08.08.2015

Atomwaffen Im Namen des Propheten

Sie sind katholisch, viele von ihnen Priester oder Nonnen, und voller krimineller Energie: Eine Gruppe fanatischer Pazifisten bricht seit 35 Jahren Gesetze, um die Atommacht USA zu bändigen. Eine Verneigung – 70 Jahre nach Hiroshima. Von Markus Feldenkirchen
Am Ende ging es um Pfefferspray. Um die Frage, ob man Pfefferspray mitnehmen darf oder nicht. Wegen der Wachhunde. Pfefferspray sei vertretbar, weil es die Tiere schließlich nicht umbringe, das sagten die alten Männer mit dem grauen Bart. Schwester Megan Rice allerdings, 85 Jahre alt, katholische Nonne des Ordens Heiliges-Kind-Jesu, wollte sich lieber totbeißen lassen, als selbst Gewalt anwenden zu müssen. Man dürfe sich nicht auf das Niveau derer begeben, gegen die man kämpfe, sagte sie.
So stehen sie am frühen Morgen des 28. Juli 2012 gegen halb zwei auf einem Parkplatz am Rande von Oak Ridge, Tennessee, und die größte Sabotageaktion in der Geschichte des amerikanischen Atomwaffenprogramms beginnt ohne Pfefferspray.
Zum dreiköpfigen Kommando gehören neben der Nonne Rice ihre katholischen Glaubensbrüder Michael Walli, 63, ohne festen Wohnsitz, sowie Gregory Boertje-Obed, Anstreicher und mit 59 Jahren der Jüngste der Gruppe. Monatelang haben sie sich auf diese Nacht vorbereitet. Nun wollen sie die Welt vom Gewalttätigsten befreien, was die Menschheit erschaffen hat: Atombomben.
Sie haben die Grundausstattung dabei, verpackt in zwei Rucksäcken: Taschenlampen, zwei Bolzenschneider, drei kleine Hämmer, eine weiße Rose, sechs Farbspraydosen, drei Protestbanner, Kerzen, Streichhölzer, Bindfäden, Bibeln, ein selbst verfasstes Manifest, einen frisch gebackenen Laib Brot mit dem Emblem eines Kreuzes, Gurkensamen und sechs Babyflaschen, abgefüllt mit dem Blut anderer Atomwaffengegner. Das Übliche eben.
Vom Parkplatz laufen sie in einen Wald, bald stehen sie am Fuße einer Hügelkette. Auf der anderen Seite liegt ihr Ziel, der Y-12 National Security Complex, die einzige Produktions- und Lagerstätte des Landes für atomwaffenfähiges Uran.
Die Anlage war schon Teil des Manhattan-Projekts, bei dem Robert Oppenheimer die erste Atombombe entwickelte. Hier wurde ab 1943 angereichertes Uran hergestellt, der Sprengstoff für die neue Waffe. Und hier ist auch der Geburtsort von "Little Boy", jener Bombe, die vor 70 Jahren von einem amerikanischen B-29-Bomber über dem japanischen Hiroshima abgeworfen wurde und weit über 100 000 Menschenleben und zwei Drittel aller Gebäude vernichtete.
Megan, Michael und Greg gehören zur "Plowshares"-Bewegung, einer losen Gruppe von ungefähr 80 meist betagten Katholiken, darunter viele Nonnen und Priester, die sich gern mit Anzahl und Länge ihrer Gefängnisstrafen vorstellen. Seit mehr als 30 Jahren brechen sie in Anlagen ein, in denen die Vereinigten Staaten ihre Atomwaffen lagern. Die erste Aktion fand am 9. September 1980 statt. Der Einbruch in Y-12 soll die 94. Aktion der Bewegung werden.
Ihr Name Plowshare, das englische Wort für Pflugschar, geht auf die biblische Vision des Propheten Jesaja von einer friedlichen Welt ohne Kriege zurück, den Kernsatz findet man bei Jesaja 2, Vers 5: "Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen."
