08.08.2015

MigrationEin Boot für die Welt

„Ärzte ohne Grenzen“ rettet als einzige Hilfsorganisation Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, bisher schon mehr als 10 000 Menschen. Unterwegs mit der „Phoenix“ vor Libyen. Von Juliane von Mittelstaedt und Christian Werner (Fotos)
SPIEGEL-SERIE (III) Flüchtlinge riskieren ihr Leben, für eine Zukunft ohne Armut, Angst und Krieg. Wenn sie nach einer Fahrt in überladenen Booten das Festland erreichen, sind sie noch lange nicht am Ziel. Zum Beispiel warten da die Zäune von Calais vor dem Eurotunnel nach Großbritannien. Zwei Geschichten von Mut und Verzweiflung.

Der Anruf kommt um 10.15 Uhr am vierten Tag auf See, genau in dem Moment, als der Kapitän sagt, es werde wohl ein ruhiger Tag. Ein Flüchtlingsboot wurde gesichtet, 33° 05' N, 12° 27' E, 17 Seemeilen vor Sabrata, Libyen. Es könnte ein Schlauchboot sein, darauf passen um die 100 Menschen. Oder es könnte ein Holzboot sein, mit bis zu 800 Menschen an Bord. Der Kapitän gibt Gas, die MY "Phoenix" fährt mit voller Kraft.
Denn das ist das Gesetz des Meeres: Mit jeder Stunde werden die Kleinkinder auf dem Flüchtlingsboot schwächer, werden mehr Frauen ohnmächtig, atmen die Männer unter Deck mehr giftige Benzindämpfe ein, verlieren die Schlauchboote Luft und laufen die Holzboote voller Wasser. Mit jeder Stunde wächst die Gefahr, dass das Boot leckschlägt oder einfach sinkt.
Und es wird noch drei Stunden dauern, bis die Helfer das Boot erreichen.
An Bord machen sie sich bereit. Da ist Regina Catrambone aus Italien, die Gründerin der "Migrant Offshore Aid Station", kurz Moas. Da sind der Nothilfekoordinator Will Turner aus Großbritannien und die Krankenschwester Mary Jo Frawley aus den USA, beide von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Die drei sind das Herz der Mission, aber natürlich sind sie nicht allein. Da sind auch der Kapitän aus Spanien, die Drohnenpiloten aus Österreich, der Rettungsspezialist aus Malta. Insgesamt 18 Menschen, im Einsatz zwischen Sizilien, Malta, Libyen, in einem Gebiet, so groß wie Deutschland. Wartend auf einen Anruf aus Rom. Oder einen Punkt am Horizont.
Die "Phoenix": 40 Meter lang, erst Fischtrawler, dann Forschungsschiff, im dritten Leben unterwegs im Auftrag der Humanität, mit einem schlichten Ziel: Leben zu retten, wo es sonst keiner tut. Ein schwimmendes Flüchtlingslager, dazu eine Krankenstation, ausgerüstet mit Medikamenten gegen Seekrankheit, Krätze und Schmerzen, mit Babynahrung, Sauerstoff, einer Kühlbox mit Impfstoffen, 50 Leichensäcken in zwei Größen: für Erwachsene und Kinder.
Das Mittelmeer ist ein Krisengebiet mit über 2000 Toten in diesem Jahr, mehr als durch Anschläge in Afghanistan. Aber natürlich ist diese Zahl schon eine Lüge, denn das sind nur die Toten, von denen die Welt Kenntnis genommen hat. Wie viele ertrunken sind, ohne jede Spur zu hinterlassen, wer weiß das schon?
Trotzdem sind in diesem Krisengebiet keine Hilfsorganisationen unterwegs, alle warten an den Küsten auf die Überlebenden. Das Geschäft des Rettens erledigen die, die dafür am wenigsten vorbereitet sind: Marine und Handelsschiffe. Dabei kommen immer mehr Flüchtlinge über das Mittelmeer, 188 000 bislang in diesem Jahr.
Ein Krisengebiet ohne Nothelfer, undenkbar eigentlich. So dachten die Ärzte ohne Grenzen, oder in der Sprache ihrer Gründer: Médecins Sans Frontières, kurz MSF. Die größte, bestorganisierte medizinische Nothilfeorganisation der Welt, eine Armee des Überlebens, Profis für Naturkatastrophen und Bürgerkriege, im Einsatz gegen HIV, Ebola und Masern. 1,066 Milliarden Euro Budget im Jahr 2014, 8,3 Millionen Behandlungen, 2769 internationale Mitarbeiter und über 31 000 lokale Helfer.
