08.08.2015

RohstoffeBis zum letzten Tropfen

Das Wasser wird knapp, weltweit nehmen Dürren zu – mitschuldig daran sind Verbraucher, die spanische Erdbeeren kaufen, aber auch Regierungen und Konzerne, die sich an der wichtigsten Ressource der Zukunft bereichern. Sie ist wertvoller als Erdöl.
Männer wie Edward Mooradian retten Kalifornien, denn ohne sie gäbe es hier kaum noch Wasser, und ohne Wasser gäbe es, im vierten Jahr einer epischen Dürre, nur noch Wüste. Es ist deshalb ein zynischer Scherz oder die ganze Geschichte in einem Satz und vor allem eine tragische Wahrheit, dass Männer wie Edward Mooradian Kalifornien zugleich zerstören. Sie verschlimmern die Not, die sie lindern wollen. Catch-22 nennen das die Amerikaner, wenn es nur schlechte Alternativen gibt; wenn das Spiel verloren ist, so oder so.
An einem Sonntagmorgen im Juli steht Edward Mooradian zwischen Orangen- und Zitronenbäumchen in der Nähe von Fresno im Central Valley, jenem Landstrich im Herzen Kaliforniens, der die USA, Kanada und Europa mit Obst, Gemüse und Nüssen versorgt. Es ist erst kurz vor acht Uhr, aber heiß und fast windstill. Mooradian, braun gebrannt und kräftig, mit Helm und Sonnenbrille, schaltet die Bohranlage auf seinem Truck ein. Sie gibt ein wütendes Gurgeln von sich und versenkt ein langes Rohr in der Erde.
Mooradian bohrt nach Grundwasser, und seitdem in Kalifornien die Flüsse und Seen austrocknen, tut er das Tag und Nacht, sieben Tage die Woche. Sein Auftragsbuch für die nächsten Monate ist so voll, dass er nicht mehr ans Telefon geht. Er könnte die Anrufer nur vertrösten, und es bedrückt ihn, ihre Verzweiflung zu hören. Sie brauchen dringend Wasser, die Bauern, die wegen der Dürre vor dem Bankrott stehen, aber auch Familien, die Alten und die Kranken, die seit Monaten oder auch Jahren ohne einen Tropfen fließendes Wasser leben müssen, hier in Kalifornien, dem Urlaubsparadies, "The Golden State".
"Beim letzten Brunnen sind wir bis auf 360 Meter runtergegangen", sagt Mooradian und wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß aus dem Gesicht. Er deutet auf das Schlamm speiende Loch: "Das hier soll bloß 120 Meter tief werden, das können wir auch im Schlaf."
Die Frage ist nur, ob er da unten Wasser findet. Wenn ja, wäre sein Auftraggeber, ein Landwirt, vorerst gerettet. Die kilometerlangen Reihen identisch aussehender Obstbäumchen blieben grün, im Gegensatz zu der Verwüstung um sie herum: rissige Erde, fahlgelbe Wiesen und tote Bäume, deren Äste mahnend in den Himmel ragen wie Dinosaurierknochen.
Und wenn nicht? "Kürzlich haben wir hier in der Nähe ein 270 Meter tiefes Loch gebohrt, das trocken war", erzählt Mooradian. "O Mann, das hat mich krank gemacht. Die armen Leute, sie hatten sich verschuldet für diesen Brunnen."
Nicht nur die kalifornischen Flüsse und Seen versiegen, auch das tief liegende Grundwasser schwindet rapide. Denn die Mehrheit der 40 Millionen Kalifornier saugt inzwischen an dieser letzten Wasserreserve, so heftig und unkontrolliert, dass der Boden unter ihnen absackt, im Extremfall bis zu drei Meter im Jahr. Der unterirdische Speicher kollabiert. Deshalb werden Brücken instabil, Bewässerungskanäle und Straßen gehen kaputt.
Dieses Grundwasser erneuert sich nicht; es ist viele Tausend Jahre alt. Immer tiefer muss bohren, wer das Wettrennen um die letzten Vorräte gewinnen will.
Männer wie Edward Mooradian helfen Durstigen und Verzweifelten, an Wasser zu kommen. Und zugleich tragen sie dazu bei, dass hier bald alles zusammenbricht.

