08.08.2015

DokumentationenDer verwundete Kontinent

In den Urwäldern Afrikas dreht der französische Schriftsteller Jonathan Littell einen Film über das Schicksal ehemaliger Kindersoldaten.
Das Geschäft läuft schlecht. Geofrey, Dan, Omony und David sitzen auf ihren Boda-Bodas, auf ihren Motorradtaxis, vor einem Café in Gulu, einer Stadt im Norden Ugandas. Es ist heiß, sie blödeln herum und geben mit angeblichen Abenteuern an.
"Wir haben Sex mit weißen Ladys", sagt Omony.
"Hört euch das an", antwortet Geofrey. "Du hast nicht mal den Busen einer weißen Frau berührt."
"Nein, kein Witz", sagt Omony. "Ich habe eine weiße Frau regelmäßig gevögelt."
"Hast du Fotos gemacht?", fragt David.
Alle lachen. Alle vier waren früher Soldaten der Lord's Resistance Army (LRA), einer der grausamsten Rebellenbewegungen Afrikas. Ihre Prahlerei ist auch ein Weg, mit ihrer Vergangenheit umzugehen, die sie jeden Tag einholt. Sie wollen sich ablenken von den qualvollen Erinnerungen, den Albträumen, den Schuldgefühlen.
Diese Männer sind Mörder. Der französische Schriftsteller Jonathan Littell hat sie getroffen und gefilmt für eine Dokumentation mit dem Arbeitstitel "Wrong Elements", die er derzeit in Uganda dreht. Im nächsten Jahr soll der Film in die Kinos kommen. Littell will darin von ehemaligen Kindersoldaten der "Widerstandsarmee des Herrn" erzählen, von den Verwüstungen, die der Krieg in ihren Seelen angerichtet hat, von ihrem Vergessen und Verdrängen und auch von ihrem Umgang mit Schuld und Sühne.
Jonathan Littell, ein kleiner drahtiger Mann von 47 Jahren, wirkt erschöpft. Sein kantiges Gesicht ist überpudert mit Staub, Schweißschlieren rinnen über die Schläfen. Er ist gerade mit seinem Team nach Gulu zurückgekehrt, aus Djebelin, einem ehemaligen Trainingslager der LRA im Südsudan. Sie filmen an den Originalschauplätzen des Bürgerkriegs, im unwegsamen Urwald, in der krachdürren Savanne, in trostlosen Dörfern, die irgendwo in Norduganda, im Ostkongo oder in der Zentralafrikanischen Republik vor sich hin dämmern.
Littell ist 2006 als Schriftsteller bekannt geworden. Damals veröffentlichte er den Roman, der ihn über Nacht weltberühmt machte, "Die Wohlgesinnten". Darin zeichnet er den fiktiven Lebensweg des SS-Offiziers Maximilian Aue aus der Ich-Perspektive nach. Der Roman löste eine heftige Kontroverse aus, weil Littell eindringlich, ja geradezu emphatisch darzustellen versuchte, wie aus Aue ein Mörder wurde und wie er später versuchte, seinen Erinnerungen zu entkommen. Am Ende muss Aue erkennen: "Die Vergangenheit ist nie vorbei."
Die Vergangenheit wird auch für Männer wie Geofrey und seine Freunde, die auf ihren Mopeds durch die Staubstraßen von Gulu knattern, nie vorbei sein. Getrieben von religiösen Wahnideen, töteten, folterten und verstümmelten sie Menschen, die genauso unschuldig waren wie sie selbst. Sie hätten, sagt Littell, "ihre Kindheit und ihr halbes Leben in einer Mischung aus Chaos, Terror und irrwitziger Disziplin verloren".