Sie messen die Hilfsbedürftigkeit an der Mortalität, eine kalte, präzise Zahl. Eine akute Notfallsituation: mehr als ein Toter pro 10 000 Menschen am Tag. Auf dem Mittelmeer starben im vergangenen Jahr mindestens 3500 Flüchtlinge, 219 000 gelangten nach Europa. Das sind: zehn am Tag. Oder: einer von 63.
MSF, bisher an Land, stach in See. Nie passte ihr Name besser als jetzt, auf diesem scheinbar grenzenlosen Meer, das die gefährlichste Grenze der Welt geworden ist.
Drei Schiffe sind seit Frühsommer im Einsatz: die "Dignity 1", die "Bourbon Argos" und die "Phoenix", das kleinste der drei Schiffe. Ihre Gesamtkapazität: 1400 Flüchtlinge. Die einzige echte Rettungsmission privater Helfer im Mittelmeer: so gut wie komplett finanziert mit Spenden. Über zehn Millionen Euro kostet MSF die Seerettung in diesem Jahr, allein 1,6 Millionen Euro die "Phoenix", die gemeinsam mit Moas finanziert wird. Mehr als 10 000 Menschen hat MSF bisher gerettet. Die Mortalität bis Mitte 2015: einer von 76. Ein kleiner Erfolg, immerhin.
Schätzungsweise 15 bis 20 Schiffe fahren zurzeit jeden Tag von Libyen los, etwa 3000 Menschen. Nach ein paar Stunden rufen sie einen Kontaktmann in Italien an, oder sie melden sich direkt bei der Seenotrettungszentrale in Rom. Oder die Marine oder ein Frachtschiff entdeckt sie. Wer in der Nähe ist, muss dann zu Hilfe eilen. Nur: Was ist, wenn kein rettendes Schiff da ist?
So wie am Mittwoch dieser Woche, als ein Fischkutter vor Libyen sinkt, darauf 600, vielleicht 700 Menschen. Dabei ist die Rettung nahe, ein irisches Marineschiff will die Flüchtlinge bergen, da drängen sie auf eine Seite, zu den Helfern, so kentert das Boot. 373 Menschen überleben, aber all die, die unter Deck sind, reißt das Boot in die Tiefe. Auch die drei MSF-Schiffe sind da, doch diesmal retten sie nicht, sondern suchen nach Toten.
Aber jetzt fährt die "Phoenix" zu ihrem nächsten Einsatz, es ist 11.30 Uhr, und in einer verdunkelten Kabine sitzen drei Mitarbeiter der österreichischen Firma Schiebel vor Monitoren und steuern eine Drohne. Das erste Bild von dem Boot.
Ein heller Fleck im Blau.
Es sieht stabil aus, größer als ein Schlauchboot, es liegt tief im Wasser. Der Fleck bewegt sich, und das ist ein gutes Zeichen: Noch fährt das Boot. Aber es fährt langsam, eher Schlangenlinien als geradeaus. Vielleicht fließt schon Wasser hinein, vielleicht hat der, der am Steuer steht, die Orientierung verloren.
Nachts um drei Uhr sind sie losgefahren, so werden die Flüchtlinge es später erzählen, und wer sich beschwerte, über die Enge, über die vielen Menschen, der wurde von den Schleppern geschlagen. Manchen haben sie noch beim Einsteigen ihr Geld abgenommen, ihren Schmuck. Einige haben nur 500 Dollar bezahlt, andere 2000. Bald darauf ging der Steuermann von Bord, vorher sagte er zu ihnen: Haltet auf das Licht zu. Also hielten sie auf das Licht zu, ohne zu wissen, dass es die Ölplattform Bouri ist, deren Flamme wie ein Leuchtturm über das Meer strahlt. Sie dachten, das Licht, das ist Europa.
Doch es ist Tag geworden, und kein Land war in Sicht. Das Wasser im Boot stieg höher, die Kinder schrien. Die Männer steuerten abwechselnd, immer Richtung Norden, so fuhren sie zehn Stunden lang, ein offener Holzkahn, 15 Meter, blau gestrichen, die Pinne ein Stück Eisenrohr.
