22.08.2015

LebensträumeDer alte Mann und das Kamel

Rüdiger Nehberg ist noch immer der bekannteste Abenteurer Deutschlands. Jetzt ist er 80 geworden. Auf einer Reise nach Äthiopien sucht er eine Schlange, spuckt Feuer und stirbt beinahe in der Wüste. Ein Porträt. Von Jonathan Stock
Im Norden der äthiopischen Wüste, kurz vor der Regenzeit, als die Sonne schon untergegangen ist, träumt Rüdiger Nehberg vom Sultan. Der Sultan ist klein und dick, er trägt Sandalen und einen roten Hut. Nehberg plant, dem Sultan am nächsten Morgen einen kleinen Besuch abzustatten. Von Beduine zu Beduine will er ihn um einen Gefallen bitten, so erzählt er es. Nehberg liegt in einer Geburtshilfeklinik, die er am Tag zuvor eingeweiht hat. In dieser Nacht wechseln sich seine Frau Annette und ein Arzt an Nehbergs Krankenbett ab, messen Fieber und geben ihm Wasser. Er hat die letzten Nächte unruhig geschlafen, vom Verdursten geträumt, vom Eingesperrtsein, von der Flucht vor Verfolgern. Solche Träume hat er manchmal. In dieser Nacht aber steigt sein Fieber auf über 40 Grad, und der Arzt sorgt sich, dass Nehberg eine Lungenentzündung entwickeln könnte. Für eine sichere Diagnose brauchten sie ein Röntgengerät, aber das nächste steht fünf Stunden entfernt, sie müssten nachts mit dem Geländewagen durch die Berge fahren, auf einem unbefestigten Sandweg für Kamelkarawanen. Es war ein langer, heißer Tag. Nehberg ist 80 Jahre alt. Der Arzt und Nehbergs Frau entscheiden sich vorerst für ein Antibiotikum.
Rüdiger Nehberg ist der bekannteste Abenteurer Deutschlands. Vielleicht ist er auch der einzige. Heute gibt es Extremsportler oder Basejumper, sie erleben keine Abenteuer, sondern machen Werbung für Red Bull. Nehberg dagegen hat sein Leben damit verbracht, sich Träume zu erfüllen. Er lief ohne Geld durch Deutschland, unterwegs schlief er im Gras und aß Heuschrecken. Er paddelte den Blauen Nil hinunter und rang mit einem Felsenpython. Er schmuggelte sich mit einem Propellerflugzeug in ein illegales Goldsuchercamp im Amazonasgebiet und drehte dort mit versteckter Kamera, um die Indianer zu retten. Er überquerte dreimal den Atlantik, auf einem Tretboot, einem Floß und einem Baumstamm mit Auslegern. Im Alter von 68 Jahren ließ er sich in Badehose aus einem Hubschrauber über dem Dschungel abwerfen, zuvor rannte er gegen einen Aborigine 700 Kilometer durch das australische Outback. Dreimal kam er ins Gefängnis, zwei Dutzend Mal wurde er überfallen, 29 Bücher hat er geschrieben. Jetzt ist etwas passiert, womit er nicht gerechnet hat. Er ist alt geworden. Wie ist das: ein alter Abenteurer zu sein?
Ein paar Tage vor der Nacht in Äthiopien, östlich von Hamburg, in einem alten Fachwerkhaus am Mühlenteich, zieht Nehberg aus dem Regal hinter seinem Schreibtisch ein Einmachglas hervor. "Meine Reste", sagt er. Eingelegt in Alkohol lagert er sich selbst, alles, was er im Laufe der Zeit verloren hat: Krampfadern, Mandeln, Blinddarm, Zähne, Vorhaut und Samenleiter. Ein Kunststoffohr und ein Glasauge werden bald im Glas schwimmen, symbolisch für seine schwachen Augen und seine Schwerhörigkeit. Nehberg schüttelt das Glas, als könnte er seine Reste zum Leben erwecken, dann stellt er es wieder zurück an seinen Platz. Über ihm hockt ein Geier im Gebälk, aus Stoff, jeden Tag starrt Nehberg ihn an, jeden Tag starrt der Geier zurück. "Ich warte schon auf Dich", steht auf einem Zettel neben seinen Klauen. Das ist Nehbergs Lebensgefühl: Ihm läuft die Zeit davon.