Die LRA, in der die Männer kämpften, entstand Ende der Achtzigerjahre im Norden Ugandas, gegründet wurde sie von Joseph Kony, der auch heute noch auf der Fahndungsliste des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag ganz oben steht. Die Acholi, das Mehrheitsvolk im Norden des Landes, hatten damals einen Guerillakrieg gegen die Regierung begonnen. Abertausende folgten dem christlich-fundamentalistischen Erweckungsruf Joseph Konys und seiner Gotteskrieger. Der Heilige Geist habe ihm befohlen, behauptete er, die Regierung in Kampala zu stürzen und sein leidendes Volk zu befreien, um in einer alttestamentlichen Theokratie in ewigem Frieden zu leben.
Konys Milizen entführten 60 000 Kinder und Jugendliche, erniedrigten die Mädchen zu Sexsklavinnen, richteten die Jungen zu Killermaschinen ab. Oft mussten sie ihre Väter, Mütter oder Geschwister töten. Etwa die Hälfte der im Kindesalter zwangsrekrutierten Kämpfer überlebte den Bürgerkrieg. Die ugandische Regierung hat sie inzwischen amnestiert, sie durften heimkehren in ihre Städte und Dörfer. Doch trotz der Hilfe humanitärer Organisationen fanden viele nicht mehr zurück in ihre Gemeinschaften.
Diese Menschen seien aus den Abscheulichkeiten und dem Blutvergießen herausgetreten und hätten eine Welt wiederentdeckt, die sich weiterbewege und sie vergessen habe, sagt Littell. Er fragt sich, ob wir ihr doppeltes Trauma wirklich nachvollziehen können. Ob sie selbst verarbeiten können, was sie erlebt haben: die Verschleppung, die Gehirnwäsche, die bestialischen Schlächtereien, die Stigmatisierung nach der Heimkehr.
Die Regeln eines totalitären Lebenssystems hätten den Zwangsrekrutierten geholfen, einem Dasein in konstanter Gewalt Bedeutung zu verleihen, wo es keine Bedeutung gebe, sagt Littell. "Sie lebten in den zwei Wirklichkeiten eines Zauberspiegels, den ihr von Geistern besessener Anführer Kony geschaffen hatte. Sie waren zugleich Opfer und Täter."
Omony, einer der Taxifahrer, will nicht ins Detail gehen. Er hat zahlreiche Gräueltaten mitangesehen, beteuert aber, niemanden getötet zu haben. Er ist heute 28 Jahre alt, mit 11 wurde er verschleppt. "An meinen Händen ist kein Blut", sagt er, auch wenn das kaum zu glauben ist.
Omonys Kollege Geofrey ist einer der wenigen, die ihre Verbrechen bekennen. "Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich getötet habe, es waren viele", sagt er.
Die Grausamkeit der Kämpfer: Das passt ins Zerrbild vom irrationalen, animalischen, kriegerischen Afrika, das seit Jahrhunderten in Europa herrscht.
"Afrikaner sind in unserer Wahrnehmung entweder gewissenlose Täter oder hilflose Opfer, dazwischen ist nichts", sagt Littell. Es sei eine große Herausforderung, nicht die immer gleiche Erzählung vom "Herzen der Finsternis" zu wiederholen. Oder das geheimnisvolle Afrika zu romantisieren. Deswegen auch unterlegt Littell seine Filmbilder mit sakraler Musik von Bach, Josquin Desprez oder mit Violinsonaten des böhmischen Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber von Bibern. Afrikanische Musik würde Authentizität vortäuschen, erzeuge aber nur einen "hoffnungslos postkolonialen Postkartenblick", sagt Littell.
Der Autor und Filmemacher kennt Afrika, kennt die Vielfalt und die Widersprüche des Kontinents. Im Kongo und in Sierra Leone war er für die französische Hilfsorganisation Action contre la faim im Einsatz. Er schrieb brillante Reportagen über Kriegs- und Krisengebiete. Er hat die maßgeblichen ethnologischen Schriften gelesen, darunter die Studie der deutschen Forscherin Heike Behrend über die kriegerischen Erweckungskulte in Norduganda.