Kurz vor 13 Uhr taucht das Boot am Horizont auf, immer näher kommt es, gedrängt kauern die Flüchtlinge an Deck, manche hängen über der Bordwand, viele haben sich ein Handtuch um den Kopf gewickelt. Überraschend ist, wie still 267 Menschen sein können. Laut ist nur der Motor, er knattert und qualmt.
Ein direktes Umsteigen auf die "Phoenix": viel zu gefährlich. Die Retter nehmen daher das Schlauchboot, langsam fahren sie heran. Ihr seid sicher, rufen sie. Bleibt ruhig! Sie werfen ihnen die Schwimmwesten zu, dann bringen sie die ersten Flüchtlinge zum Schiff, mehr als zwei Stunden dauert die Rettungsaktion. Auf der "Phoenix" begrüßen sie jeden mit diesem Satz, der lächerlich wirken könnte, wäre er nicht so ernst gemeint: Welcome on board.
Einige brechen noch an der Bordwand zusammen, erschöpft von den Stunden auf See, von den Tagen und Wochen des Wartens zuvor. All die Kraft, mit der sie sich ans Leben geklammert haben, ist plötzlich weg. Einige beten, ein Syrer verteilt Luftküsse. Es gab auch schon welche, die haben Selfies von der Rettung gemacht. Und als Erstes nach dem WLAN-Passwort gefragt.
Einige sehen aus, als wäre die Fahrt nach Europa ein Sonntagsausflug, die Männer in Blazer, die Frauen mit Pumps und Nagellack. Andere sind barfuß, gewickelt in Decken. Die meisten Flüchtlinge haben nur einen Plastikbeutel in der Hand, manche einen Rucksack, und einer trägt tatsächlich einen winzigen Hartschalenkoffer.
Als alle auf der "Phoenix" sind, 267 Menschen, darunter 27 Kinder und 30 Frauen, tanzt das Boot auf den Wellen. Zurückgeblieben sind ein paar leere Flaschen, Kinderfotos, Sandalen, libysche Münzen. Im Unterdeck kann man kaum aufrecht sitzen, es ist heiß und stickig, Wasser schwappt unter den Bohlen, 30, 40 Menschen saßen hier. Noch ein paar Stunden, dann hätte alles unter Wasser gestanden.
Während der Rettungsaktion hat sich der italienische Zerstörer "Caio Duilio" genähert, 153 Meter lang, ein Meisterwerk der Militärtechnik, mit Flugabwehrraketen, Torpedos und Artillerie an Bord. Ein schwimmender Vorposten der Festung Europa, aber nur schlecht geeignet, um Menschen zu retten. Jetzt klettern die Soldaten auf das leere Holzschiff, sie untersuchen und versenken es. Danach fährt der Zerstörer neben der "Phoenix" her, ein grauer Schatten am Horizont. So sieht sie aus, Phase eins von EUNAVFOR Med, dieser Militäroperation gegen Schleuser.
Die Armee, ausgerechnet, ist hier zugleich Feindbild und Partner von MSF. Denn um zu retten, müssen die Helfer tun, was sie sonst vermeiden: Sie kooperieren mit dem Militär. Die Italiener bestimmen, welches Boot sie retten und wohin sie die Flüchtlinge bringen. Nur dann werden sie von der Seenotrettung in Rom über Boote informiert. Nur dann dürfen sie die Geretteten an Land bringen, die ja vor dem Gesetz illegale Einwanderer sind. Ein Schiff voller Flüchtlinge, das nirgendwo anlegen darf: Das wäre ein Albtraum.
Es ist die zehnte Rettungsfahrt von Will Turner, der Brite ist Nothilfekoordinator, das heißt: Chef der sechs MSF-Helfer auf der "Phoenix" und zugleich der Jüngste im Team. Leise, sanft, ein wenig intellektuell, aber kein Romantiker, sondern radikal pragmatisch. Seit vier Jahren ist er bei MSF, auf Jahresvertrag, Vollzeit, zuständig für Logistik und Planung. Seine Augenbrauen sind ausgebleicht von der Sonne, die Turnschuhe trägt er seit Jahren durch die Krisengebiete der Welt, vielfach geflickt, bei irgendeinem Schuster in Afrika.
