08.08.2015

DissidentenIn der Komfortzone

Nach vier Jahren Haft, Überwachung und Ausreiseverbot ist Ai Weiwei in Deutschland angekommen. Die plötzliche Freiheit vergnügt und verunsichert ihn. Er sucht eine neue Rolle. Eine Begegnung. Von Bernhard Zand
Hochsommer in München, die Chinesen sind da. Sie stehen Schlange vor den Boutiquen in der Maximilianstraße, sie staunen die Straßenmusiker am Odeonsplatz an, die Jungen sitzen abends unterm Chinesischen Turm im Englischen Garten und küssen sich. Alle haben Kameras dabei, alle machen Bilder.
Auch der chinesische Künstler Ai Weiwei ist seit ein paar Tagen in München, auch er macht unaufhörlich Bilder und stellt sie ins Internet. Manche sind Schnappschüsse, wie sie auch seine Landsleute aus Europa nach Hause schicken, manche nicht. Eines zeigt ihn mit seinem sechsjährigen Sohn Lao beim Besuch einer Keith-Haring-Ausstellung, ein anderes bei einer neurologischen Untersuchung im Klinikum Großhadern. Eines zeigt den Nachthimmel über der Allianz Arena, auf einem anderen liegt der Künstler mit nacktem Oberkörper am Ufer der Isar, jemand hat ihm mit Kieselsteinen das Wort "FUCK" auf die Brust gelegt.
"Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben keinen genauen Plan, was ich als Nächstes mache", sagt Ai Weiwei. "Ich bin nach München gekommen, um mich ärztlich durchchecken zu lassen. Irgendwann werde ich nach Berlin fahren und Ende des Jahres nach Melbourne." Was davor und danach passiert – wer weiß.
"Ai Lao ist schwimmen gegangen", sagt die Filmemacherin Wang Fen, Ai Weiweis Lebensgefährtin und Mutter ihres gemeinsamen Sohnes. Die Eltern nennen immer seinen vollen Nach- und Vornamen, wenn sie über ihn sprechen. "Ich weiß", antwortet Ai Weiwei. "Ich sollte auch schwimmen gehen. Das Licht ist so schön, die Luft ist so klar. Es kommt mir unwirklich vor. Manchmal ist mir zum Weinen."
Vor vier Jahren verhafteten chinesische Beamte den berühmtesten Künstler des Landes vor dem Antritt einer Auslandsreise. Jahre der Auseinandersetzung waren vorausgegangen, schwierige Jahre sollten folgen. Die Staatssicherheit hielt ihn fast drei Monate lang an einem unbekannten Ort fest und nahm ihm seinen Reisepass weg. Nach der Haft wurde Ai zunächst unter Hausarrest gestellt und danach rund um die Uhr beschattet. Oft stritt, manchmal prügelte er sich mit seinen Bewachern, vor allem wenn sie seiner Familie nachspürten. Vor einem Jahr übersiedelten Wang Fen und ihr Sohn nach Berlin, auch um Ai Lao aus der Schusslinie zu nehmen.
Westliche Politiker und Diplomaten, vor allem deutsche, setzten sich intensiv für die Rückgabe von Ais Reisepass ein, und im Verlauf der vergangenen Monate entspannte sich sein Verhältnis zur Regierung. Seine Interviews wurden milder, er wechselte von seinem ruppigen zu einem ironischen Ton, mitunter ließ er Nachsicht, sogar Mitleid mit seinen Bewachern erkennen.
Im Frühjahr gaben ihm die Behörden zu verstehen, dass er seine Arbeit demnächst auch in China wieder zeigen könne. Anfang Juni eröffnete er die erste von mehreren Ausstellungen in Peking, am 22. Juli, vor zweieinhalb Wochen, bestellten ihn die Behörden ein und überreichten ihm den Pass. Sie versprachen ihm, dass er nach einer Ausreise auch wieder zurückkehren könne.
"Sie haben mir keine expliziten Auflagen erteilt", sagt Ai Weiwei. "Ich habe sie danach gefragt. Aber sie sind Chinesen, genau wie ich. Wir haben viele Möglichkeiten, einander solche Dinge zu sagen, ohne sie auszusprechen." Die Passübergabe sei ein "sehr chinesischer Moment" gewesen. Sie hätten ihn mit einem Gesichtsausdruck entlassen, den man als "du weißt schon, was wir meinen" übersetzen könne.