Auf dem Wohnzimmertisch stapeln Nehberg und seine Frau Gepäck für ihre nächste Reise nach Äthiopien: Babyklamotten und Reepschnur, Messer, Moskitonetze, Petroleum zum Feuerspucken und Lübecker Marzipan, Geschenke für den lokalen Sultan. Es ist Sommer, draußen auf dem Balkon fliegen die Rauchschwalben, der Blauregen blüht. Man könnte hier als 80-Jähriger gut den Tag verbringen und die Vögel füttern. Nehberg kann das nicht. Er sei ein unruhiger Typ, sagt er.
Seine Eltern waren beide Banker, auch seine Geschwister, seiner Familie ist es ein Rätsel, wie Nehberg so werden konnte, wie er ist. Er hat es seinem Vater zuliebe versucht mit dem bürgerlichen Leben. Probezeit bei der Kreissparkasse Münster, da war er 15 Jahre alt, mit Hemd und Krawatte sortierte er Belege hinter Karteikarten, der Chef bescheinigte ihm ein tolles Zahlengedächtnis. Nehberg bekam Migräne und Hautausschlag, zum ersten Mal in seinem Leben. Die Normalität tat seiner Gesundheit nicht gut. Sein erster Traum: nie wieder Kreissparkasse. Stattdessen wurde er Bäcker.
Die meisten Menschen beginnen ihr Leben mit großen Träumen, die im Laufe der Zeit kleiner werden. Bei Nehberg ist es eher umgekehrt. Er hat klein angefangen, dann wurden seine Träume immer größer. Erst eine eigene Backstube, dann den Nil runterfahren, später die Indianer retten. Sein letzter und größter Traum: die weibliche Genitalverstümmelung beenden, einen Brauch, der seit mehr als 3000 Jahren belegt ist. Wenn man Nehberg fragt, warum er sich das alles noch antut, dann sagt er: "Weil ich Augenzeuge geworden bin."
Auf dem Balkon am Mühlenteich öffnet er einen alten Ledersack aus Ziegenhaut und holt ein Baumwolltuch hervor, ein schartiges Messer, Akaziendornen und Baumwolle, eine Glasscherbe und einen Dosendeckel. Er hat sie von einer Hebamme aus Äthiopien, mit ruhigen Händen sortiert er die Utensilien in der Morgensonne. Das Baumwolltuch sei zum Zusammenbinden der Schenkel, erklärt er, das Messer zum Schneiden, die Baumwolle zum Stillen des Blutes, die Akaziendornen zum Zunähen. Seine Frau hat die Verstümmelung gefilmt, um Demonstrationsmaterial zu haben. Nehberg stand draußen vor dem Zelt und weinte, das geht ihm heute noch so, jedes Mal, wenn er davon erzählt.
Hebammen sind in Äthiopien häufig auch Verstümmlerinnen. Mädchen schneiden sie auf Wunsch der Eltern die Klitoris ab, oft auch die inneren und äußeren Schamlippen. Durch den Brauch wird das Mädchen in die Dorfgemeinschaft aufgenommen, es soll befreit werden von sexueller Lust und seinem zukünftigen Ehemann treu sein. Die Schmerzen bleiben ein Leben lang, beim Urinieren, beim Sex, bei der Geburt. Oft ist dann ein zweiter Schnitt notwendig. Nehberg sagt: "Es gibt keinen Namen in ihrer Sprache für die Verstümmelung. Sie nennen es: die Sache."
Nehberg nennt es den größten Bürgerkrieg der Welt, nach Unicef-Angaben sind mehr als hundert Millionen Frauen weltweit genitalverstümmelt, etwa 6000 kommen jeden Tag hinzu. Verstümmelt wird unter anderem in Ägypten und in Afrika südlich der Sahara, im Jemen, im Irak, in Indonesien und Malaysia. Meist sind es Muslime, aber auch Christen sind darunter, auch Europäer. 80 Prozent der Opfer sind muslimischen Glaubens, auch wenn der Brauch wesentlich älter ist als der Islam. Ob Verstümmelung Sünde ist oder zu den nachahmenswerten Bräuchen zur Zeit des Propheten gehört, ist unter Gelehrten umstritten. Nehbergs Plan ist es, den Islam als Partner zu sehen und den Koran als Waffe einzusetzen, denn dort steht, dass Gott den Menschen perfekt erschaffen habe. Warum soll der Mensch ihm ins Handwerk pfuschen?