32 Jahre ist er alt und hat schon ein Massaker gesehen. 13 Dorfälteste in Boguila, Zentralafrikanische Republik, von ihm zusammengerufen, von Rebellen erschossen, vor seinen Augen. Auch drei lokale MSF-Mitarbeiter starben. "Eine schwierige Situation", so nennt er das, und sichtbar ist von dem Schock nur ein nervöses Zucken. Die MSF-Klinik, 200 Betten, eine Fabrik des Überlebens, nach dem Massaker: erst mal geschlossen. So hat das Massaker an 16 noch viel mehr Tote gefordert.
Ein Einsatz, so schwer wie keiner, so dachte er nach Boguila. Dann kam Ebola, und Will Turner ging nach Sierra Leone und baute dort die zweitgrößte Ebola-Station in Westafrika auf. Sie behandelten Tausende Patienten, die Hoffnung der Welt ruhte auf den Helfern, als wäre MSF eine Art Doktor Uno, nur ohne Bürokratie, Skandale und Vetomächte. Dass Ebola nicht mehr Tote forderte: Das ist auch das Verdienst von Helfern wie Will Turner.
Und jetzt das Mittelmeer. "Eine Urlaubsmission", sagt er. Draußen springen Delfine und schwimmen riesige Schildkröten vorbei. Der schönste Arbeitsplatz der Welt. Und manchmal der schlimmste. Wenn sie nicht Lebende retten, sondern Leichen bergen. Aber dieses Mal sind sie zum Glück rechtzeitig gekommen.
An Bord läuft jetzt die Hilfsmaschine an: Wasser, Energiekekse, Socken, Schutzanzüge zum Aufwärmen. Die häufigsten Fragen: Wo sind wir? Wo fahren wir hin? Kann ich meine Familie anrufen?
48 Stunden werden die Flüchtlinge auf dem Schiff verbringen, dann wird die "Phoenix" in Reggio Calabria anlegen, ganz im Süden Italiens. Als es Abend wird, fotografieren einige den Sonnenuntergang, andere beten, dann legen sie sich auf den Boden, das Gepäck unter dem Kopf, so wie Menschen, die schon lange auf der Flucht sind.
Der Mahlstrom, der Migration heißt, hat sie alle an Deck der "Phoenix" gespült, in dieses schwimmende Flüchtlingslager für zehn Nationen, überspannt von einem Sonnensegel, dazu zwei Dixi-Klos. Junge Männer und Frauen aus Äthiopien, Somalia, Nigeria und Eritrea. Aus Bangladesch, woher die meisten stammen, 131 insgesamt, außerdem viele aus dem Sudan und Syrien; auch drei Pakistaner, zwei Ghanaer und zwei Senegalesen sind dabei.
Da ist die Familie mit zwei Babys, aus Nigeria geflohen vor Boko Haram. Josef, 31, aus Darfur, dessen Dorf 2005 von den Dschandschawid-Rebellen zerstört wurde und der seither von einem Lager zum anderen zog. Eric, 21, aus Ghana, der erzählt, dass er im Mai seine ganze Familie bei einem Großbrand in Accra verlor.
Da ist Aminul, 21, aus Bangladesch, dessen Vater Bauer war, gelähmt seit einem Schlaganfall. Und dessen Mutter alles verkaufte, um die 5000 Dollar für die Reise nach Tripolis aufzutreiben. Sechs Monate saugte er Büros, reinigte Toiletten, aber so gut wie nie bekam er Geld. Und als er fragte, so erzählt er, da hielt ihm sein Chef eine Waffe an den Kopf und sagte: Beim nächsten Mal erschieße ich dich.
"Ich konnte nicht nach Bangladesch zurück", sagt Aminul. "Es war einfacher, nach Europa zu fahren." Sein Leben: eine Investition. Die Rückkehr: ein Totalverlust.
Da sind die somalischen Teenager Asma und Mohammed, sie 16, er 18, ihre Geschichte ein Albtraum, wie er vielen auf dem Boot widerfahren ist: in Libyen entführt, geschlagen mit Kabeln, ein Stück Brot am Tag. Sie mussten sich freikaufen, 5200 Dollar, die Eltern in Mogadischu verschuldeten sich. Sich aneinanderklammernd, sagen sie: "Wir wollten ein besseres Leben, was könnten wir in Somalia schon werden?" Ein besseres Leben: er Fußballer und sie Ärztin. "Aber hätten wir gewusst, wie gefährlich es ist, wir wären nicht gegangen", sagt Mohammed und zeigt die Narben am Rücken. "Es stand 50:50 um unser Leben. Keiner wusste, wo wir waren. Wir hätten einfach verschwinden können."