Zehn Tage später sitzt Ai Weiwei im siebten Stock des Hotels Bayerischer Hof, seine Suite ist in sanftes Orange getaucht, er hat einen Balkon mit Blick auf die Frauenkirche, und im Swimmingpool wartet sein Sohn darauf, dass sein Vater kommt und mit ihm spielt. Ai ist frei. Der zornige Mensch von Peking, der Provokateur, der sich mit ausgestrecktem Mittelfinger vor das Tor des Himmlischen Friedens stellte und fotografierte, der Kämpfer für Meinungs- und Pressefreiheit ist in der Komfortzone angekommen.
"Als Mensch fühle ich mich wie eine Katze, die endlich freigelassen wurde und über die Dächer streift", sagt er. "Aber als Künstler habe ich ein sehr großes Problem mit dieser Situation. Ich bin erst seit ein paar Tagen hier und frage mich bereits: Was mache ich jetzt bloß?"
Die vier Jahre der Haft, der Überwachung und des permanenten Konflikts waren eine äußerst produktive und kreative Phase seines Lebens. Ai Weiwei und die Mitarbeiter seines Ateliers nahmen an mehr als einem Dutzend Ausstellungen in Europa und den USA teil. Ai organisierte, ohne China zu verlassen, drei große Werkschauen in Berlin ( SPIEGEL 14/2014), in Washington und auf der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz vor San Francisco.
Er gestaltete Räume in Städten, die er selbst nicht bereisen konnte, vom deutschen Biennale-Pavillon in Venedig bis zum Pérez Art Museum in Miami. Er dokumentierte seine Isolation in den 81 Tagen der Haft, er protestierte gegen die Luftverschmutzung in Peking, er kritisierte die Vergabe des Literaturnobelpreises an den Dichter Mo Yan, er parodierte den koreanischen Musiker Psy und dessen Megahit "Gangnam Style". Er schuf Skulpturen, er drehte Videos und Filme, er nahm sogar ein Rock-Album auf.
"Ich empfand die ganze Zeit über ein Gefühl der Dringlichkeit und der Gefahr. Bei jedem Satz, den ich begann, hatte ich es eilig, ihn zu Ende zu bringen. Ich wusste ja nicht, wie viel Zeit mir bleibt." Er habe sich diese Konstellation nie gewünscht, sagt er, doch der Druck seiner Verfolger habe ihn zur Konzentration gezwungen, die Gefahr habe ihn "gepusht".
Nun, da die unmittelbare Gefahr vorüber ist und viele Hindernisse aus dem Weg geräumt scheinen – woher kommt künftig der Widerstand, der ihn vier Jahre lang wütend und kreativ gemacht hat? "Das habe ich mich auch gefragt", sagt er grimmig. "Aber dann bewarb ich mich um ein Visum für London." Dort werden im September Arbeiten von ihm in der Royal Academy of Arts gezeigt.
Die britische Botschaft stellte ihm statt des beantragten Sechsmonatsvisums zunächst nur ein 20-Tage-Visum aus, weil er in seinem Antrag eine Vorstrafe verschwiegen habe. Sofort waren der Druck und die Wut zurück, sofort erwachte der Aktionskünstler in ihm. Ai postete das Schreiben der Botschaft auf Instagram, über die britischen Beamten brach ein Shitstorm herein.
Nach seiner Verhaftung im April 2011 hatte die chinesische Justiz Ai Weiwei vorgeworfen, seine Produktionsfirma habe Steuern hinterzogen. Als Geschäftsführerin der Firma war aber seine Frau, die Künstlerin Lu Qing, eingetragen (mit der er nach wie vor verheiratet ist). Zu einem Urteil ist es nie gekommen, und der Staat hat das angeblich hinterzogene Geld bis heute nicht kassiert. Am Freitag vergangener Woche nahm die britische Innenministerin die Entscheidung ihrer Botschaft zurück und entschuldigte sich.