Die durstige Welt

Aus dem All betrachtet mag die Erde ein blauer Planet sein, doch nur 2,5 Prozent dieses Wassers sind süß. Sie werden verschwendet, verdreckt, vergiftet, und sie sind himmelschreiend ungerecht verteilt.
Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 fast verdreifacht, der Wasserkonsum etwa versechsfacht. Und weil die Menschen mit ihrem Treibhausgasausstoß das Klima auf der Erde verändern, wächst die Ungerechtigkeit noch.
Wenn die Rede davon ist, dass Wasser knapp wird, geht es zunächst einmal um Menschen, die Durst leiden. Nahezu eine Milliarde Menschen müssen verseuchtes Wasser trinken, weitere 2,3 Milliarden leiden unter Wassermangel. Wie sollen immer mehr Menschen mit immer weniger Wasser ernährt werden?
Aber es geht eben längst nicht nur um Menschen in Entwicklungsländern. Es geht auch um die gewaltigen Waldbrände in Kalifornien, die durch Dürren begünstigt werden, um die verdörrenden Anbaugebiete in Spanien, die Geschäfte von globalen Konzernen. In gigantischem Ausmaß wird Wasser verschwendet, um Profite zu machen und Landwirtschaft an Orten zu betreiben, wo sie nicht hingehört.
"Das Prinzip aller Dinge ist Wasser", so erkannte schon im 6. Jahrhundert vor Christus der Philosoph Thales von Milet. Gut zweieinhalbtausend Jahre später, am 28. Juli 2010, hielten es die Vereinten Nationen für nötig, den Zugang zu Wasser zum Menschenrecht zu erklären. Es war ein Akt der Verzweiflung: Kein anderes ihrer Millenniumsziele hat die Uno so deutlich verfehlt wie jenes, die Zahl der Menschen ohne diesen Zugang bis 2015 zu halbieren.
Es geht um die Frage: Ist Wasser ein öffentliches Gut, ein Menschenrecht, oder letztlich eben doch Handelsware, Konsumgut, Geldanlage?
Wie jedes Jahr trafen sich Ende Januar Wirtschaftsführer und Entscheider der Welt im winterlich verschneiten Davos, um die großen Fragen der Zeit zu diskutieren. Eine lautete: Welches ist das größte gesellschaftliche und ökonomische Risiko der kommenden zehn Jahre? Zur Auswahl standen 28 Risiken, darunter Kriege, Massenvernichtungswaffen und Seuchen. Die Antwort der globalen Wirtschaftselite lautete: Wasserkrisen.
Dass der Verbrauch von Erdöl verringert werden muss, ist seit Jahren ins Bewusstsein der Verbraucher gedrungen. Über Wasser hingegen machen sich nur die wenigsten Gedanken – dabei ist es die Ressource der Zukunft, wertvoller als Öl, weil nicht ersetzbar. Und darüber hinaus der Quell allen Lebens.
Deutschland ist, auch was Wasser angeht, ein ziemlich glückliches Land. Viele Seen sind heute so sauber, dass man darin baden kann. Die Deutschen gehen ins Freibad, sie fahren ans Meer, sie duschen, so oft und so lange sie wollen. Doch sie tragen – meist ohne es zu wissen – dazu bei, dass Wasser in vielen anderen Teilen der Welt knapp wird.
Ein SPIEGEL-Team ist an vielen Orten der Welt der Frage nachgegangen, was geschieht, wenn das Wasser ausgeht – und welche Lösungen es gibt: in Brasilien, das seinen Wasserreichtum bis vor Kurzem für unerschöpflich hielt; in Spanien, wo Bauern mit geraubtem Wasser Erdbeeren für deutsche Konsumenten produzieren; und in Kalifornien, wo die Rekorddürre den amerikanischen Traum gefährdet. Die Frage, wem das Wasser gehört, führte in Bolivien zu einem Wasserkrieg. Israel, weder mit Wasser noch mit Frieden gesegnet, hat Rezepte gefunden, von denen auch andere lernen können.

Brasilien: Zerstörte Heiligtümer

Am Abend, wenn das Wasserkraftwerk von Pirapora do Bom Jesus seinen Ausstoß verringert, verwandelt sich der beschauliche Ort in die Kulisse für einen Horrorfilm. Schmutzig weißer Schaum steigt aus dem Rio Tietê auf, der durch das Städtchen 60 Kilometer nordwestlich von São Paulo fließt. Der Schaum kriecht die Wände der Häuser hoch, bedeckt die Uferpromenade mit einer Watteschicht, hüllt die Brücke über dem Fluss ein und treibt in Flocken über den Platz vor der Kirche.
Im Restaurant von Maria Luiza Villela dos Santos stand das Schaumgebirge neulich bis unters Küchenfenster – sieben Meter über dem Rio Tietê, der vor ihrem Haus vorbeifließt. "Der Fluss ist tot", sagt die Wirtin. So riecht er auch: Ein beißender, fauliger Gestank steigt auf.