Auf der Hälfte des Anstiegs gelangen die drei an einen Stahlzaun, die erste Hürde eines komplexen Sicherheitskonzepts. Greg setzt den Bolzenschneider an. Er hat leichtes Spiel. In der Ferne hören sie einen Hund und glauben: Sie haben uns. Greg denkt an Pfefferspray. Aber dann verstummt das Bellen.
Megan Rice hatte sich professionell auf diese Nacht vorbereitet. Sie war zu einer Freundin nach Virginia gereist, um dort ein Trainingslager zu absolvieren; immer wieder lief sie die Hügel der Umgebung hinauf. Sie hatte die Idee zu dieser Aktion gehabt, sie gab ihr auch den Namen: "Transform Now Plowshares". Mit ihr sollte eine große Umwandlung beginnen: Das amerikanische Imperium möge sich von einer Quelle des Blutvergießens in eine Quelle des Weltfriedens wandeln.
Drei Jahre später, im Sommer 2015, fährt Schwester Megan mit dem Taxi die 2nd Avenue Manhattans hinunter. Sie ist, wie ihre beiden Mitstreiter auch, Mitte Mai aus dem Gefängnis entlassen worden. Sie trägt eine Strickjacke, Jeans und blaue Joggingschuhe. Sie will Freunde in einem Heim für Obdachlose im East Village besuchen. Später steht eine Generaluntersuchung im Krankenhaus an. Es ist viel zu tun nach den Jahren hinter Gittern.
Hier, in Manhattan, ist sie aufgewachsen, der Vater Medizinprofessor, die Mutter Historikerin.
Zu Hause lernte Megan eine Freundin ihrer Eltern kennen, Dorothy Day, Pazifistin, Sozialistin, eine Frau, so radikal, wie es die katholische Kirche selten erlebt hat. Während des Zweiten Weltkriegs hatte Day junge Amerikaner aufgerufen, zu desertieren und den Krieg zu boykottieren. Einen Monat nach Hiroshima verurteilte sie Atomwaffen in ihrer eigenen Zeitung als "Gaskammer ohne Wände". Überall im Land gründete sie Catholic-Worker-Häuser, Anlaufstellen für Arme und Wiegen für zivilen Ungehorsam. Mit 18 Jahren schloss Schwester Megan sich dem Orden Heiliges-Kind-Jesu an. 1962 ging sie für diesen nach Nigeria, um den Ärmsten zu helfen. Sie blieb fast 40 Jahre lang in Afrika, in fernen Dörfern, ohne Strom und fließendes Wasser.
Während ihrer Aufenthalte in der Heimat nahm sie an Protesten teil, oft vor einem Atomwaffentestgelände in der Wüste von Nevada. Vor ihrem Einbruch in Y-12 war sie an die 50 Mal verhaftet worden.
Das Atomprogramm ihres Landes widersprach schon früh ihrer tiefen Ehrfurcht für Gottes Schöpfung. Atombomben seien die Wurzel allen Übels, deshalb empfinde sie es als ihre Pflicht, diese Wurzel zu bekämpfen. "Wir müssen radikal sein", sagt Schwester Megan Rice.
Im Herbst 2011 saß Schwester Megan im Gerichtssaal, als einer fünfköpfigen Plowshares-Gruppe, die in den Heimathafen der amerikanischen Atom-U-Boote eingebrochen war, der Prozess gemacht wurde. Einer der Aktivisten war bereits zweimal am offenen Herzen operiert worden, eine Nonne war, wie sie selbst, schon über 80 Jahre alt.
Ich muss das auch machen, sagte sich Schwester Megan. Als sie Schwester Anne fragte, wie sie aktiv werden könne, verwies die auf Greg Boertje-Obed. Das sei der richtige Mann.