Er wolle China und Großbritannien nicht vergleichen, sagt Ai Weiwei: "Auf ein chinesisches Halbjahresvisum hätte ich unter solchen Umständen wahrscheinlich vier Jahre gewartet." Doch im Grunde verhielten sich bürokratische Systeme oft ähnlich, sie definierten ihre Regeln unabhängig von der Wirklichkeit und seien vor allem auf ihren Selbsterhalt ausgerichtet.
Im Selbsterhaltungstrieb des Regimes sieht Ai Weiwei auch den Hauptzweck des politischen Systems, das ihn geprägt hat und zu dessen ikonischem Kritiker er in den vergangenen vier Jahren geworden ist. "Deshalb wird die Gefahr auch nie völlig aus meinem Leben verschwinden, wo immer ich bin." Thomas Manns berühmtes Diktum aus dem Exil – "Wo ich bin, ist Deutschland" – gelte auch für Künstler wie ihn. Aber er trage nicht nur die große chinesische Kultur mit sich herum, auch der chinesische Staat werde ihn sein Leben lang nicht mehr aus den Augen lassen.
Ai sagt, er könne sich nicht erklären, warum er ausgerechnet jetzt seinen Pass zurückerhalten habe. Einen Zusammenhang mit der am Tag nach seiner Ausreise beschlossenen Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022 an Peking erkennt er nicht. "Ich glaube, meine Akte war in einer anderen Abteilung."
Was aber ist mit den Akten der mehr als 200 Menschen- und Bürgerrechtler, die kurz vor seiner Ausreise binnen Tagen verhört oder festgenommen wurden? Etwa zwei Dutzend von ihnen sind nach wie vor in Haft. Auch der Anwalt Pu Zhiqiang, der ihn in seinem Steuerverfahren verteidigt hatte, sitzt immer noch ein. Ai sagt, die Obsession des Regime-Erhalts sei so zentral, dass die Regierung offenbar "überreagiere", zumal jetzt, auf dem Höhepunkt einer breiten Antikorruptionskampagne.
Eine landesweite Kampagne gegen praktisch alle chinesischen Menschenrechtsanwälte – nur eine "Überreaktion"? Für einen solchen Vorgang hätte Ai Weiwei noch vor wenigen Monaten vermutlich einen viel schärferen Ausdruck gebraucht. Immerhin, sagt er heute, sei der Großteil der Betroffenen inzwischen wieder auf freiem Fuß. In den meisten der anderen Fälle seien zumindest Gerichte eingeschaltet. Dass jemand wie er vor vier Jahren fast drei Monate lang spurlos verschwinde, komme inzwischen so nicht mehr vor.
Der Berliner Galerist Alexander Ochs, der sich seit seiner Gefangenschaft für ihn einsetzte, hat die Medien im Namen des deutschen Ai-Weiwei-Freundeskreises aufgerufen, den Künstler nicht mehr mit solchen Fragen zu behelligen. "Wir appellieren an die deutsche Öffentlichkeit, ihn in Zukunft als herausragenden Künstler wahrzunehmen und nicht als politischen Aktivisten", sagte Ochs der Deutschen Presse-Agentur. "Man könnte ihn sonst in eine Situation bringen, die die chinesische Regierung veranlasst, ihn nicht wieder einreisen zu lassen. Wir sind überzeugt, dass er als Künstler in der Welt mehr bewegen kann denn als Kommentator der chinesischen Außen- und Innenpolitik."
Mit dem Künstler selbst scheint dieser Aufruf nicht abgesprochen. "Das ist verrückt", sagt Ai Weiwei. "Meine Kunst ist immer politisch gewesen. Sie wird es auch bleiben."
Und wie steht es um den seelischen Tribut, den seine Jahre als politischer Künstler in China gefordert haben? Ai atmet lange aus, bevor er dazu etwas sagen mag. Dann sagt er: "Niemand hat grenzenlos Kraft. Niemand kann so stark sein."
Obwohl sich der politische Druck immer wieder zuspitze, habe sich China in den vergangenen Jahren "dramatisch" verändert. "Der Mann, der vor vier Jahren direkt für meinen Fall zuständig war, Chinas oberster Sicherheitschef Zhou Yongkang, sitzt heute im Gefängnis, zusammen mit Hunderten anderer hochrangiger Funktionäre. Davon hätte ich damals nicht einmal zu träumen gewagt. Zhou war der Ingenieur dieses Systems, sein Einfluss war enorm."