Da ist die Syrerin Namat, 35 Jahre alt und Grundschullehrerin aus Jarmuk. Sie erzählt: Ihr Haus wurde zerstört, sie flohen nach Damaskus. Aber in diesem Sommer war ihre Hoffnung aufgezehrt, auch ihr Erspartes. Und weil das Geld nur für die halbe Familie reichte, 4000 Dollar, fuhr sie, zusammen mit Omar, dem Fünfjährigen. Vater und Tochter blieben zurück. Namat zeigt Bilder von der Tochter, 15 Jahre alt, in der Shoppingmall, auf dem Spielplatz, beim Auspusten der Kerzen auf dem Geburtstagskuchen. Bilder einer glücklichen Familie, und Namat hat die Aufgabe, diese Familie wieder zusammenzufügen. Sie soll Mann und Tochter nachholen, nach Deutschland.
Sie lacht, als sie durch die Fotos auf ihrem Smartphone wischt, ein Lachen gegen die Angst, ein Lachen für ihren Sohn, dem sie diese Flucht als Urlaub verkauft und dem sie versprochen hat, in Deutschland dürfe er Fahrrad fahren. Omar wurde kurz vor dem Bürgerkrieg geboren, sein Leben bisher: eine Ausnahmesituation. So steht er jetzt an der Bordwand und lacht das Meer an, ein fröhlicher Junge im Urlaub, während seine Mutter sagt: "Diese Reise ist für ihn, damit er ein besseres Leben hat."
267 Gründe für die Flucht: Krieg, Unterdrückung, Armut, Schicksalsschläge, Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber eines gibt es nicht: eine Flucht ohne Not.
Die Krankenschwester Mary Jo Frawley, die Haare von der Sonne so ausgebleicht, dass man nicht weiß, ob blond oder grau, stellt einen Campingstuhl auf, daneben einen Kasten mit Medikamenten. Die Untersuchung beginnt mit einer einfachen Frage: Wie geht es dir? Diese Frage lässt manche weinen, fast alle bringt sie zum Reden, die Schwangeren und Vergewaltigten, Traumatisierten und Erschöpften.
Frawley war 20 Jahre lang Krankenschwester im Long Beach Memorial, Kalifornien, 1999 ging sie auf ihren ersten MSF-Einsatz und kehrte nicht wieder zurück. Inzwischen ist sie 60 und denkt nicht ans Aufhören. Sie sagt: Ich will weitermachen, bis ich sterbe. Gibt es Schöneres, als zu helfen? Immer wieder woanders sein, immer wieder Neues entdecken? Immer wieder leben, weil man fast gestorben wäre?
Wenn sie Geschichten erzählt, ist das wie eine Reise durch die Krisen der letzten zwei Jahrzehnte: Sierra Leone, Haiti, Sudan, Syrien, Somalia, Zentralafrikanische Republik, Simbabwe, Sri Lanka, Tschad, Pakistan. Es sind auch die Länder, aus denen viele Flüchtlinge stammen. Sie sind Boten aus einer Welt der ungelösten Konflikte, in die selbst die mutigsten Nothelfer mitunter nicht mehr kommen. Die Zahl der Einsatzgebiete von MSF: nur noch 63 Länder. In Libyen, Nigeria, Sudan, Mali, Somalia und Burma mussten sie Projekte reduzieren oder ganz schließen. Aus Sicherheitsgründen oder weil die Regime sie nicht arbeiten lassen.
Obwohl die Not steigt und die Zahl der Konflikte zunimmt, schrumpft der Raum für die Helfer. Im Jahresbericht 2014, eine schonungslose Bilanz des Rettens und Nicht-retten-Könnens, heißt es: "Etwa 59 Prozent der Aktivitäten fanden in einem Umfeld der Instabilität statt."