Nach einer halben Stunde erreichen Greg, Megan und Michael den Gipfel. Sie blicken hinab auf eine von Scheinwerfern erleuchtete Stadt. Der Y-12-Komplex liegt abgeschirmt von Hügeln und Wäldern in einem Tal. Bis heute nennt man ihn die Geheime Stadt.
Anfang der Vierzigerjahre befanden sich die Vereinigten Staaten in einem Wettrennen mit Hitler um die erste Atombombe, und in diesem Tal sollte Amerika das Rennen gewinnen. Tausende Arbeiter errichteten hier binnen neun Monaten die Geheime Stadt, die am Ende des Krieges 75 000 Einwohner zählte. Für sie wurden Billboards mit der Botschaft aufgestellt: "Schweigt über eure Arbeit – mit eurer Hilfe werden wir 1944 siegen." Die meisten Anwohner erfuhren erst am 6. August 1945, woran hinter der Anhöhe all die Jahre gearbeitet worden war. An diesem Tag titelte die "Knoxville News Sentinel": "Atomare Superbombe, produziert in Oak Ridge, trifft Japan."
Seit Beginn des Manhattan-Projekts haben die USA nach heutigem Wert ungefähr 10 000 Milliarden Dollar für ihr Atomwaffenprogramm ausgegeben. Heute besitzt das Land ein Arsenal von 4760 Atomsprengköpfen.
Y-12 gilt als Hochsicherheitsgebiet. Die Anlage wird von 500 Mann bewacht, es gibt Videokameras, Bewegungsmelder, Stacheldrahtzäune und Maschinengewehre, die Flugzeuge vom Himmel holen können. Der Betreiber spricht vom "Fort Knox der Atomwaffen".
Für einen Moment sind die drei eingeschüchtert, so groß hatten sie sich Y-12 nicht vorgestellt. "Herr, mach mich zum Werkzeug Deines Friedens", betet Michael Walli leise. Dann entdeckt Greg, der Logistiker der Gruppe, ihr Ziel: eine leuchtend weiße Halle, so groß wie ein Fußballfeld, mit Wachtürmen an allen vier Ecken. In ihrem Innern lagern, abgefüllt in Fässer, an die 400 Tonnen Uran, genug für 10 000 Atombomben. Genug für das Ende der Welt.
"Schaffst du das?", fragt Greg, als sie ins erleuchtete Tal hinabblicken. Ja, antwortet Schwester Megan. Sie denkt: Der Heilige Geist wird mich schon leiten. Ihre Taschenlampen sind mit einem Tape überklebt, um den Schein zu dämpfen. Drei Drahtzäune liegen zwischen der Halle und ihnen.
Greg zerschneidet den ersten Zaun. Keine Sirenen. Die eigentliche Hürde ist der zweite Zaun, der mit Bewegungsmeldern und Ultraschallkameras ausgerüstet ist. Ein Schild droht: "Ab hier darf tödliche Gewalt angewendet werden." Die drei wissen, dass die Maschinengewehre oben auf den Wachtürmen mit ihren 3000 Schuss pro Minute jedes Ziel zersieben können.
Sie habe in diesem Moment keine Angst gehabt, wird Schwester Megan später sagen. "Es gibt keinen besseren Weg, sein Leben zu beenden, als für eine solch wichtige Sache zu sterben." Auch Michael sagt, er sei bereit gewesen, für ihr Anliegen zu sterben. "Wir hätten dann größere Aufmerksamkeit bekommen." Außerdem sei er ein Bürger des Himmels, und Jesus Christus sei ein gerechter Richter. "Dem muss man nicht mit der amerikanischen Flagge um die Nase wedeln."
Greg ist überzeugt, dass der Zaun das Ende ihrer Operation ist. Monatelang hat er Karten studiert und mit Friedensaktivisten vor Ort geredet, er ist um das Gelände spaziert, hat sich Notizen gemacht, auch über die Abläufe des Sicherheitspersonals. Für die Recherche auf Google Earth musste er wegen des Internetanschlusses in die Bibliothek seiner Heimatstadt Duluth in Minnesota gehen. Jetzt stehen sie vor diesem Zaun, geführt bis hierher von Stadtplan, Google Earth und Heiligem Geist.