Noch ein Widerspruch habe sich in den vergangenen vier Jahren aufgetan, Ai Weiwei kommt immer wieder darauf zurück. Chinas Version von Twitter, der Kurznachrichtendienst Weibo, der vor wenigen Jahren die chinesische Öffentlichkeit revolutionierte und auch ihn als Blogger berühmt machte, ist inzwischen fast vollständig von der Zensur geknebelt. "Weibo ist tot", sagt Ai. "Denn Weibo war ein Marktplatz der Meinungen, und die Regierung hasst Marktplätze, auf denen jemand ein Banner ausbreiten und Leute um sich scharen kann." Selbst die Staatspresse berichtete über die Rückgabe seines Reisepasses, doch wer in diesen Tagen auf Weibo nach Ais Namen sucht, erhält die Auskunft: "Suchergebnisse zu ,Ai Weiwei' können aufgrund der betreffenden Gesetze und Bestimmungen nicht angezeigt werden."
Gleichzeitig wachsen Chat-Plattformen wie Weixin (WeChat), auf denen sich kleine Netzwerke und informelle Nachrichtenkanäle bilden, weiterhin sprunghaft an. "Die großen Arterien mögen immer wieder blockiert werden", sagt Ai Weiwei, "aber über die kleinen Äderchen der Kommunikation werden immer mehr Informationen gepumpt. Der Strom reißt nicht ab."
Nachdem seine Lebensgefährtin Wang Fen und sein Sohn vergangenes Jahr nach Deutschland übergesiedelt waren, zog Ai Weiwei aus dem Haus neben seinem Atelier im Künstlerviertel Caochangdi in ein Hotel um und vergrub sich unter Akten und Manuskripten. Auch er wollte ein Stück verschütteter Information zutage pumpen: Er begann ein Buch über sich und seinen Vater zu schreiben, den 1996 verstorbenen Dichter Ai Qing. Es wird im kommenden Jahr auf Chinesisch erscheinen, kurz darauf auch auf Deutsch.
Ais Vater hatte seine frühen Jahre im Ausland verbracht und behielt zeitlebens ein ambivalentes Verhältnis zum chinesischen Staat. 1942 trat Ai Qing der Kommunistischen Partei bei und stieg zu einem der führenden chinesischen Kulturfunktionäre auf. Zu seinem Freundeskreis zählte unter anderen Xi Zhongxun, der Vater des heutigen Staatspräsidenten Xi Jinping. Wie Xis Vater fiel auch Ais Vater später einer Säuberungswelle zum Opfer, wie Xis Vater wurde er aufs Land deportiert, wo er während der Kulturrevolution fünf Jahre lang für die Reinigung einer Dorflatrine zuständig war.
"Die beiden Männer haben einen sehr ähnlichen Kampf gekämpft", sagt Ai Weiwei. "Ich bin es meinem Sohn schuldig, diese Geschichten aufzuschreiben."
Am Samstag war Ai Weiwei mit seinem Sohn an der Isar, am Sonntag im Tiergarten, am Dienstagabend waren sie in der Allianz Arena und sahen das Spiel Bayern München gegen AC Mailand, 3:0. Dazwischen die Untersuchungen in Großhadern, demnächst die Reise nach Berlin, wo er mit der Universität der Künste über die Gastprofessur sprechen wird, die sie ihm vor vier Jahren antrug. Ai Weiwei hat alles in Bildern festgehalten, man kann sein neues Leben manchmal stündlich auf Instagram und auf Twitter verfolgen.
Besonders, sagt er, freue er sich auf Melbourne, wo seine Arbeiten im Dezember zum ersten Mal zusammen mit Arbeiten von Andy Warhol ausgestellt werden. "Ihm fühle ich mich von allen Künstlern der Moderne am engsten verbunden. Er hatte, genau wie ich, diesen verzweifelten Drang, dauernd und über alles zu kommunizieren." Eines habe er Warhol dabei voraus: "Warhol hatte kein Internet."
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 33/2015
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