Jedes Jahr von Mai bis August, wenn im brasilianischen Südosten Trockenzeit herrscht, rufen die Stadtväter von Pirapora do Bom Jesus den Umweltnotstand aus. Der Wasserpegel des Rio Tietê sinkt, die Konzentration der Rückstände von Reinigungsmitteln, Shampoo und anderen Chemikalien im Wasser ist noch höher als sonst. Ein Wehr vor der Stadt wirbelt das Wasser auf; so bildet sich der Schaum.
In diesem Jahr steht die weiße Wand besonders hoch, denn der Rio Tietê führt so wenig Wasser wie noch nie. Brasiliens Südosten, die am dichtesten besiedelte Region des Landes, wird von der schlimmsten Dürre seit über 80 Jahren heimgesucht. Die letzte Regenzeit fiel praktisch aus.
Im Sistema Cantareira, einem riesigen System von Stauseen, das über neun Millionen Menschen in São Paulo mit Wasser versorgt, ist der Pegel auf 18,4 Prozent gefallen. Der größten Stadt Südamerikas droht das Wasser auszugehen.
Die Regierenden schieben die Schuld auf den Klimawandel. "Drei Jahre lang hat es zu wenig geregnet", klagt Benedito Braga, der für die Wasserversorgung von São Paulo zuständige Minister der Landesregierung. "Darauf ist unser System nicht ausgelegt."
Doch die Wassernot ist vor allem Menschenwerk – eine selbst verschuldete Krise, die Ländern eine Warnung sein sollte, die weniger reich mit Wasser beschenkt sind. Das heißt: allen anderen Ländern. Brasilien rühmt sich, dass es die größten Süßwasservorräte der Welt besitze.
Die Brasilianer glaubten, dass Wasser immer da sein werde, von jedem nach Belieben zu nutzen. Sie stauen Ströme auf, um Energie zu gewinnen, begradigen Flussläufe, verseuchen Gewässer mit Fäkalien und Industriemüll. Rinderzüchter holzen Uferböschungen ab, Obstbauern entnehmen Wasser und spülen Pestizide zurück in die Flüsse. In Rio de Janeiro schrubben Hausangestellte den Bürgersteig mit Trinkwasser, Reiche wie Arme duschen oft dreimal am Tag.
Erst jetzt wird vielen klar, dass der Reichtum endlich ist. In São Paulo hat die Wassergesellschaft den Druck in den Leitungen reduziert, um den Verbrauch zu drosseln. In höher gelegenen Stadtvierteln kommt nun oft tagelang kein Wasser an.
Dabei ist die Millionenmetropole praktisch auf Wasser gebaut. Hunderte Flüsse, Bäche und Quellen durchziehen São Paulo. Sie entspringen in den grünen Hügeln der "Mata Atlântica", des Atlantischen Regenwaldes, der früher die Küstenregionen Brasiliens bedeckte.
Doch er ist weitgehend abgeholzt; die meisten Flüsse sind zubetoniert oder verdreckt. Der Tietê und der Pinheiros, die wichtigsten Flüsse von São Paulo, nehmen Müll und Kot aus Hunderttausenden Haushalten auf. Sofas, tote Tiere und gelegentlich auch Leichen treiben in der Brühe.
Das Wasser für São Paulo wird aus über hundert Kilometer entfernten Stauseen in die Stadt geleitet, die Flüsse dienen der Entsorgung der Fäkalien.
Dennoch huldigen viele Brasilianer ihren Flüssen und Wasserfällen, als wären sie göttliche Weihestätten. "Wir behandeln unser Wasser wie ein Heiligtum, aber wir übernehmen keine Verantwortung für seine Bewahrung", sagt Malu Ribeiro, Direktorin der Umweltschutzorganisation SOS Mata Atlântica.
Der Bau von Kläranlagen und Abwasserleitungen bringt bei Wahlen keine Stimmen, deshalb setzen sich wenige Politiker dafür ein. "Sie bauen lieber neue Staubecken", klagt der Umweltaktivist Adriano Sampaio. "Und die Baukonzerne finanzieren ihren Wahlkampf." Sampaio, ein schmaler Mann mit zerschlissenem Hemd, steht in einem Grüngelände in São Paulo. Ein Bach plätschert zu seinen Füßen. Hier an der Quelle ist er sauber, einige Hundert Meter weiter wird er zum Abwasserkanal.
Der Aktivist spürt verschüttete Gewässer auf. In einem Park im Westen der Stadt hat er einen See angelegt. Einmal wurde er festgenommen, weil er auf einem Platz den Asphalt aufgestemmt und Teiche freigelegt hatte. "Wenn wir alle Gewässer in der Stadt sanieren würden", sagt Sampaio, "hätten wir keine Versorgungskrise."
Die Behörden bestreiten das. "Die Gewässer sind entweder zu dreckig oder führen zu wenig Wasser", sagt Minister Braga. Er empfiehlt den Bürgern, Brunnen zu bauen – um selbst hier, im wasserreichsten Land, das Grundwasser anzuzapfen.