"Ich habe die Karte mal mitgebracht", sagt Greg, kurze Hose, schwarze Socken, ausgetretene Nikes, und faltet ein großes, abgegriffenes Stück Papier auseinander. "Hier ist der Parkplatz, an dem wir ausgesetzt wurden", sagt er.
Aufgewachsen als Sohn sehr religiöser Christen in Iowa, meldete er sich nach der High School als Reservist bei der U. S. Army, um sein Studium zu finanzieren. Er nahm an Übungen Teil, bei denen er sich mit Gasmaske gegen einen atomaren Angriff schützen sollte. Er konnte die Maske nicht mal fünf Minuten aufbehalten, gefordert waren fünf Stunden. Das macht alles keinen Sinn, dachte er. Mit seinem Glauben konnte er Ronald Reagans Politik der Aufrüstung ohnehin nicht vereinbaren.
"Jesus hat die Gesetze seiner Zeit andauernd gebrochen", sagt Greg. "Er hat Aussätzige berührt, am Sabbat geheilt, er hat permanent Widerstand geleistet." Jesus sei auch in dieser Hinsicht Vorbild.
Auch Gregs Frau Michele, die später dazustößt, hat an zwei Plowshares-Aktionen teilgenommen. Ihre zweite plante sie, als sie mit ihrer Tochter Rachel schwanger war. Nach der Geburt brach sie in einen Atomstützpunkt der Marine ein und saß dafür 16 Monate im Gefängnis.
Als Michele und Greg heirateten, schrieben sie das klassische katholische Eheversprechen in ihrem Sinne um: "Ich verspreche dir ...", begann es, "... unsere Vision aufrechtzuerhalten, für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu arbeiten ..., weiterhin die Ungerechtigkeit und Gewalt herauszufordern, die von unserer Regierung ausgeht", und schließlich "... dir und unserer Vision treu zu sein, in Zeiten der Krankheit, der Gesundheit und während unserer Zeit im Gefängnis".
Mittlerweile ist Greg einer der Rekordhalter der Bewegung. Er hat an sechs Aktionen teilgenommen, fast immer ging er dafür ins Gefängnis. Y-12 sollte sein Meisterstück werden.
Wir sind so weit gekommen, jetzt müssen wir's wenigstens versuchen, denkt er, stemmt den Bolzenschneider und durchtrennt den Hochsicherheitszaun. Wieder geschieht nichts. Schwester Megan klettert als Erste in die tödliche Zone. Als kurz darauf auch der letzte Zaun zerschnitten ist, sind die drei an ihrem Ziel.
Sie öffnen die Babyflaschen und werfen das Blut gegen die weiße Hallenwand. Das Blut steht für das Leben, für die Alternative zu den Instrumenten des Todes, die hinter der Wand lagern. Andere Friedensaktivisten hatten das Blut gespendet, darunter ein Mann, der selbst an früheren Plowshares-Aktionen teilgenommen hatte. Auf dem Totenbett hatte er sich gewünscht, an einer weiteren Aktion teilzuhaben. Ein paar Jahre lang lagerte sein Blut in einem Kühlschrank. Nun fließt es die Wand der Uranhalle hinab.
Dann lassen sie die weiße Rose fallen, eine Hommage an Hans und Sophie Scholl und deren gewaltfreien Widerstand gegen die Nazis. Mit kleinen Hämmerchen klopfen sie kleine Teile aus der Hallenmauer, ein symbolischer Akt der Zerstörung und Umwandlung. Während Schwester Megan ein rot-weißes Plastikband um den Tatort zieht, besprüht Michael die Wände mit Botschaften. "Arbeitet für den Frieden, nicht für den Krieg." "Die Frucht der Gerechtigkeit ist Frieden." Und: "Plowshares erfüllt Jesajas Auftrag."
