14.08.2015

HaustiereStinktier auf dem Sofa

Nach Reptilien werden nun auch exotische Säugetiere beliebter. Wie gut lassen sich Weißbüschelaffen oder Nilflughunde in deutschen Wohnzimmern halten?
Festina ist eine wahre Schönheit. Ihr schwarz-weißes Fell glänzt seidig, die Krallen sind lang. Spitze Zähne blitzen in ihrer schmalen Schnauze. Vertraut schmiegt sich das Tier an die Schulter von Nils Burwitz und knabbert Bananenchips.
"Hier, nimm noch einen", sagt der Mann, streichelt dem Tier dann vorsichtig über den Rücken. "Manchmal kommt sie abends auch mit aufs Sofa", gesteht er. Sogar an der Leine führt Burwitz das katzengroße Tier durch den Ort.
Burwitz, 30, ist Stinktier-Fan. Acht Exemplare des in Nordamerika beheimateten Streifenskunks halten er und seine Freundin Christina Siemers, 34, in ihrem Garten im schleswig-holsteinischen Preetz. Festina, Pepe, Elvis, Emma und die anderen sind für das kinderlose Paar ein Teil der Familie. Da macht es auch nichts, wenn die Tiere mal die Blumen im Garten ausbuddeln oder im Haus die Schubladen ausräumen. "Alles unter Kniehöhe müssen wir wegräumen", sagt Siemers, "aber das macht uns nichts aus, für uns sind sie wie Kinder."
Burwitz und Siemers gehören zu jenen Tierliebhabern, die sich zu Hause nicht mehr mit Katze, Wellensittich oder Kaninchen zufriedengeben. Stinktier, Weißbüschelaffe oder Nacktmull heißen die angesagten Haustiere von heute. Auch Berberaffen, Fuchskusus oder Kurzohrrüsselspringer turnen mittlerweile durch deutsche Wohn- und Kinderzimmer. Und sogar Kängurus, Wüstenfüchse, Geparden oder Pumas leben in Privatgehegen zwischen Bredstedt und Berchtesgaden.
Tierschützer finden den Trend zu Exoten bedenklich. "Privatleuten ist es bis auf wenige Ausnahmen nicht möglich, solche Wildtiere artgerecht zu halten", kritisiert Adeline Fischer von der Münchner Organisation Pro Wildlife, die gerade einen Bericht zum Thema veröffentlicht hat.
Fünf Jahre lang haben die Biologin und ihr Team die Angebote zweier Internetbörsen (Terraristik.com, Exotic-animal.de) ausgewertet. Ihre Recherche zeigt: Nach Reptilien aus aller Welt, die sich schon länger großer Beliebtheit erfreuen, werden auch exotische Säugetiere bei Privathaltern immer populärer. Angebote für 291 Arten mit mehr als 10 000 Tieren fanden die Tierschützer, darunter 54 Primatenarten, 73 Raubtier- und 117 Nagerarten.
Zu den Top-Sellern gehören Chinesische Baumstreifenhörnchen, im Internet schon für 45 Euro zu haben. Mehr als 1400 Euro muss man zahlen für puschelige Plumploris. Ein YouTube-Video, in dem eines der großäugigen Tiere unter den Achseln gekrault wird, machte die südostasiatischen Primaten 2009 berühmt. Seither seien Plumploris "total hip", berichtet Fischer. Auch in Asien beliebte "Pocket Pets" wie die höchstens 160 Gramm schweren Kurzkopfgleitbeutler seien in deutschen Wohnzimmern angekommen.
Selbst Löwen (2000 bis 25 000 Euro) oder Tiger (3500 Euro 15 000 Euro) lassen sich online kaufen. Die Hürden sind ausgesprochen niedrig. Solange die Tiere nicht Wildfang sind und folglich unter das Washingtoner Artenschutzübereinkommen fallen, können sie in Deutschland frei gehandelt werden und sind vielerorts nicht einmal meldepflichtig. Nur in acht Bundesländern gibt es überhaupt Regeln für die Haltung. Kontrolliert wird selten.
Die Folgen sind aus Sicht der Tierschützer fatal:
‣ Viele Wildtiere haben ein komplexes Sozialverhalten, sie benötigen spezielle Nahrung und viel Platz. Die bei Tierhaltern beliebten Präriehunde etwa leben in der Wildnis in Kolonien und graben Tunnel von fünf bis zehn Meter Länge. "Haltungsfehler sind bei solchen Arten programmiert", sagt Fischer.
‣ Als Nachzuchten angepriesene Tiere sind oftmals umdeklarierte Wildfänge. Berberaffen etwa, so Fischer, würden "massenhaft als Jungtiere in Nordafrika gefangen und über Spanien nach Mitteleuropa gebracht". Wer ein solches Tier kaufe, fördere das Artensterben.