Spanien: Wasserraub für Erdbeeren

Der Boden ist rissig, nur niedrige Stachelbüsche mit harten Blättern wachsen hier. Die Sonne brennt auf den feinen Sand, der sich in den Furchen sammelt: Der Oberlauf des Arroyo de la Rocina ist ausgetrocknet, und das schon seit Sommerbeginn. Willkommen in Andalusien, im größten Erdbeeranbaugebiet Spaniens.
Im Frühling glitzert hier ein Plastikmeer, so weit das Auge reicht. Die Landschaft sieht aus wie von Christo verpackt, überall Folien zum Schutz der Ware, die zu großen Teilen in Deutschland landet.
Seit dem Beitritt Spaniens zur Europäischen Gemeinschaft 1986 wird hier die bewässerte Landwirtschaft gefördert. So begann der Rausch um das "rote Gold": Erdbeeren. "Damit kann man viel und leicht Geld verdienen", sagt Felipe Fuentelsaz von der Umweltschutzorganisation WWF.
Doch die Plantagen um die Stadt Huelva verbrauchen über 20 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr – so viel, wie in 8000 olympische Schwimmbecken passt. Rund 2000 Hektar Wald fielen ihnen bislang zum Opfer. Laut einer Studie des WWF wurden 63 Prozent dieser Fläche nicht gepachtet, sondern illegal bepflanzt. Zwei Drittel der Fincas werden aus illegalen Quellen bewässert.
So hat das Rocina-Flüsschen in den vergangenen 30 Jahren die Hälfte seines Wassers verloren. Dabei ist es einer der wichtigsten Zuflüsse für den Naturpark Doñana, Reservat für seltene Vögel und Wildtiere. In einem Gebiet von 1,5 Quadratkilometern fanden Fuentelsaz und seine Kollegen im Wald versteckt 52 Brunnen und sieben Auffangbecken.
In ganz Spanien, so schätzt das Landwirtschaftsministerium, werden aus einer halben Million illegaler Brunnen Hunderttausende Hektar Land widerrechtlich bewässert. Das verschlingt jährlich eine Grundwassermenge, die den Bedarf von 60 Millionen Menschen decken könnte.
Auf der Lagune bei der Wallfahrtskapelle von Rocío, im Herzen des Naturschutzgebiets, staksen noch Flamingos herum. Doch das wichtigste spanische Feuchtgebiet schrumpft. Immer wieder melden Fuentelsaz und seine Kollegen den Wasserraub bei den andalusischen Behörden.
Aber die Bürgermeister lassen ihre Freunde gewähren. Machtlos müssen die Umweltschützer zusehen, wie die Politiker den Bauern noch mehr Wasser versprechen. Die spanische Regierung hat eine Umleitung genehmigt, mit der aus dem Fluss Guadalquivir Wasser herbeigeschafft werden soll. "Ein Wahnsinn", schimpft WWF-Mann Fuentelsaz: Damit werde der widerrechtliche Anbau gleichsam legalisiert. Außerdem führe der Guadalquivir schon heute zu wenig Wasser.
Ausgerechnet jenes Land, das europaweit mit am stärksten vom Klimawandel betroffen ist, leistet sich das schlechteste Wassermanagement. Spanien müsse mit höheren Temperaturen, weniger Niederschlägen und mehr Verdunstung rechnen, sagt der Klimaforscher Jonathan Gómez Cantero aus Madrid, der das Europäische Parlament und die Uno berät.
Wenn alles so weitergehe wie bisher, so Gómez, werde sich der Süden Spaniens bis zur Jahrhundertmitte in eine Wüstenlandschaft verwandeln. Ähnliche Prognosen gibt es für den gesamten Mittelmeerraum, den Nahen Osten und Teile Indiens, Chinas und Australiens.
Dabei wäre die Katastrophe zumindest teilweise vermeidbar: "Der weltweite Handel mit Nahrungsmitteln", schreibt die kanadische Wasseraktivistin Maude Barlow in ihrem Buch "Blaue Zukunft", "ist bei näherer Betrachtung ein Handel mit Wasser." Problematisch ist der Handel dann, wenn dieses "virtuelle Wasser" in die falsche Richtung fließt: von wasserarmen in wasserreiche Regionen, zum Beispiel von Spanien nach Deutschland.
Der britische Geograf John Anthony Allan entwickelte in den Neunzigerjahren das Konzept des "virtuellen Wassers", um zu erforschen, wie durch den Handel mit Agrargütern Wasser um die Welt befördert wird. Daraus leitete der niederländische Wasserforscher Arjen Hoekstra den Begriff "Wasser-Fußabdruck" ab. Dieser beschreibt, wie viel Wasser zur Herstellung einzelner Güter direkt und indirekt genutzt wird: 80 Liter für eine Orange, 109 Liter für ein Glas Wein, 15 500 Liter für ein Kilo Rindfleisch.
Länder wie Spanien, sagt Hoekstra, verschlimmerten ihre Wassernot, indem sie Produkte mit großem Wasser-Fußabdruck exportierten. Denn das virtuelle Wasser, das in Form von Erdbeeren oder Zitrusfrüchten das Land verlässt, wird lokalen Wasserkreisläufen dauerhaft entzogen. Wer hingegen wasserintensive Produkte einführt, schont eigene Wasserquellen.
70 Prozent des Wassers, das weltweit verbraucht wird, fließen in die Landwirtschaft. Weil auch die Agrarindustrie den Gesetzen eines Systems unterliegt, das globalen Handel und große Konzerne fördert, werden gewaltige Mengen virtuellen Wassers um die Welt geleitet.
Würden sie in die richtige Richtung gelenkt – etwa von Deutschland nach Spanien –, könnten sie die Not wasserarmer Regionen verringern. Stattdessen gehört ausgerechnet Deutschland zu den größten Importeuren virtuellen Wassers.
Spanien müsse seine landwirtschaftliche Produktion umstellen und den bewässerten Anbau einschränken, fordert Jonathan Gómez, der Klimaforscher. Doch Politiker fördern lieber die Plünderung der Wasserreserven, solange es noch geht.
Und deutsche Verbraucher, die spanische Erdbeeren kaufen, tragen dazu bei, dass es in Spanien eines Tages so zugehen könnte wie heute schon in Kalifornien.