"Wir konnten es selbst nicht fassen, aber wir haben alles erledigt, was wir uns vorgenommen hatten", sagt Michael Walli. Er ist der Impulsivste der drei Eindringlinge, der Kräftigste und Radikalste. Die Jahre im Gefängnis haben ihn nicht groß verändert. Der Ziegenbart ist ab, und er raucht nicht mehr.
Ein paar Wochen nach seiner Freilassung empfängt er im Catholic Worker House von Washington. Michael hat sein halbes Leben in jenen Häusern verbracht, die Dorothy Day einst gegründet hatte, er macht sich dort nützlich, meist als Gärtner. Er trägt ein Baumfällerhemd und spricht schnell und viel.
1968 ging er drei Jahre lang für die US-Armee nach Vietnam. Er erlebte, wie seine Landsleute das Land mit Bombenteppichen überzogen. Eine seiner Aufgaben war es, dafür zu sorgen, dass die Särge der gefallenen Soldaten, die in die Heimat überführt wurden, richtig beschriftet waren.
Als er nach dem Einbruch in Y-12 vor Gericht über seinen Lebensweg sprach, erwähnte er die Zeit in Vietnam wie folgt: "Und dann habe ich drei Jahre lang als Terrorist gearbeitet – als Angestellter der amerikanischen Regierung."
Nach dem Krieg litt er an posttraumatischen Belastungsstörungen und hielt sich in drei verschiedenen Psychiatrien auf. Zum ersten Mal im Leben las er viel, am liebsten in der Bibel. 2006 beteiligte er sich, gemeinsam mit Greg, an seiner ersten Plowshares-Aktion. Verkleidet als Clowns brachen sie in eine Basis für Atomraketen in North Dakota ein. Acht Monate für Michael, zwölf für Greg.
Er sei kein Anarchist, sagt Michael. "Was ich anklage, ist der illegale, unrechtmäßige und ungerechte Machtmissbrauch der US-Regierung." Diese sei "verkommen, schurkenhaft, terroristisch", er werde sie immer bekämpfen. "Und wenn ich noch hundertmal dafür ins Gefängnis muss."
Als auch das Brot und die Gurkensamen verstreut sind, ist die Zeremonie beendet. Eigentlich könnten sie jetzt gut verhaftet werden. Die drei hören die Gespräche der Männer oben auf dem Wachturm. Aber die Männer hören sie nicht. Sie fassen sich an den Händen und singen Kirchenlieder.
Hätte die drei nicht der Leibhaftige geschickt, sondern der "Islamische Staat" oder al-Qaida, und hätten sie statt Gurkensamen Sprengstoff in ihren Rucksäcken – Oak Ridge, die Vereinigten Staaten und die Welt sähen heute anders aus.
Wenn man mit Michael und Greg über das Versagen des Sicherheitssystems in jener Nacht redet, bringen sie ihre eigene Erklärung ins Spiel. Moses habe damals bekanntlich das Meer geteilt und die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit geführt. Wenn der Glaube stark sei und wenn Gott es wolle, dann ermögliche er die wundersamsten Dinge.
Gegen halb fünf am Morgen, die drei singen noch immer, erscheint doch noch ein Wagen des Wachdienstes. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter: "Was macht ihr hier?"
"Gott hat uns hergeführt", antwortet Schwester Megan. Während Michael und Greg Kerzen anzünden, verliest sie ihr Manifest von einem weißen Blatt Papier. "Brüder und Schwestern", beginnt sie. "Wir, Transform Now Plowshares, verurteilen mit unserer heutigen gewaltfreien Aktion das nukleare Modernisierungsprogramm der Regierung der Vereinigten Staaten ..."