So reist Nehberg durch die Welt und sammelt Fatwas ein, von jedem großen islamischen Führer ein religiöses Gutachten gegen Verstümmelung. Das macht er seit 13 Jahren. Er war in Dschibuti, Somaliland, Mali, Mauretanien, Guinea-Bissau. In Ägypten hat ihm der Großmufti die Fatwa ausgestellt, in Syrien Scheich Mohammed al-Buti, in Katar der einflussreiche Scheich Jussuf al-Karadawi. Doch noch immer wird verstümmelt, weil nicht alle von den Fatwas erfahren, weil manchmal die lokalen Gesetze schwerer wiegen als fremde Autoritäten in Ägypten oder Katar. Nehberg sagt, er wolle es trotzdem in die Köpfe der Leute hämmern. Sein Wunsch ist es, mit dem saudischen König direkt zu verhandeln, dem Hüter von Mekka und Medina, und ihn zu bitten, den Brauch zur Sünde erklären zu lassen. Mekka wäre eine Abkürzung, sagt Nehberg. Das kenne jeder. Er glaubt, den König in zehn Minuten überzeugen zu können. Ein Bekannter hat ihm mal angeboten, ihn in einem Teppich eingerollt einzuschmuggeln. "Ist aber nix draus geworden", sagt Nehberg.
Eine Woche später, in der Danakil-Wüste Äthiopiens, steigt Nehberg morgens gegen 5.30 Uhr aus seinem Moskitozelt. Er hinkt auf dem rechten Bein, dort sitzt sein Metallknie, an beiden Füßen ist die Haut aufgeplatzt, vom Arbeiten in der Trockenheit. Es ist eine steinige Einöde, in der seine 25 Jahre jüngere Frau und ihr Sohn Roman seit fünf Jahren versuchen, eine Geburtshilfeklinik zu bauen. Die beiden sollen sein Werk fortführen, wenn er stirbt. "Ich bin nicht wie Blatter", sagt Nehberg, "ich will das Zepter aus der Hand geben."
Die Nacht hat Nehberg auf dem Dach eines Baucontainers verbracht, der hier rumsteht, er könne nicht mehr drinnen schlafen, sagt er, er brauche nachts den Wind. Heute will er die Klinik einweihen, dann soll es eine Konferenz geben mit den Clanführern der Region, auf der die Verstümmelung unter Strafe gestellt werden soll. Der Scheich kommt in drei Stunden, der deutsche Botschafter in fünf. "Die ganzen Autoritäten", sagt Nehberg.
Er muss noch einen Koranvers für seine Rede suchen, die Musikkapelle begrüßen und Petroleum zum Feuerspucken finden. Später wollen sie im benachbarten Dorf ein Fest geben und einen Schönheitswettbewerb für Kamele veranstalten, aber es gibt noch keine Kamele. Nehberg schaut nach draußen, an den Akazien vorbei, er kennt diese Wüste seit mehr als 40 Jahren, er wäre fast in ihr verdurstet. Er sagt: "Es ist eine kamelarme Zeit." Dann holt er Wasser für die Vogeltränke.
Egal was Nehberg gerade macht, er muss immer eine Geschichte dazu erzählen. Schlangen beispielsweise, Schlangen seien seine Lieblingstiere, erzählt er, völlig verkannte Tiere. Er hat sich mal von einem Felsenpython Probe würgen lassen, um zu wissen, wie das ist. Die Schlange war vier Meter lang, und nach anderthalb Minuten bekam Nehberg keine Luft mehr. Helfer befreiten ihn, indem sie die Schlange vom Ende her aufwickelten. Nehberg ist es wichtig zu erklären, wie das genau funktioniert, sich aus dem Griff einer Würgeschlange zu befreien. Vielleicht denkt er, man könnte das Wissen mal brauchen.
Würgeschlangen also: vom Ende her aufwickeln. Wildschweine mit der Hand fangen: im Schlamm eingraben, warten, bis das Wildschwein kommt, dann die Hinterläufe packen. Revolver: sind besser als Pistolen, denn Pistolen muss man erst mal entsichern, die Zeit hat man häufig nicht. Gefesselt im Wasser? Man bringt sich in Rückenlage und nutzt die gefesselten Unterschenkel wie der Fisch seine Schwanzflosse. Sollte man aber besser vorher üben. Zähne zieht man nicht, die ruckelt man so raus, er hat das mal in einer Hamburger Zahnarztpraxis probieren dürfen. "Ich habe immer diese Ideen", sagt Nehberg.