USA: Ein kalifornischer Albtraum

"Ich habe das Desaster nicht kommen sehen", sagt Donna Johnson, 72, graue Kurzhaarfrisur, Turnschuhe und Ohrringe in Neonfarben. "Als kein Wasser aus unserem Brunnen kam, dachte ich, die Pumpe sei kaputt." Das Häuschen der Johnsons ist, wie die meisten hier in East Porterville, mit einem Brunnen ausgestattet, aus dem Grundwasser gepumpt wird. Aber diese Brunnen sind weniger tief als jene der Landwirtschaftsbetriebe rundherum. Sie trocknen aus. Die Hälfte der 7000 Bewohner von East Porterville lebt nun ohne fließendes Wasser, manche seit zwei Jahren.
Donna Johnson sammelt Spenden und bringt ihren Nachbarn Mineralwasser. Die Behörden liefern Wassercontainer und mobile Duschen. Einen neuen, tieferen Brunnen können sich die meisten hier nicht leisten. East Porterville liegt in einer Region in Central Valley, die zu den produktivsten Landwirtschaftszonen der Welt gehört und zu den ärmsten Regionen Kaliforniens.
Amerika, die globale Supermacht, sieht hier aus wie ein Entwicklungsland: kaputte Straßen, zerfallende Häuser, Menschen ohne Wasser. Die Wasserkrise wird zur humanitären Katastrophe, weil die absurde Agrarpolitik vieler Trockenregionen in Kalifornien auf die Spitze getrieben wird.
Rücksichtsloser als anderswo wurden Feuchtgebiete ausgetrocknet, um bewässerte Landwirtschaft zu ermöglichen. Zum amerikanischen Traum, wie er in Kalifornien gelebt wird, gehört es, die Natur zu bezwingen, die Wüste und die Wasserkreisläufe. Wasser wird über einen 1500 Kilometer langen Aquädukt von Norden nach Süden transportiert. So konnte im Süden die Millionenstadt Los Angeles heranwachsen und im Central Valley die Agrarindustrie.
Das rächt sich nun: Im Südwesten der USA steigen die Temperaturen schneller als im globalen Durchschnitt, weil die ausgleichende Wirkung gesunder Wassersysteme fehlt. Mit steigenden Temperaturen nimmt auch die Verdunstung zu – was die Trockenheit weiter verschlimmert.
Die Landwirtschaft trägt 2 Prozent zur kalifornischen Wirtschaftsleistung bei. Und sie verschlingt 80 Prozent des Wassers.
Doch als Gouverneur Jerry Brown im April den Notstand ausrief und die Bürger Kaliforniens verpflichtete, ihren Wasserkonsum um 25 Prozent zu reduzieren, meinte er damit nicht die Landwirte. Sie dürfen der Erde weiterhin so viel Wasser abpressen, wie sie können.
Der Bundesstaat produziert rund die Hälfte des Gemüses, der Früchte und der Nüsse, die in den USA erzeugt werden, außerdem große Mengen Milch und Fleisch. Wurden vor zehn Jahren 16 Prozent dieser Agrarprodukte ins Ausland exportiert, sind es heute 25 Prozent. Vier von fünf Mandeln auf dem Weltmarkt kommen von hier. Der Fußabdruck einer Mandel: vier Liter.
"Sollen wir unsere Nahrungsmittel etwa lieber bei den Chinesen kaufen?", fragt Dennis Simonian. Mehr als 180 verschiedene Obst- und Gemüsesorten baut der Landwirt in der Nähe von Fresno an. Simonian ist 72 Jahre alt, ein robuster Mann mit streng nach hinten gekämmtem grauem Haar, der seinen Beruf liebt, auch nach über 50 Jahren. Schon sein Großvater und sein Vater waren Obstbauern, heute arbeitet eine seiner Töchter auf der Farm.
Ihre Waren verkaufen sie in einem eigenen Laden und an die Supermarktkette Trader Joe's, die zu Aldi-Nord gehört. Die "Jumbo-Rosinen", sagt Simonian, würden auch nach Deutschland geliefert. Er erzählt das in seinem Büro, die Jalousien sind heruntergezogen, draußen glüht die Luft.
In diesem Jahr musste er einen Teil seiner Felder brach liegen lassen, weil aus seinen Brunnen nicht genug Wasser kam. "Wir führen hier einen Krieg um Wasser", sagt er, "und nur die Stärksten überleben." Er habe schon lange auf Tröpfchenbewässerung umgestellt, aber es gebe immer noch Bauern, die ihre Felder fluteten.
Wer in Kalifornien wie viel Wasser aus überirdischen Quellen verbrauchen darf, das regelt ein kompliziertes System von Wasserrechten. Doch zwei Drittel des Wassers kommen inzwischen aus der Tiefe, und da herrscht Anarchie. Im September 2014 unterzeichnete der Gouverneur ein Gesetz, das erstmals die Entnahme regelt – bis es wirksam wird, vergehen wohl noch Jahrzehnte.