‣ Wildtiere können seltene Krankheitserreger übertragen. Zwischen 2011 und 2013 starben drei Bunthörnchen-Züchter aus Sachsen-Anhalt an Hirnentzündung. Sie hatten sich bei ihren Tieren mit Bornaviren angesteckt. Präriehunde aus den USA dürfen nicht mehr in die EU importiert werden, weil sie die auch für Menschen gefährlichen Affenpocken übertragen können. In den USA haben Gürteltiere bereits Menschen mit Lepra angesteckt.
‣ Büxen die Exoten aus, kann das ökologische Folgen haben. Der einst in Hessen ausgesetzte, ursprünglich aus Nordamerika stammende Waschbär hat große Teile Deutschlands erobert. Ein ähnliches Ausbreitungspotenzial hat das Pallashörnchen. In Belgien, Frankreich und den Niederlanden sind die Tiere bereits ausgewildert worden und konkurrieren mit den Eichhörnchen. Auch Stinktiere könnten bald durch deutsche Wälder tapsen und heimische Arten verdrängen.
"Es ist überfällig, die Haltung exotischer Tiere und den Handel mit ihnen einzuschränken", fordert Fischer. Der Politik wirft die Biologin Untätigkeit vor. Im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung steht, dass "Handel mit und private Haltung von exotischen und Wildtieren bundeseinheitlich geregelt" und "Importe von Wildfängen in die EU grundsätzlich verboten" sowie "gewerbliche Tierbörsen für exotische Tiere untersagt" werden sollen. Doch geschehen ist bislang kaum etwas. Der für Tierschutz zuständige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) lässt zunächst einmal eine Bestandsaufnahme der Exotenhaltung erstellen. Ergebnisse sollen frühestens im kommenden Jahr vorliegen.
"Das Landwirtschaftsministerium kommt einfach nicht zu Potte", kritisiert Ute Vogt, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion. Noch schärfer formuliert es Nicole Maisch, Sprecherin für Tierschutzpolitik der Grünen: "Herr Schmidt verzögert, der möchte keinen Ärger haben."
Zusammen mit Tierschutzverbänden fordern Grüne und SPD eine von Experten erarbeitete Positivliste für Arten, die sich für die private Haltung eignen. In den Niederlanden und Belgien gibt es solche Listen bereits. Deutsche Tierhalter lehnen das ab. Positivlisten ließen sich "weder fachlich noch rechtlich" begründen, sagt Lorenz Haut vom Bundesverband für fachgerechten Natur-, Tier- und Artenschutz, einem Lobbyverband der Tierhalter.
Haut pocht auf das "Recht auf Heimtierhaltung als Teil der grundgesetzlich geschützten Freiheit der Entfaltung der Persönlichkeit" und warnt davor, dass die Halter in die Illegalität abtauchen könnten, wenn ihnen untersagt werden würde, in ihren Wohnungen Buschschwanz-Rennmäuse oder Nilflughunde zu halten.
"Wenn Sie eine Positivliste machen, kriegen Sie doch sofort einen Schwarzmarkt", sagt der Verbandschef. Stattdessen schlägt er verbindliche, bundeseinheitliche "Sachkundenachweise" für Händler und Halter vor. "Tierschutz und Artenschutz muss schon bei unseren Kindern beginnen", sagt Haut, "das Thema gehört in die Lehrpläne der Schulen."
Nur wird das reichen, um tropischen Wickelbären oder Lisztaffen ein artgerechtes Leben in deutschen Wohnzimmern zu ermöglichen? Schon im Fall der Stinktiere, die immerhin mit dem hiesigen Klima gut zurechtkommen, zeigt sich, wie kompliziert die Exotenhaltung sein kann.
"Viele Halter sind überfordert und geben ihre Lieblinge irgendwann im Tierheim ab", sagt Christina Siemers aus Preetz. Zusammen mit Nils Burwitz hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, verwaiste Stinktiere an verlässliche Liebhaber weiterzuvermitteln. Solche zu finden sei jedoch nicht ganz einfach.
"Stinktiere machen viel Arbeit, wenn man sie richtig versorgen möchte", sagt Siemers. Jeden Tag bekommen Festina und ihre Artgenossen frische Eintagsküken, Geflügelfleisch, Obst und Gemüse zu fressen. Auch müssten ihre Lieblinge häufig zum Tierarzt.
Auszuhalten ist es im Preetzer Refugium des Paares nur deshalb, weil den Streifenskunken kurz nach der Geburt die Stinkdrüsen entfernt wurden.
Zudem müssen die Gehege gesichert sein wie ein Gefängnis. "Trotzdem ist uns vor anderthalb Wochen einer der Stinker abgehauen", berichtet Siemers. Pepe habe sich durch eine dicke Bitumenplatte gebuddelt. Zum Glück fand er sich ein paar Kilometer entfernt wieder.
"Jetzt kann er aber nicht mehr weg", versichert Siemers. 70 Zentimeter tief hat das Paar Wellblech rund um die Gehege senkrecht in den Boden gerammt. Burwitz: "Und darunter ist es betoniert."
Twitter: @philipbethge
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 34/2015
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