"Rüdiger, wo bist du? Wir brauchen dich dringend", ruft eine Mitarbeiterin. Nehberg hat die Zeit vergessen. Der Scheich ist da. Er heißt Mohammed Darassa Mousa, ein alter Freund. Nehberg nennt ihn seinen "Klitorisscheich". Er umarmt ihn und streicht ihm über den Kopf. "Bruder", sagt er, "Friede sei mit dir. Hast du noch deine Tochter auf dem Telefon?" Der Scheich ist ein religiöser Führer der Afar, eines der ärmsten Völker Äthiopiens. Er hat zwei Handys bei sich, auf einem ein Bild seiner Tochter, eine Erinnerung an deren Geburt. Damals kam das Kind nicht, zwei Tage lang versuchten es die Nachbarinnen. Schließlich nahmen sie einen gebogenen Draht und zogen damit am Kopf, dass die Haut riss. Der Scheich hörte die Schreie, kam in die Hütte, sah den Skalp und dachte, seine Tochter stirbt.
In der Danakilwüste bekommen die Frauen bis zu 16 Kinder, die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Doch das Kind des Scheichs überlebte, die Kopfhaut wuchs nach, heute ist es ein lockiges Mädchen. Seitdem setzt sich Darassa Mousa gegen Verstümmelung ein, er weiß, dass die Vernarbung nach der Verstümmelung und die Verengung des Geburtskanals die Geburten erschweren. Nehberg braucht Leute wie den Scheich, er ist auf sie angewiesen, und man hat das Gefühl, sie brauchen ihn auch.
Auf dem Sandplatz oben an der Klinik springt eine schweigende, langhaarige Männertanzgruppe im Kreis, eine Band spielt dazu immer dieselbe Melodie, davor sitzen die Clanführer auf Plastikstühlen. Dann kommt der deutsche Botschafter aus einem weißen Geländewagen gestiegen, ein schnurrbärtiger Typ aus Wuppertal. Er heißt Joachim Schmidt und war früher mal Angestellter bei der Hessischen Landesbank. Er trägt Anzug und eine gepunktete Krawatte. Nehberg trägt einen goldenen Hut, den er mal auf dem Flohmarkt in Dschibuti gekauft hat. Er verneigt sich vor der Frau des Botschafters und sagt: "Die sind hier alle nicht so pünktlich." Der Botschafter sagt: "Wenn der Flieger pünktlich ist, was soll dann noch schiefgehen?" Er nennt Nehberg "Herrn Nehring".
Der Botschafter blättert in seinem Redemanuskript, stützt sich auf das Rednerpult, er nimmt das Mikrofon und redet von Wassermanagement, Bodenerosion und bemerkenswerten Fortschritten. Dann sagt er: "Jetzt lassen Sie mich mal schnell zum Gesundheitssektor kommen, denn das ist ja das Thema, zu dem wir uns hier heute alle versammelt haben." Die Clanführer schauen ihn interessiert an, so, wie man in der Hessischen Landesbank ein großes Flusspferd betrachten würde. Nach seiner Rede werden Geschenke überreicht, die traditionellen Stoffe und Schwerter der Afar. Schmidt schaut auf sein Geschenk und sagt: "Made in India". Nehberg reißt das Schwert hoch, reckt es den Clanführern entgegen und ruft: "Allahu akbar!" Das verstehen alle. Applaus.
Nehberg begrüßt die Gäste in ihrer Sprache, er dankt ihnen, er führt die Hand zum Herzen. Er gibt ihnen das Gefühl, größer zu sein als er. Er erzählt eine Geschichte, die jeder versteht. Nehberg sagt, er sei auch mal mit dem Kamel durch diese Wüste geritten. Es war Krieg. Er wurde überfallen. Doch die Afar hätten ihn gerettet. Sie hätten ihn mit ihrem Leben verteidigt. "Heute schulde ich euch etwas", sagt er. Deshalb schenke er ihnen diese Klinik.
Die Zuhörer sehen jetzt so aus, als würden sie alles für Nehberg tun. Auf diesen Moment hat er gewartet. Er sagt: "Im Koran steht, Allah schuf den Menschen perfekt." Er zählt auf, welcher islamische Gelehrte bereits eine Fatwa ausgesprochen hat. Dann sagt er: "Und ich wünsche mir auch von euch den Mut, den Brauch nun wirklich zu beenden."