Großgrundbesitzer schleppten Ölbohranlagen aus Texas heran, um an Wasser zu kommen, erzählt Simonian. Dagegen hätten kleinere Betriebe keine Chance. Deshalb brauche es jetzt Regeln, "nicht erst in 25 Jahren". Außerdem neue Dämme und Reservoirs. Und warum nicht eine Pipeline, die Wasser aus Alaska in den Süden transportiere? "Mit Erdöl geht das doch auch."

Das globale Geschäft

So abwegig ist die Idee gar nicht. Neuerdings ist der Transport von Wasser aus wasserreichen in wasserarme Gebiete tatsächlich eine Option: Isländische Unternehmen wie Bruárfoss HF planen, einheimisches Wasser wie Öl oder Flüssiggas in riesigen Tankern weltweit zu verschiffen.
Denn während Politiker noch vor der Einsicht zurückschrecken, dass Wasser kein unerschöpflicher Rohstoff ist, haben Konzerne und Investoren die Risiken der Knappheit längst erkannt – und auch die Chancen. Willem Buiter, Chefökonom der Citibank, brachte die Einschätzung seiner Branche schon vor vier Jahren in einem Strategiepapier auf den Punkt: "Wasser wird in meinen Augen als Anlageklasse Öl, Kupfer, landwirtschaftliche Produkte und Edelmetalle in den Schatten stellen."
Weite Teile der Privatwirtschaft, aber auch neue Technologien wie das Fracking, können ohne Wasser nicht funktionieren. Rohstoffkonzerne haben deshalb einen Großteil der 84 Milliarden Dollar aufgebracht, die private Firmen zwischen 2011 und 2014 in Verfahren zum Wassersparen investiert haben.
Aber auch die Lebensmittel- und Getränkeindustrie veranschlagt große Summen, um ihren Wasserverbrauch zu minimieren. Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé, der von Kritikern verdächtigt wird, weltweit nach der Kontrolle über Wasserquellen zu streben, nahm im Herbst 2014 in Mexiko eine Milchpulverfabrik in Betrieb, die kein externes Wasser benötigt. Sie verwendet stattdessen das Wasser, das der Milch durch Trocknung entzogen wird.
Das holländische Unternehmen Dutch Rainmaker hat ein Windrad gebaut, das, mithilfe der erzeugten Energie, Wasser aus der Luft kondensiert. Andere entwickeln Waschmaschinen und geruchsfreie Toiletten, die praktisch ohne Wasser funktionieren.
Die Verknappung des einzigen Rohstoffs, für den es keinen Ersatz gibt, lockt zunehmend auch Investoren an. Sie setzen auf Anlageobjekte wie Entsalzungsunternehmen, Wasserspartechnologien, Wasserversorger und Abwasseraufbereiter. Bei vielen Banken kann man sein Geld in Wasserfonds anlegen. Darin befindet sich meist eine Mischung aus weltweit agierenden Wasserversorgungskonzernen wie den französischen Weltmarktführern Suez und Veolia sowie kleineren, spezialisierten Wassertechnikunternehmen.
Wie lukrativ das Geschäft mit dem Wasser ist, zeigt der Aktienanstieg von Veolia: Innerhalb der letzten zwölf Monate stieg das in Paris gehandelte Papier um 64 Prozent, beinahe dreimal so viel wie Frankreichs Leitindex CAC 40. Die rund 15 Wasserfonds – allen voran der Schweizer Fonds Pictet Water – brachten in den vergangenen drei Jahren Renditen von bis zu 22,5 Prozent pro Jahr.
Peter Brabeck-Letmathe, Verwaltungsratspräsident von Nestlé, betreibt seit 2012 ein Blog über die Wasserkrise. Dem "Wall Street Journal" sagte er: "Gebt 1,5 Prozent des Wassers umsonst ab, erklärt sie zum Menschenrecht. Aber überlasst die restlichen 98,5 Prozent dem Markt. Dessen Kräfte werden die bestmögliche Ordnung schaffen."
Um weltweit die notwendige Infrastruktur für die Wasserversorgung auf- und auszubauen, müssten 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr investiert werden, schätzt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Es wären nicht nur sinnvolle, sondern lebensrettende Investitionen: Jährlich sterben 842 000 Menschen, weil ihnen sauberes Wasser für Ernährung und Hygiene fehlt.
Westliche Ökonomen propagieren angesichts dieser Zahlen gern eine ähnliche Idee wie Nestlés Brabeck: Der Markt soll es richten. Institutionen wie der Internationale Währungsfonds machen Kredite davon abhängig, dass öffentliche Unternehmen, auch Wasserversorger, privatisiert werden – aktuell etwa, im Zusammenspiel mit der Europäischen Union, in Griechenland.