Ohne genaue Kenntnisse der Vorgeschichte des Acholi-Landes kann man das Phänomen LRA nicht verstehen. Es ist die Geschichte einer armen Region, die seit der britischen Kolonialzeit systematisch vernachlässigt wurde. Die Menschen litten unter der Ausbeutung durch die Weißen; später unter dem Terror Idi Amins, der Tausende Acholi-Soldaten ermorden ließ; unter dem Regime, den Zwangsumsiedlungen und den Kriegsverbrechen der ugandischen Armee in der Ära Museveni. Die Gewaltexzesse lösten immer wieder Migrationen und Fluchtwellen aus. Die Menschen wurden von Hungersnöten, Dürren, Viehseuchen und Epidemien heimgesucht, Tausende starben an Aids. Es war, als wären alle biblischen Plagen gleichzeitig über sie gekommen.
Das Land der Acholi habe sich in ein Land verwandelt, "in dem jeder jeden verdächtigte und jedem zu schaden suchte", schreibt die Ethnologin Heike Behrend. Das Volk habe die existenziellen Erschütterungen auf die bösen, rachsüchtigen Geister von gewaltsam Gestorbenen geschoben.
"Phänomene der Besessenheit haben in der Kultur der Acholi eine uralte Tradition, besonders in Zeiten großer Not", sagt Littell. Im Laufe des 20. Jahrhunderts flossen in die überlieferten Rituale Versatzstücke der Moderne ein: Sogenannte Fremdgeister hatten ihren Ursprung wohl in den Erzählungen von Missionaren, aber auch in den Importen westlicher Waren und Videofilme bis in die hintersten Winkel Afrikas. Wenn die LRA-Kämpfer in Kreuzformationen angriffen, schrien sie "James Bond! James Bond!". Sie hielten sich für unverwundbar und glaubten, das magische Öl der Schibutter-Pflanze schütze sie vor den Kugeln des Feindes. Der ugandische Urwald ist auch eine Metapher für das kollektive Unterbewusste, in dem Fakten und Fiktionen verschwimmen. Die ehemaligen Kämpfer sehen sich als Akteure, die in ein rätselhaftes, unentwirrbares Schicksal verstrickt sind.
Diese Selbstwahrnehmung zeigte sich bei der Festnahme von Dominic Ongwen, den der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag nun wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagt. Ongwen war im Alter von neun Jahren von der LRA entführt worden – und stieg zu einem der grausamsten Kommandeure der Rebellen auf. Littells Team war zufällig dabei, als Ongwen sich Anfang dieses Jahres in der Zentralafrikanischen Republik freiwillig stellte.
In Littells Filmmaterial sitzt Ongwen in einem Militärzelt, ein schöner Mann mit feinen Gesichtszügen, der wie ein Priester spricht. Littell stellt Fragen aus dem Off, behutsam und unprätentiös.
Situatives Erzählen nennt Littell seine Art, Dokumentationen zu drehen. Die Kamera begleitet die Protagonisten an die Orte des Horrors, in die Schulen der Entführten, auf ihren einstigen Marschrouten, in die Lager.
Im Land der Acholi fordern viele, dass Ongwen für seine Untaten hart bestraft wird. Aber die meisten wollen, dass er begnadigt wird wie die meisten Exkämpfer der LRA. "Sie empfinden es als Anmaßung des Internationalen Gerichtshofs, über ihren Landsmann zu richten", sagt Littell. "But that's another story." Eine andere Geschichte, eine Geschichte über die Universalität von Werten und Normen und die Fragen, die sich daraus ergeben: Haben die Afrikaner ein alternatives moralisches Referenzsystem? Wie unterscheiden sich ihre Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit von den unsrigen?
Jonathan Littell sitzt auf der Terrasse eines Gästehauses in Gulu und raucht einen Zigarillo. Der metallische Gesang der Insekten erfüllt die Abendluft, allmählich legt sich die Dunkelheit über die Stadt. Es ist die Stunde des Selbstzweifels. "Man weiß, was man sucht. Aber man weiß nicht immer, was man finden wird", sagt Littell. "Auch meine Dokumentation ist nur ein weiterer Film eines weißen Mannes über Afrika."
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 33/2015
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