Wenn Nehberg redet, fließen seine Worte wie Gold. Erzählen ist seine Gabe. Ihm ist es egal, ob er einen oder zweitausend Zuhörer hat. Jede Geschichte passt er an sein Publikum an. Zu Hause, am Mühlenteich, erzählt er zwölfjährigen Jungen am Lagerfeuer: "Ich kann euch ja mal die Geschichte erzählen, wie sie meinen Freund Michael Teichmann erschossen haben." Er weiß dann, dass er ihre Aufmerksamkeit hat. Hier in Äthiopien beginnt er mit Kamelen und Tapferkeit. Er braucht das Publikum, davon lebt er.
Früher war er mal bei Treffen, zu denen Vortragsreisende aus ganz Deutschland kamen. Sie hatten ihre Wagen voll mit Videoprojektoren und Hochglanzfotografien. Wenn sie Nehberg sahen, lachten sie. Er kam mit einem alten Diaprojektor unter dem Arm. Sobald er anfing zu erzählen, hörten sie auf zu lachen. Bei Nehberg kann der Strom ausfallen, meinte einer seiner Zuhörer, und man würde denken, es gehöre zur Show.
Nehberg will jetzt Feuer spucken, um die bösen Geister zu vertreiben. Der Botschafter sagt: "Der weiß, was er will." Nehberg nimmt einen Schluck Petroleum aus einer Plastikflasche und sprüht es kräftig in feinen Tropfen auf die Fackel. Seine Frau sagt: "Rüdiger, das reicht." Nehberg sagt: "Nur noch einmal." Er kann nicht aufhören. Dann spuckt er, noch einmal, holt tief Luft für eine allerletzte Wolke, aber verschluckt etwas vom Petroleum. Er hustet, würgt. Dann lacht er und winkt in die Kamera. Der Botschafter Schmidt posiert für das Foto. Danach besichtigt er die Klinik und hält einen kleinen Vortrag über die Vorteile der Spax-Schraube. Nehberg sagt: "Das dauert mir hier zu lange." Dann geht er eine Afrikanische Eierschlange suchen, die aus dem Terrarium der Klinik geflohen ist.
Am nächsten Tag geht es Nehberg schlecht, das Petroleum hat sich in seine Lungenbläschen vorgearbeitet, es ist heiß, und Nehberg hat unruhig geschlafen, aber er muss diesen Tag durchstehen. Sein Ziel ist es heute, dass 40 Clanführer der Afar unter freiem Himmel, unter Allahs Blicken, mit öffentlichem Schwur die Strafe festlegen für Eltern, die immer noch verstümmeln. Nehberg denkt an eine Strafe von 25 Kamelen. "Das wäre der Ruin für solche Leute", sagt er.
Die Konferenz beginnt. Ein Gynäkologe aus Kassel hält einen Vortrag, er erzählt den Männern, was ihre Frauen erleiden, erklärt die chronischen Infektionen nach der Beschneidung, die Blutvergiftung, den Urinstau, den Schmerz beim Geschlechtsverkehr, die Lebensgefahr bei der Geburt, die Hirnschäden der Neugeborenen durch den Sauerstoffmangel, den Vertrauensverlust der Töchter. Der Arzt redet sehr nüchtern von allem, was passieren kann. Währenddessen servieren Afar-Mädchen Tee in kleinen Porzellantassen. Die Männer hören schweigend zu. Dann kommt die Diskussion.
Die Clanführer sitzen im Kreis, es geht nun darum, ob sie eine Strafe festlegen sollen. Aber die Männer sind sich uneins. Nicht alle Scheichs in Äthiopien sind gegen die Beschneidung. Dürfen sie überhaupt entscheiden, ohne dass sich die Scheichs einig sind? Nehberg weiß, er darf niemanden zwingen, die Afar sind stolze Leute. Es kommt jetzt vor allem auf die Stimme des lokalen Sultans an, der hier der Dardar heißt. Der Dardar ist Richter seines Volkes, er entscheidet bei allen wichtigen Fragen, auch bei Blutrache und Mord. Er sagt, ein guter Herrscher müsse gerecht sein. Er weiß, alles, was die Tradition verändert, bringt Unruhe. Er sagt, am Ende kommen sie mit ihren Problemen immer zu ihm. Der Dardar ist skeptisch. Bei der Abstimmung hebt er nicht die Hand.