Bolivien: Der Wasserkrieg

"La guerra del agua" nennen die Bolivianer jene Monate im Frühjahr 2000, die Bücher und Filme wie den James-Bond-Kinohit "Ein Quantum Trost" inspirierten.
Auf Druck der Weltbank hatte Bolivien angefangen, die Wasserversorgung zu privatisieren. In Cochabamba, der drittgrößten Stadt, nahm eine Tochterfirma des US-Konzerns Bechtel den Betrieb auf.
Wenn ein Land Unterstützung von außen brauchte, dann der ärmste Staat Südamerikas: Mehr als die Hälfte der zehn Millionen Bolivianer lebt bis heute in großer Armut, die Kriminalitätsrate ist hoch, Kinderarbeit normal. Das Klima in den Anden ist harsch und trocken, die Böden sind wenig fruchtbar. Die Erderwärmung trifft Bolivien hart: Die Gletscher, die in der Trockenzeit von April bis Oktober Schmelzwasser liefern, schrumpfen, und es regnet noch weniger als früher.
Der private Wasserversorger erhöhte die Preise auf einen Schlag um bis zu 300 Prozent und forderte auch Geld für Regenwasser, das die Einwohner selbst sammelten.
"Wir normalen Leute mussten ein Viertel unseres Einkommens für Wasser ausgeben", erzählt der Gewerkschafter Oscar Olivera, ein älterer Mann mit Lederkappe und ausgeleiertem Hemd. Er steht auf der Plaza Principal, dem Hauptplatz von Cochabamba, und deutet auf Einschusslöcher in den Mauern: "Glauben Sie mir, wir waren bereit zu sterben."
Olivera gehörte damals zu den Anführern des Widerstands. Bürger errichteten Straßenblockaden, warfen Steine und verbrannten ihre Wasserrechnungen. Der damalige Präsident Hugo Banzer ließ die Armee einrücken. Fünf Demonstranten wurden erschossen, Hunderte verletzt. Vier Monate dauerte der Kampf, dann gab sich die Regierung geschlagen. Die Privatisierung wurde rückgängig gemacht.
Fünf Jahre später wählten die Bolivianer Evo Morales zum Präsidenten, einen Indio und Vertreter der Koka-Bauern. Er schuf ein Wasserministerium. In der neuen Verfassung ist das Recht auf Wasser festgeschrieben. Denn anders als seine Vorgänger weiß Morales, was es bedeutet, keines zu haben.
"Als ich ein Kind war, lebten wir einen Kilometer entfernt vom nächsten Brunnen", sagt Morales, "meine Mutter musste das Wasser in einem Tonkrug nach Hause tragen." Der Präsident sitzt auf einem Polstersessel in einem goldglänzenden Saal im Regierungssitz von La Paz. "Wasser darf kein Geschäft sein", sagt er, "es muss ein öffentliches Gut sein."
Seine Regierung arbeite daran, Wassernetze auszubauen und die sanitäre Basisversorgung zu verbessern, so Morales. Er werde nicht ruhen, bis alle Bolivianer mit sicherem Wasser versorgt seien.
Zwei Millionen müssen noch immer verschmutztes Wasser trinken, vier Millionen haben keine Sanitäranlagen. Doch es gibt Fortschritte: Hatte 1990 noch weniger als die Hälfte der Bolivianer sauberes Trinkwasser, sind es heute 83 Prozent.
Ähnliche, wenn auch nicht ganz so dramatische Geschichten gibt es aus vielen Ländern zu erzählen. Die Hoffnung, dass Privatfirmen eher als der Staat in der Lage wären, den Bürgern sauberes, bezahlbares Wasser zu liefern, erfüllte sich selten.
Denn was etwa beim Strom ganz gut funktioniert, ist bei Wasser im Grunde ein Denkfehler – schlicht deshalb, weil nur eine Konzession pro Gemeinde zu vergeben ist. Was bedeutet, dass es keine Konkurrenz gibt. Private Wasserunternehmen übernehmen oft kostenlos Leitungen, Pumpwerke und Wasserspeicher, nutzen sie günstig und diktieren fortan die Wasserpreise. Die Erwartung, dass sie im Gegenzug die Infrastruktur ausbauen, wurde meist enttäuscht.
Deshalb folgten in den vergangenen Jahren viele Länder und Städte dem Beispiel Boliviens und brachten ihr Wasser wieder unter öffentliche Kontrolle, etwa in Argentinien, Indonesien, Ghana und Mali.
Nirgendwo aber werden mehr Privatisierungen und Kooperationen mit privaten Anbietern rückgängig gemacht als in Europa – auch in Deutschland.
In Stuttgart erwirkte ein Bürgerbegehren 2013, dass die Stadt die Anteile eines privaten Wasserversorgers zurückkaufen muss. 2014 stellte die Landeskartellbehörde dort eine Überhöhung des Wasserpreises fest und verfügte, das dieser im Schnitt um 30 Prozent gesenkt werden muss.
Auch in Berlin, wo die Wasserbetriebe 1999 teilprivatisiert worden waren, schnellte der Preis nach der vereinbarten Karenzzeit von drei Jahren um 28 Prozent in die Höhe. Investitionen zum Erhalt der Infrastruktur wurden um mehr als ein Viertel reduziert. Doch auch die Berliner wehrten sich: Mit einem Volksbegehren erzwang eine Bürgerinitiative Einsicht in die Verträge. Heraus kam eine Ungeheuerlichkeit: Berlin hatte den beteiligten Konzernen RWE und Veolia eine Renditegarantie gegeben – über 30 Jahre. 2012 beschloss das Bundeskartellamt, dass die Preise um 18 Prozent zu senken seien. Ein Jahr später beugte sich der Senat dem Druck und kaufte die Anteile zurück.
Zu europaweiten Protesten kam es, als die Europäische Kommission 2012 versuchte, Wasser in die Konzessionsrichtlinie aufzunehmen und damit allerorts das Tor für private Wasserversorger zu öffnen. Mehr als 1,5 Millionen Menschen unterzeichneten einen Aufruf für einen freien Zugang zu Wasser, mit Erfolg: Wasser wurde von der Richtlinie ausgenommen.
Wohl nirgendwo ist der Widerstand der Menschen gegen eine Privatisierung so vehement und so emotional wie beim Wasser. Das elementarste aller Güter, so das allgemeine Empfinden, darf nicht den einzig auf Gewinn orientierten Kräften des Marktes überlassen werden.

