung, sie schauen auf den Nutzwert. Für Christen ist die Absicht, der gute Wille, mindestens ebenso entscheidend.
Singer: Wenn sich beim Jüngsten Gericht die Waagschale neigt, fällt der gute Vorsatz ins Gewicht. Da ich daran nicht glaube, ist die Intention nicht so wichtig für mich.
SPIEGEL: Manche Großverdiener an der Wall Street machen ihre Boni mit ethisch fragwürdigen Methoden. Fällt auch das nicht mehr ins Gewicht, wenn sie hinterher spenden?
Singer: Investmentbanker sind ja nicht automatisch Ganoven. Würden die schwarzen Schafe unter ihnen glauben, sie könnten sich durch Spenden einen Ablass kaufen, wäre das natürlich verwerflich, denn es stellte einen Anreiz für unethisches Verhalten dar. Wäre ihre Spendenbereitschaft dagegen das Zeichen dafür, dass sie ihr Leben in Einklang mit ethischen Werten bringen wollen, hielte ich das für begrüßenswert. Da Geld an sich keinen Wert darstellt, ist auch die Geldmacherei zunächst einmal nicht gut und nicht schlecht. Viel Geld verdienen zu wollen, um damit möglichst viel Gutes zu tun, ist dagegen ein Beispiel von effektivem Altruismus.
SPIEGEL: Sollte man wirklich Karriere machen, um zu helfen, die Welt zu verbessern?
Singer: Wer mehr als genug verdient, entwickelt das Bedürfnis und die Muße, nach einem Sinn, nach Erfüllung in seinem Leben zu suchen. Das ist der Punkt, an dem Selbstinteresse, Altruismus und Hilfe für andere zu konvergieren beginnen. Altruismus wird letztendlich ein Diktat der Vernunft. Als rein rationale Wesen wären wir altruistisch. Da wir das nicht sind, bleibt immer eine gewisse Spannung zwischen Altruismus und Egoismus, zwischen unserer Vernunft und unseren Impulsen, bestehen. Diesen Gegensatz zu überbrücken ist die eigentliche ethische Aufgabe.
SPIEGEL: Dafür müssten wir aus einer universellen Perspektive auf die Welt blicken. Darin hat jedes Leben den gleichen Wert. Und jeder wäre gehalten, das Wohl jedes anderen so hoch zu schätzen wie sein eigenes. So funktioniert praktische Ethik aber nicht. Wir müssen eine Wahl treffen, und das bedeutet Diskriminierung statt Gleichbehandlung, manchmal auch, die einen aufzugeben, um die anderen zu retten.
Singer: Ich denke nicht, dass Leben an sich einen universellen Wert hat. Wenn wir uns entscheiden müssen und unsere Möglichkeiten begrenzt sind, und so ist es meistens in der Wirklichkeit, kommen wir um ein berechnendes Vorgehen nicht herum. Generell gilt, dass es besser ist, bei gleichen Mitteln eine große Zahl von Leben zu retten als eine kleine. Oder jüngere vor älteren. Als Kapitän der "Titanic" hätte ich bei der Evakuierung des Schiffs den Zwanzigjährigen Vorrang vor den Siebzigjährigen gegeben, ganz einfach, weil sie mehr Lebenszeit und damit mehr Zukunftspotenzial vor sich hätten. Das Recht auf Leben wird in der Realität jede Minute verletzt.
SPIEGEL: Die Aufnahme von Flüchtlingen rettet Leben. Tausende Boatpeople ertrinken im Meer beim Versuch, Europa oder Australien zu erreichen. Ihr Heimatland Australien verfolgt eine strikte No-entry-Politik: Ausnahmslos jeder wird zurückgeschickt.
Singer: Das ist nicht die ganze Wahrheit. Australien lässt niemanden ins Land, der illegal mit dem Boot an seinen Stränden landet. Es nimmt aber im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl eine angemessene Quote von Flüchtlingen auf legalem Weg auf. Vielleicht könnten es mehr sein. Doch die ethische Frage, die sich hier stellt und die sich auch die Europäer stellen müssen, lautet: Erhält derjenige, der es übers Meer an den Strand schafft, das Aufenthaltsrecht vor jenen, die in den Lagern Jordaniens oder des Libanon warten? Ist es ethisch zu vertreten, diese Ankömmlinge zu privilegieren, nur weil sie nun einmal da sind und die Überfahrt bezahlen konnten? Ich halte es eher für gerechtfertigt, sie zurückzuweisen und stattdessen Flüchtlinge nach objektiv durchdachten Kriterien direkt aus den Lagern zu holen.
SPIEGEL: Ihr effektiver Altruismus kreist um das Bestreben, so viele Leben wie möglich zu retten und die Welt für so viele Menschen wie möglich lebenswerter zu machen. Zugleich stehen Sie im Feuer von Kritik und Polemik, vor allem in Deutschland, weil Sie unter bestimmten Voraussetzungen die Tötung von "lebensunwertem" Leben, etwa von schwerstbehinderten Neugeborenen, ethisch entschuldigen. Ist Ihnen nicht jedes Leben heilig?
Singer: Ich glaube in der Tat, dass nicht jedes menschliche Leben gleich viel wert ist, ungeachtet der Lebensqualität, die es voraussichtlich erreichen wird. Auf jeder Intensivstation entscheiden Ärzte und Patientenangehörige, Geräte abzuschalten und Leben zu beenden. Warum sollten die Eltern eines Neugeborenen mit unheilbaren Schäden, etwa infolge massiver Gehirnblutungen, das keine menschenwürdige Zukunft hat, nicht das Recht haben, über seinen Tod zu bestimmen? Zwischen dem Abtreiben eines Embryos, an dem genetische Defekte festgestellt worden sind, und der Tötung eines schwerstbehinderten Neugeborenen liegt eine psychologische Hemmschwelle. Ethisch gesehen ist der Unterschied gering, sogar vernachlässigbar. Die entscheidende ethische Frage muss immer sein: Ist die Lebensqualität dieses Kindes so miserabel, dass es besser ist, es nicht leben zu lassen? Es geht letztlich um die Reduzierung von Leiden. Mich deswegen in die Nähe von Nazi-Euthanasisten zu rücken ist empörend.
SPIEGEL: Die Erinnerung an die NS-Praktiken hat die deutsche Öffentlichkeit zu Recht besonders misstrauisch gegen jede Form von Sterbehilfe gemacht.
Singer: Das verstehe ich. Ich verstehe aber nicht, warum man mir deswegen den Mund verbietet und sich der argumentativen Auseinandersetzung entzieht. Die Rede- und Meinungsfreiheit gehört schließlich zu den ersten Rechten, die das NS-Regime zerstörte.
SPIEGEL: Das ist ein anderes, ein weites Feld. Herr Singer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Romain Leick in London.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 32/2015
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