Deswegen ist die Krankenschwester auf der "Phoenix", die Rettung der Flüchtlinge ist für sie nur das letzte Glied in einer Kette des Versagens. Weil sie den Menschen oft nicht mehr in ihrer Heimat helfen können, wollen sie ihnen zumindest die Flucht erträglicher machen. Manchmal trifft sie Sudanesen oder Somalier aus Flüchtlingslagern, in denen sie gearbeitet hat. Es gab auch schon lokale MSF-Helfer, die sie hier gerettet haben. So schließt sich der Kreis. Obwohl die Nothelfer innerhalb von 24 Stunden in der ganzen Welt im Einsatz sein können, haben sie ausgerechnet in Europa seit 15 Jahren immer mehr Projekte gegründet. Neben den Schiffen noch 107 Helfer, in Serbien, Mazedonien, Italien, Griechenland. Kliniken, Traumabehandlung, manchmal auch nur Busse für die Flüchtlinge, wie auf Lesbos. Denn wie kann man in der Ferne retten, wenn in der Nähe schon so viele Hilfe brauchen?
Der erste Tag an Bord: die Freude darüber, am Leben zu sein. Der zweite Tag: die Furcht vor dem, was kommt. Das ist der Tag, der für die Helfer von MSF am schwierigsten ist. Denn die Fragen werden drängender. Warum dürfen wir in Europa nicht reisen, wohin wir wollen? Warum wollt ihr uns nicht? Warum ist euch egal, was in unserer Heimat passiert?
Will Turner, der Teamleiter aus Großbritannien, hasst diese Fragen. Soll er den Flüchtlingen die Hoffnung nehmen, soll er erzählen von Erstaufnahmelagern, Dublin, Asylgründen? Soll er sagen, wer eine Chance bekommt in Europa und wer abgeschoben wird oder untertauchen muss? Schließlich ist das ein System, das er ablehnt, weil er findet, dass Europa mehr Menschen aufnehmen könnte. Was sind schon ein paar Hunderttausend Flüchtlinge, wenn sogar Jordanien oder die Türkei allein Millionen aufnehmen.
Stattdessen erzählt er ihnen von Europa, er malt eine Karte von dem ersehnten Kontinent. Damit sie überhaupt wissen, wo sie sind. Und wo sie hinwollen. Er setzt sich zu ihnen, redet mit ihnen, denn Zuhören, das ist hier ihre wichtigste Medizin.
So vergeht der Tag, dann bricht für die Flüchtlinge die zweite Nacht auf der "Phoenix" an. Drinnen, im Salon, sieht die Crew dem gestrandeten Tom Hanks dabei zu, wie er versucht, auf einem Floß von einer einsamen Insel zu entkommen. Aber Will Turner schaut lieber auf die Wellenkronen, die im Mondlicht tanzen, und denkt über dieses Wort nach, das der deutsche Innenminister so gern benutzt: Pull-Faktor. Es ist ein Wort, das Turner schwer im Magen liegt, denn es meint, dass, wer hilft, eine Mitschuld hat an der Flüchtlingskrise.
"Aber der Syrer in Jarmuk, der flieht, der überlegt sich vorher nicht, ob wir ihn auf dem Meer retten oder nicht", sagt er. Wer Schiffe zerstöre, der mache die Passage teurer. Oder die Boote schlechter. Es ist das Prinzip von Angebot und Nachfrage, das auch im Flüchtlingsgeschäft gilt. Es ist allerdings die bittere Ironie des Helfens, dass auch der gute Wille tödliche Folgen haben kann. Je mehr Flüchtlinge direkt vor der Küste geborgen werden, desto größer ist die Gefahr, dass sich die Schmuggler weniger Mühe geben, seetaugliche Boote loszuschicken. Die Flüchtlingskrise ist ein Dilemma, auch für die Retter.
"Aber angesichts der vielen Toten blieb uns nichts anderes übrig, als etwas zu tun. Wären wir nicht hier, es würden sicherlich mehr Flüchtlinge ertrinken", sagt Will Turner. "Die Menschen sterben, weil wir unsere Grenzen immer schärfer bewachen. Das kann ich nicht akzeptieren."
Er wünscht sich daher, dass MSF Flucht und Migration zum wichtigsten Thema macht und mit Nachdruck eine politische Position dazu formuliert. Wer wäre besser dafür geschaffen als diese Organisation, im 44. Jahr ihres Bestehens, diese kleine, wilde Schwester des Komitees vom Roten Kreuz, ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis und überschüttet mit Lob?