Israel: Das Wunder in der Wüste

David Ben-Gurion, der erste Ministerpräsident Israels, träumte schon vor der Staatsgründung davon, "die Wüste zum Blühen zu bringen". Seine Nachfolger tun heute alles dafür, dass der Traum wahr wird.
Avraham Tenne, 68, ist einer der Architekten dieses "israelischen Wasserwunders". Bis vor Kurzem leitete er in der staatlichen Wasserbehörde die Abteilung Meerwasserentsalzung. Er steht in Hosenträgern und mit einem roten Helm in der Sorek-Anlage in Rischon Lezion, der größten Entsalzungsanlage der Welt. Aus einem Hahn befüllt er einen Plastikbecher und nimmt einen Schluck. "Besser als Mineralwasser", behauptet er.
Aus dem Mittelmeer wird Salzwasser in die Anlage gepumpt und von Algen und Meerestieren gereinigt. Dann wird es in die "Membranhalle" geleitet, das Herz der Anlage, durch Röhren, die mit Tausenden Kunststoffmembranen ausgestattet sind. Bei der sogenannten Umkehrosmose wird das Meerwasser unter hohem Druck hindurchgepresst. So entstehen entsalztes Wasser und Salzkonzentrat. Pro Stunde produziert die Anlage 26 Millionen Liter Wasser – genug, um den Großraum Tel Aviv zu versorgen.
Die Umkehrosmose-Technologie verbraucht weniger Energie als die thermale Entsalzung, bei der das Meerwasser erhitzt wird. "Wir haben Techniken entwickelt, die zusätzliche 40 Prozent Energie einsparen können", sagt Tenne. Trotzdem fließen rund zehn Prozent der gesamten Stromproduktion des Landes in die Entsalzung, ein hoher Anteil, zumal Israel bisher kaum erneuerbare Energien nutzt. Umweltbelastungen, die etwa durch die Rückleitung des Salzkonzentrats ins Meer entstehen, sind noch wenig erforscht.
Tenne, seit Kurzem im Ruhestand, entschied sich 2005, für den Staat zu arbeiten. Israel litt unter einer schweren Dürre. Die wichtigsten Wasserreserven des Landes, der See Genezareth und das Grundwasser, wurden übernutzt, der Jordan war, auch wegen der bewässerungsintensiven Landwirtschaft, zum Rinnsal verkommen.
Die Regierung gründete eine nationale Wasserbehörde und führte einen progressiven Wasserpreis ein: Verbraucht ein Haushalt mehr als eine Standardmenge, kostet jeder weitere Tropfen mehr. Außerdem investierte sie gezielt in Forschung; deshalb ist Israel heute führend, was viele Wassertechnologien betrifft.
Kein anderes Land recycelt so viel Abwasser, um es in der Landwirtschaft einzusetzen. Die Recyclingquote liegt in Israel bei 86 Prozent, in Spanien bei 17 Prozent, in den USA bei 1 Prozent. Die Tröpfchenbewässerung wurde in Israel erfunden, ebenso ein System zur digitalen Überwachung von Wasserleitungen, das Lecks aufspürt. Nirgendwo sonst wird so energiesparend Meerwasser entsalzt.
Während Tennes Zeit entstanden vier Entsalzungsanlagen, die heute rund 600 Millionen Kubikmeter Wasser produzieren, fast ein Drittel der benötigten Menge. "Wir haben die Lücke gefüllt", sagt er stolz. Über ihm an der Wand prangt ein Davidstern. Zum Schluss möchte er noch etwas loswerden: "Ich wünsche mir, dass wir das Wasser mit unseren Nachbarn teilen", sagt er. "Es sollte ein Mittel für den Frieden sein."
Davon allerdings ist das Land weit entfernt: Während sich die Israelis über ihr Wasserwunder freuen, fließt in vielen palästinensischen Haushalten im Westjordanland nur einmal pro Woche Wasser. Laut dem "Oslo II"-Abkommen von 1995 hat Israel ein Anrecht auf 80 Prozent des im Westjordanland gewonnenen Wassers, den Palästinensern stehen lediglich 20 Prozent zu – eine ungerechte Lösung, die ursprünglich temporär sein sollte.
Das Beispiel Israel zeigt, dass man im Umgang mit Wasser vieles richtig machen und dennoch in Gefahr sein kann. Dann nämlich, wenn andere durstig bleiben.
Noch elender ist die Situation im Gazastreifen: Hier sind 96 Prozent aller Wasserquellen mit Salz- und Abwasser verschmutzt. Es mangelt an Trinkwasser, die Qualität ist miserabel. Das Militär warnte, dass die Wasserkrise in Gaza ein Sicherheitsrisiko für den jüdischen Staat sei. Vor Kurzem verdoppelte Israel die Menge entsalzten Wassers, die es nach Gaza liefert.
So ist Israel, das Wasserwunderland, Vorbild und Warnung zugleich. Es lebt vor, wie mit knappen Wasservorräten eine wachsende Zahl von Menschen versorgt werden kann. Nötig sind dazu Regierende, die den Wert von Wasser erkennen – und die sich dafür verantwortlich fühlen, dass das Menschenrecht, genügend Wasser für ein Leben in Würde zu haben, verwirklicht wird. Die Wasserversorgung an private Unternehmen zu delegieren ist keine Lösung.
Nötig ist aber auch eine Agrarpolitik, die sich daran orientiert, wie viel Wasser genutzt werden kann, ohne eine kalifornische Katastrophe zu riskieren. Wasserintensive Landwirtschaft in Trockenregionen, zumal für den Export, ist selten eine schlaue Idee. Wenn ein Land darauf nicht verzichten kann oder will, sollte es zumindest moderne Technologien zum Wassersparen fördern. Und Länder wie Deutschland, die selbst keine Wassernot kennen, sollten den Import von Produkten hinterfragen, welche die Wasserversorgung im Herkunftsland gefährden.
Eine Welt, die aus den Fugen gerät, kann auch Deutschland nicht kaltlassen. Es geht, zuallererst, um Menschlichkeit und Verantwortung, um Milliarden, die für Wasser kämpfen müssen, während wir im Überfluss leben. Es geht dann um die Frage, wie sich Wasserkriege und Hungersnöte verhindern lassen, die nächsten Flüchtlingskrisen. Mit dem Klimawandel rückt auch die Wasserkrise näher, sie erreicht nach dem weit entfernten Kalifornien auch die südlichen Länder Europas – und selbst Deutschland muss, zumindest im Süden, vermehrt mit Dürren rechnen. Es geht also, in Zeiten der Eurokrise, nicht zuletzt auch um Stabilität in Europa.
Im 15. Stock eines Bürogebäudes an der Straße der Hoffnung, der Hope Street in Los Angeles, sitzt die Antwort des kalifornischen Staates auf die Wasserkrise. Rick Silva ist der erste "Wasserpolizist" von Los Angeles, ein freundlicher Mann mit nach rechts gescheiteltem grauem Haar und einem blauen Poloshirt. Er soll die Einwohner dazu erziehen, Wasser zu sparen.
"Ich versuche es lieber mit Aufklärung als mit Bestrafung", sagt Silva. Er ist kein richtiger Polizist, sondern arbeitet bei der Wasserbehörde. In deren Namen schreibt er nun Briefe an Einwohner, die ihren Garten zu oft oder zur falschen Zeit bewässern und von ihren Nachbarn verpetzt wurden.
Manchmal fährt er auch in seinem leuchtblauen Honda Civic durch Los Angeles, auf der Suche nach Verschwendern. Strafzettel verteilt er nur, wenn er einen Wassersünder persönlich ertappt: 100 Dollar beim ersten Mal, dann 200 und 300 Dollar. Die Einnahmen in der ersten Hälfte des Jahres waren bescheiden: 6200 Dollar.
Silva sieht das positiv: "Ich denke, dass die Leute den Ernst der Lage begreifen", sagt er. "Los Angeles versucht zu helfen, so gut es kann." Der Gouverneur habe nun einmal beschlossen, die Landwirtschaft nicht anzutasten – "also konzentrieren wir uns auf die 20 Prozent des Wasserverbrauchs, die wir beeinflussen können".
Doch Los Angeles ist groß, und Rick Silva kann nicht überall sein, er kann auch nicht die Politik ersetzen. Er hofft, dass es bald viel regnet. Bis dahin bekommt er drei Mitarbeiter. Gemeinsam sind sie dann vier Wasserpolizisten, verantwortlich für vier Millionen Einwohner.

Twitter: @samihashafy
Von Abé, Nicola, Glüsing, Jens, Lill, Felix, Schießl, Michaela, Shafy, Samiha, Zuber, Helene

DER SPIEGEL 33/2015
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