Jeder im Raum weiß, dass der Dardar beleidigt ist, weil er gestern vor dem Botschafter nicht reden durfte. Man hatte ihn vergessen. Jetzt stimmt er nicht zu, aus Protest. Das ist Nehbergs Mühsal: Er muss jeden Stammesfürsten, jeden Scheich, jeden Sultan einzeln überzeugen, wieder und wieder, und manchmal verliert er sie und muss von vorn anfangen. Er sitzt jetzt ganz eingesunken, schweigend in seinem Sessel, unter seinem goldenen Hut.
Nehberg sagt, er komme mit Tieren besser klar als mit Menschen. Er glaubt, dass die Menschen die Erde nicht verdient haben, dass wir uns anmaßen, sie zerstören zu dürfen, nach purem Gutdünken, aus Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit. Wenn er auf seinem Baucontainer liege und in den Wüstenhimmel schaue, dann fühle er sich manchmal ganz klein, sagt er, nicht mehr als die Krone der Schöpfung, sondern als winziges Mosaik in einem gigantischen Gefüge. Wenn er der Schöpfer wäre, dann würde er diese Monokultur Mensch auf eine angemessene Menge reduzieren.
Nehberg kann die Clanführer nicht zwingen. Aber er wird es noch einmal probieren, sie zu überzeugen, und noch einmal, bis zum Ende. Am Eingangstor der Klinik tanzen jetzt die Kinder, die sie schon eingeladen haben, um das Ende des Brauches zu feiern. Sie wissen noch nicht, dass die Abstimmung fehlgeschlagen ist. "Wir danken unseren Eltern, dass sie uns schützen", steht auf ihrem Transparent. Am Abend ist die Stimmung unter den Mitarbeitern der Klinik gedrückt; Nehberg hat hohes Fieber, die Hitze, das Petroleum, auch die Abstimmung haben ihn krank gemacht. Nehberg plant in seiner Fiebernacht ein neues Treffen mit dem Dardar, um ihn zu überzeugen.
Der alte Abenteurer glaubt, er sei ein Tollpatsch, der viel Glück gehabt hat. Er sagt, dass oft alle seine Ideen völlig beschissen fänden. Er hat sie dann trotzdem irgendwie durchgezogen. Sein Leben ist ein Appell. Erfülle deine Träume! Aber in solchen Nächten fühlt es sich eher an wie ein Albtraum.
Wenn man Nehberg fragt, wer seine Freunde sind, nennt er einen, ohne zu zögern. Aber abends mal ein Bier mit ihm trinken falle ihm schwer, sagt er, das gebe ihm nichts. Zu seiner Hochzeit lud er nur seinen Kameramann ein. Sein 80. Geburtstag war eine Infoveranstaltung zur Genitalverstümmelung im Hamburger Rathaus. Selbst seine Frau habe er nicht aus Liebe geheiratet, sagt er, sondern um einen Partner zu haben, für seine Menschenrechtsorganisation.
Zu seiner Tochter, seinem einzigen Kind, hat er kaum Kontakt. Er ist enttäuscht, dass sie sich nie für seine Ziele begeistern konnte. Seine Exfrau schreibt, Selbstverwirklichung sei bei ihm immer ein großes Thema gewesen. Immer brauche er andere dafür, Publikum, oder Schwächere als sich selbst, sie mögen Afar heißen, Aborigines sein. Und dann wieder wirkt es so, als gehe es Nehberg nicht darum, sich selbst zu verwirklichen. Es wirkt, als hätte er sein Leben zum Projekt gemacht und sich selbst dabei vergessen.
Ein paar Tage später, Nehberg ist mittlerweile in ein Krankenhaus bei Hamburg eingeliefert worden, ruft er an. Ja, es sei ein bisschen was mit der Lunge, aber sonst gehe es ihm gut. Er muss jetzt fit werden, er will morgen aus dem Krankenhaus zu Markus Lanz, ein paar Stunden später wieder zurück, die Ärzte wollen ihn noch nicht richtig gehen lassen. Es gibt noch so viel zu tun.
Er will jetzt mit Muftis in Saudi-Arabien sprechen, außerdem eine Rede bei der Islamischen Weltvertretung halten. Die Arbeit in Äthiopien laufe, bald werde der Dardar auf den Marktplätzen das Ende der alten Tradition verkünden, er sei sich ganz sicher. Man solle dringend vorbeikommen, er habe eine ganz neue Idee, über die könne er am Telefon nicht reden. Seine Stimme überschlägt sich. "Da schreien die Kamele!", ist sein letzter Satz. Seine Frau nimmt das Telefon und legt auf.
Von Stock, Jonathan

DER SPIEGEL 35/2015
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