Fünf Minuten später erscheint ein zweiter Officer. Mit schusssicherer Weste und Gewehr im Anschlag zwingt er die drei zu Boden und fesselt ihre Arme mit Kabelbinder auf den Rücken. Greg windet sich vor Schmerzen. Als er sagt, dass die Kabel zu fest gezogen seien, zieht der Officer sie noch enger. "Gott sieht alles, was Sie machen", ruft Greg. Seine Handrücken werden monatelang taub bleiben.
Das selbst ernannte "Fort Knox des Uran" ist von einer frommen Frau, 85 Jahre alt und herzkrank, eingenommen worden. Die Vereinigten Staaten sind blamiert.
Im Herbst 2012, kurz vor Beginn ihres Prozesses, besuchen Megan und Michael im Kongress von Washington mehrere Anhörungen zur Sicherheit der Y-12-Anlage. Sie sitzen auf der Tribüne, als ein Abgeordneter Megan bittet, sich zu erheben. "Wir möchten Ihnen danken, dass Sie uns auf unsere Sicherheitsprobleme hingewiesen haben", sagte der Abgeordnete Joe Barton, ein Republikaner aus Texas.
Der Chef der US-Behörde für Nukleare Sicherheit wird den Einbruch der Senioren später einen "wichtigen Weckruf" nennen. Seither seien massive Verbesserungen am Sicherheitskonzept erfolgt.
Im Gerichtsverfahren "The United States of America gegen Walli und andere" plädieren Michael, Greg und Schwester Megan auf unschuldig. Eine außergerichtliche Einigung, die ihnen womöglich das Gefängnis erspart hätte, aber einem Schuldeingeständnis gleichgekommen wäre, lehnen sie ab.
Wütend über ihre anhaltende Renitenz, klagt der Staat sie neben Landfriedensbruchs auch wegen "absichtlicher und heimtückischer Eigentumsbeschädigung" und schließlich wegen Sabotage an, wegen der "Absicht, die Verteidigungsfähigkeit der USA zu verletzen, zu beeinträchtigen oder zu verhindern". Ihnen drohen jeweils 35 Jahre Gefängnis.
"Drei Rentner mit Rucksack sind also eine Bedrohung für die Vereinigten Staaten von Amerika?", fragt Wallis Anwalt.
Sie hätten bewusst ein kleines Vergehen in Kauf genommen, um ein großes Verbrechen zu verhindern, in diesem Falle "den nuklearen Holocaust". Das lehnt der Richter ab. Sie berufen sich auf einen der Grundsätze des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals: Wer sich darüber bewusst ist, dass seine Regierung ein Kriegsverbrechen begeht, hat das Recht und die Pflicht, Widerstand gegen die Regierung zu leisten. Michael Walli, drastisch wie immer, vergleicht die Zerstörung des Zaunes von Y-12 mit der des Zaunes von Auschwitz.
Am 8. Mai 2013 fällt eine Jury im U. S. District Court von Knoxville, Tennessee, ihr Urteil: schuldig in allen Punkten der Anklage. Der Richter legt später das Strafmaß fest: drei Jahre für Schwester Megan, jeweils fünf für Michael und Greg, wegen der "Absicht, die nationale Verteidigungsfähigkeit zu gefährden, und der Zerstörung von mehr als 1000 Dollar an Regierungseigentum". Außerdem sollen sie 52 953 Dollar Schadensersatz bezahlen.
Die Staatsanwaltschaft hatte das Doppelte gefordert, aber der Richter fühlte sich, wie er in seiner Urteilsbegründung verrät, nicht ganz wohl dabei, "gute Leute" hinter Gitter zu stecken.
"Ich habe nicht die Mittel, Gottes Wille zu beurteilen", erklärt der Richter noch. "Ich kann auch nicht beurteilen, ob ihre Ansichten über Atomwaffen richtig oder falsch sind. Das überlasse ich lieber der Zukunft."