Auch innerhalb von MSF ist die Seerettung umstritten. Vor allem die Traditionalisten wollen bei der klassischen medizinischen Nothilfe bleiben. Aber ist das genug in einer Welt, in der so viele Menschen auf der Flucht sind, fast 60 Millionen im vergangenen Jahr? In der Konflikte nicht nur Verwundete und Verhungernde produzieren, sondern auch immer mehr Hoffnungslose? Viele wollen nicht mehr in Flüchtlingslagern bleiben, nicht in diesem Zwischenzustand vegetieren, den das Schicksal ihnen zugedacht hat, in Zelten und Hütten, am Rand der Wahrnehmung, als Opfer und Mitleidsempfänger. Nein, sie wollen ihr Schicksal in die Hände nehmen, und deshalb machen sie sich auf in ein besseres Leben.
Am Morgen, Italien am Horizont, hält Will Turner eine Abschiedsrede. Er sagt: "Wir möchten uns bedanken, dass ihr eine so nette, kooperative Gruppe gewesen seid, es war eine Freude, euch hier zu haben."
Die Männer fegen das Deck. Falten die Wolldecken zusammen. Polieren sich die Schuhe. Die Syrerin Namat streckt sich an der Reling, sie pudert sich das Gesicht und legt Lippenstift auf. Ihr ganzer Besitz steckt in einem Kulturbeutel von Old Spice. Pässe, Geld, Lippenstift, Make-up. Die äthiopischen Mädchen stecken ihr Haar hoch und befestigen ihre Ohrringe. Aminul aus Bangladesch rasiert sich, mit prüfendem Blick in die Handykamera.
Sie machen sich schön für Europa.
Aber Europa zeigt seine hässliche Seite. Ein abgesperrter Pier, weiße Zelte, Einwanderungsbeamte, Polizei, Gesundheitsministerium, Sanitäter, Rotes Kreuz, Fotografen. Mit Atemmasken, als drohte Ebola. Die Beamten gehen an Bord, sie schreiten durch die Reihen, die Blicke über Gesichter tastend. Wer ist hier ein Schleuser?
Kurz darauf führen sie drei Sudanesen von Bord. Vielleicht haben sie am Steuer gestanden, aber das macht sie noch nicht zu Schleppern: Wer steuert, gehört oft zu den Ärmsten, er zahlt weniger, bekommt eine Einweisung, ein Satellitentelefon in die Hand. In Italien gilt er damit als Schleuser, zu bestrafen mit bis zu zehn Jahren Haft.
Will Turner bleibt zurück, die Zähne vor Wut zusammengepresst. Eigentlich gilt mit den Behörden die Abmachung, dass das Boot tabu ist für Befragungen. Weil die Retter nichts zu tun haben wollen damit. Aber die Italiener kümmern sich immer weniger darum. Fast jedes Mal, sagt Will Turner, nähmen sie einen fest. Vielleicht muss es immer eine Festnahme geben, um zu zeigen: Italien greift durch.
Dann schultert Aminul seinen schwarzen Rucksack, in dem seine Kleidung steckt, und geht an Land. Namat und ihr Sohn gehen lächelnd von Bord, als hätten sie ihr nächstes Urlaubsziel erreicht. Die Somalierin Asma schwankt, sie zittert, ihr ist schwindlig und übel vor Aufregung, und als sie Italien betritt, bricht sie zusammen.
Will Turner bleibt auf dem Schiff. Er überlegt, was wohl aus ihnen wird, den Jungs aus Bangladesch, den syrischen Kriegsflüchtlingen, den Kindern aus Somalia. Die jetzt erst mal in ein Aufnahmelager kommen, registriert werden oder nicht, und sich dann aufmachen in Richtung Norden. Wo dann, keine Woche später, die Syrerin Namat mit ihrem kleinen Sohn in der Notunterkunft im Patrick-Henry-Village in Heidelberg ankommt, fast dreimal überbelegt, mit 2800 Menschen.
Bleibt er mit ihnen in Kontakt? "Eigentlich nie", sagt Will Turner, er will die Arbeit vom Privaten trennen, vor allem will er den Flüchtlingen keine unerfüllbaren Hoffnungen machen, auf eine Freundschaft in Europa. Er will einfach nur der Mann sein, der ihr Leben gerettet hat.
Dann legt das Boot wieder ab.



Der Beitrag über den Einsatz der "Phoenix" läuft am 16. August um 22.15 Uhr bei SPIEGEL TV auf RTL.
Von Juliane Mittelstaedt

DER SPIEGEL 33/2015
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