Am 16. Mai 2015 kommen die drei vorzeitig auf freien Fuß, nach gut zwei Jahren.
Seither genießt Greg die seltenen Tage mit seiner Frau am Lake Superior, auch wenn ihn deren Realitätssinn manchmal nervt, wenn sie etwa sagt: "Plowshares ist vermutlich eine der albernsten Aktionen, die man unternehmen kann. Die USA werden niemals ihr Atomarsenal einstampfen, weil wir mit unseren Hämmerchen rumhüpfen und Liedchen singen."
Seit 35 Jahren riskieren die Plowshares-Aktivisten nun ihr Leben für den Kampf gegen Atomwaffen. Sie haben ihm Hunderte Jahre Lebenszeit im Gefängnis geopfert. Was haben sie erreicht?
Amerika hat in diese Zeit die Zahl seiner Atomwaffen tatsächlich reduziert, aber das liegt nicht am Blut frommer Leute und den Gurkensamen, die sie in die Welt streuen. Um den Kreislauf aus mehr Waffen und noch mehr Waffen zu stoppen, schloss das Land Abrüstungsverträge wie etwa das Start-Abkommen mit der
Sowjetunion. Die jährlichen US-Militärausgaben sind dadurch in den vergangenen
fünf Jahren um 100 Milliarden Dollar zurückgegangen.
Das ist, aus Sicht der Rüstungsgegner, der erfreuliche Teil einer Bilanz.
Auf der anderen Seite mussten die Amerikaner feststellen, dass ihre atomaren Waffen mit den Jahren zu einem Schrotthaufen gealtert waren. Sie beschlossen deshalb eine gigantische Modernisierung ihres verbliebenen Arsenals und steigerten die Ausgaben für atomare Rüstung um etwa zwanzig Prozent. Aber auch das reicht inzwischen nicht mehr: Vom kommenden Jahr an werden die Kosten noch mal nach oben jagen, nach seriösen Schätzungen um weitere zehn Milliarden Dollar pro Jahr.
Ein beträchtlicher Posten dieser Summe steckt im Y-12-Komplex. Schwester Megan und ihre Freunde haben die Kosten für die Sicherung der Anlagen höhergezogen, auf fast zwei Milliarden Dollar pro Jahr. Nach jeder Aktion wurden ein paar Kameras mehr installiert und die Zäune verstärkt.
Das ist, von der Warte der Aktivisten aus betrachtet, der weniger erfreuliche Teil der Bilanz.
Am vergangenen Mittwoch, dem Vorabend des 70. Jahrestages von Hiroshima, treffen Michael Walli und Schwester Megan Rice in Washington aufeinander. Es gibt eine Gedenkfeier, und die beiden alten Leute sind als Ehrengäste geladen. Es ist ihr erstes Wiedersehen seit der Freilassung. Sie umarmen sich, sie erzählen sich Geschichten aus dem Knast, und dann fallen Sätze, die nach Scheitern klingen.
"Die Y-12-Anlage gibt es immer noch", sagt Schwester Megan. "Keine Atomwaffe wurden seit unserem Einbruch verschrottet. Sie weigern sich weiter, die Waffen umzuwandeln, um den wahren Bedürfnissen der Menschen nachzukommen."
War es das?
"Niemals", sagt sie. "Ich werde niemals aufhören. Es muss ganz einfach gemacht werden."
Dann setzt sie sich auf ihren Platz. Am frühen Abend, um 8.16 Uhr japanischer Zeit, in dem Moment, als die Bombe explodierte, halten sich Michael Walli und Schwester Megan Rice an den Händen, sie schließen die Augen und schweigen. Ein japanischer Frauenchor singt das Kirchenlied "Amazing Grace", während auf der Leinwand über ihren Köpfen noch einmal die Bombe explodiert.
* Nach der Plowshares-Aktion am 28. Juli 2012.
Von Feldenkirchen, Markus

DER SPIEGEL 33/2015
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